Papa, nicht wegbringen! schluchzt die siebenjährige, jüngste Tochter, Gretchen, mit einer von Tränen geröteten Nase. Du darfst Mimi nicht abgeben, sie gehört doch zu uns!
Deine Mimi, knurrt der Vater und reißt abrupt am Lenkrad, macht überall hin! Überall! Im Flur, neben dem Kaminofen, und gestern hat sie sogar in deine Schuhe gemacht. Dorthin, wo sie soll, geht sie einfach nicht. Was soll ich denn noch machen?
Aber Papa
So kommt es. Michael Steinmann startet den alten weißen Lada, der mit Rostflecken an den Kotflügeln übersät ist. Auf dem Rücksitz jault Mimi ihre rotgetigerte Katze leise und jämmerlich aus einem engen Pappkarton.
Papa, bitte! ruft Gretchen weinend, die kleinen Finger fest um die Gartenpforte gekrallt, während der ramponierte Lada langsam um die Kurve verschwindet.
Es ist ein feuchter, grauer Herbsttag. Der Himmel hängt schwer und tief über dem Dorf bei Coburg. Der Wind zerrt an Gretchens Zöpfen, rüttelt am geblümten Baumwollkleid.
Gretchen, schau dass du reinkommst! Du wirst noch krank! ruft Mutter Anna Steinmann besorgt aus dem Küchenfenster. Was stehst du da wie festgenagelt?
Gretchen bleibt stehen. Die Tränen laufen ihr heiß über die Wangen.
Mimi Ihre Mimi Rot, mit weißen Pfötchen und flauschigem Bauch. Abends hat sie auf Gretchens Knien geschnurrt und sich zusammengerollt am warmen Ofen. Jetzt ist sie fort
Im Haus riecht es nach gedünstetem Kohl und Hefegebäck Anna bereitet gerade Piroggen zu. Die älteren Kinder Peter (dreizehn), Liese (elf) und Johannes (neun) sitzen scheinbar fleißig über ihren Schulheften.
Tatsächlich tut nur jeder so. Peter kritzelt gedankenverloren mit dem Füller, ohne hinzusehen. Liese hat sich hinter ihrem Deutschbuch versteckt, ihre roten Augen sagen alles. Johannes, sonst immer der Lauteste, ist still und knabbert am Bleistift.
Immer dasselbe! ruft Peter plötzlich, schmeißt verärgert den Füller auf den Tisch. Vater entscheidet einfach und fragt keinen!
Ruhiger! fährt ihn Anna an, während sie Teig knetet. Vater weiß schon, was er tut. Drei Katzen sind eh zu viel. Minka und Max benutzen ihr Klo wenigstens. Aber eure Mimi
Sie hätte es lernen können! ruft Liese mit tränenerstickter Stimme. Wir hätten es ihr beigebracht!
Wer denn? lacht die Mutter traurig. Ich? Ich hab genug zu tun: Kühe, Schweine, Garten, und euch! Und dann noch eine Katze mit Prinzessinnenallüren!
Wir hätten das schon geschafft! erwidert Liese. Ganz bestimmt!
Zu spät, sagt Anna kurz angebunden.
Leise kommt Gretchen herein und setzt sich ans Fenster. Sie schaut hinaus durch den Regen auf das triste Dorf: graue Häuser, schwarze Stoppelfelder.
Mama Meinst du, sie kommt zurück? fragt sie mit leiser Stimme.
Anna seufzt schwer.
Ich weiß es nicht, mein Kind Ich weiß es nicht
…
Eine halbe Stunde später fährt Michael zurück. Er hängt die nasse Jacke an den Haken und geht wortlos in die Küche, die Kinder meidet er mit dem Blick.
Na, wie ist es gelaufen? fragt Anna.
Abgegeben. Im Nachbardorf bei den Schmids gelassen, die wollen sich kümmern, sagen sie.
Ist es weit weg? fragt Johannes.
Fünf Kilometer vielleicht. Oder mehr, brummt der Vater.
Sie wird sicher nie zurückkommen, flüstert Liese.
Und das ist auch besser so, antwortet Michael eiskalt. Jetzt ist Schluss mit dem Thema. Lass den Tee einschenken, mir ist kalt.
Anna stellt ihm ein Glas Tee und einen Teller Nudeln mit Soße hin. Michael schlingt schweigend, zuckt gereizt die Schultern. Die Kinder sitzen um den Tisch, aber niemand isst. Nur die Blicke in ihre Teller, als läge darin etwas Schweres und Ungenießbares.
Spätabends, als alle schlafen, wälzt Gretchen sich im Bett herum. Sie teilt sich das breite, durchgelegene Bett mit Liese; draußen prasselt der Regen. Sie hört das Knarren im Gebälk, irgendwo bellt ein Hund im Dorf.
Liese, schläfst du? flüstert sie.
Nein, flüstert Liese zurück.
Mimi kommt sicher zurück. Ganz bestimmt. Sie findet den Weg nach Hause.
Sag doch sowas nicht. Wie soll sie den Weg finden? Papa hat sie so weit weggebracht. Fünf Kilometer! Für eine kleine Katze wie sie ist das eine halbe Weltreise.
Aber Mimi ist schlau. Sie schafft das!
Liese schweigt. Dreht sich zur Wand. Und Gretchen liegt lange wach und flüstert, wie Oma es ihr beigebracht hat: Lieber Gott, beschütze Mimi. Lass sie nach Hause finden. Bitte
…
Unterdessen sitzt Mimi bei den Schmids im Nachbardorf unter dem alten Kachelofen, eng zusammengekauert. Die alten Leute sind freundlich: Milch, Futter und ein paar Streicheleinheiten. Aber Mimi bleibt stumm, reibt sich an keine Hand. Sie bleibt eine Fremde im fremden Haus.
Wo ist ihr Zuhause? Wo sind Gretchen, Liese, Johannes, Peter? Wo ist Anna, die ihr manchmal heimlich Wurst vom Tisch gab? Wo die vertrauten Düfte von Ofen, Heu und warmer Milch?
Hier riecht es anders. Die Stimmen klingen fremd. Ein riesiger grauer Kater lebt dort, der knurrt, sobald Mimi sich der Schale nähert.
Sie wartet. Bis zum Morgen. Dann öffnet die Bäuerin die Tür, um zu den Hühnern zu gehen Mimi schießt hinaus.
Mensch, wohin denn? ruft Frau Schmid.
Aber die Katze rennt durch den Garten, über den Zaun, hinaus auf die Straße. Sie läuft und läuft, bis sie das Dorf hinter sich gelassen hat, mitten durch das nasse Herbstfeld.
Der Regen lässt nicht nach. Seit dem frühen Morgen prasselt er kalt und unbarmherzig. Mimis rotgetigertes Fell klebt an ihrem Körper, die Pfoten rutschen im Matsch, die Krallen schmerzen.
Sie weiß eigentlich nicht, wohin sie läuft. Doch etwas in ihr brennt stur und zäh ein uralter Instinkt, der ihr sagt: Nur weiter Nicht aufgeben
Ein Tag vergeht. Mimi versteckt sich unter einem alten, zusammengefallenen Heuschober. Zittert vor Kälte, der Magen krampft vor Hunger. Sie versucht, eine Maus zu fangen zu langsam, die Maus verschwindet ins Loch. Dann trinkt sie gierig kaltes Regenwasser aus einer Pfütze, das feucht und bitter riecht.
Am zweiten Tag erreicht sie die Straße. Kaputter Asphalt, lauter Schlaglöcher, wenige vorbeirasende Autos, die Dreck spritzen. Mimi hinkt den Rand entlang, stürzt, steht wieder auf, läuft weiter.
Nachts findet sie einen verlassenen Unterstand. Morsche Bretter und Mausegeruch. Sie fängt eine Maus und verschlingt sie hastig. Wenigstens das tut gut.
Am dritten Tag fallen die ersten Flocken nasser Schnee, der auf dem Fell liegen bleibt. Die Katze hinterlässt dunkle Spuren im weißgrauen Matsch. Die Ballen schmerzen, sind aufgerieben bis aufs Rosa. Doch Mimi hält durch.
Weil irgendwo dort vorne das Zuhause ist. Dort sind die Kinder, die warme Ecke am Ofen und Anna, die schimpfen konnte, aber heimlich immer streichelte.
Am vierten Tag sieht sie die bekannte Birkenallee. Mimis Herz schlägt wild. Sie wird schneller, läuft beinahe. Ja! Das ist der Birkenwald, wo die Kinder im Sommer Pilze sammelten und Gretchen Blumenkränze flocht.
Am fünften Tag erreicht sie den Fluss. Schmal, aber eisig. Mimi setzt über und kämpft sich zitternd ans Ufer.
Am sechsten Tag kommt der Husten. Die Nase läuft, der Atem rasselt. Trotzdem gibt sie nicht auf.
Und dann, am siebten Morgen, sitzt Mimi schmutzig, klatschnass und völlig erschöpft vor dem Gartentor. Sie miaut, leise und heiser. Niemand hört sie. Also miaut sie ein zweites Mal, diesmal lauter.
Plötzlich öffnet sich die Tür. Gretchen rennt heraus barfuß, im Nachthemd.
Miiiiimi! schreit das Mädchen, wirft das Tor auf und drückt die Katze an sich. Mama! Papa! Alle her! Sie ist da! Sie hat es geschafft! Sie ist zurück!
Nach und nach kommen die anderen Kinder Liese, Johannes, Peter. Anna trocknet sich die Hände am Schürzenzipfel, beugt sich besorgt zu Mimi.
Du liebe Güte, die ist ja völlig abgemagert und die Nase läuft Sie hat sich erkältet, sagt sie leise.
Mama, wir müssen sie gesundpflegen, bittet Liese.
Wie denn? Anna schüttelt den Kopf. Wer ruft schon den Tierarzt für eine Katze? Der kommt doch nur für Kühe und Schweine. Katzen schaffen das allein.
Aber Mama!
Schon gut, hört auf zu klagen, winkt Anna ab. Wärmt ihr Milch auf, sucht ein Tuch. Wir kümmern uns.
Michael kommt an die Tür, bleibt stehen, starrt auf die kleine Katze in Gretchens Armen.
Also hat sie den Weg gefunden murmelt er.
Papa, sie ist die fünf, vielleicht sechs Kilometer allein gelaufen! Kannst du dir das vorstellen? ruft Peter.
Vater sagt nichts. Dreht sich einfach um und verschwindet ins Haus.
…
Mimi wird ins Warme gebracht, auf ihr altes Plätzchen am Ofen gelegt. Gretchen bringt ihr frische, warme Milch. Mimi trinkt so gierig, dass sie sich die Schnurrhaare vollkleckert. Liese tupft sie vorsichtig sauber, bemüht, keine Schmerzen zu bereiten.
Die Pfötchen sind ja offen flüstert Liese mit erstickter Stimme. Mama, schau doch
Anna setzt sich, untersucht das Tier.
Ach du meine Güte, du Arme seufzt sie. Johannes, hol mal das Desinfektionsmittel. Liese, bring den Verband. Wir verbinden das.
Und was machen wir gegen den Schnupfen? fragt Gretchen.
Gegen Schnupfen murmelt Anna. Wir versuchen es mit Kamillentee. Tante Gerda kennt sich da aus, sie weiß immer Rat. Hauptsache, wir halten sie warm und füttern sie gut. Dann wird das schon.
Von da an kümmern sich die Kinder um Mimi wie um ein Baby. Gretchen weicht nicht von ihrer Seite, streichelt sie und flüstert leise. Liese kocht Hühnerbrühe für die Katze. Johannes findet eine alte Wolldecke, breitet sie am Ofen aus. Peter werkelt mit Holz und Nägeln.
Was machst du? fragt Liese.
Ein Klo, murmelt Peter. Damit Mimi endlich lernt, wie es richtig geht. Wir bringen ihr das bei.
Meinst du, das klappt?
Wir schaffen das.
Eine Woche ist Mimi krank; niest, schnauft, die Augen tränen. Doch die Kinder geben nicht auf: Kamillentee, warme Milch, Streicheleinheiten.
Und langsam wird Mimi wieder munter. Der Schnupfen geht, die Augen glitzern, das rötliche Fell wird wieder dicht und weich.
Dann beginnt das Toilettentraining. Peter hat aus einem alten Holzkasten ein Kistchen gebastelt, Sand eingefüllt. Jedes Mal, wenn Mimi einen Platz sucht, tragen die Kinder sie dorthin.
Hier lang, Mimi, schau mal, bitte hier, wiederholt Gretchen geduldig.
Mimi knurrt, versucht zu entkommen. Doch die Kinder geben nicht auf. Und dann passiert das kleine Wunder Mimi benutzt das Kistchen von allein.
Geschafft! ruft Gretchen. Mama, Papa, sie hats gemacht!
Anna Steinmann lächelt zum ersten Mal seit Tagen.
Siehst du Es geht ja doch. Wer hätte das gedacht.
Michael Steinmann sitzt am Tisch, liest Zeitung. Er blickt die Katze an, die sich zufrieden vor ihrem neuen Kistchen putzt.
Stur bist du, sagt er leise. Ganz schön stur Wie viele Kilometer bist du wohl gelaufen
Papa, du bringst sie doch jetzt nicht nochmal weg? fragt Gretchen schüchtern.
Er schweigt, wählt seine Worte.
Nein. Wer auf eigene Faust zurückfindet, der gehört hierher. Zu uns.
Gretchen springt auf, umarmt ihn so fest, als könne man Glück festhalten.
Danke, Papa. Danke!
Schon gut, brummt er, aber diesmal lächelt er.
…
Mimi lebt noch viele Jahre im Haus. Seitdem geht nie wieder etwas daneben, brav nutzt sie ihr Kistchen. Abends schnurrt sie am Ofen, rollt sich zusammen. Beim Mäusefangen hält sie mit Minka und Max locker mit zur Freude aller Kinder.
Manchmal schaut Michael Steinmann sie an und schüttelt den Kopf.
Die hat einen unbändigen Willen, sagt er dann. Sie weiß, wo ihr Zuhause ist, und kein Weg ist ihr zu weit.
Und die Kinder stimmen ihm zu. Denn so ist es: Mimi weiß, wo sie hingehört. Und sie kam heim, durch Regen, Kälte, Hunger und Schmerz. Denn dort, wo man auf einen wartet, da gehört man hin.
Und wo man wartet, da lebt das Leben weiter.




