Der Mann mit dem Anhänger Ich erinnere mich noch ganz genau an jenen Novemberabend. Draußen peitsch…

DER MANN MIT DEM ANHÄNGER

Es ist mir noch ganz deutlich vor Augen, jener Novemberabend. Draußen schlug Schneeregen gegen die Fensterscheiben, der Wind heulte durch den Kamin wie ein hungriger Wolf, während mein Kachelofen in der Krankenstube wohlige Wärme spendete. Ich war gerade dabei, meine Sachen zu packen, als die Tür ächzte und Hans Becker im Rahmen stand. Ein Hüne von einem Mann, breite Schultern, doch so, als würde ihn der Wind jeden Moment von den Füßen fegen. Auf den Armen trug er ein Bündel seine kleine Tochter, Annemarie.

Er trat ein, legte das Kind behutsam auf die Liege und zog sich dann an die Wand zurück, stumm und steinern wie eine Statue. Ich blickte auf das Mädchen, und mir zog sich das Herz zusammen. Das Gesichtchen fiebrig, die Lippen spröde und rissig, sie zitterte am ganzen Leib und flüsterte immer wieder: Mama Mami. Sie war noch keine fünf Jahre alt. Ich maß das Fieber Himmel, fast vierzig Grad!

Hans, warum hast du denn so lange gewartet? Wie lange ist sie schon so? fragte ich streng, während meine Hände schon routiniert die Ampulle öffneten und die Spritze vorbereiteten.

Er schwieg nur, starrte auf den Boden, die Kiefer mahlten unter der Stoppeln, die Fäuste so fest geballt, dass die Knöchel weiß hervorstachen. Es war, als wäre er gar nicht anwesend, sondern irgendwo weit weg, gefangen in seinem Schmerz. Ich erkannte, dass hier nicht nur das Kind Pflege brauchte. Die Seele dieses Mannes war zerrissen, seine Wunden schlimmer als jedes Fieber.

Ich setzte die Spritze, rieb das Kind warm, bis es ruhiger wurde und gleichmäßiger atmete. Dann setzte ich mich neben sie auf die Bettkante, strich sanft über ihre heiße Stirn und sagte leise zu Hans:

Bleiben Sie heute hier. Bei diesem Wetter geht niemand vor die Tür. Du legst dich auf die Couch, ich bleibe bei Annemarie.

Er nickte nur, aber bewegte sich kein Stück vom Fleck. Die ganze Nacht stand er an der Wand wie ein Wachposten, ging keinen Schritt weg. Ich wechselte Kompressen, reichte Annemarie Wasser, und dachte und dachte

Über Hans Becker wurde in unserem Dorf viel geredet. Vor einem Jahr war seine Frau, Katharina, ertrunken. Eine schöne Frau, lebhaft und fröhlich, wie ein klarer Bach. Danach war Hans ganz versteinert. Er existierte nur noch, lebte aber nicht. Er arbeitete für drei, hielt Haus und Tochter in Schuss, aber in seinen Augen war Leere, Tod. Er sprach kaum, grüßte höchstens durch die Zähne.

Die Leute redeten sich den Mund fusselig, dass sie sich am Fluss damals gestritten hätten. Dass er, angetrunken, ein böses Wort gesagt hätte, und sie dann aus Kummer ins Wasser ging. Und er hätte nichts getan. Seither fasste er keinen Tropfen mehr an aber was half das schon? Schuld brennt schlimmer als Schnaps. Im ganzen Dorf betrachtete man ihn mit Annemarie wie einen Mann mit Anhänger, doch der Anhänger war nicht das Kind, sondern das Unglück, das er mit sich herumtrug.

Gegen Morgen besserte sich Annemaries Zustand; das Fieber sank. Sie öffnete die Augen so blau wie Kornblumen, wie bei der Mutter und sah zuerst zu mir und dann zu ihrem Vater, und wieder zuckten ihre Lippen. Hans trat heran, berührte zaghaft ihre Hand und zog sie gleich wieder zurück, als hätte er sich verbrannt. Er fürchtete sich vor ihr, versteht ihr? Sie spiegelte ihm ganz seine Katharina wieder, all seinen Schmerz.

Ich ließ sie noch einen Tag bei mir. Kochtete eine Hühnersuppe, fütterte Annemarie mit dem Löffel. Sie aß gehorsam, sprach kaum. Seit dem Unglück redete sie überhaupt fast nicht mehr. Nur kurz: Ja, Nein. Der Vater noch weniger. Er schenkte ihr Suppe ein, schnitt Brot, flocht ihr Zöpfchen mit den rauen, großen Fingern wortlos. Von diesem Schweigen war die Luft im Haus erfüllt, sagten die Nachbarn.

So ging es weiter. Annemarie wurde gesund, aber ich achtete auf sie. Mal brachte ich Kuchen vorbei, mal ein Glas Marmelade weil ich keinen Abnehmer fand. Und beobachtete heimlich ihr Leben. Sie hausten wie zwei Fremde unter einem Dach. Zwischen ihnen stand eine eiskalte Mauer, die keiner zu schmelzen wusste.

Im Frühjahr kam eine neue Lehrerin ins Dorf: Frau Dr. Olga Weiss. Aus der Stadt. Leise, gebildet, mit einem traurigen Blick. Sie trug wohl auch ihre Geschichte im Herzen aus guten Gründen verlässt niemand einfach so die Großstadt. Sie übernahm die Grundschule und Annemarie kam in ihre Klasse.

Aber, liebe Leute, wie das ist: Ein Sonnenstrahl findet selbst im finsteren Winter seinen Weg. Olga bemerkte Annemarie sofort, spürte ihre stille Traurigkeit. Behutsam, Schritt für Schritt, begann sie das Mädchen aufzutauen. Sie brachte ihr Bilderbücher mit, schenkte ihr bunte Bleistifte, las ihr nach dem Unterricht Märchen vor. Annemarie fasste langsam Vertrauen.

Einmal kam ich zufällig in die Schule, als ich dem Direktor den Blutdruck messen sollte. Da sah ich die beiden in der leeren Klasse: Olga las, Annemarie an sie geschmiegt, lauschte mit einem Ausdruck auf dem Gesicht, den ich schon lange nicht mehr gesehen hatte so ruhig, so still zufrieden.

Hans war anfangs alles andere als begeistert. Holte er Annemarie ab und sah sie bei der Lehrerin, wurde sein Gesicht hart wie Granit. Knurrte nur: Komm, wir gehen, zog sie an der Hand fort. Olga grüßte er nicht einmal. Er sah in Olgas Güte bloß Mitleid und das war ihm schlimmer als eine Ohrfeige.

Eines Tages trafen sie sich am Dorfladen. Olga mit Annemarie sie genossen ein Eis. Hans kam entgegen, sein Blick gewitterte. Olga lächelte ihm freundlich zu:

Guten Tag, Herr Becker. Wir haben uns erlaubt, Ihre Tochter ein wenig zu verwöhnen.

Er warf einen finsteren Blick, nahm Annemarie das Eis aus der Hand und warf es in den Mülleimer.

Brauchen Sie sich nicht einmischen. Wir kommen klar.

Das Kind weinte, Olga erstarrte, und in ihren Augen lag tiefe Kränkung. Hans drehte sich um und zog Annemarie hinter sich her, die bitterlich weinte. Mein Herz blutete bei diesem Anblick. Ach, du sturer Kerl, dachte ich, machst dich und dein Kind unglücklich.

Abends kam er zu mir nach Baldrian. Das Herz, es sticht, sagte er kurzatmig. Ich schenkte ihm einen Schnaps ein, stellte das Glas hin und setzte mich gegenüber.

Es ist nicht das Herz, Hans. Deine Traurigkeit schnürt dich zu. Du meinst, das Schweigen schützt das Kind? Du bringst es damit langsam um. Annemarie braucht ein liebes Wort, Wärme. Liebe steckt nicht im heißen Eintopf, sondern im Blick, in einer Berührung. Du hast Angst, sie anzusehen, hast Angst, sie anzufassen. Lass Katharina los! Die Lebenden brauchen dich.

Er hörte zu, den Kopf gesenkt, dann hob er den Blick darin war so viel Leid, dass mir selbst das Atmen schwer wurde.

Ich kann nicht, Frau Semmler. Ich kann nicht

Er stand auf und ging. Ich saß noch lange in der Dunkelheit und schaute ihm nach. So ist das, Lieben: Manchmal ist es leichter, anderen zu vergeben als sich selbst.

Und dann kam jener Tag, der alles veränderte. Es war Ende Mai; überall blühte der Flieder und die Luft war satt vom Duft frischer Erde. Olga blieb wieder mit Annemarie nach der Schule, sie saßen auf der Treppe und malten. Annemarie zeichnete ein Bild: ein Haus, die Sonne, eine große Gestalt Papa. Neben ihm aber ein großer, ganz schwarz gemalter Schatten.

Olga betrachtete die Zeichnung, und da schien in ihr etwas zu zerbrechen. Sie nahm Annemarie an die Hand und sie gingen direkt zu den Beckers.

Ich kam gerade am Haus vorbei, wollte fragen, ob sie etwas brauchen. Da sah ich Olga am Gartentor zaudern. Auf dem Hof Hans, der mit verbissener Kraft Holz sägte, dass die Späne flogen.

Schließlich ging Olga hinein. Hans ließ die Säge sinken und wandte sich um sein Gesicht düster.

Ich bat Sie doch

Verzeihen Sie, antwortete Olga leise. Ich bin wegen Annemarie gekommen. Aber ich möchte, dass Sie etwas wissen.

Und dann redete sie. Ihre ruhige Stimme war über die ganze Straße zu hören. Sie erzählte von sich selbst. Wie sie ihren Mann über alles liebte. Wie er bei einem Unfall starb. Wie sie ein Jahr lang die Vorhänge zuzog und das Haus nicht verließ. Wie sie nur noch sterben wollte.

Ich machte mir Vorwürfe, sagte sie mit zitternder Stimme. Hätte ich ihn nur aufgehalten, hätte ich gebeten zu bleiben… Ich wäre beinahe in Trauer versunken. Doch irgendwann begriff ich: Mit meiner Verzweiflung verrate ich, was er liebte das Leben. Ich zwang mich aufzustehen, zu atmen für ihn, für uns. Man kann nicht mit den Toten leben, wenn man von den Lebenden gebraucht wird.

Hans stand wie vom Blitz getroffen. Ganz langsam wich die Maske vom Gesicht. Plötzlich verbarg er es in den Händen und begann zu zittern. Er weinte nicht er bebte nur, der große starke Körper von unterdrücktem Schmerz erschüttert.

Ich bin schuld, stieß er hervor, dass es kaum hörbar war. Wir haben nicht gestritten… wir haben gelacht. Sie sprang wie ein Kind ins Wasser, das war so kalt. Ich rief, sie lachte und dann rutschte sie aus, schlug mit dem Kopf auf einen Stein… Ich bin hinterher, habe sie gesucht… aber sie… Ich konnte sie nicht retten.

In diesem Moment trat Annemarie auf die Veranda. Sie hatte wohl alles durchs geöffnete Fenster gehört. Sie sah auf ihren Vater, ganz ruhig, ohne Angst in ihren Augen nur endloses, kindliches Mitleid und Liebe.

Sie lief zu ihm, schlang die Arme um seine starken Beine und sagte klar und deutlich, wie ich sie das ganze Jahr nicht hatte sprechen hören:

Papa, wein nicht. Mama ist auf einer Wolke. Sie schaut zu uns. Sie ist nicht böse.

Da sank Hans auf die Knie, umarmte seine Tochter fest und brach in Tränen aus. Laut, hemmungslos, wie ein Kind. Annemarie streichelte ihn über die Stoppeln am Kinn, übers Haar und wiederholte: Nicht weinen, Papa, bitte nicht. Und auch Olga weinte leise aber das waren ganz andere Tränen. Die, die den Schmerz wegwaschen und die Seele reinigen.

Die Zeit verging. Der Sommer wurde zum Herbst, dann kam wieder der Frühling. Und in unserem Dorf an der Elbe gab es eine Familie mehr. Nicht vom Papier her sondern im Herzen.

Eines Tages saß ich auf meiner Bank in der Sonne, Bienen summten im Kirschbaum. Da sah ich sie: Hans, Olga und Annemarie, Hand in Hand auf dem Weg zum Fluss. Annemarie plapperte, lachte – ihr Lachen wie helles Glockenklingen in der ganzen Straße.

Hans man hätte ihn nicht wiedererkannt! Die Schultern gerade, ein Leuchten in den Augen, und wie er auf Olga und sein Kind blickte, das war die stille, tiefe Freude von jemandem, der sein Glück gefunden hat.

Sie blieben bei mir stehen.

Guten Tag, Frau Semmler, sagte Hans. So herzlich, da konnte einem warm werden dabei.

Annemarie kam angelaufen und reichte mir einen Strauß Löwenzahn.

Für Sie!

Ich nahm die Blumen die Augen feucht vor Rührung. Ich schaute ihnen nach, mein Herz voller Freude. Seinen düsteren Anhänger, seine Schuld, hatte er endlich abgekoppelt oder vielleicht hatten ihm Liebe und Vertrauen geholfen, ihn loszulassen. Die Liebe eines Kindes, die Liebe einer Frau.

Sie gingen weiter zum Fluss. Und ich dachte, nun war dieser Fluss für sie kein Ort der Trauer mehr, sondern einfach ein Fluss. Wo man am Ufer sitzen kann, still an vergangene Zeiten denkt, und dem Wasser zusieht, wie es alles Schwere davonträgt.

Nun frage ich euch, meine Lieben, kann ein Mensch sich allein aus dem Sumpf des Kummers retten oder braucht es nicht doch eine helfende Hand, die ihn herauszieht?

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Homy
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Traumfänger