Vertrauter gehts nicht
Barbara stieg mit ihrer Tochter Emma am Rande eines kleinen fränkischen Dorfes aus dem Bus. Die Sonne blinzelte zaghaft durch das grau-weiße Schneegestöber, der Frost kniff sie sanft in die Wangen und Emma musste ihre Augen zusammenkneifen, so sehr blendete der Schnee.
Mama, warum lebt in diesem Haus eigentlich niemand? fragte Emma neugierig, als sie an einem der wenigen verlassenen Häuser am Dorfrand vorbeikamen.
Da hatte früher eine alte Frau gewohnt. Ich habe nie gesehen, dass sie Besuch bekommen hätte. Sie war schon 102, als sie starb.
Den Ofen heizte sie stets selbst, aber für den Einkauf oder Wasser sind immer Nachbarn eingesprungen. Die haben ihr Essen oder einen Eimer Wasser auf die Veranda gestellt, und am nächsten Tag lag dann das Geld bereit oder der leere Eimer. Auch wir haben mal geholfen.
Emma staunte: Aber hätten doch einfach alles klauen können, oder?
Ach, das hat keiner gewagt. Die Leute hielten sie für eine Hexe und hatten Respekt. Eines Tages blieb das Essen stehen, und so wussten alle, dass sie gestorben war. Selbst dann hatte niemand Lust, das Haus zu betreten. Am Ende sind sie aber doch rein und haben sich gekümmert. Seitdem steht es leer.
Echt, eine richtige Hexe?
Märchen, alles Quatsch. Sie war einfach uralt manche sagten, sie sei zweihundert, andere dreihundert Jahre alt, bis sie schließlich im Register nachschauten: 102 Jahre. Nicht mehr und nicht weniger.
Emma schwieg eine Weile nachdenklich. Sie waren längst am Geisterhaus vorbei und jetzt präsentierte sich das Dorf ganz heimelig: Die anderen Häuser gepflegt, vor den Türen der Schnee fein geräumt.
Kein Wunder, dass da keiner einzieht. Wer weiß, was da spukt? Emma ließ den Gedanken nicht los.
Barbara entdeckte eine vertraute Gestalt am Gartenzaun.
Da vorn sieh mal, Oma kommt uns abholen! Los, beeil dich! sagte Barbara mit einem Lächeln und legte selbst einen Zahn zu.
Omaaa! rief Emma und sprintete los, direkt in die offenen Arme ihrer Großmutter.
Barbara war in diesem Dorf groß geworden und liebte es, nach Hause zu kommen. Die Luft war hier freier, das Leben irgendwie leichter als in der Stadt.
Mama!, rief Barbara, schmiegte sich an ihre Mutter und wurde eng umschlungen, während Oma Emma an ihrer Seite festhielt.
Ich habs gespürt hab extra Kuchen gebacken! Ich war jeden Samstag draußen, hab gewartet, dass ihr endlich auftaucht. Jetzt aber rein wir stehen uns ja die Füße kalt!
Drinnen war es wohlig warm, es roch nach Ofen, nach frischem Apfelkuchen und nach irgendwas, das nur ein altes Haus verströmen kann: Kindheit. Die Gerüche hatten sich in die Balken, die Tapeten und die Erinnerungen gefressen. Alles wirkte vertraut wie eh und je. Barbara lächelte glückselig. Endlich zu Hause!
Gut, dass ihr gekommen seid! Bleibt ihr ein Weilchen? fragte ihre Mutter forsch.
Und wo ist dein Mann, der Leon?
Er muss arbeiten, aber wir konnten es einfach nicht mehr abwarten. Eigentlich wollten wir zu Silvester kommen, aber Emma war krank und dann auch Leon. Sonntagabend fahren wir wieder, Montag ruft leider die Pflicht.
Barbara konnte nicht übersehen, wie sehr ihre Mutter gealtert war. Sie ging zu ihr, umarmte sie fest. Der Vater war vor zwei Jahren gestorben, obwohl er noch ein paar Jahre jünger gewesen war. Danach gings mit ihr steil bergab. Dorfleben ist halt nichts für Warmduscher.
So. Jetzt erstmal futtern, ihr seid bestimmt halb verhungert. Tanja Barbaras Mutter verschwand in die kleine Küche, klapperte mit Tellern. Emma tapste ihr neugierig hinterher.
Tanja deckte langsam den Tisch. Barbara und Emma hätten am liebsten alles aufs Mal aufgegessen, schlugen sich aber nur die Bäuche voll, bis sie fast am Tisch festklebten. Emma gähnte und schmiegte sich an Oma.
Ganz schön kaputt, mein Spatz. Bist ja schon fast so groß wie ich! Komm, ich bring dich ins Bettchen.
Tanja führte ihre Enkelin zum Alkoven, der früher Barbaras Ecke gewesen war. In dem Häuschen gabs nur einen großen Raum, den sie nach Bedarf mit einem Schrank oder Vorhang unterteilten.
Lass sie ruhig schlafen, kam Tanja zurück. Und du erzähl mal, wie läufts bei euch drüben? Alles paletti?
Ach, Mama, du glaubst nicht! Wir haben an der Bushaltestelle die Renate aus dem Nachbardorf getroffen. Die hat mich felsenfest Sabine genannt. Ich hab ihr mehrfach gesagt: Ich bin Barbara, Tanjas Tochter. Aber für sie war ich die Sabine. Bin ich wirklich so eine Kopie von deiner Schwester? Zeig mir nochmal das Foto von ihr!
Hast du doch schon hundert Mal gesehen, brummte Tanja, wich ihrem Blick aus.
Na, und? Zeigen!
Jaja. Warte, ich räum hier kurz auf, dann hol ichs.
Sie brachte eine alte Schuhschachtel. Darin: vergilbte Schwarzweißfotos mit Eselsohren und ein paar verblasste Farbbilder.
Hier bist du als kleines Kind. Und hier in der fünften Klasse. Emma sieht dir wirklich ähnlich. Und na, rate mal!
Das bin ich! Nur, das Foto kenn ich nicht, grinste Barbara.
Das ist meine Schwester, die Sabine. Deine Tante.
Wahnsinn. Fast wie Zwillinge!
Und hier, ihr letztes Foto vom Abschlussball. Tanja reichte Barbara ein Farbbild: Ein hübsches, blondes Mädchen, fast zu schön, um wahr zu sein.
Barbara starrte das Bild lange an.
Komisch, aber ich seh mich gar nicht so in dir, flüsterte Barbara.
Na, dann muss ichs halt sagen. Ich hab schon ewig überlegt, ob und wann der Zeitpunkt da ist Sabine ist deine leibliche Mutter. Tut mir leid, dass ichs nie gesagt hab. Ich habs für dich verschwiegen.
Tanja atmete schwer.
Mama war schon alt, wollte nicht nochmal ein Kind. Sie schleppte jeden Tag Körbe Kartoffeln, schleppte Wasserfässer alles um dich nicht zur Welt zu bringen. Sie hoffte auf eine Fehlgeburt. Aber Sabine kam trotzdem auf die Welt, und sie war ein Wonneproppen. Ich war schon fünfzehn, wurde Sabines Babysitterin.
Nach der Schule sind die meisten in die Stadt abgehauen, keiner wollte Landluft schnuppern. Ich blieb, Mama zuliebe, bei ihr und Sabine. Heiraten ging schlecht keine Jungs mehr da, nur Säufer und Witwer.
Sabine zog bald nach der Schule in die Stadt und zwei Jahre später tauchte sie wieder auf, mit dir ein Minimädchen, das man kaum anfassen mochte. Sabine schien all ihre Schönheit an dich abgetreten zu haben sie war nur noch ein Schatten, launisch, nervös und gleichzeitig überdreht und albern.
Nach zwei Tagen haute sie ab und ließ dich einfach da. Sie brauchte ihre Drogen. Das haben wir erst später kapiert. Ein paar Wochen später ist sie an einer Überdosis gestorben. Ich war zur Beerdigung in Nürnberg. Mama konnte nicht, sie war schon schwer krank.
Sie wollte dich ins Heim geben lassen da hab ich nicht mitgespielt. Ich dachte mir: besser ich, als keiner. Im Dorf hat das niemand so richtig kapiert und die paar, die es ahnten, haben dicht gehalten. Ich hab dich mit Tricks im Krankenhaus auf meinen Namen eintragen lassen und aus Sabine wurdest du meine Barbara.
Sabine hatte dich noch Barbie getauft! Aber ernsthaft, was ist denn das für ein Name? Ich hab dich Barbara genannt, damit du wenigstens einen soliden Namen hast. Dann kam ein Jahr später dein Papa er war Soldat, ahnte nichts. Als er zurück nach Bayern kam, erzählten ihm Freunde, Sabine wär tot und hätte ein Kind bekommen. Er wurde ausgemustert und zog hierhin. Mama nahm ihn einfach auf. Ohne Mann ist es schwer auf dem Land. Später haben wir geheiratet. Von Sabines Drogen wusste er nichts.
Ich wollte dich einfach schützen. Was bringts zu wissen, dass die richtige Mutter dir den warmen Ofen gegen einen kalten Schuss getauscht hat? Woher hätten wir wissen können, wie du das aufnimmst? Naja, jetzt ist es raus. Und du warst immer meine Tochter. Und wie man in Franken sagt: Nicht die, die dich geboren hat, ist deine Mutter, sondern die, die dich großgezogen hat.
Barbara saß wie benommen. So viele Jahre hatten sie es vor ihr verschwiegen!
Wohin willst du? rief Tanja erschrocken, als Barbara zur Tür ging.
Ich brauch mal frische Luft.
Barbara schnappte sich Mantel und Mütze und trat hinaus.
Warum hab ich das nur erzählt, seufzte Tanja und schüttelte den Kopf.
Mutter war Junkie! An einer Überdosis gestorben! Sowas hört man sonst nur im Fernsehen Vater wenigstens echt? Wer weiß, vielleicht wars irgendein Typ Ach, und selbst wenn. Immerhin hat mich jemand aufgezogen. Hat mich geliebt wie ihr eigenes Kind Was soll ich jetzt mit der Vergangenheit machen? Die Sabine ist weg, schon lange, existiert nicht mehr. Es war immer Tanja, die mir die Stirn geküsst und Herrenschokolade hingestellt hat, wenn ich krank war Sie hätte mich ins Heim geben können, aber sie hat’s nicht.
Puh, ich weiß selbst nicht, was ich denken soll. Früher wär ich wohl Amok gelaufen. Jetzt, gerade jetzt, sitzt drinnen meine Mama und wartet. Und macht sich vermutlich gerade wild Sorgen um mich
Durchgefroren und mit schweren Gedanken kehrte Barbara ins Haus zurück. Tanja saß unbewegt am Tisch, so wie Barbara sie vorgefunden hatte.
Vergib mir. Du bist meine Mama. Ich hab dich lieb, flüsterte Barbara und schlang die Arme um sie.
Verzeih, dass ich so lange geschwiegen habe.
Aus dem Alkoven tapste Emma: Warum sitzt ihr so im Dunkeln? Ui, Mamas Foto du warst richtig hübsch, Mama!
Tanja hievte das Bild empor, sammelte alle Fotos ein und verstaute sie schnell in der Schachtel.
Oma, ich wollte doch noch mal gucken, maulte Emma.
Ach, schau lieber hier lebendige Menschen an, solange wir noch da sind!
In der Nacht fand Barbara keinen Schlaf. Auch Tanja seufzte hin und wieder, ihre alte Matratze knackte bei jeder Bewegung.
Barbara stand auf, tapste zu ihrer Mutter.
Du schläfst nicht?
Tanja schlug die Bettdecke zurück: Leg dich zu mir, bevor du dir Frostbeulen holst.
Barbara verschwand unter der Decke und schmiegte sich an den warmen Körper ihrer Mutter, wie früher als Kind.
Kannst nicht schlafen? Immer noch am Nachdenken?, raunte Tanja.
Ach, nicht mehr. Du bleibst meine Mama. Ich brauch keine andere. Sabine ist und bleibt deine Schwester.
Sie murmelten noch lange miteinander, bis Barbara zurück auf ihre Matratze kroch: Schlaf gut, du beste Mutter der Welt! So bleibts für immer. Sie steckte Tanja ordentlich die Decke zurecht so wie Tanja das früher bei ihr gemacht hatte und schlief endlich tief und fest.
Am nächsten Morgen fuhr Barbara mit Emma zur Bushaltestelle. Die Mama winkte zum Abschied.
Oma, nicht traurig sein, wir kommen ganz bald wieder!
Barbara umarmte ihre Mutter ein letztes Mal, sog den vertrauten Duft ein.
Jetzt los, sonst friert ihr noch ein!
Der Bus war schon weg, aber die Mutter stand noch immer am Straßenrand, ihre Augen vom Frost und Schnee ganz feucht.
So erfuhr Barbara mit 33 Jahren, dass ihre eigentliche Mutter schon kurz nach ihrer Geburt gestorben war und dass ihre Tante sie wie ihr eigenes Kind aufzog.
Am Anfang war da Wut und Trauer, weil man ihr so viele Jahre nichts sagte. Aber dann kam das Verstehen: Beide Frauen, die Mutter und die Tante, waren Schwestern und Tanja ist und bleibt, was sie immer war: ihre Mama.
Vertrauter gehts nichtAls sie im Bus saßen, blickte Emma noch einmal zurück zum Dorf, wo Oma tapfer hinterherwinkte, bis sie nur noch ein kleiner Punkt zwischen den kahlen Apfelbäumen war. Barbara strich ihrer Tochter eine Strähne glatt.
Emma lehnte sich an sie. Mama, du bist meine beste Freundin. Und Oma ist die liebste Oma auf der Welt. Können wir im Sommer wieder herkommen?
Barbara nickte und die Trauer aus der Nacht verwandelte sich in warme Zuversicht. Ja, ganz sicher. Vielleicht zeigen wir dir dann den Garten, in dem ich als Kind gesessen hab.
Emma schloss die Augen. Die Landschaft glitt vorbei, Felder wie unter Puderzucker verschwunden, das verlassene Haus kaum mehr sichtbar zwischen den Bäumen.
Barbara sah hinaus, das Herz noch schwer und doch leicht auf eigenartige Weise. Es gab Geschichten, die blieben immer in den Wänden eines alten Hauses hängen oder in den Herzen, die darin schlugen. Familie, so verstand sie nun, war nicht das, was amtliche Urkunden schrieben oder Blutlinien bestimmten. Familie, das war ein warmes Bett einer müden Nacht, ein leiser Kuss auf die Stirn, ein gedeckter Tisch und die Stille in einer Wolldecke, die noch nach Kindheit roch.
Sie zog Emma an sich und dachte: Manchmal sind die vertrautesten Wurzeln heimlicher und tiefer, als wir ahnen. Und Heimat ist nicht der Ort, wo alles begann sondern der, wohin das Herz immer wieder findet.
Der Bus schaukelte durch den Schnee, während hinter den Fenstern das Dorf langsam verschwand, als wäre es nur ein Märchen gewesen. Aber das leise Glück blieb sicher aufgehoben zwischen drei Generationen Frauen, die sich, allen Geheimnissen zum Trotz, doch gefunden hatten.





