Schatten der Vergangenheit Valentina Müller wischte vorsichtig den Staub von den Rücken der alten D…

Schatten der Vergangenheit

Gisela Baumann wischte gerade vorsichtig den Staub von den alten Bänden Fontanes, als der Postbote an die Glastür ihres kleinen Buchladens in der Schillerstraße klopfte. Das graue, nasse Oktoberwetter in Hamburg wirkte an diesem Morgen besonders trist genau drei Monate waren vergangen seit Georgs Beerdigung.

Sie haben Post, sagte der Postbote und reichte ihr einen weißen Umschlag ohne Absender. Unterschreiben Sie bitte hier.

Gisela hob überrascht die Augenbrauen. In Zeiten von E-Mails bekam man selten noch Briefe, erst recht keine anonymen. Sie setzte ihre Lesebrille auf und öffnete den Umschlag direkt am Tresen.

Sehr geehrte Frau Baumann. Es tut mir leid, Sie in Ihrer Trauer zu stören, doch mein Gewissen lässt mich nicht länger schweigen. Ihr verstorbener Mann, Georg Baumann, führte die letzten zwanzig Jahre ein Doppelleben. Wenn Sie die Wahrheit wissen wollen, kommen Sie morgen um zwei nachmittags ins Café Literatur in der Goetheallee. Ich werde einen roten Schal tragen. Verzeihen Sie mir den Schmerz.

Gisela zitterten die Hände. Der Brief fiel auf den Boden und sie setzte sich auf den Stuhl hinter der Kasse, spürte, wie ihr schwindelig wurde. Georg? Ihr Georg, der sie jeden Morgen auf die Stirn küsste, bevor er zur Uni ging? Der ihr abends Rilke vorlas? Der mitten in seiner Vorlesung über Schiller am Herzinfarkt gestorben war?

Das muss ein Irrtum sein, flüsterte sie in die leere Buchhandlung. Oder jemand macht einen bösen Scherz.

Doch der Zweifel ließ sich nicht mehr wegschieben. Die ganze Nacht wälzte Gisela sich, dachte an die kleinen Merkwürdigkeiten der letzten Jahre. Georgs viele Dienstreisen zu Konferenzen, über die er kaum sprach. Anrufe, nach denen er immer auf den Balkon ging. Kontoauszüge, die er stets zuerst abholte…

Am nächsten Tag, Punkt zwei, betrat Gisela das Café Literatur. An einem Ecktisch saß eine junge Frau, etwa dreißig, hübsch, mit hohen Wangenknochen und traurigen grauen Augen. Um ihren Hals lag ein leuchtend roter Schal.

Frau Baumann? Die Frau stand auf. Mein Name ist Annemarie. Danke, dass Sie gekommen sind.

Wer sind Sie? Giselas Stimme bebte, kaum konnte sie den Ärger zurückhalten. Wie können Sie so etwas über meinen Mann schreiben?

Annemarie holte ein zerknittertes Foto aus ihrer Tasche. Darauf war Georg, etwa fünfzehn Jahre jünger, die Arme um eine Frau mit einem Kind.

Das ist meine Mutter, sagte Annemarie leise. Und das Kind ich. Georg Baumann… er war mein Vater. Nicht mein leiblicher, aber er hat mich ab fünf großgezogen. Meine Mutter starb letztes Jahr an Krebs. Sie bat mich vor ihrem Tod, Sie zu finden und Ihnen alles zu erzählen. Doch solange Georg lebte, konnte ich nicht.

Gisela spürte, wie ihr der Boden unter den Füßen wegzog. Die Kellnerin brachte Wasser, doch sie konnte kaum den Becher halten ihre Hände zitterten zu stark.

Das kann nicht sein, hauchte sie. Wir waren fünfundvierzig Jahre verheiratet. Es gab keine Geheimnisse.

Er hat Sie geliebt, sagte Annemarie und beugte sich näher. Er sprach so warmherzig von Ihnen. Aber meine Mutter… sie brauchte ihn. Sie war psychisch krank, nach der Trennung von meinem Vater wollte sie sich das Leben nehmen. Georg war ihr Doktorvater im Studium. Er hat sie gerettet und konnte dann nicht mehr gehen.

Zwanzig Jahre, murmelte Gisela fassungslos. Zwanzig Jahre Lüge.

Keine Lüge, korrigierte sie Annemarie. Er war hin- und hergerissen zwischen Pflicht und Liebe. Er bezahlte die Therapie meiner Mutter, mein Studium. Aber abends kam er immer zu Ihnen zurück. Meine Mutter wusste, dass er verheiratet war. Sie hat nie mehr verlangt.

Gisela stand so abrupt auf, dass das Wasserglas umfiel.

Ich muss nachdenken. Suchen Sie mich nicht mehr.

Sie verließ das Café ohne einen Blick zurück. Draußen regnete es, als vermischten sich die Tropfen mit ihren Tränen. Waren fünfzig Jahre Ehe eine Illusion? Oder nicht?

Zuhause begann Gisela zu suchen. Sie durchstöberte Georgs Schubladen und seine Unterlagen. In einem alten Lederkoffer, hinter dem Futter, fand sie einen Schlüssel zu einem Bankschließfach und eine Quittung auf den Namen P.S. Vogt das war der Mädchenname von Georgs Mutter, den er nie benutzt hatte.

In der Bank mit Sterbeurkunde und Erbenbescheinigung bekam sie Zugang zum Fach. Darin lagen Dokumente: Mietvertrag einer Wohnung in Altona, medizinische Berichte auf den Namen Elisabeth Annemarie über eine bipolare Störung, Fotos von Annemarie im Kindergarten, in der Schule, beim Uni-Abschluss. Und Georgs Tagebuch.

Gisela setzte sich direkt auf den Boden im kalten Archiv und begann zu lesen.

Ich bin ein Schuft. Ich weiß es. Aber anders kann ich nicht. Gisela ist mein Licht, mein Halt, mein eigentliches Leben. Aber Elisabeth und Annemarie… sie würden ohne mich zugrunde gehen. Elisabeth schneidet sich wieder, wenn ich gehen will. Annemarie… das Kind sieht mich als Vater. Wie kann ich sie verlassen?

Heute wurde Annemarie an der Universität aufgenommen, Germanistik. Sie will wie ich Literatur unterrichten. Ich bin stolz auf sie und hasse mich. Gisela fragte, warum ich weine. Sagte, Fontane hätte mich bewegt. Das ist auch wahr ich weine über mein gespaltenes Leben.

Elisabeth stirbt. Krebs. Die Ärzte geben ihr noch wenige Monate. Ihr Wunsch: Ich soll Gisela alles sagen, wenn sie tot ist. Ich versprach es, aber weiß, ich kann es nicht. Ich feige Sau. Immer gewesen.

Der letzte Eintrag war eine Woche vor Georgs Tod datiert:

Mein Herz hält nicht mehr. Wörtlich. Der Kardiologe empfiehlt eine OP, aber ich weiß das ist die Strafe. Zwei Leben gelebt und jetzt zerreißt mein Herz. Gisela, wenn du je das liest verzeih mir. Ich habe dich jede Sekunde geliebt. Aber ich konnte die kranke Frau und das Kind nicht im Stich lassen. Verzeih diesem schwachen alten Trottel.

Gisela schloss das Tagebuch. Sie saß da, mitten im Bankenarchiv, und dachte an fünfundvierzig Jahre ihres Lebens. War das alles eine Lüge? Oder liebte Georg sie tatsächlich und war verzweifelt gefangen?

Sie erinnerte sich an seine Augen müde, doch liebevoll, wenn er sie ansah. An seine Hand, die ihre hielt, als sie im Krankenhaus lag. Wie er ihr Gedichte vorlas, über ihre Scherze lachte.

Am Abend rief Gisela Paul Schäfer an Georgs alten Freund aus der Uni.

Paul, wusstest du das?

Nach langem Schweigen: Gisela… ja, ich wusste es. Er bat mich, Zeuge beim Mietvertrag zu sein. Es tut mir leid.

Warum ist er nie gegangen?, ihre Stimme zitterte.

Weil er dich geliebt hat. Ich schwöre, Gisela, er verehrte dich. Aber die andere Frau… sie versuchte mehrmals sich umzubringen. Georg konnte nicht damit leben, Schuld am Tod zu haben. Und als dann das Mädchen ihn Vater nannte…

Gisela legte auf. Sie trat ans Fenster und schaute auf das abendliche Hamburg. Die Stadt glänzte im nassen Asphalt, die Lichter spiegelten sich.

Woche später traf sie Annemarie erneut, diesmal im eigenen Buchladen.

Erzähl mir von ihm, bat Gisela. Von dem Leben, das ich nicht kannte.

Annemarie erzählte stundenlang: Wie Georg ihr das Fahrradfahren beibrachte. Wie er ihr bei den Hausaufgaben half. Wie er ihre Mutter bei Depressionen tröstete. Wie er bei ihrem Abschluss weinte.

Er sprach oft von Ihnen, sagte Annemarie. Nannte Sie seinen Engel. Sagte, er sei Ihrer nicht würdig.

Da lag er falsch, meinte Gisela und wischte die Tränen ab. Ich bin nicht würdig für einen Mann, der zwanzig Jahre zwischen Pflicht und Liebe stand und nie zerbrach.

Sind Sie wütend?

Ja. Sehr sogar. Aber ich verstehe auch. Das Leben ist selten schwarzweiß. Gerade bei Liebe und Verantwortung.

Gisela griff ins Regal und zog einen Band von Fontane heraus.

Er liebte ‘Die Schachspielerin.’ Jetzt weiß ich warum. Nehmen Sie ihn, das war sein persönliches Exemplar.

Annemarie nahm das Buch, ihre Hände zitterten.

Frau Baumann, ich… es tut mir so leid.

Nicht nötig, Gisela berührte ihre Hand. Sie trifft keine Schuld. Niemand von uns. Nicht einmal Georg. Er wollte einfach nur ein guter Mensch sein in einer unmöglichen Situation.

Nach Annemaries Abschied saß Gisela noch lange im leeren Buchladen, dachte an Georg, seine doppelte Existenz, die Bürde, die er trug. Und an die Liebe verworren, schwer, unperfekt, aber doch echt.

Sie öffnete Georgs Tagebuch auf der letzten Seite und schrieb dazu:

Georg, mein Schatz. Ich habe alles erfahren und alles verstanden. Und ich verzeihe dir. Mehr noch ich bin stolz auf dich. Du hast eine Last getragen, die viele zerbrochen hätte. Schlaf ruhig, mein Lieber. Deine Geheimnisse bleiben bei mir, deine Erinnerung rein. Ich werde mich um Annemarie kümmern. Sie ist ein Teil von dir, und damit auch ein Teil meiner Geschichte.

Gisela schloss das Tagebuch und verwahrte es im Safe. Morgen beginnt ein neuer Tag. Sie wird weiterleben, die Erinnerung an Georg bewahren und vielleicht mit Annemarie die Tochter finden, die sie und Georg nie hatten.

Das Leben ging weiter komplex, voller Rätsel und Offenbarungen, doch aufrichtig. Wie die Liebe, die stärker war als Lügen, als Tod, als alles.

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Homy
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