Ein Wunsch
Von dem Umzug meiner Oma erfuhr ich durch die Nachbarin. Wie jedes Jahr besuchte ich sie zu ihrem Namenstag, hatte eine Schwarzwälder Kirschtorte und ein Netz Zwetschgen dabei Oma liebte Zwetschgen. Vor dem Hauseingang hielt ich kurz inne, um das klingelnde Handy zu erwischen, da sprach mich Frau Schneider aus dem Erdgeschoss an:
Liselotte, bist du das? Deine Oma ist umgezogen.
Eigentlich war es gar nicht meine richtige Großmutter, sondern die Oma meines ehemaligen Mannes. Wir lernten uns an der Uni kennen, er lebte damals noch bei seiner Oma. Als er mich zum Kennenlernen zu ihr brachte, hatte ich ziemliche Angst es fühlte sich an wie eine Prüfung. Niklas hatte keine Eltern mehr, nur seine Oma, die ihn ab dem fünften Lebensjahr großgezogen hatte. Aber meine Sorgen waren unnötig sie nahm mich sofort herzlich auf.
Wir heirateten im fünften Semester, und Oma machte uns zur Hochzeit ein unglaubliches Geschenk eine Einzimmerwohnung. Ja, am Rand von München, im fünften Stock und ohne Balkon, aber immerhin ganz unsere. Ihr Leben lang hatte sie gespart, um den jungen Leuten nicht im Weg zu stehen.
Ich hatte nie etwas Eigenes besessen. Mein Stiefvater achtete streng darauf, dass ich nicht mehr aß als seine eigenen Kinder, kein Wasser verschwendete und er schimpfte ständig, weil ich angeblich zu lange das Licht brennen ließ. Mit siebzehn arbeitete ich als Kellnerin und mietete mir ein winziges Zimmer, das wie eine Abstellkammer wirkte. Ein Wohnheim bekam ich nicht, dafür hatte ich ja eine Münchner Adresse. Die Einzimmerwohnung schien mir damals wie ein kleines Schloss.
Lange blieb ich nicht dort. Ein Jahr nach der Hochzeit kam ich früher von meiner Schicht ich wollte Niklas zum Frühstück überraschen und fand in unserem Bett eine kurzhaarige Blondine. Sie rauchte und blies Rauch Richtung Zimmerdecke, aus dem Bad hörte man das Wasser laufen. Die Blondine wirkte völlig unbeeindruckt und deckte sich nur mit dem Weihnachtsgeschenk, einer Decke von Oma, zu.
So endete unsere Beziehung nach fünf Jahren. Ich machte kein Drama und wir ließen uns friedlich scheiden. Die Wohnung blieb Niklas, ich wollte sie gar nicht, obwohl die Blondine, die Niklas bei jedem Termin begleitete, zischte: Schreib sie auf, sonst lässt sie sich vom Busfahrer schwängern und holt sich das Wohnrecht durchs Gericht!
Wohin ist sie gezogen? fragte ich erstaunt und legte das Handy weg.
In eure Wohnung! Bei denen kommt bald das Baby, sie tauschen deshalb.
Mir wurde mulmig. Oma hatte nach einem Oberschenkelbruch Schwierigkeiten mit dem Gehen und die Wohnung war im fünften Stock, ohne Lift. Wie sollte sie dort zurechtkommen? Am Tag, als ich die Blondine in der Wohnung fand, hatten Niklas und ich gerade beschlossen, zu Oma zu ziehen und sie zu pflegen. Nun würde sie allein dort wohnen und das in einem Viertel, wo sie niemanden kannte? Hier im alten Haus kannten sie alle, immer fand sich jemand, den sie um Hilfe bitten konnte.
Die Nachricht vom Baby stach ebenfalls mit mir wollte Niklas nie Kinder, meinte stets, wir müssten erst an uns selbst denken.
Danke, Frau Schneider.
Ich musste zur Bushaltestelle, vierzig Minuten Fahrt. Während ich mich am abgewetzten Haltegriff festhielt, bemühte ich mich, die Torte unbeschadet zu transportieren.
Es war traurig, zur Wohnung zurückzukehren, in der ich einst die glücklichsten Tage meines Lebens verbracht hatte. Ich nahm den bekannten Weg, bemerkte kleine Veränderungen ein neues Schild am Supermarkt, ein eingezäuntes braches Feld Im Hof stand jetzt ein neuer Spielplatz, und ein etwa sechsjähriger Junge ließ seine Füße in einer Pfütze baumeln.
Ich bin am Strand! rief er fröhlich.
Ich lächelte und zog einen Schokoladenriegel aus der Jackentasche.
Hier, Robinson!
Oma tat natürlich so, als sei alles in Ordnung und dass der Umzug ihre eigene Idee gewesen wäre.
Niklas schaut vorbei, besorgt Lebensmittel und fährt mich nötigenfalls zum Arzt erklärte sie.
Wann war er das letzte Mal hier? fragte ich.
Gestern.
Ich wusste, dass sie log, der Mülleimer unter der Spüle war voll, roch schon, und das Brot war so hart wie Nägel.
Ich gehe schnell zum Supermarkt schlug ich vor. Ich brauche sowieso Käse.
Das war eine kleine Notlüge.
Oma wehrte ab, aber ich bestand darauf. Beim Weggehen ließ ich absichtlich meinen Regenschirm da so hatte ich einen Grund, bald wiederzukommen und erneut einzukaufen. Oma protestierte, meinte, Niklas sei oft da, aber als ich im Herbst wegen einer Erkältung eine Woche fernblieb, rief sie selbst vorsichtig an und fragte, wann ich mal wieder vorbeikäme.
Klar, die Strecke oft zu fahren war schwierig, also löste ich es praktisch: Den Jungen vom Strand engagierte ich für fünfzig Euro die Woche, um täglich den Müll rauszubringen. Lebensmittel bestellte ich per Lieferservice und kaufte Oma ein Smartphone, zeigte ihr, wie die App funktioniert. Niklas meinte immer, Oma würde damit nicht klarkommen aber es ging wunderbar. Einmal pro Woche besuchte ich sie, manchmal häufiger. Oma schien sogar vergessen zu haben, dass Niklas mein Ex-Mann war. Sie schwärmte von ihrem Urenkel und freute sich über die Videos, die Niklas ihr aufs neue Handy schickte.
Und hat man Ihnen den Urenkel schon gebracht? fragte ich.
Ach, der ist noch viel zu klein!
Zum ersten Geburtstag aber wurde der Urenkel gebracht Oma bat mich, zehntausend Euro von ihrer Karte für das Geschenk abzuheben. So wusste ich, wann Niklas zu Besuch kam zum Geburtstag, zum Kindertag, zu Weihnachten und nochmals im April, wohl zum Geburtstag der Blondine. Zu jedem Anlass hob Oma einen ordentlichen Betrag ab.
Mir versuchte sie auch Geld zu geben, aber ich lehnte ab.
Dann bin ich wirklich böse auf Sie sagte ich.
Einmal meinte Oma:
Gut. Aber versprich mir, dass du eines Tages einen Wunsch erfüllst. Und dann ist das Thema Geld erledigt.
Was denn für einen?
Das sage ich später.
Also gut, später. Ich stimmte zu.
Als dann Pavel in meinem Leben auftauchte, war Oma die Erste, die es erfuhr. Mit meiner Mutter hatte ich kaum Kontakt sie trank zusammen mit dem Stiefvater und nannte mich nur Versagerin.
Einen Mann mit Wohnung hättest du behalten müssen! So wirst du immer in kleinen Verschlägen leben!
Pavel hatte keine Wohnung. Aber er versprach, das Geld dafür zu sparen. Er war fünf Jahre jünger, und ich hatte lange gezögert, aber schließlich gab ich nach. Er war freundlich und lustig, und seine Familie nahm mich sofort herzlich auf. Sie lebten in einem Einfamilienhaus am Stadtrand, außer dem ältesten Pavel gab es noch fünf Brüder.
Auf das siebte Mädchen habe ich es nicht gewagt lächelte seine Mutter traurig. Nun warte ich auf Enkelinnen. Und du, willst du Kinder oder Karriere?
Ich will Kinder gab ich zu.
Dann warte ich auf euch, Pavel ist unser Ernsthaftester, die anderen sind ziemliche Rabauken!
Wir heirateten ohne großes Fest, dafür machten wir von unseren Ersparnissen eine Reise. Ich sorgte mich sehr um Oma, aber es ließ sich nicht anders machen.
Nicht zu Unrecht wie es geschah, weiß bis heute niemand. Vielleicht ging es ihr schlecht und sie suchte Hilfe oder wollte den Müll selbst runterbringen Man fand sie auf der Treppe, schon tot.
Ich wusste, dass ich nicht weinen und mich nicht allzu sehr aufregen durfte hatte gerade erst einen Test gemacht und war voller Freude, dass ich Oma die Nachricht bald erzählen wollte Aber wie konnte ich nicht weinen, nicht trauern? Hätte ich sie nicht alleine gelassen, wäre nichts passiert. Und zur Beerdigung schaffte ich es nicht, Niklas informierte mich nicht, obwohl er wusste, dass ich noch Kontakt zu Oma hatte. Ich rief ihn deshalb nicht an.
Doch wenige Tage später klingelte das Telefon Niklas Frau.
Glaubst du, du bist schlauer als wir? Wir gehen vor Gericht und beweisen, dass sie nicht zurechnungsfähig war, als sie das schrieb!
Ich verstand zunächst nicht, worum es ging. Die Blondine brüllte, beschimpfte mich, und erst am Ende begriff ich, dass es um eine Wohnung ging.
Tags darauf rief mich auch der Notar an. Er bat mich, vorbeizukommen und das Testament anzusehen. Oma hatte mir auch einen Brief hinterlassen.
Ich las ihn mit Tränen in den Augen. So viele liebe Worte, so viel Dank mir war es unangenehm, denn ich hatte das ja nicht wegen Dankbarkeit getan, sondern weil ich sie wirklich als meine Verwandte betrachtete. Und sonst hatte ich niemanden mehr zum Lieben. Hier ist mein Wunsch: Nimm die Wohnung als Geschenk an, denn anders kann ich dir nicht danken.
Ich dachte, sie meinte die Wohnung, in der sie lebte, aber der Notar erklärte mir, es ging um die Zweizimmerwohnung, in der Niklas und seine Frau wohnten. Die Einzimmerwohnung gehörte ja Niklas, die hatte Oma ihm schon vorher geschenkt.
Ich bat um Bedenkzeit und besprach alles mit Pavel. Ich wollte keine Wohnung, keinen Ärger, keine Drohanrufe ich fürchtete, dadurch mein eigenes Kind zu verlieren. Aber Omas Bitte nicht zu erfüllen fand ich auch falsch. Wir überlegten lange und fanden schließlich eine Lösung.
Wir luden Niklas und seine Frau zum Notar ein zuvor hatte ich mit ihm gesprochen. Er meinte, ich sei wohl nicht besonders klug, aber streiten wollte er mit mir nicht.
Niklas Frau ging sofort auf mich los, hätte mich auch geschlagen, wäre Pavel nicht anwesend gewesen, sie schimpfte und drohte.
Sei ruhig! platzte Niklas plötzlich heraus. Liselotte hat sie verdient, sie hat Oma drei Jahre gepflegt.
Ich war sprachlos ich hatte eine lange Rede vorbereitet.
Und das ist alles, was es zu besprechen gibt, ich weiß nicht, was diskutiert werden soll. Wir packen und räumen die Wohnung, sagte er, ohne mich anzuschauen.
Da legte ich meinen Plan offen: Dass ich ihr Leben nicht zerstören will und dass mir die kleine Wohnung am Stadtrand reicht. Wir hatten mit dem Notar besprochen, wie das korrekt geregelt wird, und nun brauchte es nur noch Niklas Zustimmung.
Er sah mich zum ersten Mal an, seine Augen waren schuldbewusst.
Seine Frau wurde sofort ruhig, verlangte Kaffee und Kekse, beschwerte sich über die Fahrt und meinte, ich hätte das alles gleich sagen sollen, damit man nicht gestört würde.
Als meine Tochter geboren wurde, nannte ich sie Sonja wie Oma. Und Pavels Mutter war so glücklich! Enkelinnen würden bestimmt noch folgen, aber Sonja würde immer ihre Lieblingsenkelin bleiben
© Hallo, Traurigkeit!





