Es war einmal, lange ist es her, als mein Bruder mich anrief und mir mitteilte, dass er und seine Familie in den Urlaub fahren würden. Da er unsere Mutter nicht allein lassen wollte, bat er mich, sie für diese Zeit zu mir zu nehmen. Ich hatte nichts dagegen einzuwenden, immerhin hatte mein Bruder sich über Jahre hinweg um unsere Mutter gekümmert.
Meine Mutter hatte schon immer eine schwierige Art und verstand es, aus Kleinigkeiten ein großes Theater zu machen. In meiner kleinen Wohnung gab es nur ein einziges Bett, also ließ ich mich breitschlagen und schlief selbst auf dem Boden, um meiner Mutter das Bett zu überlassen.
Zu Anfang schien alles in Ordnung zu sein. Als wir uns jedoch am Abend schlafen legen wollten, klagte meine Mutter plötzlich, dass das Bett zu hart sei und sie etwas im Rücken pikse. Das wundersame daran war, dass das Bett brandneu war und ich selbst noch nie Beschwerden hatte. Dennoch kramte ich eine zusätzliche Daunendecke hervor, in der Hoffnung, dass dies sie zufriedenstellen würde. Aber auch das reichte nicht sie konnte sich einfach nicht beruhigen.
Am nächsten Morgen wachte ich müde auf, machte mir einen starken Kaffee und richtete mich zur Arbeit. Kurz bevor ich die Wohnung verlassen wollte, fragte mich meine Mutter:
Wohin gehst du? Wer gibt mir meine Spritze?
Ich war mehr als erstaunt, denn niemand hatte mir davon erzählt, dass sie täglich Injektionen brauchte. Ich rief meinen Bruder in München an, der mir erklärte, unsere Mutter könne sich die Spritzen schon lange selbst geben. Also machte ich mich, ohnehin schon anderthalb Stunden im Verzug, etwas entlastet auf den Weg ins Büro.
Am Abend betrat ich erschöpft die Wohnung und fand meine Mutter schwer atmend auf dem Bett liegen. Ich musste ihr helfen, wieder hochzukommen. Schnell stellte sich heraus, dass sie allerlei gegessen hatte, was laut Arzt für sie streng verboten war. Nun war ihr übel.
Du kümmerst dich nicht um mich, deshalb geht es mir so schlecht. Willst du etwa, dass ich sterbe? erhob sie vorwurfsvoll ihre Stimme.
Ich kann meine Arbeit nicht einfach hinschmeißen, um Tag und Nacht bei dir zu sein, entgegnete ich, sichtlich am Ende meiner Kräfte.
Eigentlich ist meine Mutter immer noch in der Lage, für sich selbst zu sorgen. Vor einigen Jahren hatte mein Bruder ihre alte Wohnung verkauft und dafür eine größere Dreizimmerwohnung für seine eigene Familie gekauft. Deshalb nahm er unsere Mutter damals zu sich.
Ich weiß manchmal einfach nicht mehr weiter mit dem Eigensinn meiner Mutter. Sie benimmt sich furchtbar, kindisch beinahe. Aber anders als bei Kindern, macht mich ihr Verhalten kein bisschen froh. Es ist einfach schrecklich.



