– Das Leben geht weiter. Er ist eben weggelaufen. Wäre er doch wenigstens anständig gewesen, aber so…

Das Leben muss weitergehen. Er ist eben gegangen, was soll’s. Wirklich nett war er ja auch nicht. Wir ziehen das Kind allein groß, mach dir keine Sorgen!

Paula wurde von ihrer Mutter und ihrem Großvater aufgezogen. An die Großmutter hatte sie nur vage Erinnerungen. Fünf war sie, als sie die duftenden Brötchen ihrer Oma zum letzten Mal roch.

Ihren Vater hat sie nie kennengelernt. Der verschwand noch vor Paulas Geburt. Mit ihrer Mutter Annemarie zog er damals zusammen ins Dorf.

Er lernte Annemaries Eltern kennen, ein Hochzeitstermin war schon bestimmt und plötzlich lief der Bräutigam einfach davon.

Niemand suchte groß nach ihm. Annemarie weinte bitterlich, sie war bereits schwanger.

Weinen hilft jetzt nicht! sagte die Großmutter. Das Leben geht weiter, der ist weg, und fertig. Und so ein anständiger Mensch war er ja nun auch nicht. Wir machen das alleine! Du wirst sehen!

Paula fehlte es in ihrer Kindheit an nichts, aber sie wurde nie verwöhnt. Sie war fleißig und lernte gern.

Der Großvater zog seine Enkelin streng, aber gerecht groß. Er brachte ihr bei, Ältere zu achten und das zu schätzen, was sie hatte. Paula hatte geschickte Hände, sie packte an, wo es nötig war, und alles, was sie sich vornahm, gelang ihr auf ihre Weise.

Mit dreißig war Paula eine begehrte Partie: hübsch, eine tolle Karriere, gutes Gehalt, eine großzügige Wohnung mitten in München. Sie hatte alles!

Viele junge Männer umschwärmten sie, doch sie ließ sich Zeit. Außerdem war sie oft beschäftigt, fuhr an den Wochenenden immer zu ihrer Mutter ins Dorf. Der Großvater war längst verstorben, die Mutter kränkelte häufig.

Sie verrichtete zwar noch die alltäglichen Hausarbeiten, hatte aber zunehmend Schwierigkeiten damit.

Paula übte immer wieder Geduld, sie wollte, dass die Mutter zu ihr zog, doch Annemarie weigerte sich jedes Mal.

Was soll ich denn da? sagte die Mutter. Von dir erwarte ich ja nicht mal Enkel. Hier im Dorf ist es ruhiger für mich, da bleib ich lieber.

Bleib den Sommer über, dann ab in den Kurort und vielleicht zu mir nach München. Du brauchst mehr Ruhe, Erholung dann kannst du wieder nach Hause. Oder ich begleite dich!

Und deine Arbeit? Was willst du auf dem Dorf?! stöhnte Annemarie.

Auch hier arbeiten die Menschen, Mutter, entgegnete Paula mit einem Lächeln.

Zu dieser Zeit traf sich Paula mit zwei Männern. Für wen sie sich entscheiden sollte, wusste sie selbst nicht.

Der eine war Matthias, bodenständig und sympathisch aus dem Dorf, der andere war der charismatische, lebenslustige Stefan aus der Stadt, bei dem man sich fragte, ob er im Haushalt überhaupt einen Handgriff gemacht hatte. Immer zu Späßen aufgelegt

Einladen nach Hause tat sie beide nicht. Man traf sich in Cafés oder beim Spaziergang. Doch die Entscheidung sollte bald gefällt werden, sie wusste nur nicht, wen sie loslassen sollte.

Sie entschied, beide ihrer Mutter vorzustellen. Gerade kam Annemarie von einer Kur zurück und ihr ging es viel besser.

Matthias kam zuerst. Er ließ sich nicht lange bitten, war voller Hoffnung. War dies der entscheidende Schritt? Der Schwiegersohn in spe, irgendwann würde sie wohl gefragt werden!

Schön hast du es, Paula, so geräumig, meinte Matthias beim Rundgang durch die Wohnung.

Ja, das gefällt auch meiner Mutter. Sie ist aber krank geworden.

Lebt sie jetzt direkt hier?! Ich dachte, sie ist nur zu Besuch. Ist’s ernst?

Ja.

Ich will dir ehrlich sagen, ich kann mich später nicht um sie kümmern

Das erwarte ich auch nicht! erwiderte Paula erstaunt. Das schaffe ich schon selbst.

Aber naja

Was denn?

Es lebt sich einfach besser getrennt. Deine Mutter sollte besser wieder ins Dorf, sie hat dort doch ihr Zuhause. Uns würd’s hier auch besser gefallen, wenn wir allein sind.

Meine Mutter bleibt bei mir, das ist keine Verhandlungsbasis!

Ach so?! Ich dachte, du meinst es ernst, dabei bist du noch Mamas Kind! Wenn dus dir anders überlegst, ruf mich an!

Matthias verließ enttäuscht die Wohnung, nicht mal den angebotenen Kaffee nahm er an.

Na toll, dachte Paula. Der war gleich wieder weg. Stefan haut vielleicht noch schneller ab, dann bleibe ich am Ende allein

Paula beschloss, auch Stefan gleich von der Mutter zu erzählen:

Egal, was passiert, meine Mutter bleibt immer bei mir! sagte sie klar.

Ich verstehe das nicht ganz, meinte Stefan verwundert. Wieso erzählst du mir das jetzt? Ich weiß doch, dass deine Mutter da sein wird. Aber

Was, wenn wir zusammen wohnen wie siehst du das? Mit meiner Mutter?

Ist doch völlig in Ordnung! Machst du mir etwa einen Antrag?

Paula lächelte.

Vielleicht Komm, wir gehen rüber, du lernst meine Mutter kennen.

Hoffentlich mag sie mich! Jetzt gleich? Sofort?

Bestimmt. Du brauchst keine Angst zu haben.

Keine Ahnung, ich bin trotzdem nervös

Stefan und Annemarie verstanden sich auf Anhieb. Bald gingen sie spazieren und warteten gemeinsam auf Paula, wenn sie abends von Arbeit kam. Später fuhren sie zu dritt ins Dorf. Zu Paulas Verwunderung gefiel es Stefan dort sehr gut. Annemarie fasste einen Entschluss:

Es ist Sommer, mir gehts wieder besser, sagte sie.

Ein halbes Jahr später wurde geheiratet.

Jetzt werde ich wohl endlich nochmal Oma, lachte Annemarie.

Und recht hatte sie: Erst kam die Enkelin, dann der Enkel!

Paula und Stefan lebten mit ihren Kindern in der Stadt. Die Kinder wurden größer, bald stand das Studium an. Annemarie wohnte in letzter Zeit wieder öfter bei ihnen. Urlaube verbrachten sie gemeinsam auf dem Land. Ganz lösen von ihrem Häuschen konnte sie sich nie.

Stefanie, entschuldige, vielleicht ist es nicht der beste Moment. Aber ich möchte nach Hause, ins Dorf. Fahren wir? fragte Annemarie ihre Schwiegertochter eines Abends.

Natürlich! Wir warten noch auf Paula, sie kommt gleich von der Arbeit.

Dann gibts keine Verzögerung mehr, wir fahren direkt los Sag es ihr bitte. Es ist dringend

Im Dorf war es wie immer ruhig. Jedes Jahr wurden es weniger Menschen

Nun, da bin ich also wieder zurück, vielleicht zum letzten Mal, sagte Annemarie plötzlich. Verkauft das Haus später, viel Geld bringt es nicht, und es wäre schade, wenn es verfällt

Was redest du da, Mama?! rief Paula verwundert. Wir fahren gleich zurück nach München!

Genau, pflichtete Stefanie bei, du sagst merkwürdige Dinge.

Schon gut stellt bitte den Wasserkocher an, ich hätte gerne einen Tee

Nach dem Tee ging Annemarie in ihr Zimmer, wollte sich nur einen Moment hinlegen

Paula und Stefanie saßen noch kurz in der Küche.

Mama, wir sollten los! rief Paula schließlich.

Doch es kam keine Antwort.

Paula trat ins Zimmer und erstarrte Ihre Mutter lebte nicht mehr

Sie bestatteten Annemarie auf dem Dorffriedhof.

Sie hat es irgendwie geahnt. Sie wollte nochmal herkommen, zum Abschied weinte Stefanie. Ich habe deine Mutter wie meine eigene geliebt.

Das habe ich schon lange bemerkt. Was machen wir jetzt mit dem Haus?

Verkaufen? Einfach hergeben? Zu schade

Ja, es ist eine Erinnerung, ein Stück Vergangenheit. Lass es stehen, solange es geht.

So beschlossen sie es. Das Elternhaus blieb. Die Kinder werden sie besuchen, vielleicht auch einmal die Enkel

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Homy
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