Als ich dreißig war, galt ich als die Frau, die alle Möglichkeiten vor sich hat. Ich hatte einen sicheren Job im Büro, meine eigene, gemietete Wohnung in München, bin gereist, wie es mir gerade in den Sinn kam, und habe an den Wochenenden mit Freunden in kleinen Cafés gesessen, im Kino gelacht oder bin in Berliner Clubs tanzen gegangen.
Damals war ich mit Daniel zusammen, fast fünf Jahre lang. Aber immer, wenn er das Thema vielleicht irgendwann mal ein Kind ansprach, lief es mir kalt den Rücken runter.
Ich sagte ihm, dass ich mich nicht zwischen Windeln und schlaflosen Nächten sehe. Er hat dann immer schnell das Thema gewechselt.
Ich war voll auf Sparpläne, persönliche Entwicklung, Fortbildungen, Urlaube fokussiert. Nicht auf das Mamasein.
Mit 37 habe ich dann einen anderen Mann kennen gelernt Matthias. Ich dachte wirklich, daraus könnte etwas Ernstes werden. Aber er hatte schon ein Kind aus einer früheren Beziehung für mich damals einfach zu große Verantwortung.
Eines Tages fragte er, ob wir zusammenziehen wollen, aber er meinte auch offen, dass er irgendwann noch ein Kind möchte.
Ich bekam Panik und hab einfach den Kontakt abgebrochen, bis er es kapiert hat.
Ich weiß noch, wie meine Schwester Susanne zu mir sagte:
Du wirst es bereuen, einen guten Kerl gehen zu lassen, nur weil du keine Mutter sein möchtest.
Ich hab nur gelacht und fand, sie übertreibt.
Mit 45 war ich auf dem Höhepunkt meiner Karriere.
Ich bekam eine Beförderung, verdiente ordentlich, reiste viel, kaufte mir meinen ersten VW, streichte mein ganzes Haus in Nürnberg selbst. Ich war echt stolz auf mich.
Aber als ich so meine eigenen Erfolge feierte, schaute ich manchmal auf meine Freundinnen ihre Kinder in der Kita, in der Schule, bei Turnfesten oder Weihnachtsaufführungen.
Da dachte ich so:
Mein Gott, was für ein Gewusel Das wäre nichts für mich.
Ich war überzeugt, mein Leben ist viel entspannter.
Mit 52 wurde meine Schwester richtig krank und musste operiert werden.
Ihre Kinder waren ständig für sie da haben geholfen, organisiert, eingekauft und sie überall begleitet.
Ich saß daneben und fühlte mich vollkommen nutzlos.
Ich hatte niemanden, den ich rufen könnte, wenn es mir mal so geht.
Da saß ich im Wartezimmer vom Uniklinikum und zum ersten Mal dachte ich:
Und wenn ich das einmal bin?
Wer achtet dann auf mich?
Da war dann das erste Mal so ein kleiner, leiser Stich des Bedauerns Aber der war ab dann da.
Mit 60 starb meine Mutter.
Und plötzlich lag alles an mir:
Krankenhaus, Beerdigung, Organisation, Rechnungen, Wohnung ausräumen.
Meine Nichten und Neffen halfen schon, aber jeder hat natürlich seine Familie, seinen Job, sein Leben.
In der Nacht schlief ich allein, umgeben von ihren alten Kleidern im Müllsack, und habe zum ersten Mal wirklich verstanden:
Es gibt niemanden mehr, der mich wirklich braucht.
Niemand, der auf mich zählt.
Niemand, der die Stille füllt.
Und ich dachte zum allerersten Mal:
Vielleicht hätte ich doch eine gute Mutter sein können.
Sonntage wurden komisch.
Meine Schwestern treffen sich mit Kindern, Enkeln, Schwiegerkindern.
Überall Lachen, Stimmen, Leben.
Und ich? Sitze still auf einem Stuhl am Rand, sichtbar, aber nicht mittendrin.
Nicht, weil sie mich ausgrenzen ich habe einfach keine richtige Aufgabe da.
Ich bin die Tante, die Schwester, aber nie die Mama.
An Weihnachten ist es am schlimmsten.
Alle organisieren Familienfeste.
Ich bin immer Gast. Nie die Gastgeberin. Nie der Mittelpunkt von jemandes Welt.
Heute, mit 67, stehe ich morgens allein auf, frühstücke allein, erledige alles allein, zahle alles in Euro selbst. Keine Tragödie. Es ist einfach so.
Wenn es mir schlecht geht, rufe ich ein Taxi, fahre allein ins Krankenhaus, sitze im Warteraum mit meiner Handtasche und niemand fragt nach mir.
Wenn ich traurig bin, merkt das keiner.
Wenn mal wieder etwas Schönes passiert wie der Tag, an dem ich das Haus abbezahlt habe freut sich niemand mit mir.
Manchmal stehe ich am Fenster und sehe, wie die Nachbarn Besuch von ihren Kindern und Enkeln bekommen.
Sowas habe ich nicht.
Ich habe niemandem etwas zu vererben.
Niemandem meine Geschichte zu erzählen.
Ich bereue nicht, dass ich mich nicht dem gesellschaftlichen Druck gebeugt habe.
Ich bereue, dass ich zu spät verstanden habe, dass das Leben nicht ewig ist.
Klar, man kann leben, wie man will
Aber wenn die Jahre ins Gewicht fallen, bleibt am Ende nur noch ein Wunsch:
dass es jemanden gibt, an den du dich anlehnen kannst.





