Du, ich muss dir erzählen, was bei mir letztes Wochenende passiert ist das hat mir echt den Boden unter den Füßen weggezogen.
Jeden Morgen wache ich zu diesen typischen Hamburger Regentropfen auf, die gegen mein Fenster prasseln. Und wie das Wetter draußen, so ist es auch in meinem Kopf: grau, ungewiss, irgendwie voller komischer Ahnungen.
Jetzt ist es schon die dritte Woche, dass mein Mann, Markus, seine Sporttasche packt und sagt:
Meine Eltern sind gesundheitlich angeschlagen, ich fahr für ein paar Tage rüber.
Beim ersten Mal hab ich das voll akzeptiert. Seine Mutter, Brigitte, hatte ja vor Kurzem eine OP an der Gallenblase, der Vater, Dieter, hat ständig Probleme mit dem Blutdruck. Mit ihren 65 Jahren ist das ja kein Wunder.
Na klar, fahr hin, hab ich gesagt. Grüß sie von mir und sag, dass ich mitfühle.
Markus fährt immer freitagabends los, kommt montagmorgens zurück total erledigt, wortkarg, wie nach einer schweren Arbeitsschicht. Wenn ich ihn frage, wies seinen Eltern geht, kommt:
Geht besser. Aber noch schwach.
Was genau hat deine Mutter denn? frage ich dann.
Ach, alles. Sie ist alt, winkt er ab.
Eine Woche später das gleiche Spiel.
Schon wieder schlecht? wundere ich mich.
Mama ist gefallen, hat sich was gestoßen. Papa ist nervös. Ich muss hin, sagt er und stopft seine frischen Hemden in die Tasche.
Soll ich mitkommen? Vielleicht kann ich ja helfen?
Nee, das ist unnötig. Es ist schon eng genug dort, bleib lieber zu Hause.
Ich akzeptiere das. Mit seinen Eltern wars nie wirklich herzlich Brigitte ist eine reservierte Frau, nicht so die Warmherzige. Wir reden höflich, aber Nähe gibts nicht.
Beim dritten Mal packt Markus am nächsten Wochenende wieder seine Jeans und Pullis ein.
Was jetzt los? frage ich ihn.
Papa gehts richtig schlecht, der Blutdruck ist katastrophal. Mama schaffts alleine nicht mehr.
Habt ihr einen Arzt gerufen?
Ja, aber du weißt ja, wie Hausärzte in diesen Zeiten sind. Die verschreiben Tabletten und hauen ab.
Er klingt überzeugend, aber irgendwas in seiner Stimme ist zu glatt, zu einstudiert zu wenig echtes Mitgefühl.
Markus, vielleicht sollten sie ins Krankenhaus.
Sie wollen nicht. Sie haben Angst vor Krankenhäusern. Zu Hause ist ruhiger.
Er schließt die Tasche, küsst mich auf die Wange.
Mach dir keine Sorgen. Ich beeil mich.
Nachdem Markus weg war, wurde mein Bauchgefühl immer schlimmer. Wann hatte ich eigentlich zuletzt mit Brigitte telefoniert? Ach stimmt, vor fast einem Monat, als sie mich wegen dem Geburtstag einer gemeinsamen Freundin angerufen hatte.
Damals war sie richtig gut drauf, hat gefragt, wies auf der Arbeit läuft, hat von ihrem Schrebergarten und den Tomaten erzählt. Null Beschwerden, im Gegenteil sie hat stolz von der Ernte erzählt und Pläne für den Winter gemacht.
Komisch, murmle ich beim Blick aus dem Fenster, während der Herbstregen niedergeht. Wenn sie krank wäre, hätte sie mich doch informiert
Am Montag kommt Markus zurück noch grimmiger als sonst.
Wie gehts deinen Eltern? frage ich.
Papa gehts besser, Mama ist immer noch schwach.
Was hat der Arzt gesagt?
Welcher Arzt? schaut er mich irritiert an.
Na, der Hausarzt. Du meintest doch, ihr habt ihn gerufen.
Ach ja. Der meinte, wir sollen abwarten. Wenns schlimmer wird, ins Krankenhaus.
Markus zieht sich schnell um und setzt sich vor den Computer. Gespräch beendet, wie abgeschnitten.
Als er abends duschen geht, nehme ich zum ersten Mal sein Handy und schau rein. Ich hab das nie gemacht, aber diesmal musste ich einfach.
Kein einziger Anruf zu seinen Eltern. Weder hinaus noch hinein, die letzten zwei Wochen kein Kontakt zu Brigitte oder Dieter.
Wie bitte? flüstere ich. Wenn er da ist, warum ruft keiner an?
Normalerweise melden sich seine Eltern, wenn Markus weg ist, um zu fragen wies mir geht, oder ob sie ihm was mitgeben sollen. Diesmal: absolute Funkstille.
Am vierten Freitag packt Markus wieder seine Sachen.
Schon wieder Eltern? frage ich.
Ja, Mama hat Fieber, vermutlich erkältet.
Markus, vielleicht fahr ich doch mit? Ich kann helfen.
Brauchts nicht! Du hast doch genug Arbeit. Mach dir keinen Stress, sagt er plötzlich ziemlich schroff.
Mir ist das nicht zu viel! Immerhin sind das auch meine Familie!
Katja, nein, wirklich. Es ist schon eng genug. Außerdem steckst du dich noch an.
Sein Blick weicht meinem aus, und er packt extrem hastig als ob er einen Zug erwischen muss.
Mit welchem Regionalzug fährst du? frage ich.
Mit dem üblichen. Siebzehn Uhr.
Soll ich dich zum Bahnhof bringen?
Nein, geht schon. Ich schaff das alleine.
Er küsst mich, verschwindet. Ich bleibe zurück in unserer Wohnung, voller offener Fragen und seltsamer Zufälle.
Samstagmorgen grüble ich viel ich bin nicht jemand, der grundlos Verdächtigungen hegt. Aber es ist einfach zu vieles merkwürdig.
Bin ich echt so die misstrauische Ehefrau? beschwichtige ich mich. Vielleicht sind sie ja wirklich krank und ich spinn total
Mittags beschließe ich, Brigitte und Dieter samt leckerem Kuchen und Obsthaufen zu überraschen. Ist doch nett zudem kann ich so Markus auch überraschen.
Ich backe einen Apfelkuchen nach Mamas Rezept, gehe los zum REWE, kaufe Orangen, Bananen, Saft alles, was hilft, wenn man krank ist. Um drei ist alles bereit: Kuchen, Obst, ein nettes Kleid, etwas Make-up und ich fahre los zum Hauptbahnhof.
Im Regionalzug grinse ich vor mich hin ich stell mir vor, wie Markus blöd aus der Wäsche schaut, wenn ich da plötzlich aufkreuze. Er öffnet die Tür, sieht mich mit den Tüten, ist erst perplex, lächelt danach herzlich. Katja? Wie kommst du denn hierher?, wird er sagen.
Ich wollte euch besuchen die Patienten aufmuntern!
Die Fahrt zum Haus seiner Eltern in Pinneberg dauert anderthalb Stunden. Das kleine Städtchen bei Hamburg, das Doppelhaus mit schönem Garten hier ist Markus aufgewachsen.
Ich gehe zur Gartentür, klingele. Brigitte kommt raus sie sieht richtig frisch aus, rote Wangen, klare Augen, keinen Hauch von Krankheit. Im Jogginganzug, perfekt gebundener Zopf.
Katja! Was machst du denn hier? staunt sie.
Hallo Brigitte, ich wollte euch besuchen Markus sagt, ihr seid krank.
Wir? lacht sie ehrlich. Aber wir sind kerngesund! Woher kommt denn dieses Gerücht?
Mir wird heiß und kalt. Die Geschenktüten wiegen plötzlich tausend Tonnen.
Aber Markus Er meinte, er pflegt euch, weil es euch schlecht geht.
Pflegen? Katja, wir haben Markus seit einer Woche nicht gesehen! Mindestens!
Dieter ruft aus dem Flur: Brigitte, wer ist da?
Katja ist da! ruft sie zurück.
Dieter kommt aus der Werkstatt, siebzig, kräftig, im Arbeitshemd und Jeans.
Oh, Schwiegertochter! Was bringt dich denn her? Wir sehen dich ja selten.
Dieter, wo ist Markus? frage ich direkt.
Keine Ahnung auf der Arbeit? Oder bei euch?
Er meinte, er sei hier, weil ihr krank seid und Pflege braucht.
Die Eltern gucken sich verständnislos an.
Katja, wir sind fit. Markus war das letzte Mal wann denn, Brigitte?
An Petritag im Juli. Zu deinem Geburtstag.
Genau. Seitdem hat er nicht mal angerufen.
Alles in mir zerbricht. Markus Ausreden, seine Trips zu den angeblich Kranken alles gelogen, unverblümt.
Katja, was ist los? fragt Brigitte vorsichtig. Du bist so blass. Komm rein, wir machen Tee.
Danke, aber ich muss gleich wieder los.
Jetzt bleib doch! Der Kuchen gehört doch uns, oder etwa nicht? insistiert sie.
Ich lass euch die Tüten hier. Lassts euch schmecken.
Wo ist Markus? fragt Dieter noch einmal.
Ich weiß es nicht, antworte ich ehrlich.
Sie bringen mich zur Tür, schauen mir hinterher ich laufe zur Bushaltestelle, die Beine wie Blei.
Im Kopf geht alles durcheinander: Wo war Markus an den Wochenenden? Mit wem? Und wie lange geht diese Lüge schon?
Im Bus nach Hamburg schaue ich raus auf graue Felder und sortiere Gedanken. Jede Reise zu den kranken Eltern war eine Farce, jede Erklärung eine bitterkalte Manipulation.
Und während ich mir Sorgen um seine Eltern mache, , ich kann den Gedanken nicht zu Ende führen.
Im Zug will ich Markus anrufen, lasse es aber. Was will ich ihn fragen? Wo? Mit wem? Warum lügt er?
Ich beschließe, zuhause abzuwarten ihm in die Augen zu schauen, wenn die nächste Lüge kommt.
Zu Hause bin ich um acht Uhr abends, die Wohnung still und leer. Ich setze mich auf die Couch und warte.
Markus kommt montagmorgens wie immer. Schlüssel klappern, Tür geht auf. Müde, zerknittert, die gleiche Sporttasche.
Hi, murmelt Markus auf dem Weg ins Schlafzimmer. Wie war dein Wochenende?
Gut, sage ich ruhig. Und deins?
Anstrengend. Die Eltern sind echt fertig.
Was haben sie denn genau? stelle ich mich neben ihn.
Mama hat Fieber, Papa musste die ganze Nacht Blutdruck messen. Echt schlimm.
Markus schaut mich nicht an sortiert Wäsche, packt Medikamente aus.
Markus, schau mich bitte an.
Er hebt den Kopf, sieht beunruhigt aus.
Wo warst du die letzten Tage?
Wie bei den Eltern. Hab ich doch gesagt.
Deine Eltern sind gesund. Sie haben dich die ganze Woche nicht gesehen.
Markus erstarrt.
Was meinst du?
Ich war gestern bei ihnen. Wollte helfen. Brigitte hat nur gelacht, als ich nach einer Krankheit gefragt habe.
Sein Gesicht wird weiß.
Du bist zu meinen Eltern gefahren? Warum?
Weil ich dir geglaubt habe. Dachte, sie brauchen wirklich Hilfe.
Katja, du verstehst nicht…
Was verstehe ich nicht? Dass du mir seit Wochen ins Gesicht lügst?
Das ist keine Lüge…
Was dann? Markus, wo warst du? Mit wem?
Er dreht sich weg zum Fenster.
Ich kanns gerade nicht erklären.
Kannst oder willst nicht?
Katja, glaub mir. Es ist nicht, was du denkst.
Und was denke ich?
Er schweigt lange. Dann, nach einer Ewigkeit:
Ja, flüstert Markus.
Ich nicke. Keine Wut, nur Leere und klare Sicht.
Verstehe.
Katja, das ist nicht ernst. Es… ist einfach passiert
Vor einem Monat?
Nein, schon länger. Ich wusste aber nicht, wie ichs dir sagen sollte.
Deswegen die Geschichten von kranken Eltern?
Ich wollte einfach herausfinden, was ich will.
Hast dus herausgefunden?
Er schweigt.
Markus, hast du herausgefunden, was du willst?
Ich weiß es nicht.
Ich dafür schon, sage ich. Ich will jemanden, der nicht lügt. Der keine kranken Eltern vorschiebt für seine Affären.
Es ist keine Affäre
Nenn es, wie du willst. Es ist Betrug und Monate lang gelogen.
Ich gehe ins Schlafzimmer, nehme einen kleinen Koffer raus.
Was machst du? fragt Markus, sichtlich nervös.
Ich packe. Bleibe erst mal bei einer Freundin. Bis wir das geklärt haben.
Was ist denn zu klären?
Du deine Gefühle, ich den Termin beim Anwalt.
Katja, bitte überstürz nichts! Lass uns reden!
Worüber? Über einen Monat Lügen? Über meine Sorgen um deine gesunden Eltern?
Ich wollte dich nicht verletzen
Deswegen hast dus nur schlimmer gemacht.
Ich nehme meine Papiere und den Laptop, packe Handy und Ladegerät ein.
Wenn du was erklären willst meld dich. Aber für einen Monat Lügen gibts keine Entschuldigung.
Und unser Zuhause? Unsere Familie?
Familie bedeutet Vertrauen. Und das Haus teilen wir notfalls über Anwälte.
Ich geh zur Tür.
Warte, können wir noch einmal von vorn anfangen? Ich breche alles ab, wir starten neu
Und wie? Mit neuen Lügen über kranke Eltern?
Nein. Ich verspreche es.
Markus, du hast mir Treue versprochen. Sieh, was aus Versprechen wird.
Ich verlasse die Wohnung, schließe die Tür. Im Treppenhaus ist es ruhig, oben läuft irgendwo Musik.
Draußen nieselt es, genau wie vor ein paar Wochen, als alles anfing. Ich ziehe den Kragen hoch und gehe zur U-Bahn.
Mein Handy klingelt auf dem Weg ins Untergeschoss. Markus Name, ich lehne ab und packe es weg.
Entscheidung gefallen mit einem Mann, der seine Eltern vorschiebt, um fremdzugehen, will ich nicht mehr leben. Vertrauen ist kaputt, Familie auch.
Vor mir liegen Gespräche mit Anwälten, Wohnungsaufteilung, Neustart. Wenigstens wird das ein Leben ohne Lügen und Ausreden. Ohne angeblich kranke Eltern und heimliche Wochenenden.
Die U-Bahn nimmt mich mit weg von gestern, hin zu einem ehrlichen, neuen Morgen.




