Meine Eltern kenne ich nur von Fotos im Familienalbum. Das liegt daran, dass meine Mutter bei meiner Geburt gestorben ist und mein Vater nach ihrem Tod keinen Blick mehr für mich übrig hatte und auf sein Sorgerecht verzichtet hat. Mein Großvater holt mich damals direkt aus dem Krankenhaus und wird mein Vormund.
Da Opa nicht aufhören kann zu arbeiten, engagiert er für mich ein Kindermädchen, das auf mich aufpasst, bis er abends nach Hause kommt. Später wird alles einfacher, als ich in den Kindergarten komme. Die Zeit vergeht wie im Flug und mein Großvater und ich verstehen uns wunderbar wir streiten nie, sondern suchen stets gemeinsam nach einem Kompromiss, selbst in meinen wilden Teenagerjahren. Ich bin dankbar, dass er immer für mich da ist. Die Vorstellung, wie mein Leben ohne ihn verlaufen wäre, macht mir Angst.
Meine Dankbarkeit zeige ich ihm vor allem dadurch, dass ich im Haushalt mithelfe und mich in der Schule anstrenge. Er ist stolz, dass seine Enkelin an allen Olympiaden und Sportwettbewerben teilnimmt.
Auch meinen beruflichen Weg habe ich ihm zu verdanken. Biologie hat mich schon lange fasziniert, aber ich bin unsicher, welchen Weg ich einschlagen soll. Opa stellt mir seinen Freund vor, einen angesehenen Arzt. Nach unserem Gespräch spüre ich: Genau das ist es, was ich machen will.
Mein Studium an der Universität widme ich voll und ganz dem Lernen. Ich mache mein Praktikum in einer der besten Kliniken Berlins. Der Weg ist oft schwer, aber ich halte durch und spezialisiere mich auf Neurochirurgie!
Direkt nach dem Abschluss meldet sich der Direktor einer renommierten Privatklinik bei mir und bietet mir eine Stelle an. Es wäre Unsinn, eine solche Gelegenheit abzulehnen. Es beginnen harte Arbeitstage und zahlreiche Operationen darauf bin ich besonders stolz: Keine einzige verläuft erfolglos. Schon nach einem Jahr halte ich viele Vorträge; selbst langjährige Ärzte wollen mich hören. Drei Jahre später ist mein Name auch international in Fachkreisen bekannt daher sind Opa und ich nicht überrascht, als ich ein Angebot von einer der besten Kliniken in den USA bekomme. Nach gründlicher Überlegung beschließen wir gemeinsam, diese Chance zu nutzen.
Wir ziehen also nach Amerika. Doch Opa bleibt nicht allzu lange, sondern kehrt bald zurück nach Deutschland, weil er Heimweh hat. Ich würde mit ihm zurückgehen, doch dann lerne ich hier meine große Liebe kennen. Bei einem meiner Vorträge begegne ich Theo, einem Chirurgen aus einer anderen Klinik. Zunächst sind wir befreundet, dann gehen wir auf Dates, schließlich ziehen wir zusammen. Wir beschließen, in Deutschland zu heiraten ich wünsche mir, dass Opa mich zum Altar führt. Trotz aller Überredungsversuche bleibt Opa aber bei seiner Entscheidung: Seine Tage seien gezählt, er möchte in seinem Heimatland bestattet werden.
An jenem Tag, als Theo und ich mit Opa einen Spielenachmittag veranstalten, erhalte ich plötzlich einen Anruf meines Vaters. Er beginnt das Gespräch mit Glückwünschen zur Hochzeit, aber ich habe keine Lust auf seine Heuchelei und frage direkt, was er will. Seine Antwort:
Ich will Geld, meine Tochter! Du lebst jetzt wie eine Königin. Da hast du dir im Ausland einen reichen Mann geangelt und schwimmst nun im Geld! Was kostet es dich, deinem eigenen Vater etwas abzugeben?
Ich lege einfach auf und blockiere seine Nummer.
Ich kann nicht nachvollziehen, woher er den Mut nimmt, mich anzurufen und zu behaupten, wir wären Familie, nachdem er mich damals verstoßen hat.
Für mich gibt es zwei Menschen, die meine Familie sind und für die ich alles tun würde aber mein Vater bedeutet mir nichts!




