„Es ist mir peinlich, dich zum Bankett mitzunehmen“, murmelte Dennis, ohne vom Handy aufzusehen. „Do…

Mir ist es peinlich, dich zum Empfang mitzunehmen, murmelte Dennis und schaute nicht einmal vom Handy auf. Da sind halt Leute. Normale Leute.

Annegret stand mit einer Tüte Milch vor dem Kühlschrank. Zwölf Jahre Ehe, zwei Kinder. Und jetzt peinlich.

Ich ziehe das schwarze Kleid an, sagte sie. Das, das du selbst für mich ausgesucht hast.

Es geht nicht ums Kleid, er schaute sie nun endlich an. Es geht um dich. Du hast dich gehenlassen. Die Haare, das Gesicht du bist irgendwie na ja. Da wird Florian mit seiner Frau auftauchen. Sie ist Stylistin. Und du na, du verstehst doch.

Dann gehe ich halt nicht mit.

Na endlich. Sag ich halt, du hast Fieber. Niemand sagt ein Wort.

Er verschwand im Bad, während Annegret wie festgewurzelt in der Küche stehenblieb. Im Nebenzimmer schliefen die Kinder. Lukas war zehn, Frieda acht. Hypothek, Rechnungen, Elternabende. Annegret war förmlich in ihr Haus verschwunden, jetzt schämte sich ihr Mann für sie.

Meinst du, er hat noch alle Tassen im Schrank? entfuhr es ihrer Freundin und Friseurin, Birgit, als sie alles erzählte.

Peinlich, die eigene Frau auf einen Empfang mitzunehmen? Wer glaubt er eigentlich, wer er ist?

Lagerleiter. Wurde befördert.

Ach, und jetzt reicht seine Frau ihm plötzlich nicht mehr? Birgit füllte empört den Wasserkocher. Hör mir mal zu: Weißt du noch, was du vor den Kindern gemacht hast?

Ich war Lehrerin.

Nicht das. Du hast doch Schmuck gemacht. Aus Perlen! Ich hab doch noch deine Kette mit dem blauen Stein zuhause. Ständig werde ich gefragt, woher die sei.

Annegret erinnerte sich. Aventurin. Sie hatte die Schmuckstücke abends gemacht, damals, als Dennis sie noch bewunderte.

Das ist ewig her.

Und? Du kannst es wieder. Wann ist dieser Empfang?

Samstag.

Hervorragend. Morgen kommst du zu mir. Ich mache dir die Haare und Make-up. Ich ruf Ute an sie hat Kleider. Und den Schmuck holst du selber raus.

Aber Dennis hat doch gesagt

Ach, Dennis! Geh du hin. Er wird vor lauter Angst feuchte Hände kriegen.

Ute brachte schließlich ein auberginefarbenes, schulterfreies, langes Kleid mit. Anprobieren, anpassen, abstecken. Eine Stunde lang.

Für diese Farbe brauchts besonderen Schmuck, Ute überlegte. Silber? Nein. Gold? Auch nicht.

Annegret öffnete eine alte Schachtel. Ganz unten, in ein Tuch gewickelt, lag eine Kette mit passenden Ohrringen. Blauer Aventurin, handgefertigt. Vor acht Jahren gemacht, eigentlich für einen ganz besonderen Anlass der nie kam.

Das ist ja ein Kunstwerk! Ute blieb stehen. Hast du das selbst gemacht?

Ja, selbst.

Birgit zauberte eine weiche Welle ins Haar, unaufdringlich. Make-up dezent, aber wow. Annegret schlüpfte ins Kleid, legte den Schmuck an. Das Gestein fühlte sich kühl und schwer auf ihrer Haut an.

Jetzt schau dich an, Ute drehte sie sanft zum Spiegel.

Annegret ging näher. Im Spiegel sah sie nicht die Frau, die zwölf Jahre lang nur geputzt und Suppe gekocht hatte. Sie sah sich selbst wieder. Die, die sie mal gewesen war.

Restaurant an der Spree. Der Saal war voll Tische, Anzüge, Abendkleider, Musik. Annegret kam extra zu spät. Die Gespräche stoppten für ein paar Sekunden.

Dennis stand an der Bar, lachte gerade laut. Er sah sie und erstarrte. Annegret ging einfach vorbei, setzte sich elegant an einen Tisch ganz hinten. Rücken gerade, Hände in den Schoß.

Entschuldigung, ist hier noch frei?

Mann, vielleicht 45, grauer Anzug, kluge Augen.

Frei, bitte.

Oskar. Florians Geschäftspartner. Bäckereien. Und Sie, darf ich fragen?

Annegret. Ehefrau des Lagerleiters.

Er betrachtete sie und dann ihren Schmuck.

Aventurin? Das ist Handarbeit, das sehe ich. Meine Mutter sammelte Steine. So etwas findet man nicht oft.

Hab ich selbst gemacht.

Im Ernst? Oskar beugte sich interessiert zu ihr, musterte das Geflecht. Das ist schon große Klasse. Verkaufen Sie?

Nein, ich Hausfrau eben.

Seltsam. Mit solchen Händen sitzt man normalerweise nicht zu Hause.

Den ganzen Abend blieb er an ihrer Seite. Sie unterhielten sich über Steine, Kreativität und wie Menschen sich in Routine verlieren. Oskar lud sie zum Tanzen ein, brachte Sekt, lachte viel. Annegret bemerkte, dass Dennis sie von seinem Tisch aus anstarrte. Dessen Gesicht wurde minütlich finsterer.

Beim Hinausgehen begleitete Oskar sie bis zum Auto.

Wenn Sie wieder Schmuck machen, melden Sie sich, Annegret, er drückte ihr seine Visitenkarte in die Hand. Ich kenne Leute, die sowas wirklich brauchen.

Annegret nahm die Karte und nickte.

Zu Hause hielt Dennis keine fünf Minuten durch.

Was hast du da eigentlich abgezogen? Den ganzen Abend mit diesem Oskar! Alle habens gesehen, meine Frau hängt sich an einen fremden Kerl!

Ich habe nicht gehangen. Ich habe geredet.

Geredet! Du hast dreimal mit ihm getanzt. Dreimal! Florian hat gefragt, was da abging. Das war mir peinlich!

Dir ist ja immer alles peinlich, Annegret zog die Schuhe aus. Peinlich, wenn du mit mir weggehst, peinlich, wenn Leute mich anschauen. Gibt es überhaupt irgendwas, das dir nicht peinlich ist?

Halt den Mund. Du glaubst, nur weil du eine Lumpenhülle anhast, bist du jetzt was Besseres? Du bist nichts. Hausfrau. Hängst auf meinem Nacken, gibst mein Geld aus, und jetzt spielst du hier die Diva.

Früher hätte sie geweint, sich ins Bett verzogen, zur Wand hin. Doch diesmal knackte irgendetwas in ihr. Oder besser: es klickte richtig.

Schwache Männer fürchten sich vor starken Frauen, meinte sie leise und fast gelassen. Du bist unsicher, Dennis. Du hast Angst, dass ich merke, wie klein du wirklich bist.

Raus hier mit dir!

Ich reiche die Scheidung ein.

Er schwieg. Sah sie an zum ersten Mal nicht zornig, sondern ratlos.

Wohin willst du mit zwei Kindern? Von deinen Perlenketten kannst du doch nicht leben.

Doch, kann ich.

Am nächsten Morgen zog sie die Visitenkarte hervor und telefonierte.

Oskar ließ sich Zeit. Sie trafen sich in Cafés, organisierten geschäftliches. Oskar kannte eine Galeristin für Unikate. Er erzählte ihr, dass Handarbeit gefragt sei, die Leute hätten Papplampen einfach satt.

Sie sind talentiert, Annegret. Wenn Geschmack und Können zusammenkommen, das ist selten.

Annegret arbeitete nachts. Aventurin, Jaspis, Karneol. Colliers, Armbänder, Ohrringe. Oskar holte die Stücke ab, lieferte sie an die Galerie. Nach einer Woche rief er an alles verkauft. Die Bestellungen wurden mehr.

Weiß Dennis davon?

Wir reden eigentlich gar nicht mehr.

Und die Scheidung?

Habe einen Anwalt. Es läuft.

Oskar half. Ohne Kitsch, ohne heldenhafte Gesten. Kontakte, Tipps, half ihr eine Wohnung zu finden. Als sie ihre Koffer packte, stand Dennis im Türrahmen und lachte.

Dir geb ich eine Woche. Dann kriechst du zurück.

Sie schloss nur den Koffer und ging.

Ein halbes Jahr. Zwei-Zimmer-Wohnung am Stadtrand, Kinder, Arbeit. Die Aufträge sprudelten. Die Galerie schlug eine Ausstellung vor. Annegret eröffnete eine Insta-Seite, lud Fotos hoch, immer mehr Follower.

Oskar besuchte sie, brachte Bücher für die Kids, rief an. Drängte nicht, tauchte nicht in ihre Gefühlswelt. War einfach da.

Mama, magst du ihn? fragte Frieda eines Abends.

Ja, mag ich.

Wir auch. Er schreit nie.

Nach einem Jahr machte Oskar einen Antrag, ganz ohne Romantik-Show. Beim Abendessen einfach:

Ich möchte, dass ihr bei mir seid. Ihr drei.

Annegret war bereit.

Zwei Jahre später.

Dennis schlurfte durch ein Einkaufszentrum. Nach seiner Kündigung war er Lagerarbeiter geworden Florian hatte von seinem Benehmen Wind bekommen und ihn nach drei Monaten gefeuert. Jetzt: Untermiete, Schulden, Einsamkeit.

Da sah er sie vorm Juweliergeschäft.

Annegret im hellen Mantel, perfekt frisiert, die Aventurin-Kette am Hals. Oskar nahm sie bei der Hand. Lukas und Frieda lachten, redeten aufgeregt.

Dennis blieb an der Scheibe stehen. Sah zu, wie sie ins Auto einstiegen. Wie Oskar ihr die Tür öffnete. Wie sie lachte.

Dann blickte er auf sein Spiegelbild im Schaufenster: Abgetragene Jacke, graues Gesicht, leere Augen.

Er hatte seine Königin verloren. Und sie hatte gelernt, ohne ihn zu leben.

Und das war seine gerechte Strafe zu spät zu begreifen, was er eigentlich hatte.

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Homy
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„Es ist mir peinlich, dich zum Bankett mitzunehmen“, murmelte Dennis, ohne vom Handy aufzusehen. „Do…
Wussten Sie schon, dass Ihr Mann eine Geliebte hat?