Sie wollte doch nur helfen, Mama! — Stell dir vor, bei Nadine ist der zweite Enkel da! — Schwieger…

Stell dir vor, bei Sabine ist das zweite Enkelkind geboren worden, sagt Schwiegermutter Renate und schenkt Annika noch etwas Tee nach. Ein Junge, dreieinhalb Kilo, richtig gesund und pausbäckig.
Annika nickt, ihre Hände wärmen sich am feinen Porzellan. In Renate Bauers Wohnung ist es wie immer kühl sie spart gerne an der Heizung, aber auf dem Tisch türmen sich Schüsseln mit Apfelkuchen, Frikadellen und Kartoffelsalat, als sei Annika zum Festessen statt zum Tee eingeladen.

Und ihr, du und Benni, ihr lasst mich immer noch warten. Anni, wie lange wollt ihr denn noch zögern? Ihr seid doch keine zwanzig mehr. Benni ist schon einunddreißig, du achtundzwanzig. Jetzt ist die perfekte Zeit! Renate schiebt ihr eine kleine Schale mit Kirschmarmelade hin. Ich dachte, ich würde jetzt Enkelkinder hüten, aber ihr sagt immer nur wir warten noch.
Renate, die Zeiten sind gerade schwierig, versucht Annika ruhig zu erklären, ohne sie zu verletzen. Wir sparen für eine Eigentumswohnung. Ein Kind und der Kredit zusammen, das ist einfach zu viel, verstehen Sie? Erst das eigene Zuhause, dann die Familie.
Renate winkt mit der Hand ab, als würde sie eine lästige Fliege vertreiben.

Ihr macht euch viel zu viele Gedanken! Kriegt erstmal ein Kind, der Rest regelt sich von selbst. Wir haben damals auch im Studentenwohnheim gestartet, zu dritt auf achtzehn Quadratmetern. Und Benni ist trotzdem groß geworden und zur Uni gegangen. Wenn ihr so weitermacht, werdet ihr erst im Rentenalter Eltern!
Annika nimmt einen Schluck Tee, um ein paar Sekunden Zeit zu gewinnen. Draußen hängt der Februarhimmel grau über München, Regentropfen oder tauender Schnee laufen die Scheiben hinunter. In der Nachbarswohnung tickt eine alte Uhr, die Renate einst aus dem Haus ihrer Eltern mitgenommen hat.

Das Leben funktioniert heute nicht mehr so, Annika stellt die Tasse ab. Früher konnte man sich irgendwie durchschlagen. Aber heute? Nebenkosten, Lebensmittel, Windeln, Ärzte Wir versinken im Dispo.
Ich passe doch auf das Enkelkind auf! Renate lehnt sich vor, als hätte sie damit sämtliche Probleme gelöst. Du musst nur gebären, den Rest übernehme ich. Ich gehe spazieren, füttere, stehe nachts auf.
Annika spürt, wie sich in ihr genervte Resignation regt. Keine Wut, eher ein dumpfer, zäher Ärger.

Renate, ich möchte mein Kind selbst großziehen. Nicht nach drei Monaten wieder arbeiten müssen, nur um Geld zu verdienen, sondern da sein. Die ersten Jahre sind so wichtig.
Die Schwiegermutter presst die Lippen zusammen und dreht sich beleidigt zum Fenster. Annika kennt diesen Ausdruck jetzt wird Renate schweigen und demonstrativ mit Geschirr klappern, um zu zeigen, wie sehr sie die hartherzigen Worte der Schwiegertochter getroffen haben.

Annika trinkt aus und steht auf.

Danke für den Kuchen, ich muss los. Benni erwartet mich um sieben zu Hause.
Renate nickt, ohne sie anzusehen. Annika zieht ihren Mantel an, gibt der Schwiegermutter einen förmlichen Kuss auf die Wange und tritt hinaus.

Im Taxi lehnt sie ihren Kopf an die kühle Scheibe und schließt kurz die Augen. Grau ziehen die Hochhäuser von Neuperlach und Werbetafeln vorüber, Passanten stapfen in dunklen Jacken vorbei. Renate versteht einfach nicht, dass sich die Zeiten geändert haben. Dass man keine Kinder bekommt und darauf hofft, alles regelt sich. Ein Kind ist Verantwortung. Annika möchte ihrem zukünftigen Kleinen alles bieten ein eigenes Zimmer, eine gute Schule, Freizeitkurse. Aber dafür braucht es eine eigene Wohnung. Etwas Eigenes, kein Mietvertrag.

Zwei Monate später…

Zum Abendessen hat Annika gebratenes Hähnchen mit Kartoffeln gemacht Benni liebt es deftig und einfach. Renate hatte sich gestern zum Besuch angekündigt, meinte, sie müsse etwas besprechen. Annika hatte dem keine Bedeutung beigemessen meist ging es um Kochrezepte oder die immer gleichen Beschwerden über die Nachbarn.

Als sie bei Tisch sitzen und Renate den Teller etwas zur Seite schiebt, wird Annika jedoch hellhörig.

Erinnerst du dich an Tante Gundi, die Cousine meiner Mutter? Renates Blick gleitet suchend zwischen beiden umher. Sie ist letzten Monat verstorben. Ist jetzt erlöst…
Benni nickt. Annika zuckt die Schultern sie hat Tante Gundi nur einmal bei einem Familientreffen gesehen.

Na ja, Renate richtet sich kerzengerade auf. Annika spürt, dass jetzt etwas Wichtiges kommt. Sie hat mir ihre Wohnung vererbt. Zwei Zimmer, Altbau, renovierungsbedürftig, aber solide.
Benni pfeift leise durch die Zähne.

Im Ernst? Das ist ja super, Mama!
Warte, Renate hebt eine Hand. Ich möchte die Wohnung auf euch überschreiben.
Annika bleibt mit der Gabel in der Luft stehen.

Aber nur unter einer Bedingung, Renate blickt ihr fest in die Augen. Ich will ein Enkelkind. Junge oder Mädchen, egal. Ein Kind und die Wohnung gehört euch.
Stille legt sich über den Tisch. Man hört das Tropfen des undichten Wasserhahns in der Küche.

Renate lässt gar keine Zeit zum Nachdenken sie spricht schnell, fast hastig, als müsse sie das Angebot verteidigen.

Ihr müsst nicht weiter sparen, versteht ihr? Die Wohnung ist da, sie gehört euch! Und was ihr schon angespart habt, könnt ihr für das Baby nehmen. Kinderwagen, Bett, Kleidung all das kostet doch so viel! Jetzt müsst ihr euch um die Bleibe nicht mehr sorgen, kein Kredit, kein Stress.
Benni schaut Annika abwartend an. Und sie merkt plötzlich, dass ihr nichts mehr einfällt, was dagegen spricht. Sie haben sich ja tatsächlich ein Kind gewünscht, nur die Wohnung war die Hürde. Nun löst sich das Problem wie von selbst, mit einer Unterschrift.

Wir sind einverstanden, Annika legt ihre Hand auf Bennies. Wir wollten sowieso schon lange, nur der Zeitpunkt war noch nicht da.
Renate strahlt, als hätte sie selbst den Schlüssel zu einem neuen Leben bekommen.

Ein Jahr später…

Matti ist einen Monat alt. Annika schaukelt ihn in der Schlafstube, summt leise irgendetwas dahin, als im Flur der Schlüssel im Schloss dreht. Sie tritt hinaus, drückt den Sohn vorsichtig an sich.

Benni, bist du schon zurück?
Im Flur steht Renate. Plastiktüten in den Händen, ein zufriedenes Lächeln im Gesicht.

Annika bleibt an der Schlafzimmertür stehen.

Renate? Wie sind Sie reingekommen?
Die Schwiegermutter hebt eine Hand am Schlüsselanhänger baumelt ein Exemplar des Wohnungsschlüssels mit einem gelben Plastikblümchen.

Ich habe mir eine Kopie behalten, sicher ist sicher. Falls ihr Hilfe braucht und nicht öffnet.
Annika schluckt das, was sie eigentlich sagen will, hinunter. Nicht jetzt, nicht vor Matti. Er hat gerade erst geschlafen, ein Streit würde ihn sofort wecken.

Renate ist schon in der Küche, begutachtet mit tadelndem Klickern die paar Teller im Abwasch.

Was ist denn das, Annika? Da liegt Brotkrümel, keine frische Butter und was ist im Kühlschrank? Kefir und Gouda? Was willst du Benni heute Abend vorsetzen?
Annika drückt Matti an sich, er regt sich, schläft aber weiter.

Ich bin den ganzen Tag mit dem Baby beschäftigt, Renate. Kaum lege ich ihn ab, schreit er schon wieder.
Renate steuert zielstrebig das Kinderzimmer an, Annika im Schlepptau. Sie mustert kritisch den Wickeltisch, die Fläschchen im Regal.

Falsch herum hast du das hier. Und diese Wickeltücher solche nimmt man doch nicht! Die sind zu rau, das Baby bekommt wunde Haut.
Das sind Flanelltücher, ganz weich.
Ich weiß schon, was weich ist! Ich habe meinen Sohn großgezogen, Renate presst die Lippen zusammen. Du bist doch den ganzen Tag zu Hause. Warum siehts hier dann aus, wie bei Hempels?
Annika deutet auf Matti, der seufzend bei ihr liegt.

Darum.
Quatsch, winkt Renate ab. Ich habe damals gekocht, gewaschen, geputzt UND Benni großgezogen. Und siehe da, alles geschafft.
Nach einer Stunde verlässt Renate die Wohnung, lässt umsortierte Fläschchen, neu gefaltete Wäsche und ein Gefühl zurück, als sei Annika überrollt worden.

Abends, als Benni heimkommt, setzt sich Annika ihm nach dem Abendbrot gegenüber.

Benni, so kann das nicht weitergehen. Deine Mutter kommt einfach rein, wann sie will. Sie hat ihren eigenen Schlüssel. Ich bin total erschöpft, schlaf kaum, und jetzt noch diese ständigen Inspektionen.
Benni senkt den Blick.

Sie will doch nur helfen, Annika. Sie meint es gut.
Wann überschreibt sie denn die Wohnung auf dich?
Benni windet sich.

Sie meint, das sei nicht so wichtig. Wir wohnen ja sowieso hier.
Annika drückt den Rand des Tisches so fest, dass die Fingerknöchel weiß werden.

Drei weitere Monate vergehen…

Renate wird zu ihrem täglichen Gast. Sie kommt, wann sie will, meckert, wie Annika Matti füttert, ablegt, anzieht. Jeder Besuch endet mit Belehrungen oder renitenter Stille wegen Undankbarkeit. Annika beschwert sich bei Benni. Aber der zuckt bloß hilflos mit den Schultern Es ist halt Mama.

Eines Abends hält Annika es nicht mehr aus. Nach Renates Besuch holt sie den Koffer aus dem Schrank.

Packt erst ihre Sachen. Dann Mattis. Windeln, Fläschchen, ein paar Lieblingsspielsachen. Benni steht im Türrahmen.

Annika, wohin gehst du?
Zu meiner Mutter.
Ach komm, war doch bloß ein Streit
Benni, Annika zieht den Reißverschluss zu und blickt ihrem Mann in die Augen. Entweder deine Mutter verschwindet aus unserer Wohnung, oder Matti und ich. Du entscheidest.
Er schweigt lange. Schaut auf den Koffer, auf seinen Sohn, auf Annika. Dann setzt er sich auf das Sofa und vergräbt sein Gesicht in den Händen.

Annika wartet. Fünf, zehn, fünfzehn Sekunden.

Benni steht nicht auf.

Sie ruft ein Taxi und fährt.

Am nächsten Tag ruft er an. Und übermorgen nochmal. Und eine Woche später. Verspricht jedes Mal, mit der Mutter zu reden, jede Mal sie zurückzuholen. Aber der Schlüssel bleibt, und Renate bleibt die unangefochtene Herrin der geschenkten Wohnung.

Die Scheidung ist nach einem halben Jahr durch. Unterhalt zahlt Benni, weil das Gericht ihn dazu verpflichtet.

Annika lebt nun bei ihrer Mutter, in ihrem alten Zimmer mit der Blumenranken-Tapete, die sie von früher kennt. Ihre Mutter hilft mit Matti, passt auf ihn auf, während Annika halbtags, dann ganztags arbeiten geht. Es ist schwer, viel schwerer, als sie sich das Muttersein vorgestellt hat.

Doch abends, wenn Matti auf ihrem Arm einschläft, mit vertrauensvoll an die Schulter gedrückter Nase, weiß Annika: Sie schafft das. Sie muss es schaffen. Für ihn.

Weil sein Vater zu schwach war, um die Familie zu beschützen.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!: