Liebe voller Bitterkeit des Wermuts

LIEBE MIT WERMUTSGESCHMACK
Ihre Liebe roch nicht nach Rosen und Honig, sondern eher nach staubigem Feldweg und zerdrücktem Wermutkraut. Im Dorf munkelte man: Wenn sie zusammenkommen, steht die Welt Kopf; wenn sie auseinandergehen, brennt der Schwarzwald lichterloh.
Brunhilde war Heilkundige, schon die dritte Generation in ihrer Familie. Sie verstand den flüsternden Gesang jeder Pflanze und konnte Wunden heilen, die sich partout nicht schließen wollten. Ihre Hände waren stets warm und rochen immer nach Thymian.
Wilhelm hingegen war ein Fremder. Ein Zauberer, dessen Macht nicht aus der Erde heraufkam, sondern aus knappen Befehlen an Wind und Wetter. Seine Magie war scharf wie ein Damaszenermesser und kalt wie das Wasser im Bodensee im Januar.
Sie trafen sich an einem nebligen Abend, beide auf der Suche nach der Hexenwurzel, die nur alle zehn Jahre blüht.
Fass das ja nicht an, schnitt Brunhildes Stimme durch die Stille. Die Wurzel ist nicht für deine gierigen Finger, Schwarzmagier. Die Erde schenkt sie zum Heilen, nicht zum Tränken in dunkler Zauberei.
Heilen ist nur eine Verzögerung, Heilkundige, grinste Wilhelm, ohne sich umzudrehen. Ich will das Wesen der Dinge sehen.
Feinde wurden sie nie Freunde allerdings auch nicht. Trotz aller Vernunft zog es sie zueinander. Ihre Liebe war ein ständiger Wettstreit zwischen Bauen und Beherrschen.
Brunhilde brachte ihm wilden Honig und beruhigende Kräutertees, wenn seine Magie ihn von innen auszubrennen drohte.
Wilhelm legte seltene Edelsteine an ihre Türschwelle; darin funkelte das Licht gefangener Sterne, damit für sie die langen Winterabende nicht zu dunkel wurden.
Aber die Bitterkeit des Wermuts zog stets mit. Brunhilde sah, wie Wilhelm Kraft aus der Leere schöpfte, das beunruhigte sie. Wilhelm wiederum ärgerte sich über ihre Sanftheit und meinte, sie verschwende ihre Gabe an undankbare Dorfbewohner.
Als die Spanische Grippe durchs Dorf kam, unterschied sie nicht zwischen Gut und Böse.
Brunhilde kroch die Kraft aus den Gliedern, Lehm am Schuh und Fieber in jeder Faser Wilhelm, hart wie Düsseldorfer Schiefer, fürchtete zum ersten Mal. Nicht um die Welt. Um sie.
Um Brunhilde zu retten, musste er das tun, was er am meisten verachtete: seiner Kraft der Erde zurückgeben damit sie die erschöpfte Heilkundige nährte.
Als Brunhilde die Augen öffnete, stand Wilhelm am Fenster. Zum ersten Mal silberten Haarsträhnen über seinen Kopf, kein Funken Magie mehr in seinen Händen.
Warum?, flüsterte sie.
Wermut ist bitter, Brunhilde, antwortete er, ohne sich umzudrehen. Aber ohne dieses Bittere ist jede Süße nur lebloser Staub. Ich habe dich gewählt, nicht die Ewigkeit.
Sie blieben zu zweit am Rand des Schwarzwalds wohnen. Brunhilde heilte weiterhin, Wilhelm lernte, das Flüstern der Kräuter zu hören, das er früher immer überbrüllt hatte. Ihre Liebe blieb schwierig, stachelig und herb wie das Aroma von Wermut im Sonnenuntergang. Doch keiner hätte diese Bitterkeit gegen den süßesten Honig eingetauscht.
Sie zogen in eine alte, knorrige Hütte am Rand der Faulen Senke, wo niemand seine Äxte wagte, nicht einmal die Schwätzer vom Stammtisch.
Wilhelm, nun ohne Blitz und Donner, entdeckte eine neue Gabe: Er konnte Metall fühlen. Er wurde Schmied. Aber kein gewöhnlicher er schmiedete Messer, die nie stumpf wurden, und Hufeisen, die Glück brachten. In jedem Schlag seines Hammers klang die Vergangenheit mit, gewandelt in Schaffenskraft. Das wurde sein neues Leben.
Brunhilde legte einen kleinen Garten an, dort wuchs giftiger Eisenhut neben heilendem Salbei. Die Dunkelheit von Wilhelm erschreckte sie nicht mehr sie wusste: Der fruchtbarste Boden ist eben schwarz.
Ihre Liebe wurde nie zu Zuckerkram. Es war das Leben zweier starker Charaktere, die sich wie Mühlsteine aneinander abschliffen.
Manchmal versuchte Wilhelm mit alter Gewohnheit, alles mit Willenskraft zu lösen. Wenn der Garten vertrocknete, saß er stundenlang am Schwellenstein und presste die Fäuste, als könnte er Regen aus der Luft zwingen.
Hör auf damit, sagte Brunhilde sanft, legte ihm die Hand auf die Schulter. Die Erde ist keine Magd. Bitte sie, und nicht befehle.
Ich kann nicht bitten, brummte er.
Doch am Abend trugen sie gemeinsam Wasser vom entfernten Brunnen. Und das, so Brunhilde, war mehr Magie als jedes Zauberspruch.
Oft kamen Schatten an ihre Hütte: Ehemalige Schüler Wilhelms, die den alten Meister zurückholen wollten, und Kranke, denen Brunhilde alleine nicht helfen konnte.
Eines Tages erschien Wilhelms alter Erzfeind ein Zauberer im schwarzen Talar.
Er kam nicht zum Töten, sondern um das zurückzufordern, was Wilhelm der Magie schuldig war. Er verlangte Brunhildes Stimme im Austausch für Wilhelms Kraft.
Wilhelm betrachtete seine schwieligen Schmiedehände, dann Brunhilde, die gerade Wermuttee kochte. Sie bat ihn nicht um Hilfe, sie schaute einfach mit unendlichem Vertrauen.
Kraft, erkauft mit der Stille eines geliebten Menschen, ist keine Kraft sondern Knechtschaft, sagte Wilhelm.
Er verwendete keine Magie. Er griff nur zu seinem schweren Schmiedehammer und trat hinaus. Sie sagen, im Schwarzwald bebte die Erde jener Nacht nicht wegen Flüchen, sondern durch den schlichten Zorn eines Mannes, der sein Zuhause verteidigte. Der Schatten verschwand.
Sie wurden auf ihre Art alt würdevoll. Brunhildes Haare so weiß wie Schlehenblüten, Wilhelms Bart grau wie Asche.
Und als ihre Zeit kam, trennten sie sich nicht. Sie gingen gemeinsam in den grünen Wald während der Blüte des Wermuts. Heute stehen dort zwei Bäume: Eine mächtige Eiche, deren Wurzeln tief ins Erz reichen, und eine geschmeidige Weide, die sich um den Stamm windet.
Wenn ein Wanderer ein Blatt von dieser Weide pflückt, schmeckt er die Bitterkeit die Bitterkeit echter Liebe, die stärker ist als jede Magie.

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Homy
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