Familienbande
Oma, darf ich eine Weile bei dir wohnen?, schluchzte Annemarie und blickte ihre Großmutter flehend an. Ich kann nicht mehr mit ihm leben.
Natürlich, bleib so lange du möchtest, erwiderte Rosa Müller liebevoll und schloss ihre Enkelin in die Arme. Hat er dich wieder gekränkt?
Ja, Oma, seufzte Annemarie. Aber Mama will nicht, dass ich gehe. Sie möchte keinen Streit mit seiner Familie, sagt sie. Ich kann einfach nicht mehr.
Mit ihrer Schwiegertochter, Annemaries Mutter Gertrud, konnte Rosa noch nie viel anfangen. Berechnend, kühl, immer auf ihr eigenes Ansehen und ihren Vorteil bedacht Gefühle waren für sie zweitrangig, vor allem die der anderen. Weil Annemaries späterer Mann Friedrichs Vater eine angesehene Position in einem Ministerium innehatte, hatte sie ihre Tochter zur Hochzeit gedrängt.
Schlägt Friedrich dich?, fragte Rosa vorsichtig.
Annemarie brach in Tränen aus. Ja, Oma.
Wissen das deine Eltern?, bohrte Rosa weiter.
Ja, schluchzte Annemarie. Aber sie sagen, ich blamiere die Familie, wenn ich gehe. Und dass ich selber schuld bin, ich müsse eben nachgiebiger sein. Aber wie soll man nachgeben, wenn der andere nur wütend und grob ist?
Rosa streichelte ihrer Enkelin beruhigend über das Haar. Dann musst du auch nicht zurück. Du bleibst bei mir und ich spreche mit deinen Eltern.
Als Rosa wenig später ihrer Schwiegertochter anrief, ging es direkt zur Sache.
Wie, sie ist vom Mann weg?!, kreischte Gertrud entrüstet. Sie soll sofort zurückkommen!
Jetzt fahr dich mal runter, fuhr Rosa ihr scharf dazwischen. Annemarie bleibt hier.
Wissen Sie eigentlich, wieviel wir für die Hochzeit ausgegeben haben?, fauchte Gertrud. Friedrichs Familie ist so angesehen, und jetzt macht Annemarie uns lächerlich!
Das bist doch du, die uns blamiert, Gertrud, erwiderte Rosa. Ich habe genug von deinem Theater. Du hast mich verstanden.
Rosa legte auf. Gertrud warf ihr Handy wütend gegen die Wand und beschimpfte ihre Schwiegermutter in den übelsten Ausdrücken. Kurz darauf rief Rosa ihren Sohn an:
Wusstest du, dass dieser Lump Annemarie schlägt?, fuhr sie Ernst direkt an.
Na ja Also das habe ich gehört, aber vielleicht stimmt das nicht. Vielleicht übertreibt Annemarie.
Rosa wurde lauter. Sag mal, tust du jetzt so oder meinst du das ernst, Ernst?! Dein Schwiegersohn schlägt deine Tochter und das ist alles, was du dazu zu sagen hast?
Was soll ich denn machen?, fragte Ernst weichlich. Er ist doch ihr Mann.
Dem gehörte ordentlich eine geklatscht!, herrschte Rosa ihn an. Damit er sich merkt, dass unsere Annemarie kein Heimchen ist, das jeder schlagen kann!
Misch dich da nicht ein, Rosa. Die regeln das unter sich, brummte Ernst.
Alles klar, dann habt ihr eure Tochter für euren gesellschaftlichen Aufstieg geopfert, sagte Rosa bitter.
Zwei Tage später stand eine kleine Delegation vor Rosas Tür Annemaries Eltern und ihr Mann.
Annemarie muss sofort zurück zu ihrem Ehemann!, schnappte Gertrud gleich beim Betreten des Hauses.
Annemarie muss gar nichts!, konterte Rosa. Ich verstehe euch beide nicht. Sie ist doch euer eigenes Kind! Was seid ihr nur für Eltern?
Das liegt alles nur an deinem schlechten Einfluss!, begann Gertrud empört. Ich ruiniere doch nicht wegen so einem Aufstand unser Verhältnis zu Herrn Direktor Wagner.
Rosa blickte Friedrich fest an. Vielleicht sollte Herr Wagner erstmal seinen Sohn lehren, keine Hand gegen eine Frau zu erheben.
Friedrich senkte beschämt den Blick. Gertrud bemühte sich sofort, ihren Schwiegersohn zu verteidigen: Er hat sie doch nicht schlimm geschlagen! In jeder Ehe gibts mal Krach.
Und du findest das auch so, Ernst?, wollte Rosa wissen.
Mama, die müssen das klären, murmelte Ernst. Annemarie ist halt auch empfindlich.
Da knallte Rosa Ernst eine Ohrfeige, dann verpasste sie Gertrud und Friedrich noch je eine. Alle drei waren perplex. Rosa sagte trocken: Das war auch nur aus Spaß. Stört euch das? Gekränkt? Liegt wohl an eurem empfindlichen Wesen. Dann geht nach Hause und arbeitet daran. Raus mit euch!
Sie schob die Delegation hinaus. Und nehmt den Kerl gleich mit. Und sagt seinem Vater, er soll sich mal ums Benehmen kümmern. Und wenns dir so wichtig ist, Gertrud, kusch dich doch selbst an Herrn Wagner ran!
Ich setze nie wieder einen Fuß in dieses Haus!, schrie Gertrud auf der Treppe.
Das ist nur recht, gab Rosa zurück, als Schwiegertochter bist du mager, als Mutter bist du ein Versager.
Nachdem die anderen weg waren, wandte sich Rosa ihren Händen reibend an Annemarie, die sich die ganze Zeit nicht aus ihrem Zimmer gewagt hatte: Siehst du, meine Kleine, du musst immer für dich und deine Rechte einstehen. Es kommen noch viele, vor denen man sich schützen muss. Für andere zu leben bedeutet, sich selbst aufzugeben und danken wird es dir eh keiner.
Daheim tobte Gertrud. Du musst endlich deiner verrückten Mutter klarmachen, dass sie sich aus unserer Ehe raushält! Was denken bloß die Leute? Annemaries Ehe war unser Sprungbrett nach oben, und jetzt ist alles kaputt!
Was willst du denn da oben?, fragte Ernst müde. Fehlt dir etwas?
Ja!, schrie Gertrud. Geld, Status, Ansehen! Ich will, dass man zu mir aufschaut!
Ernst seufzte schwer. Er hasste Streitigkeiten. Es fiel ihm leichter zu schweigen, als seinen eigenen Standpunkt zu vertreten.
Am nächsten Tag stand Ernst wieder vor Rosas Tür.
Keine Chance selbst wenn du mich bittest!, rief Rosa ihm gleich beim Öffnen zu.
Ich wollte auch gar nicht, antwortete Ernst ruhig. Kann ich eine Weile bei dir wohnen?
Hat sie dich jetzt endgültig vergrault?, fragte Rosa verständnisvoll.
Ich halte ihre Wutausbrüche einfach nicht mehr aus, seufzte er.
Du musst lernen, deine Grenzen zu schützen, Ernst. Bist ein Esel geworden, weil du dich immer beugen lässt.
Ernst nickte einsichtig. Annemarie setzte sich zu ihm und legte den Kopf an seine Schulter. Sie wusste: Ihr Vater war ein sanfter Mensch, hatte sich aber immer untergeordnet.
Gut, dass Annemarie diesen Schritt gemacht hat, sagte Rosa, ihre Enkelin liebevoll ansehend. Ihr seid selbst verantwortlich für euer Glück. Nur ihr entscheidet über die Qualität eures Lebens. Verstanden, ihr Spatzen?
Annemarie und Ernst nickten und Rosa schüttelte den Kopf: Euch muss man echt noch viel beibringen.
Am gleichen Tag packte Ernst zuhause seine Sachen und teilte Gertrud mit, dass er ausziehe. Sie reagierte mit Wutausbrüchen und warf mit Geschirr und allem, was greifbar war.
Friedrich rief Annemarie weiter täglich an, erst flehend, dann fordernd, schließlich drohend. Aber Annemarie kehrte nicht zurück in ihr altes Leben, sie schmiedete neue Pläne.
Eine Woche später stand Direktor Wagner vor Rosas Tür und donnerte los: Seid ihr denn alle verrückt geworden? Erst läuft die Tochter vom Mann weg, jetzt der Sohn von der Frau! Ihr macht uns Schande! Sie sollen SOFORT zurück in ihre Familien! Und Sie, Rosa Müller, hören Sie auf mit dieser Unterstützung!
Rosa stemmte die Hände in die Hüften: Und wer bist du, mir zu sagen, wie ich meine Familie führe? Bring deinem Sohn lieber bei, wie man Frauen behandelt!
Hab ich schon, entgegnete Wagner nun ruhiger. Er macht das nicht mehr.
Hättest du ihm das früher gesagt, wäre das nie passiert, erwiderte Rosa.
Warum verschärfst du die Lage noch? Friedrich liebt Annemarie, er wird sich bessern! Durch diese Trennung blamierst du meine Familie! Ich könnte auch behaupten, sie ist untreu. Oder schlampig
Lass die Drohungen, Wagner, sagte Rosa mit harter Stimme. Sonst erzähle ich allen, wie du in der Schule ins Bett gemacht hast! Was ist wohl die bessere Schlagzeile im Lokalblatt dass dein Sohn als Mann versagt oder dass der ehrenwerte Herr Wagner als Kind einnässte?
Wagner erblaßte. Das sagen Sie doch nicht wirklich?!
Rosa zuckte die Achseln. Kommt auf dein Verhalten an!
Erst fühlte Wagner sich wie ein kleiner Junge. Dann aber nickte er ernst: Ich habe verstanden.
Sehr gut!, sagte Rosa und lachte. Und jetzt möchte ich, dass du mir und Annemarie eine Kur im besten Sanatorium spendierst zur Erholung der Seele. Und falls jemand fragt, erzählst du, Annemarie kümmert sich um ihre kranke Großmutter.
Wagner willigte tatsächlich ein. Trotz seiner herausgehobenen Stellung blieb Rosa für ihn immer die Respektsperson seiner Kindheit. Sie verstand es, Zuckerbrot und Peitsche zu verteilen… bei Bedarf auch Erpressung.
Wie versprochen, ließ er Rosa und Annemarie auf Kur fahren. Sein Respekt vor Rosa blieb, und insgeheim hatte er immer großes Mitleid mit Annemarie. Dass sein Sohn sie verloren hatte, betrübte ihn.
Die Scheidung von Annemarie und Friedrich zog sich noch fast ein Jahr hin. Doch bis dahin hatten beide neue Beziehungen es ging ruhig und ohne Drama vonstatten. Annemarie heiratete abermals, bekam zwei Kinder und nahm später ihre Großmutter zu sich ins Haus, so wie einst Rosa sie aufgenommen hatte.
Ernst dagegen ließ sich nicht scheiden, wohnte jedoch weiterhin bei seiner Mutter aber das ist wieder eine andere Geschichte.





