Entweder Mutter, oder niemand
Anna, wir sollten noch eine Eintrittskarte fürs Theater besorgen.
Annette hob den Blick vom Teller. Das Abendessen dampfte noch, doch Henrik saß schon wieder mit dem Handy in der Hand und tippte angestrengt auf dem Display, als ginge es um eine Staatsangelegenheit.
Noch eine Karte? Kommt jemand mit uns?
Henrik sah nicht einmal auf.
Meine Mutter möchte unbedingt mit. Ich habe ihr gestern erzählt, dass wir gehen, und sie war sofort Feuer und Flamme.
Annette legte ruhig die Gabel beiseite, stand auf und drehte sich zum Spülbecken, angeblich um ein Glas Wasser zu holen. Ihr Gesicht verzog sich unwillkürlich sie versuchte es gar nicht erst zu verbergen. Hauptsache, Henrik bemerkt es nicht. Die Erklärungen hätte sie ohnehin weder Kraft noch Lust aufgebracht…
Natürlich. Die Mutter will mit. Selbstverständlich will sie immer. Hildegard Schuster hat immer gewollt.
Während Annette das Wasser langsam ins Glas laufen ließ, tauchten vor ihrem inneren Auge ihre Hochzeitsfotos auf. Alle 240 Stück, die der Photograph auf dem USB-Stick mit hübscher Schleife übergeben hatte. Annette hatte sie an drei Abenden durchgesehen, in der Hoffnung, wenigstens eines zu finden, auf dem sie mit Henrik allein war. Nur sie beide, ohne Verwandte, ohne Gäste. Sie fand keins.
Auf jedem Bild tauchte Hildegard Schuster auf: mal richtet sie ihrem Sohn die Krawatte, mal legt sie ihm den Arm um die Schultern, mal steht sie geradewegs zwischen Braut und Bräutigam, mit einem Lächeln, als sei es ihr Fest. Damals hatte Annette noch gedacht, das sei nur Zufall, die Perspektive des Fotografen. Inzwischen dachte sie das längst nicht mehr.
Die Schwiegermutter benahm sich vom ersten Tag an, als wäre Annette bloß eine Mitbewohnerin, die man vorübergehend dazugenommen hat. Die Wohnung, wohlgemerkt, gehörte Annette ihre eigene, selbst gekauft von ihrem Geld. Dennoch kam Hildegard Schuster, wann immer sie wollte, ohne Ankündigung, mit einer festen Meinung zu jedem Thema. Die Vorhänge falsch. Der Topf nicht der richtige. Das Fleisch zu salzig. Henrik zu dünn. Henrik sieht blass aus. Henrik isst zu wenig.
Annette trank einen Schluck, stellte das Glas zurück…
Jeder Ausflug wurde zur Dreierpartie. Kino letzten Monat? Zu dritt. Schlittschuhlaufen an Weihnachten? Zu dritt. Sogar in das kleine Café am Gärtnerplatz, in das Annette einmal mit Henrik ganz in Ruhe wollte, hatte er die Mutter eingeladen. Und sie kam, setzte sich zwischen sie an den winzigen Tisch, bestellte Tee mit Zitrone und erzählte vierzig Minuten lang von ihrem Blutdruck und der Nachbarin, die ihren Keller erneut überschwemmt habe.
Das Theater… Sie hatten das Stück extra ausgesucht. Annette hatte darauf anderthalb Monate gewartet, die Karten für die guten Plätze im dritten Parkettreihe ergattert. Es sollte ihr gemeinsamer Abend werden. Nur ihrer.
Anna, warum bist du so still?
Endlich sah Henrik von seinem Handy auf.
Versteh doch, ihr ist so oft einsam, fügte er hinzu, in einem Tonfall, an den sich Annette schon so gewöhnt hatte, dass sie sich fragte, ob er selbst merkt, wie oft er diesen Satz sagt.
Annette sah ihn an und nickte nur.
Gut. Hol eine.
Was sollte sie auch sonst sagen? Sie hatte es schon oft versucht, aber jedes Gespräch endete gleich: Henrik war beleidigt, zog sich zurück, schwieg den Rest des Abends, und am Morgen rief Hildegard Schuster an, mit der Stimme einer tief gekränkten Heiligen, ob alles in Ordnung zwischen ihnen sei. Ein Teufelskreis, aus dem Annette schon längst keinen Ausweg mehr suchte.
Henrik lächelte dankbar und vertiefte sich wieder ins Handy…
Die Plätze in der dritten Reihe waren tatsächlich wunderbar gewählt, Annette hatte sich nicht umsonst bemüht. Man sah auf die Bühne, jede Einzelheit der Kulisse, jeden Schatten im Gesicht der Darstellenden. Nur genießen musste sie allein, denn Henrik drehte sich gleich wieder zur Mutter und blieb den ganzen Abend an ihrer Seite.
Hildegard Schuster saß rechts von ihrem Sohn, und sofort begannen sie, das Programmheft zu besprechen, dann das Foyer, dann irgendeinen Bekannten, den die Schwiegermutter angeblich am Eingang gesehen hatte. Annette saß links, sah auf die Bühne, obwohl die Vorstellung noch nicht begann. In der Pause nahm Henrik seine Mutter zum Theaterbuffet mit, Annette blieb im Saal niemand hatte ihr vorgeschlagen mitzukommen, und sie wollte sich auch nicht aufdrängen. Als sie zurückkehrten, erzählte die Schwiegermutter Henrik eifrig den ersten Akt, als hätte er außerhalb gesessen. Annette blätterte schweigend durchs Programmheft und dachte nur, dass die dritte Reihe das Geld wirklich nicht wert gewesen war.
Der Heimweg: ebenfalls zu dritt. Zuerst fuhren sie Hildegard Schuster nach Hause. Annette saß zehn Minuten im Auto, während Henrik die Mutter bis zur Haustür brachte, ihr beim Schloss half, sich noch etwas von ihr anhörte. Als er schließlich ins Auto zurückkam, sah sein Gesicht zufrieden und entspannt aus.
War doch ein schöner Abend, oder?
Annette nickte und wandte sich zum Fenster. Reden wollte sie überhaupt nicht, sie schob es auf Müdigkeit, doch zum Schlafen war ihr auch nicht wirklich. Mit Henrik zu reden schien ihr in dieser Nacht so sinnlos wie noch nie, als würden alle ihre Worte im Raum verpuffen, ohne je anzukommen.
Die folgenden zwei Monate verliefen genauso, wie Annette es vorhergesehen hatte. Hildegard Schuster kam regelmäßig vorbei, Henrik verbrachte immer mehr Zeit mit seiner Mutter, Annette blieb immer öfter allein in der eigenen Wohnung und hörte sie in der Küche reden, lachen, sich Dinge erzählen. Gemeinsame Abendessen wurden seltener, die Wochenenden nur noch Anlass für einen Pflichtbesuch bei der Schwiegermutter oder irgendeinen dreisamen Ausflug. Annette ging immer früher schlafen, stand auf mit einem Gewicht in der Brust, das nach zwei Monaten schon fast zur Gewohnheit geworden war.
…Mitte März bekam Annette auf der Arbeit eine ordentliche Prämie, und sie überlegte drei Tage lang, ehe sie den Entschluss fasste: Fünfzehn Tage in Antalya, alles inklusive. Meer, Sonne, ein ordentliches Hotel mit guten Bewertungen. Sie suchte eine Woche lang den richtigen Anbieter, verglich Zimmer, las Erfahrungsberichte, prüfte die Strandnähe. Das sollte ihre Chance werden, zu zweit, ohne Dritte, um sich daran zu erinnern, wie es ist, ein Paar zu sein.
Henrik, ich habe uns was gebucht, sagte Annette am Abend, als sie sich zum Essen setzten, und legte den Ausdruck der Reservierung vor ihn. Antalya, fünfzehn Tage, im Juni. Meer, Strand, alles inklusive. Ich habe die Prämie gleich ausgegeben, aber das ist es wert.
Henrik überflog den Zettel, sah sie an. Etwas, das entfernt an Freude erinnerte, erschien auf seinem Gesicht, und er nickte.
Oh, super. Toll, Anna.
Annette atmete auf. Vielleicht ist ja doch nicht alles verloren. Vielleicht reicht nur ein Tapetenwechsel, um wieder zueinanderzufinden. In dieser Nacht schlief sie das erste Mal seit Wochen ruhig ein.
Am nächsten Tag kam Henrik von der Arbeit heim, setzte sich an den Tisch, ließ Annette das Essen auf die Teller legen, und sagte ganz beiläufig, zwischen dem ersten und zweiten Bissen Frikadelle:
Anna, ich habe meiner Mutter von der Reise erzählt. Sie möchte auch gern mit. Könntest du noch ein Zimmer dazu buchen?
Die Gabel hielt auf halbem Weg zur Schüssel inne. Annette legte sie langsam zurück und sah ihren Mann an, unfähig zu begreifen, ob das ein Scherz war oder ob Henrik wirklich nicht versteht, was er da verlangt.
Diesmal schwieg Annette nicht.
Nein, Henrik. Ich fahre nicht mit deiner Mutter in den Urlaub.
Henrik hörte sofort auf zu kauen und sah sie an, als hätte sie etwas vollkommen Unangebrachtes gesagt, wie ein Fluchwort im Dom.
Anna, was soll das? Ihr ist so langweilig allein, sie war in den letzten drei Jahren kein einziges Mal am Meer. Was macht dir das aus?
Annette stand auf, trat ans Fenster, stützte die Hände auf die Arbeitsplatte und ballte die Finger, bis die Knöchel weiß wurden. In ihrem Inneren kochte etwas, heiß und unaufhaltbar, gesammelt über Monate, und jetzt drängte es endlich nach oben.
Dann soll sie doch mit ihren Freundinnen fahren! Sie hat fünf davon, Henrik, fünf Freundinnen, die jede Woche bei ihr Tee trinken! Sie kann mit denen ans Meer, aber uns soll sie in Ruhe lassen!
Anna, es ist meine Mutter, da kannst du doch nicht…
Ich weiß, dass das deine Mutter ist! Annette wandte sich ihm zu, und alle Zurückhaltung, antrainiert durch Monate des Schweigens, platzte auf einmal heraus. Das weiß ich nur zu gut, weil sie vierundzwanzig Stunden am Tag in unserem Leben präsent ist! Kino, Schlittschuhbahn, Theater, Abendessen immer ist sie dabei! Ich bin es leid, die zweite Frau in dieser Beziehung zu sein, Henrik, merkst du das überhaupt?!
Henrik schob seinen Teller zurück und stand auf, verschränkte die Arme.
Du bist hartherzig, Anna. Du verstehst nicht, wie es für sie allein ist.
Nein, ich verstehe es nicht! Annette trat dicht an ihn heran, die Augen funkelnd. Und ich muss es auch nicht verstehen! Du bist mein Mann! Mein Mann, Henrik! Ich will einen gemeinsamen, romantischen Urlaub, in dem wir mal wirklich nur zu zweit sind! Und nicht am Strand sitzen, während ihr beide über ihren Blutdruck redet, und ich irgendwo daneben herumliege, komplett überflüssig!
Henrik verzog das Gesicht und wich einen Schritt zurück.
Du bist gemein. Weißt du was? Entweder Mutter fährt mit, oder ich fahre gar nicht.
Annette erstarrte. Sie sah ihn lange an, durchdringend, und etwas Entscheidendes schnappte in ihr ein leise, aber für immer.
Gut. Dann fahre ich eben allein.
Sie ging an Henrik vorbei ins Schlafzimmer, zog den Koffer unter dem Bett hervor und warf ihn aufs Bett. Henrik stand eine Sekunde später im Türrahmen.
Anna, was machst du denn da? Hör auf, lass uns vernünftig reden.
Wir reden immer vernünftig, Henrik, und jeder dieser Gespräche endet bei deiner Mutter. Annette nahm ein Kleid vom Bügel und legte es sorgfältig in den Koffer. Ich reiche die Scheidung ein. Ich kann in dieser Dreierbeziehung nicht mehr leben, in der ich überflüssig bin.
Henrik schwieg, lehnte sich an den Türrahmen, und sein Gesicht zeigte zum ersten Mal, dass es wirklich angekommen war: Annette macht hier keine Szene mehr, sie hat beschlossen.
Zwei Monate später lag Annette auf einer Liege am Pool eines Hotels in Antalya, genau jenes, das sie nach Bewertungen und Bildern ausgesucht hatte. Die Sonne wärmte ihre Schultern, aus Richtung Meer kam eine angenehme Brise, und an ihrem Cocktail perlte langsam das Kondenswasser herab. Neben ihr redete niemand über Blutdruck, zog nicht über Luftzüge her oder erzählte vom gestrigen Anruf der Nachbarin. Neben ihr war schlicht niemand und das fühlte sich wunderbar an. Annette nahm einen Schluck, schloss die Augen und dachte, dass sie schon viel früher hätte Konsequenzen ziehen sollen und nicht zwei Jahre lang für jemanden durchhalten, der nie erwachsen wurde.





