Max, ganz ehrlich, ich verstehe das alles, aber ich habe mich nicht als Köchin für deine Mutter eingestellt, zischte Greta verärgert und legte eine Dose Erbsen in den Einkaufswagen. Ich habe echt Lust, alles stehen und liegen zu lassen, ins Auto zu steigen und einfach nach Hause zu fahren. Mir wurde ein gemütlicher Abend zu dritt versprochen, und jetzt stehen wir hier und bereiten Essen für eine komplette Großfamilie vor, während deine Mutter sich entspannt! Ist das normal?
Max zog den Kopf ein und starrte angestrengt auf die Zutatenliste der Krabbensticks, als hätte ihn das wirklich fasziniert. Er sah aus wie ein ertappter Hund, den man gerade beim Schnüffeln am Müll erwischt hat.
Greta, jetzt beruhig dich mal, die Leute schauen schon, das ist doch unangenehm… murmelte er, versuchte ihren Arm zu nehmen, doch sie zog ihn schroff weg. Meine Mutter hat ihre Kräfte eben nicht richtig eingeschätzt, das kann jedem mal passieren. Wir kaufen jetzt einfach alles ein, fahren zurück und machen die Salate fertig. Bitte, tu es mir zuliebe, für den Feiertag.
Nicht richtig eingeschätzt. Was für eine charmante Ausrede.
Greta biss wütend die Zähne zusammen. Sie wusste ganz genau, dass Schwiegermutter Ursula alles ziemlich genau kalkuliert hatte.
…Begonnen hatte alles vor einer Woche mit einem Anruf. Ursula Schmitt rief an, um den beiden zum Neujahr zu gratulieren, und lud sie ganz überraschend zu sich ein.
Meine Lieben, säuselte Ursula mit so süßlicher Stimme, dass Greta fast Diabetes bekam. Kommt doch zu mir an Weihnachten. Ich vermisse euch so sehr! Wir sitzen ganz familiär zusammen, schwelgen in Erinnerungen. Es ist so einsam in meiner Wohnung.
Greta war sofort alarmiert. Ihr Bauchgefühl sagte, das wird nicht gemütlich. Diese ruhigen Abende bei Ursula endeten immer in einem Verhör zu Enkelkindern.
Das Thema brachte Ursula zum ersten Mal auf, als Greta und Max noch gar nicht verheiratet waren.
Greta, hast du schon nachgedacht über Kinder? fragte sie, kaum waren sie alleine.
Greta war damals ganz überrumpelt.
Nun… begann sie zögernd, überlegte fieberhaft. Ich will Kinder, aber jetzt gerade passt es nicht. Max und ich sind doch noch gar nicht lange zusammen.
Ach Greta, der Trauschein ist doch keine Voraussetzung für Kinder, winkte Ursula ab. Aber das Alter… Die Uhr tickt. Du wirst nicht jünger, ich auch nicht… Am Ende sterbe ich, und habe keine Enkel gesehen.
Erst versuchte Greta es mit Humor, dann wurde sie ruppig. Irgendwann fing sie an, Treffen mit Schwiegermutter einfach zu meiden, um ihre Nerven zu schonen.
So war es, dass sie mit Ursula kaum noch Kontakt hatte. Sie hätte das gerne beibehalten, aber Max konnte seiner Mutter nichts abschlagen.
Greta, lass uns doch fahren, überredete er sie nach dem nächsten Anruf. Sie ist ja schon älter. Sie vermisst uns wirklich. Nur dieses eine Mal, mir zuliebe. Bitte.
Max, ich halte dich nicht auf, fahr ruhig. Du weißt, Weihnachten bedeutet mir nichts.
Sieh es doch nicht als Weihnachten, sondern einfach als Abendessen, insistierte er. Mama will versuchen, mit dir eine Beziehung aufzubauen. Wir sind schließlich Familie…
Greta wehrte sich lange, stimmte dann aber doch zu. Sie dachte, sie käme mit einem höflichen Lächeln und einem Kuchen davon. Wie sehr sie sich täuschte…
Schon am Vorabend lief alles schief. Ursula verlangte, dass sie um acht Uhr da seien, um den Tag maximal auszukosten. Greta wollte jedoch am Wochenende mal ausschlafen. Mit Ach und Krach konnte sie immerhin auf zehn Uhr verschieben.
Als sie verschlafen endlich bei Ursula waren… nichts. Kein Fleischduft, kein Ölbrutzeln. Die Gastgeberin empfing sie im fleckigen Bademantel und Lockenwickler.
Na, endlich! Schon fast halb elf! Gäste stehen vor der Tür, und das Chaos ist komplett. Man hätte früher aufstehen sollen! Ihr helft jetzt mit.
Greta blieb in der Tür stehen, Jacke noch in der Hand.
Welche Gäste denn? fragte sie irritiert.
Ach, naja… Lisa und Michael aus München sind spontan in der Stadt, da musste ich sie einladen. Frau Müller von oben kommt auch, meine Nichte hat zugesagt… Wie hätte ich denen absagen sollen? So, genug geredet, ab in die Küche! Die Zeit drängt!
Da dämmerte Greta die volle Tragweite: Sie waren nicht als Gäste eingeladen. Sie waren kostenlose Arbeitskräfte.
Das Fest wurde zur Tortur. Ursula verwandelte sich augenblicklich vom Gastgeber zur Generalin, schwang den Wischmopp demonstrativ und verteilte Anweisungen. Kochen? Fehlanzeige. Sie rührte keinen Finger. Zudem fehlten Zutaten und mit handgeschriebenem Zettel schickte sie Max und Greta zum Edeka.
Greta wollte echt fliehen, aber machte aus Liebe zu Max weiter.
Kurz darauf kehrte jeder an seinen Arbeitsplatz zurück. Greta ans Schneidebrett, Max zur Kartoffelschüssel. Statt festlicher Stimmung gab es eine To-Do-Liste. Sie schufteten fünf Stunden ohne Pause.
Gegen vier trudelten die Gäste ein: herausgeputzt, duftend, fröhlich. Greta und Max dagegen standen schwitzend am Herd, die letzten Salate abarbeitend sie schleppten sich völlig fertig an den Tisch. Zu müde zum Feiern, fast zu müde zum Leben.
Ursula jedoch hatte sich ein schönes Kleid angezogen und die Lippen nachgezogen. Sie thronte am Kopfende, nahm Komplimente entgegen.
Mensch, Ursula, immer so eine tolle Gastgeberin, was du alles aufgetischt hast! lobte eine weibliche Stimme, während sie den von Greta vorbereiteten Salat servierte.
Ja, wir geben uns Mühe. Alles für unsere Gäste, antwortete Ursula bescheiden lächelnd.
Natürlich ließ sie es sich nicht nehmen, beim Essen wieder das Thema Kinder herauszuholen und einen belehrenden Toast auf die tickende Uhr zu halten. Wäre Max nicht gewesen, der Gretas Knie zuflüsternd berührte, hätte sie den Vinaigrette gleich auf den Tisch gepfeffert.
Das war das letzte Mal, sagte sie später am Abend auf dem Heimweg trocken zu Max. Ich gehe nie wieder zu deiner Mutter. Fahr ruhig allein und hilf ihr, wenn du willst, aber für mich ist das vorbei.
Max widersprach nicht. Er nickte einfach nur.
…Drei Monate vergingen. Gretas Rücken tat schon lange nicht mehr weh, aber der Nachgeschmack blieb. Als Max im März sagte, dass seine Mutter zum Internationalen Frauentag eingeladen hatte, presste Greta die Lippen zusammen.
Sie meint, diesmal wären wir wirklich ganz allein. Vielleicht hüpft Tante Helga kurz vorbei, aber nur zum Gratulieren, erklärte Max und fügte gleich ein Du musst nicht, wirklich hinzu.
Max erwartete eine Szene, Streit, Vorwürfe wegen ruinierten Feiertagen. Doch Greta schaute nur gedankenverloren aus dem Fenster und sagte…
Okay. Sag deiner Mutter, wir kommen.
Greta… Ernsthaft? Du hast doch selbst gesagt…
Ich weiß, was ich gesagt habe. Aber wenn ich absage, ruft sie wieder jeden Tag an wie beim letzten Mal. Diesmal mache ich es so, dass sie uns nie wieder einlädt oder auf Mitleid drückt. Verlass dich auf mich, wenn du keine Lust hast, wieder stundenlang am Herd zu stehen.
Max ließ Details offen ihm war Neutralität lieber…
…Der achte März begann entgegen Ursulas Erwartungen ganz entspannt. Greta und Max lagen im Bett, schauten irgendeine Blödelei auf Netflix und löffelten Eis direkt aus der Packung. Keine panische Suche nach Hemden, kein Make-Up.
Mittags kam der erste Anruf von Ursula.
Hallo, Frau Schmitt? Sie glauben es nicht, wir haben gerade erst die Augen aufgemacht, beteuerte Greta mit gespieltem Reuegefühl am Telefon. Gestern haben wir mit Freunden gefeiert, verschlafen. Sorry!
Wie bitte? Ich warte doch schon! Los, beeilt euch. Der Braten wird kalt.
Wir machen uns gleich fertig! Eine Stunde, anderthalb und wir sind bei Ihnen! versprach Greta und legte auf, ohne aufzustehen.
Max schwieg. Lieber im warmen Bett bleiben, als wieder schuftend schwitzen.
Gegen eins kam der nächste Anruf. Greta wartete ganz bewusst, bevor sie ranging.
Wir sind schon fast auf dem Weg! Taxi wird gerufen, gleich sind wir da, zwitscherte Greta ins Handy, weiter bequem im Bett.
Eine Stunde später, neue Ausrede.
Da war ein Unfall auf der Hauptstraße, alles dicht, informierte sie Ursula, während sie den Fernseher leiser stellte. Furchtbar, aber ich denke, das löst sich bald.
Kurz nach halb vier konnte Ursula nicht mehr an sich halten.
Wo seid ihr denn überhaupt?! brüllte sie ins Handy, ohne den gewohnten, honigsüßen Ton. Wie lange braucht ihr denn noch?! Zu Fuß hättet ihr längst da sein müssen!
Im Hintergrund hörte Greta Stimmen und Gelächter. Sie wurde hellhörig.
Frau Schmitt, sind Sie etwa nicht allein? fragte Greta direkt.
Ach, alleine, nicht alleine… Wen interessiert das? giftete Ursula. Die Verwandtschaft ist da zum Gratulieren, kann doch niemand rauswerfen. Kommt ihr, oder nicht? Ich stehe hier allein am Herd, schaffe das kaum!
Alles klar. Ursula hatte auf Arbeitskräfte spekuliert, und jetzt war die Küchenhilfe ausgefallen.
Wissen Sie was… Wir kommen nicht, sagte Greta ruhig.
Was?!
Mir ist plötzlich ganz schlecht geworden. Übel auf dem Weg. Wir drehen jetzt um und fahren nach Hause.
Erst Totenstille am anderen Ende, dann brach Ursula explodierend los.
Wie kannst du es wagen?! Undankbare Person! Seit früh stehe ich hier, für wen habe ich all das vorbereitet?! Für wen?! wütete Ursula. Du machst das extra! Du willst mich quälen! Wenn mir jetzt etwas passiert… Max! Lass mich mal mit Max sprechen!
Max hörte alles, rührte sich aber nicht. Er senkte nur den Blick. Greta drückte nach kurzem Überlegen die rote Taste, schaltete das Handy aus.
Genau das wollte ich beweisen, sagte sie zu Max. Wieder eine volle Bude und sie wollte uns zum Arbeiten haben. Jetzt muss sie ihre Gäste selber bewirten. Soll sie die Suppe auslöffeln, die sie allein angerührt hat.
…Abends fuhren sie zu Gretas Eltern.
Der Unterschied war sofort spürbar: Auch hier hektisches Treiben, aber mit viel Wärme. Niemand saß mit langgezogenem Gesicht herum und erwartete Bedienung. Gretas Mutter rangierte einen riesigen Salat auf den Tisch. Selbst der Vater schnitt Brote.
Oh, Nachwuchs! begrüßte er seine Tochter und den Schwiegersohn herzlich. Max, hol doch bitte die Stühle aus dem Schlafzimmer, damit ihr euch setzen könnt.
Max machte sich dran, Greta half ihrer Mutter beim Eindecken.
Alle halfen mit aber freiwillig, ohne Befehle. Es fühlte sich nicht wie Ausbeutung, sondern nach natürlichem Miteinander an.
Am Tisch sah Greta ihre lächelnde Mutter, Max im Gespräch mit dem Vater und spürte, wie die Spannung langsam wich. Endlich Gerechtigkeit. Zwar mit Knall, aber Ursula wird sich nicht mehr zutrauen, sie als Küchenpersonal zu missbrauchen. Die Brücken waren endgültig verbrannt, und das war besser, als sich jedes Mal als Dienstmagd zu fühlen…




