Eine Frau, nennen wir sie Heike, war auf dem Weg zu ihrer alten Freundin. Diese Freundin, Anneliese (aber alle nannten sie Anni), war zum zweiten Mal verheiratet. Ihr erster Mann war ein Klassiker deutscher Fehlgriffe: Bierliebhaber, Schreihals, und schließlich abgehauen mit einer anderen und dem Familien-Kühlschrank unterm Arm. Alles in allem ziemlich deprimierend. Heike war in jener Zeit immer für Anni da gewesen, hatte tapfer mit Taschentüchern gewedelt und jede Menge Schokolade angeschleppt. Wofür sind Freundinnen denn sonst da, oder?
Dann gingen zehn Jahre ins Land. Und siehe da Anni lernte einen anderen kennen! Diesmal einen richtigen Mann von Welt: Dr. Martin Schneider, Bildungsbürger erster Klasse, angesehener Abteilungsleiter, kurzum das ganze Gegenteil vom ersten Loser. Heike freute sich wirklich aufrichtig für ihre Freundin. Und heute war der Tag: Sie besuchte die beiden zum ersten Mal in ihrer neuen Wohnung im gepflegten Vorstadtrand von München. Natürlich brachte sie einen Schwarzwälder Kirschtorte mit. Und ein paar Geschenke schließlich ist ein neues Zuhause ja fast wie eine neue Nationalmannschaft im Finale.
Heike bestaunte das renovierte Wohnzimmer, sehr schick alles, richtig mit Einbauregal und Parkett, wie aus dem Katalog. Dann saßen sie am Tisch, tranken Tee (richtigen Tee, nicht diesen Pseudo-Kaffee) und futterten Torte. Martins Humor war wie seine Krawatten: scharf, ein bisschen schräg und nur mit guter Vorbildung verständlich. Leider bekam Heike auch ihren Anteil ab freundliche Seitenhiebe bezüglich ihres Horizontes (angeblich zu schmal wie ein Parkscheinautomat in Stuttgart), und dann die Bemerkung, dass in ihrem Kopf allerhand Kram von gestern rumliegt. Sie habe weder Murakami gelesen, noch von Pelevin gehört, und ihr Aberglaube sei wissenschaftlich gesehen reiner Unsinn.
Noch nicht genug der Komplimente? Er hatte auch was zu ihrem Haarschnitt (Retro), ihrer Figur (etwas üppig, wie er meinte), und ihrem Stil insgesamt (deutschlandweit bekanntes Designer-Outfit der 90er). Anni gluckste amüsiert vor sich hin und war mächtig stolz auf ihren schlagfertigen Ehemann.
Zum krönenden Abschluss erzählte Heike von ihrer Katze ausnahmsweise nicht von Büchern, sondern, um dem endlosen Bildungsquiz auszuweichen. Die Katze hatte sie nämlich von der Straße aufgeklaubt. Martin lächelte milde: Katzen seien Krankheitsüberträger und Leute, die herrenlose Tiere einsammeln, hätten wohl einen kleinen Knacks oder wenigstens unausgesprochene narzisstische Probleme. Anni kicherte erneut, besonders als er Beispiele von alten Jungfern mit zehn Katzen zum Besten gab.
Da wars um Heike geschehen, plötzlich kullerten die Tränen ziemlich peinlich, wie in einem Samstagabendfilm. Sie entschuldigte sich, murmelte was von Kopfschmerzen, verabschiedete sich hastig.
Ihr Kopf hämmerte wirklich, als hätte der Münchner Schäfflertanz auf ihr Trommelfell geübt. Dazu war ihr schrecklich kalt, obwohl draußen Sommer war. Sie schämte sich: für die Tränen, für den Aussetzer beim intellektuellen Smalltalk, für die Sache mit Murakami und dass sie von diesem blöden Traum erzählt hatte
Doch eigentlich, dachte sie auf dem Weg zur U-Bahn, müsste sich nicht sie schämen, sondern jemand ganz anderes. Leute, die ihre Freunde einladen und sie dann an Witzbolde verfüttern das ist der wahre Grund, sich zu schämen. Diejenigen, die öffentlich über ihre Lieblingsautoren sprechen und dann zulassen, dass andere Gift und Galle darüber spucken genau so sieht stiller Verrat aus. Wer sein Herz auf die Zunge legt und nicht verteidigt, wenn es andere zerreißen: das ist Verrat.
Heike konnte es nicht so formulieren; dazu hätte sie wohl mehr lesen müssen. Sie war keine Kunstfigur aus einem Philosophieseminar. Sie eilte nach Hause, zu ihrer Katze Lieselotte, die noch nie ein Buch in der Pfote gehalten und garantiert nie ironisch gelächelt hatte. Lieselotte rollte sich einfach neben sie aufs Sofa, schnurrte leise und machte keine scharfsinnigen Bemerkungen.
Heike hat Anni nicht mehr besucht. Bald gab es ohnehin keinen Grund mehr: Die schicke neue Wohnung wurde vor Gericht zerlegt, Martin war in allen Lebenslagen überdurchschnittlich energisch und tja überschlau. Es bleibt halt dabei: Wer für jemanden seinen Freund verrät, wird am Ende selbst verraten. Die Kette ist so sicher wie das Amen in der Kirche.
Und was hätte eigentlich gefehlt? Einfach das Witzeln auf Kosten anderer nett abstellen. Niemanden im eigenen Wohnzimmer unterschwellig beleidigen lassen. Vielleicht hätte Martin seine Frau dann sogar respektiert. Wer weiß?
Den Verräter respektiert man nie. Man verrät ihn einfach weiter.





