Warum bist du wieder hier? Meine Mutter hielt die Haustür leicht geöffnet. Was soll ich denn jetzt den Nachbarn erzählen? Für mich bist du keine Tochter mehr. Kaum hatten die Leute aufgehört zu lästern, konnten dein Vater und ich ein halbes Jahr lang nicht mal in den Laden gehen. Warum bist du überhaupt zurückgekommen? Sag schon?
Wer ist da, Gisela?
Deine älteste Tochter ist zurück.
Annemarie?
Mein Vater öffnete die massive Holztür, sodass die Scharniere klirrten.
Er musterte seine Tochter von oben bis unten. Annemarie wurde ganz unwohl.
Geh hin, wo du willst. Ich will dich nicht sehen. Und dann kommst du auch noch hochschwanger.
Annemarie schwieg, schaute mit hoffnungsvollem Blick unter ihrem dunklen Pony hervor. Sie dachte, die Eltern würden sie vielleicht doch bemitleiden und hereinlassen. Sie hatte einfach keinen anderen Ausweg mehr. Schwanger hatte sie ihre Anstellung verloren. Die Miete für das kleine Zimmer bei einer älteren Dame konnte sie nicht mehr zahlen. Kein Geld, kein Dach über dem Kopf und niemand wollte wissen, wie es ihr ging. Sie bekam richtig Angst.
Annemarie verließ die Veranda, blieb stehen und fasste sich an den Bauch.
Du wirst sie nicht erweichen, sagte die Mutter und wandte sich ab.
Der Vater schloss die Tür.
Annemarie verklemmte sich ganz, um nicht loszuweinen. Sie hielt sich zusammen. Das Kind in ihrem Bauch strampelte, merkte wohl ihren Kummer. So kam sie also nach Hause zurück
Der Schnee knirschte unter ihren Stiefeln, als wolle er sie bemitleiden. Annemarie schloss leise das Gartentor hinter sich und warf einen letzten Blick auf die erleuchtete Küche. Die Gardinen waren zugezogen.
Im kleinen Laden des Dorfes war es warm. Annemarie trat ein und sah sich um. Alles wie immer. Rechts der Tresen mit Tante Gerda, die Verkäuferin, links zwei Glasvitrinen und ein altmodischer, blau gestrichener Schrank mit Schloss.
Ein Brot bitte, Annemarie legte das Geldstück auf den Tresen.
Ah, man sieht dich auch mal wieder!
Annemarie hob den Kopf nicht, wiederholte nur:
Das Brot bitte.
Ja, hier, nimm schon. Wobei ich das aus rein menschlicher Sicht eigentlich gar nicht müsste. Aber mein Geschäft na ja.
Gerda gab ihr das Brot. Sie wollte noch was sagen, als eine junge Nachbarsfamilie hereinkam. Annemarie versuchte, das Brot zu verstauen aber der Laib war frisch und groß und wollte einfach nicht in die Tasche passen.
Die Verkäuferin begann gleich, die neue Kundschaft über Annemarie zu informieren und wies dabei mit dem Kopf in ihre Richtung, aber Annemarie hörte eh schon kaum noch zu und schlüpfte eilig hinaus.
Es begann wieder zu schneien, der Wind war abgeflaut. Annemarie brach vom Brot ein Stück ab und schloss die Augen. Wenigstens ein Problem weniger.
Hinter dem Laden lehnte sie sich erschöpft an die Wand, brach sich stückchenweise das Brot ab und genoss den vertrauten Duft nach Zuhause, nach Kindheit, nach Glück
Annemarie? hörte sie eine Stimme direkt vor sich.
Sie öffnete die Augen und war überrascht.
Grüß dich, Annemarie senkte den Blick auf das Brot, als sie in der älteren Dame Frau Martha, die Großmutter ihres ehemaligen Freundes, erkannte.
Was versteckst du dich denn hier?
Der Blick der alten Frau, gehüllt in Lammfell und dicken Schal, wanderte nach unten.
Ich hab kein Zuhause mehr, meine Eltern haben mich rausgeworfen.
Und da, nickte die Frau, konntest du auch nicht bleiben?
Annemarie zuckte mit den Schultern.
Komm mit, sagte die Frau schlicht, ohne weiter zu fragen.
Sie stützte sich auf den Stock und ging langsam los.
Annemarie stand kurz unschlüssig, dann folgte sie. Eigentlich dachte sie an nichts mehr sie war einfach nur müde von diesem Tag.
Das kleine Haus ganz am Dorfrand hatte Annemarie nur zwei- oder dreimal gesehen, als sie mit ihrem Freund Thomas zum Feld gerannt war zu ihrem geheimen Lieblingsplatz. Damals hatte Thomas gewunken und gerufen:
Oma, hallo! Morgen schau ich nochmal rein.
Guten Tag, hatte Annemarie höflich genickt.
Frau Martha hatte Annemarie nur ein paar Mal gesehen, sich ihren Namen aber gemerkt. Wie könnte sie das auch vergessen nach allem, was geschehen war? Jetzt hätte Annemarie alles dafür gegeben, die Zeit zurückzudrehen. Den ganzen Scham und Kummer abschütteln und einfach wieder als junges, sorgloses Mädchen seine Nähe spüren, seine Lippen auf ihren
Warum sich Sebastian in der neunten Klasse überhaupt für Annemarie interessiert hatte, wusste sie bis heute nicht. Sie war weder besonders hübsch, noch auffällig, nicht mal die Beste in der Schule.
Aber er war dennoch aufmerksam. Und wie willst du da ablehnen? Es ist schön, wenn man jemandem gefällt. Sebastian war glücklich trug Annemarie die Schultasche, brachte sie nach Hause. Aus Freundschaft wurde Liebe. Sie sprachen schon vom Heiraten.
Die Eltern nickten und waren sogar einverstanden.
Wenn Sebastian vom Wehrdienst zurück ist, dann können wir reden.
Insgeheim begann man schon, Vorräte anzulegen.
Mit Thomas hatte Annemarie sich zufällig getroffen. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel.
Es war ein heißer Maitag. Annemarie kam gerade von der Stadt zurück, wegen Einschreibung an der Uni. Sebastian war nicht mitgekommen, half daheim. Die Straße vom Bus ins Dorf nur ein paar Kilometer durchs Feld.
Kaum war sie ausgestiegen, donnerte es hinter ihr. Annemarie erschrak, hielt sich schützend die Hände über den Kopf.
Eine finstere Wolkenwand rückte rasch heran. Regen schlug laut auf dem Feldweg auf. Keine Häuser weit und breit, nur Grün. Panisch kramte Annemarie eine Tüte hervor, steckte die Sandalen hinein und zog sich den Beutel als Schutz über den Kopf.
Die Tropfen kamen näher. Sie hörte schon das Prasseln hinter sich und dann stand sie mitten im Regen. Plötzlich spürte sie eine fremde Hand an ihrem Arm.
Ein Wagen hatte neben ihr gehalten. Ein junger Mann rief über das Prasseln der Tropfen hinweg:
Ich hab dir doch schon zigmal gehupt! Na komm schon, steig ein, sonst wirst du noch klatschnass!
Annemarie war vollkommen durchgeweicht.
Der junge Mann zog sich das Shirt aus, reichte ihr einen Pullover aus dem Rücksitz.
Keine Angst, ich bin auch aus Neudorf erinnerst du dich gar nicht? Ich bin der Sohn von den Köhlers, Thomas. Er wickelte sie fürsorglich in seinen Pullover.
Gleich bist du wieder aufgewärmt. Ich hab noch irgendwo eine Jacke rumfliegen, die ist aber schmutzig Kommst du auch vom Bus?
Ja.
Ich war noch in der Stadt, Ersatzteile holen. Na, warum zitterst du denn so? Er berührte sie vorsichtig am Arm. Vertrau mir.
Wie heißt du eigentlich?
Annemarie.
Annemarie, das klingt schön
Wieso fahren wir denn nicht los?
Das Unwetter ist direkt überm Dorf. Wenn ich gleich losfahre, fahren wir nur durch Regen. Ich warte einen Moment.
Annemarie nickte er hatte recht. Sie schämte sich ein bisschen, so nass und durchgefroren.
Sie kamen ins Gespräch. Thomas half seinem Vater auf dem Hof, die Mutter war schon verstorben, als er noch zur Schule ging. Er hatte den Einstieg ins Studium verpasst und arbeitete jetzt vollzeitig. Warum groß nachdenken?
Kurz vorm Haus verabschiedete er sich mit einem Lächeln.
Annemarie lächelte zurück.
Sie sprachen, als kannten sie einander seit Ewigkeiten. Ganz anders als mit Sebastian. Bei Sebastian war nie diese Wärme, dieses Knistern, wenn er sie umarmte oder küsste.
Den ganzen Abend schwebte Annemarie vor Glück.
Die Mutter bemerkte das Lächeln ihrer Tochter, verstand jedoch nichts davon. Nach jedem Auto lauschte Annemarie nun, ob Thomas wohl vorbei käme. Sie wollte ihn unbedingt wiedersehen.
Sebastian kam abends vorbei. Doch Annemarie konnte ihn nicht mal ansehen. Irgendwann fasste sie sich ein Herz und sagte, dass es besser sei, sich zu trennen.
Was soll das? Sebastian starrte sie an.
Du gehst bald zum Bund, ich werde studieren. Lass uns Freunde bleiben, vielleicht trifft uns das Leben nochmal dann können wir heiraten, erklärte sie.
Aber das geht doch nicht! Wer wartet denn dann auf mich?
Wozu denn überhaupt?
Ich bin seit der neunten Klasse in dich verliebt und jetzt das!
Annemarie brach das Gespräch ab und ging ins Haus. So wütend hatte sie Sebastian noch nie erlebt. Seine Augen machten ihr sogar Angst.
Am nächsten Tag standen Sebastians Eltern bei ihnen vor der Tür. Es gab einen riesigen Streit, Sebastians Mutter schrie das ganze Haus zusammen, beschuldigte sie und alle anderen. Annemarie hielt es im Hof nicht mehr aus und schlich sich über die Felder zum Wald.
Sie ging sehr lange umher, bis sie an die Straße zum Nachbardorf kam.
Annemarie, Annemarie! hörte sie ihren Namen.
Thomas winkte ihr zu.
Sie blieb kurz stehen, dann lief sie ihm entgegen.
Ich hab dich schon aus der Ferne gesehen. Soll ich dich mitnehmen?
Nein, daheim gibts nur noch Streit Ich hab Schluss gemacht mit Sebastian. Ich kann nur noch an dich denken.
Und ich an dich. Seit jenem Tag gehts mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich hab nur nicht gewagt, zu dir zu kommen ich hörte, dass ihr bald heiraten wollt.
Es wird keine Hochzeit geben.
Er lehnte sich zu ihr und küsste sie vorsichtig, liebevoll.
Sie standen lange einfach da, sicher, dass alles gut werden würde. Erst nachts kehrte Annemarie zurück, als die Mutter das Licht in der Küche löschte.
Was hast du nur getan, Kind? Drei Jahre ward ihr zusammen, und jetzt das? Wie konntest du nur? schimpfte die Mutter am nächsten Morgen.
Ich liebe einen anderen. Dieses Mal wirklich, sagte Annemarie entschlossen.
Was?! Auch der Vater mischte sich ein. Ich bring dich schon noch auf andere Gedanken. Bis zu den Prüfungen bleibst du im Haus.
Doch Annemarie ließ sich nicht mehr einsperren.
Sie traf Thomas, wann immer sie konnte, meist heimlich am versteckten Platz. Irgendwann kam es heraus, der Dorfklatsch sprach sich schnell herum. Einer erzählte Sebastian davon.
Zwischen den Jungen kam es zum Streit. Die Leute beobachteten, wie sie sich am Hang der kleinen Dorfwiese rangelten.
Plötzlich rutschte Thomas, stolperte, versuchte sich zu fangen und fiel den Abhang hinunter, ins Wasser.
Sebastians Vater, der eben hinzugekommen war, sprang erschrocken hinterher und zog ihn aus der Strömung.
Annemarie, lauf schnell zur Wiese, Thomas und Sebastian haben sich geprügelt, Thomas ist im Bach, sie sagen, es ist schlimm, rief ihre Klassenkameradin Helene ganz aufgeregt.
Annemarie ließ die Gießkanne stehen und lief los. Viele waren schon am Ufer versammelt.
Rettung ist schon verständigt, hörte sie.
Da kann man wenig tun, jetzt gibts für Sebastian richtig Ärger
Als sie ankam, fuhr der Wagen schon mit Thomas und seinem Vater Richtung Krankenhaus.
Annemaries Knie wurden weich, sie setzte sich einfach ins Gras. Sie konnte nicht mehr.
Alles wegen deiner blöden Liebe?! Meinen nehmen sie jetzt mit, den anderen gibts nicht mehr! Sebastians Mutter stand schluchzend über Annemarie.
Nein, nein, war alles, was Annemarie sagen konnte.
Sie kehrte heim, warf sich aufs Bett.
Was hast du bloß angerichtet?! Die Mutter stürmte ins Zimmer, war außer sich. Was wird jetzt aus uns?
Sie rannte aus dem Haus, und Annemarie blieb kaum Zeit zum Nachdenken. Sie packte in aller Eile ihr Hab und Gut, ein paar Papiere, etwas Bargeld und verließ das Dorf. Schon eine Stunde später saß sie im Bus Richtung Stadt
In das kleine Haus am Dorfrand kehrten Annemarie und Frau Martha zurück, als es bereits dunkel wurde. Der erste Schnee lag bereits.
Die Beine machen bei diesem Wetter wieder Probleme, sagte die Alte und setzte sich am Eingang auf die Bank, um die Stiefel auszuziehen.
Ich helfe Ihnen, bot Annemarie an und wollte sich bücken.
Nein, danke. Sonst werde ich nur noch fauler und sitz eines Tages nur noch rum. Bewegung hält jung. Wie weit bist du eigentlich schon?
Im Februar ist es soweit.
Bald also Von Thomas das Kind? fragte Martha sie direkt.
Annemarie wich ihrem Blick nicht aus. Ja.
Sicher?
Ganz sicher.
Gut. Ich bereite das Gästebett vor, morgen sehen wir weiter.
Das Häuschen bestand nur aus zwei kleinen Zimmern. Annemarie erinnerte sich an den Duft von Hefe die Brötchen von Thomas Großmutter.
Einschlafen konnte Annemarie lange nicht, bis sich plötzlich die alte Katze auf ihr Bett schlich, sich direkt an ihren Bauch legte und nicht weichen wollte. Erst dann schlief Annemarie endlich ein.
Am Morgen wachte sie vom Duft von frischem Hefeteig auf.
Möchtest du Brötchen mit Marmelade oder mit Weißkohl?
Marmelade bitte, sagte Annemarie und fasste sich automatisch an den Bauch.
Thomas hat nie gesagt, wie du heißt Ich heiße Martha, Annemarie.
Sehen Sie, bald ist es soweit, lächelte Martha, als sie aus der Küche lugte. Ich wette, das kleine Mädchen will früher raus.
Warum Mädchen? entfuhr es Annemarie.
Das spür ich im Herzen
Eine Woche später, wie angekündigt, setzten plötzlich die Wehen ein. Früh am Morgen brachten sie sie ins Krankenhaus, und mittags war die kleine Tochter geboren.
Danke, Annemarie, sagte Martha lächelnd und betrachtete das Baby.
Wofür bedanken Sie sich denn noch?
Für die Wahrheit. Es ist Thomas Mädchen. Ich weiß es genau, schon am kleinen Zeh auf dem linken Fuß. Auch der ist so wie bei ihm damals. Er wird sich freuen.
Wer?
Na, Thomas.
Wie meinen Sie das? Annemarie setzte sich im Bett auf.
Genau so. Ich sags ihm morgen.
Er lebt?! Thomas lebt?! Annemarie brach in Tränen aus.
Das wusstest du nicht, Kind? Ach, komm her. Ja, er ist schwach, aber er lebt! Martha schloss sie in die Arme.
Ich muss zu ihm, Martha! Sonst halte ich es keine Sekunde aus. Ist er im Dorf?
Natürlich Aber bleib erst noch liegen, denk an dein Kind. Ihr braucht beide Ruhe, sonst riskierst du die Milch. Jetzt weißt du, dass er in Sicherheit ist. Er läuft dir nicht mehr davon, glaubs mir, lachte Martha.
Annemarie konnte kaum aufhören zu weinen.
Wenig später fuhr sie mit ihrer Tochter ins Dorf zurück. Martha kam eines Tages mit Thomas Vater zum Haus.
So, da sind sie! Schau, Katharina Thomas, klingt das schön?
Thomas Vater schaute Annemarie nicht an sondern nur das Baby. Dann lächelte er warm.
Hast du sie auf Thomas eingetragen? fragte er.
Natürlich. Schau dir den kleinen Zeh an! rief Martha stolz.
Danke, Annemarie. Für meine Enkelin. Thomas weiß noch gar nichts Sollen wir los?
Ich bin bereit.
Deine Eltern haben übrigens gefragt, ob sie kommen dürfen, sagte Martha noch nebenbei.
Später irgendwann, jetzt noch nicht.
Mehrmals blieb Annemarie vor der Schwelle stehen.
Thomas Vater ging zuerst ins Haus, zog die Schuhe aus, nahm das Baby auf den Arm und nickte zur Tür.
Annemarie trat langsam ein; die Beine zitterten. Sie sah ihn er lag bei offener Decke im Bett, das Licht vom Fenster schimmerte über sein Gesicht.
Thomas flüsterte sie und öffnete die Arme.
Und er kam ihr entgegen, lächelte. Sie schlang die Arme um ihn und begann wieder zu weinen.
Na, Papa, da hast du deine Tochter.
Was?! Meine Tochter?
Ja, deine, sagte der Vater mit Stolz. Katharina Thomas. Klingt gut, oder?
Martha und Thomas Vater gingen in die Küche und nahmen die Kleine mit. Annemarie setzte sich zu Thomas ans Bett und atmete endlich auf.
Ich wusste nicht, dass du noch lebst Niemand hat mir was gesagt. Aber jetzt geh ich nirgendwo mehr hin.
Bleib bei mir. Ich bin so glücklich du bist da, meine Tochter ist da
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