Mama, ich hab die Leni mitgebracht, schallte Marthas Stimme aus dem Flur, und Sabine hob den Kopf vom Skript. Ich hol sie heute Abend ab, ich muss los.
Die Haustür fiel ins Schloss. Sabine lehnte sich im Stuhl zurück und rieb sich die Nasenwurzel. Eine Minute später trat ihre Mutter, Ursula, mit ihrer kleinen Nichte Leni auf dem Arm ins Zimmer. Die Dreijährige blinzelte verschlafen.
Schon wieder?, fragte Sabine.
Ursula nickte nur, setzte das Kind ab. Leni tapste gleich routiniert zum Bett, kletterte flink rauf und griff nach dem Nachtschränkchen. Sie fischte das zerlesene Malbuch und die Schachtel Buntstifte hervor, schlug die Beine unter sich und begann ohne ein Wort zu malen als wäre es ein eingeübtes Ritual.
Sabine stand auf und folgte ihrer Mutter ins Wohnzimmer. Ursula prüfte gerade hektisch die Inhalte in ihrer Aktentasche.
Mama, setzte Sabine an. Ich bin im letzten Semester. In drei Monaten ist die Bachelorarbeit fällig. Ich muss lernen, nicht
Martha braucht unsere Unterstützung, unterbrach Ursula. Nach dieser gescheiterten Ehe, du weißt das doch. Sie versucht, ihr Leben neu zu ordnen. Du musst das verstehen.
Soll sie machen, was sie will! Sabines Stimme wurde zu einem wütenden Flüstern, damit Leni sie nicht hörte. Aber warum wälzt sie ihre Verantwortung auf uns ab? Das ist ihr Kind, Mama. Ihrs!
Ursula sah sie endlich an.
Genug jetzt. Ich muss zur Arbeit, sagte sie und zog die Jacke zu. Das Kind ist heute bei dir.
Sabine wollte protestieren sagen, dass das unfair sei, so nicht geht, dass in zwei Tagen die Klausur in Makroökonomie ansteht und die Hausarbeit noch halbfertig ist. Doch beim Blick in das Gesicht der Mutter merkte sie: zwecklos. Sie nickte nur.
Nachdem Ursula gegangen war, kehrte Sabine ins Zimmer zurück. Leni malte emsig einen Einhorn in Lila aus, die Zungenspitze vor Konzentration aus dem Mund gestreckt.
Tante Sabine, schau mal, zeigte sie das Bild. Schön?
Sehr schön, Lenchen, sagte Sabine und setzte sich aufs Bett, schob ihre Skripte beiseite.
Der Tag zog sich schleppend. Sie zeichneten, schauten später Zeichentrickfilme auf dem Laptop, dann hatte Leni Hunger und Sabine kochte ihr Nudeln, während sie versuchte, im Buch über der Tischkante etwas zu lesen. Die Buchstaben verschwammen, ergaben keinen Sinn. Leni verschüttete Apfelschorle über die Tischdecke, wurde schließlich quengelig, zu müde zum Schlafen, zu müde zum Spielen. Sabine trug sie auf dem Arm durch die Wohnung, sang beruhigend, bis das Mädchen auf ihrer Schulter einnickte.
Am Abend war Sabine völlig ausgelaugt, das Lehrbuch lag immer noch auf derselben Seite. Martha kam gegen sieben. Sabine öffnete die Tür mit der schlafenden Leni im Arm.
Komm, Schatz, sagte Martha und nahm die Tochter. Wir müssen los.
Ohne ein Wort des Dankes. Ohne ein: Wie wars?
Sabine war einfach nur müde. Von allem.
Zwei Monate verstrichen in genau diesem Rhythmus: Leni stand plötzlich auf der Matte, Martha tauchte ab, Sabine mühte sich ab zwischen Studium und Babysitten. Der Abschluss wurde irgendwie geschafft, auch wenn sie nachts weiterschrieb, während Leni im Nebenzimmer schlief.
Dann lernte Martha Moritz kennen. Es ging Schlag auf Schlag, und nach nur drei Monaten stand Sabine im Standesamt, sah ihre Schwester im weißen Kleid neben diesem stattlichen Mann, der Martha verliebt anstrahlte. Ursula weinte vor Glück, tupfte sich die Augen mit einem Taschentuch. Leni tanzte in einem rosa Kleidchen zwischen den Beinen der Gäste. Sabine applaudierte, dachte insgeheim: Vielleicht wird jetzt alles gut, vielleicht lebt Martha nun endlich ihr eigenes Leben.
Wenig später kam Sohn Emil zur Welt. Sabine ging mit Blumen und blauen Luftballons ins Krankenhaus, hielt das winzige Bündel im Arm und war überzeugt: Martha ist angekommen. Moritz strahlte vor Stolz, Leni erklärte voller Wichtigkeit, dass sie jetzt große Schwester sei.
Es hielt acht Monate.
Dann klingelte Sabines Handy mitten im Quartalsbericht bei der Arbeit. Ursula schluchzte ins Telefon: Moritz hat eine Geliebte, Martha hat Chatnachrichten gefunden, Krach, Trennung.
Sabine massierte sich die Schläfe. Es wiederholte sich alles nur gab es jetzt zwei Kinder.
Martha kam schlechter klar denn je, stand verheult bei Ursula, ließ die Kinder zurück, war spazieren, um den Kopf freizukriegen. Kam mal nach ein paar Stunden zurück, mal erst am nächsten Tag.
Sabine merkte nur eines: Ihr eigenes Leben entglitt ihr immer mehr.
Ein Jahr verging. Sabine bekam eine Beförderung, hatte aber kaum Zeit, sich zu freuen. Martha lernte Thomas kennen, und schon folgte die nächste Runde: Blumen, teure Restaurantabende, Geschichten, wie wunderbar er sei. Die dritte Hochzeit war kleiner, im engsten Kreis. Sabine nippte am Sekt und fragte sich, wie lange es diesmal dauert, bis alles wieder von vorn beginnt.
Ursula rief in Sabines Mittagspause an. Sabine stocherte im Salat einer Bäckerei, grübelte, was sie noch einkaufen müsse.
Sabine, die Stimme der Mutter klang seltsam aufgeregt und besorgt zugleich. Sitzt du?
Ja, Sabine legte die Gabel weg. Was ist los?
Martha ist schwanger.
Stille.
Zwillinge, sagte Ursula schließlich.
Sabine starrte auf den Salat. Das grüne Blattwerk verschwamm. Vier Kinder. Martha bekommt nun vier Kinder von drei Männern. Und wenn dieser dritte Mann auch geht und warum sollte es anders sein? dann landen wieder alle bei ihr und der Mutter.
Sabine, hörst du mich? Mit Nachdruck.
Ja, Mama, Sabine rieb sich die Stirn. Gratulier Martha von mir.
Sie legte als Erste auf, bevor Ursula noch etwas sagen konnte. Starrte lange auf das schwarze Handydisplay. Der Appetit war für den Tag verloren.
Sabine kam erst abends um acht heim, erschöpft und leer. Ursula saß in der Küche vor einer lauwarmen Tasse Tee, begann sofort atemlos zu reden, aus Angst, ihre Tochter könne sie unterbrechen.
Sabine, ich zerbrech mir den Kopf. Wie stellt sie sich das vor? Das sind doch vier Kinder! Und wenn’s wieder schiefgeht du weißt doch, wie sie ist. Männer waren ihr immer wichtiger! Was wird denn dann? Ich pack das nicht mehr, mein Blutdruck und du hast einen Job. Wie soll das gehen?
Sabine hing wortlos die Tasche an den Garderobenhaken und blieb neben dem Tisch stehen, ohne sich zu setzen. Sie betrachtete die Mutter: zerzaustes Haar, erste graue Strähnen, dunkle Ränder unter den Augen, nervöse Finger um die Tasse gekrallt.
Mama, sagte Sabine leise, und Ursula brach mitten im Satz ab. Ich will wegziehen. In eine andere Stadt.
Ursulas Augen wurden rund vor Schreck, als hätte Sabine gerade fremd gesprochen.
Ich kann nicht mehr, fuhr Sabine müde fort. Ich kann mein Leben nicht mehr nur nach Marthas Problemen ausrichten. Ich habe genug getan, Mama. Genug geopfert: meine Zeit, mein Studium, meine Beziehungen, meine Karriere. Es reicht.
Ursula wollte etwas erwidern, doch Sabine hob nur die Hand.
Ich nehme dich mit, wenn du willst. Wir könnten zusammen neu anfangen. Aber wenn du nicht möchtest, gehe ich allein. Es tut mir leid aber ich kann nicht mehr die Mutter für Marthas Kinder spielen. Ja, ich mag sie. Aber es sind nicht meine Kinder. Nicht meine Verantwortung.
Sabine atmete aus und es war, als wäre ein riesiger Stein von ihren Schultern gefallen. Ursula schwieg, starrte an Sabine vorbei, irgendwo auf die Wand. Nichts in ihrem Gesicht ließ darauf schließen, was sie dachte.
Sabine wartete noch einen Moment, dann ging sie in ihr Zimmer, ließ sich aufs Bett fallen, noch angezogen, blickte an die Decke. Das Herz schlug nun bis zum Hals, ihre Hände waren schwitzig. Endlich hatte sie ausgesprochen, was sie so lang beschäftigt hatte.
Sie schlief erst kurz vor Morgengrauen ein.
Als sie am nächsten Morgen aufstand, lag auf dem Küchentisch ein Ordner mit Unterlagen. Sabine erkannte die Mappe sofort Ursula bewahrte darin alle Papiere zur Wohnung auf, das Erbe von Großmutter, das sie damals bekommen hatten. Sabine blätterte ratlos darin.
Wir verkaufen, klang es leise von der Tür, und Sabine schrak auf.
Ursula stand im Rahmen, bleich nach der schlaflosen Nacht, aber so fest entschlossen, als halte sie sich nun mit letzter Kraft nur an diesem Gedanken fest.
Ein Drittel bekommt Martha, das steht ihr laut Gesetz zu, sagte sie und kam an den Tisch. Vom Rest kaufen wir uns was Eigenes in einer anderen Stadt. Viel brauchen wir nicht mehr.
Sabine sah ihre Mutter ungläubig an, wollte etwas fragen, sicher sein doch im Blick der Mutter lag die gleiche Erschöpfung wie ihre eigene. Ursula hatte sie nur besser versteckt oder Sabine wollte sie lange genug nicht wahrhaben.
Sie umarmte ihre Mutter fest, die Augen geschlossen, das Gesicht an ihrer Schulter. Ursula strich ihr durchs Haar, wie früher.
Wir gehen, mein Schatz, flüsterte Ursula. Es reicht.
Innerhalb von zwei Monaten war alles geregelt. Sie fanden Käufer für die Wohnung, eine kleine Zweizimmerwohnung in einer Plattenbausiedlung einer Stadt vierhundert Kilometer entfernt. Sabine organisierte die Versetzung ins dortige Büro. Keiner redete ein Wort mit Martha, solange alles lief.
Am allerletzten Tag, als alles gepackt und die Tickets im Koffer verstaut waren, riefen sie Martha an. Sie kam sofort, im siebten Monat schwanger, hetzte in die fast leere Wohnung, das Gesicht vor Zorn entstellt.
Was macht ihr da?! Ihr lasst mich einfach im Stich? Jetzt, wo ich Zwillinge bekomme?!
Sabine reichte ihr einen Umschlag mit Bargeld Marthas Anteil vom Wohnungsverkauf. Martha riss den Umschlag auf, schaute hinein und wurde nur noch wütender.
Was soll ich denn damit?!, schleuderte sie den Umschlag zu Boden, die Scheine verteilten sich auf dem Linoleum. Ich brauch Hilfe und keine Almosen! Es ist eine schwere Zeit, versteht ihr das nicht?!
Du hast seit fünf Jahren eine schwere Zeit, Martha, sagte Sabine nur. Wir sind müde.
Müde?, schnaubte Martha. Ihr seid müde? Und ich? Mit zwei Kindern und der dritten Schwangerschaft, glaubst du, das ist Urlaub?
Du hast dir das ausgesucht, Martha, sagte Sabine ruhig. Jetzt sind wir dran.
Martha drehte sich zu Ursula, suchte Halt aber Ursula schaute bloß demonstrativ in ihre Tasche.
Ihr seid für mich keine Familie mehr, zischte Martha und hob mit zittrigen Fingern den Umschlag wieder auf. Keine von euch!
Sie stürmte hinaus. Sabine und Ursula wechselten einen Blick keiner sagte etwas. Sabine nahm ihre Tasche, schulterte sie. Ursula griff ihren Koffer. Sie schlossen zum letzten Mal die Tür hinter sich.
Der Zug fuhr in einer Stunde. Sabine saß am Fenster, beobachtete, wie der Bahnsteig langsam zurückwich, wie Laternen, Garagen, triste Betonhäuser vorbeizogen. Ursula schlummerte an ihrer Schulter, erschöpft von den letzten Tagen.
Die Stadt verschwand am Horizont, nahm all die endlosen Streitereien, fremde Kinder auf dem Arm, Schuldgefühle und alte Pflichten mit sich. Sabine lehnte sich zurück und atmete zum ersten Mal seit Jahren richtig durch. Vor ihnen lag das Unbekannte.
Der Zug trug sie fort, und Sabine schloss die Augen.




