Um einer Schande zu entgehen, willigte sie ein, mit einem buckligen Mann zusammenzuleben Doch als er ihr seine Bitte ins Ohr flüsterte, sackte sie zusammen
29. Oktober
München
Bastian, bist du das, mein Junge?
Ja, Mama, ich bins! Entschuldige, dass ich so spät dran bin
Mamas Stimme, zitternd vor Sorge und Müdigkeit, kam aus dem dunklen Flur. In einem alten Morgenmantel stand sie da, mit einer kleinen Taschenlampe in der Hand als hätte sie all die Jahre auf diesen Moment gewartet.
Mein lieber Basti, wo bist du nur so lange gewesen? Der Himmel ist schwarz, und die Sterne funkeln schon wie die Augen der Waldtiere
Ach Mama, ich war mit Dietmar lernen. Hausaufgaben, Vorbereitung Ich habe einfach die Zeit vergessen. Entschuldige, dass ich nicht vorher angerufen habe. Du schläfst ja eh schon schlecht
Oder warst du etwa bei einem Mädchen? fragte sie plötzlich, misstrauisch zusammenkneifend die Augen. Hast du dich verliebt?
Mama, was für ein Quatsch! lachte Bastian und zog die Schuhe aus. Ich bin keiner, auf den die Mädchen warten. Wer hätte denn Lust auf jemanden wie mich bucklig, mit langen Ärmeln wie ein Affe und einem Kopf wie Unkraut?
Der Schmerz huschte durch ihre Augen. Sie sagte nicht, dass sie in ihm nicht den Hässlichen sah, sondern ihren Sohn, den sie unter widrigen Umständen, in der Kälte und alleine großgezogen hatte.
Bastian war tatsächlich kein schöner Mann. Kaum 1,60 groß, stets gebückt, die Arme hingen ihm lang bis fast zu den Knien. Sein Kopf wirkte riesig, mit Locken, die abstanden wie Pusteblumen. Als Kind nannte man ihn Äffchen, Waldgeist oder Naturwunder. Aber er wuchs und wurde mehr als nur ein Mensch.
Zusammen mit seiner Mutter, Helga Peters, sind sie damals nach Niederbayern gezogen, als er erst zehn war. Sie flohen von der Großstadt weg von dem Makel, von der Scham: Der Vater im Gefängnis, die Mutter verlassen. Sie waren nur noch zu zweit. Zwei Menschen gegen die ganze Welt.
Dein Bastl wird es wohl nicht lange machen, murmelte die alte Frau Rosa und sah den schmächtigen Jungen an. Verschwindet, ohne jede Spur
Doch Bastian verschwand nicht. Er klammerte sich ans Leben wie eine Wurzel im Stein. Er wuchs, atmete, arbeitete. Und Helga eine Frau mit einem Herz aus Stahl und Händen, die vom Bäckerleben ruiniert waren backte Brot fürs ganze Dorf. Zehn Stunden am Tag, Jahr für Jahr, bis sie selbst daran zerbrach.
Als sie bettlägerig wurde und nicht mehr aufstehen konnte, war Bastian plötzlich Sohn, Tochter, Arzt und Pfleger zugleich. Er schrubbte die Küche, kochte Grießbrei, las laut aus alten Illustrierten vor. Und als sie, ganz still und leise wie ein Windhauch, starb, stand Bastian regungslos am Sarg die Fäuste geballt, weil keine Tränen mehr blieben.
Aber die Menschen um ihn herum vergaßen ihn nicht. Die Nachbarn brachten Brot und etwas Obst vorbei, gaben ihm warme Kleidung für den Winter. Und dann geschah etwas Unerwartetes sie begannen, ihn zu besuchen. Erst die Jungs aus der Umgebung, begeistert von Radiotechnik. Bastian arbeitete beim Dorf-Funk: reparierte Radios, richtete Antennen, lötete Kabel. Er hatte goldene Hände, auch wenn sie ein bisschen ungelenk wirkten.
Bald kamen auch die Mädchen zu Besuch. Zuerst, um an seinen Kirschenmarmelade-Tee zu nippen. Später blieben sie länger. Es wurde gelacht, geplaudert.
Eines Tages fiel ihm auf, dass eine von ihnen Friedelinde immer zuletzt ging.
Hast du es nicht eilig? fragte er, als alle anderen fort waren.
Wohin denn? antwortete sie leise, mit gesenkten Augen. Meine Stiefmutter hasst mich. Drei Brüder, grob und gemein. Vater trinkt. Ich bin immer die Überflüssige. Lebe jetzt bei einer Freundin, aber auch das wird nicht ewig gehen. Bei dir ist alles so ruhig. Hier fühle ich mich nicht einsam.
Bastian blickte sie an und zum ersten Mal in seinem Leben spürte er, dass er jemandem wichtig sein konnte.
Bleib bei mir wohnen, sagte er einfach. Das Zimmer meiner Mutter steht leer. Du kannst hier zu Hause sein. Ich verlange nichts kein Wort, kein Blick. Sei einfach hier.
Die Leute begannen zu tratschen, flüsterten hinter seinem Rücken:
Was? Der Bucklige und die Schöne? Lächerlich!
Doch die Zeit verging. Friedelinde räumte auf, kochte Eintopf, lächelte. Und Bastian arbeitete, schwieg, sorgte sich.
Als sie einen Jungen zur Welt brachte, war plötzlich alles anders.
Wem sieht er ähnlich? fragten die Nachbarn neugierig.
Der Junge, Daniel, blickte zu Bastian und sagte: Papa!
Und Bastian, der niemals daran geglaubt hatte, wirklich Vater zu werden, fühlte zum ersten Mal ein warmes, großes Licht in seiner Brust aufgehen, wie eine kleine Sonne.
Er brachte Daniel das Reparieren von Steckdosen bei, zeigte ihm das Angeln, übte Lesen. Und wenn Friedelinde sie ansah, sagte sie:
Du solltest eine Frau finden, Bastian. Du bist nicht allein.
Du bist wie meine Schwester, Friedelinde, antwortete er. Zuerst suche ich dir einen guten Mann so einen, wie du verdienst. Und dann werden wir sehen.
Ein solcher Mann fand sich. Ein junger, fleißiger Landwirt aus dem Nachbardorf. Ehrlich, zuverlässig.
Es wurde Hochzeit gefeiert. Friedelinde zog weg.
Doch einmal traf Bastian sie auf der Dorfstraße und sagte:
Ich möchte dich um etwas bitten Gib mir Daniel.
Was? sie war verblüfft. Warum?
Ich weiß, Friedelinde. Wenn man ein Kind gebiert, ändert sich alles von innen. Aber Daniel er ist doch nicht von dir geboren. Du wirst ihn vergessen. Ich kann das nicht.
Ich gebe ihn nicht her!
Ich nehme ihn dir ja nicht weg, flüsterte Bastian. Besuch uns, wann immer du möchtest. Erlaube ihm nur, bei mir zu leben.
Friedelinde dachte einen Moment nach, dann rief sie den Jungen zu sich:
Daniel! Komm mal her! Sag, bei wem willst du bleiben: Bei Mama oder Papa?
Der Junge kam angelaufen, die Augen strahlten:
Können nicht beide da sein wie früher? Mama und Papa zusammen?
Nein, murmelte Friedelinde traurig.
Dann bleibe ich bei Papa! rief Daniel laut. Und du, Mama, kommst uns besuchen!
So wurde es.
Daniel blieb. Und Bastian wurde zum ersten Mal richtig Vater.
Doch eines Tages kam Friedelinde wieder:
Daniel, wir ziehen in die Stadt. Ich nehme dich mit.
Der Junge brüllte wie ein verletztes Tier, klammerte sich an Bastian:
Ich geh nirgendwo hin! Ich bleib bei Papa! Bei Papa will ich bleiben!
Bastian, flüsterte Friedelinde, die Augen gesenkt. Er ist doch nicht dein eigener Sohn.
Ich weiß, erwiderte Bastian ruhig. Ich habe es immer gewusst.
Ich laufe trotzdem zu Papa! schrie Daniel, bis ihm die Luft wegblieb.
Und tatsächlich, er lief immer wieder davon und kam zu Bastian zurück.
Am Ende gab Friedelinde nach.
Dann soll es so sein, sagte sie. Er hat seine Entscheidung getroffen.
Ein neues Kapitel begann.
Bei der Nachbarin, Frau Maria, ertrank der Ehemann. Ein Trinker, ein Despot, eine schreckliche Person. Kinder gab es keine in diesem Haus war keine Liebe.
Bastian holte Milch bei ihr. Dann reparierte er den Zaun, deckte das Dach neu. Und dann kam er einfach nur vorbei auf eine Tasse Tee, zum Reden.
Sie kamen sich näher. Langsam. Mit Vorsicht. Auf die reife Art.
Friedelinde schrieb Briefe, meldete, dass Daniel eine kleine Schwester bekommen habe Daniela.
Bring sie mit, schrieb Bastian. Familie gehört zusammen.
Ein Jahr später kamen sie.
Daniel wich der Schwester nicht mehr von der Seite. Trug sie auf dem Arm, sang ihr Schlaflieder, brachte ihr das Laufen bei.
Mein Junge, bat Friedelinde. Komm zurück zu uns. In der Stadt gibt es Theater, Schulen, Möglichkeiten
Nein, schüttelte Daniel den Kopf. Ich werde Papa nicht verlassen. Und Tante Maria ist für mich auch wie eine Mutter.
Dann kam die Schule.
Als die anderen Jungs von ihren Vätern als Kraftfahrer, Soldaten, Ingenieure erzählten, hatte Daniel keinen Komplex.
Mein Vater? sagte er stolz. Der kann alles reparieren. Er versteht, wie die Welt funktioniert. Er hat mich gerettet. Er ist mein Held.
Die Jahre vergingen.
Maria und Bastian saßen eines Abends mit Daniel am Kamin.
Wir bekommen ein Baby, sagte Maria. Ein ganz kleines.
Wer werdet ihr mich jetzt wegschicken? flüsterte Daniel.
Was redest du denn! rief Maria und drückte ihn an sich. Für mich bist du wie ein eigener Sohn. So einen wie dich habe ich mir immer gewünscht!
Mein Junge, sagte Bastian, während er in die Flammen sah. Wie konntest du nur so denken? Du bist mein Lebensinhalt.
Ein paar Monate später wurde Matthias geboren.
Daniel hielt das Brüderchen im Arm wie einen Schatz.
Jetzt hab ich eine Schwester, flüsterte er. Und einen Bruder. Und Papa. Und Tante Maria.
Friedelinde rief immer noch.
Doch Daniel antwortete stets:
Ich bin längst angekommen. Das hier ist mein Zuhause.
Es gingen Jahre ins Land. Die Menschen im Dorf vergaßen, dass Daniel nicht Bastians leiblicher Sohn war. Niemand tuschelte mehr.
Und als Daniel selbst Vater wurde, erzählte er seinen Kindern und Enkeln die Geschichte vom besten Vater der Welt.
Er war kein Schönling, sagte Daniel. Aber in ihm steckte mehr Liebe als in allen anderen Menschen, die ich je traf.
Und jedes Jahr, am Gedenktag, versammelten sich in ihrem Haus alle Marias Kinder, Friedelindes Kinder, die Enkel, die Urenkel.
Sie tranken Tee, lachten, erzählten sich Geschichten.
Wir hatten den besten Vater! riefen die Erwachsenen und hoben ihre Tassen. Mögen mehr solcher Väter auf dieser Welt sein!
Und immer wieder zeigte jemand nach oben zum Himmel, zu den Sternen, zur Erinnerung an einen Menschen, der trotz allem wirklich Vater war.
Der einzige.
Heute habe ich begriffen: Wahre Familie entsteht nicht durch Blut, sondern durch Liebe.




