Bei Oma Schura im Dorf ist der Kater gestorben – ein verdienter Kater, der viele Siege über schwache…

Bei der Oma Gertrud auf dem Dorf ist der Kater gestorben. Ein verdienter Stubentiger war das! Auf seinem Konto standen zahlreiche Siege über das schwache Katzen-Geschlecht, geschlagene Rivalen und gefangene Nager. Aber inzwischen war der alte Herr schon recht betagt, da macht man eben nichts mehr. Fast zwanzig Jahre hatte er ohne Generalüberholung durchs Leben getapst.

Oma Gertrud wickelte ihren Liebling in ein frisches Küchentuch, schnappte sich den Spaten und trottete hinter den Garten, um ihn würdig zu beerdigen. Ihr Mann, Heinrich Siegfried, bastelte derweil irgendwo in der Ecke am Vorratskeller herum, reparierte irgendwas und fluchte gedämpft vor sich hin.

Nachdem Oma Gertrud ihrem Kater das letzte Geleit gegeben und das Löchlein zugeschaufelt hatte, kam sie mit dem erdigen Spaten wieder zurück. Auf dem Weg traf sie ihre Nachbarin Frau Hedwig aus der Stadt.

Grüß Gott, Gertrudchen! rief Hedwig und fragte nur der Form halber: Was machstn da Schönes?

Ach, weißt du, seufzte Gertrud, mein Heinz ist jetzt erlöst, der Arme. Hat der Herr ihn zu sich genommen. Ich habe ein Tränchen verdrückt und dann hinterm Garten begraben.

Bei dieser Nachricht vergaß Hedwig, wohin sie eigentlich wollte. Sie hatte nämlich gestern noch Heinrich Siegfried im Dorfladen gesehen wie der Opa Zucker, Kippen und eine kleine Flasche Korn kaufte.

Nicht dein Ernst! entfuhr es ihr. Dein Heinrich ist tot? So plötzlich? Ich hab ihn doch erst gestern gesehen!

Ja, bestätigte Gertrud und nickte. Gestern war er noch ganz fidel, hatte den ganzen Tag gute Laune und hat einen kompletten Matjes verdrückt. Abends haben wir sogar noch miteinander gespielt

Hedwigs Augen wurden langsam kugelrund.

Aber heute früh, da war mein Heinz plötzlich so still, hat sich hingelegt, ein bisschen vor sich hin gemurmelt und dann war Feierabend, beendete Gertrud ihre Erzählung.

Hedwig bekreuzigte sich wie automatisch.

Ei der Daus! So schnell kanns gehen, murmelte sie. Eben noch gibt es nen Heinz und zack, weg ist er. Aber wozu dann mit dem Spaten?

Hab ihn wie gesagt hinterm Garten begraben!, erklärte Gertrud nochmals. In schönes Tuch gewickelt, anständig hingelegt. Und ein Zweiglein als Markierung, dass ich nicht vergess, wo er liegt.

Hedwig war eine echte Städterin und kannte sich mit dörflichen Sitten nicht so ganz aus. Dass Gertrud ihren Gatten Heinrich einfach hinterm Garten verscharrte und ein Zweig in die Erde drückte, verwunderte sie dann doch gewaltig.

Du bist ja wirklich fürsorglich, Gertrud das kann dir keiner nehmen!, stotterte Hedwig verwirrt. Gehst einfach los und buddelst jemanden ein! Aber ists nicht üblich also, vielleicht wenigstens mal die Polizei zu benachrichtigen, wegen der Todesbescheinigung und so?

Nun schaute auch Gertrud ziemlich schräg auf Hedwig.

Was du für Geschichten erzählst! lachte sie. Mein Heinz war ja ein stattlicher Bursche aber wegen jedem kleinen Ableben gleich den Streifenwagen holen? Da rennt ja der Kommissar nur noch von Dorf zu Dorf! Soll ich noch den Oberstaatsanwalt anrufen?

Hedwig schwieg kleinlaut. Oma Gertrud warf den Spaten auf die andere Schulter.

Vielleicht macht ihr das in der Stadt so, meinte sie versöhnlich. Bei euch ist ja alles mit Anwalt, Amt und Siegel. Aber wir hier auf dem Land nehmens wies kommt. Wenn der Franz hinüber ist, ists halt so. Spaten greifen, Loch buddeln. Platz hinterm Garten is genug.

Aha, murmelte Hedwig. Ich seh schon, ich kenne euer Dorf noch nicht so richtig. Aber warum denn ausgerechnet im Unkraut hinterm Garten und nicht auf nem richtigen Friedhof?

Gertrud fing schon langsam an, sich über Hedwigs Begriffsstutzigkeit zu ärgern.

Wohin denn sonst, fragte sie grantig. Kann ihn ja schlecht zu den evangelischen Gemeindemitgliedern legen, sowas wäre zu nobel! Seit Generationen werden hier alle hinterm Garten verscharrt.

Frau Hedwig ließ sich vorsichtig auf einen Hackklotz nieder. Auf den Spaten in Gertruds Händen wagte sie gar nicht erst zu schauen. Ihre Knie waren ein bisschen weich.

Das gibts ja nicht, Nachbarin, brachte sie schließlich hervor. Sammer, du sammelst die alle hinterm Garten! Wie viele hast du da schon versenkt außer deinem Heinrich?

Gertrud dachte nach. Da war vor Heinrich mein Bruno. Eigentlich sanfter Kerl, aber ein Schlawiner erster Klasse. Schleicht sich nachts ins Bett, und morgens ist das Laken pitschnass! Ach, hab ich den geprügelt! Und davor Gustav. Der war pflegeleicht, verschmust. Aber dann war seine Zeit auch um. Ich hab sie wirklich oft ausgetauscht

Sie rammte den Spaten mit Nachdruck in den Rasen als wäre das der Schlusspunkt.

Jetzt liegen sie alle in einer schönen Reihe hinterm Garten! Heinz, Bruno, Gustav… meine Prachtkerle! Aber nicht schlimm, die Tanja aus dem Nachbardorf will mir eh demnächst einen frischen bringen. Davon gibts schließlich genug, oder?

Was Hedwig sich an dieser Stelle dachte, ist nicht überliefert, denn plötzlich erschien hinter Gertrud der putzmuntere Heinrich Siegfried höchstpersönlich von Erde verschmiert und so sauer wie ein Pfandbon auf dem Supermarktparkplatz.

Willst du mich etwa umbringen, du alte Schachtel?!, schrie er seine Frau an. Das ganze Ding bricht oben ein, ich brüll mir die Seele raus, versuch mich rauszugraben und du plapperst hier rum!

Er entriss seiner Frau den Spaten.

Gib her das Werkzeug! Muss erstmal meine Gummistiefel ausgraben und die Flasche Korn liegt da unten auch noch!

In dem Moment rutschte Frau Hedwig langsam vom Hackklotz und kippte um. Die Flasche Korn war jetzt also doch noch zu was nützeGertrud und Heinrich starrten einen Moment lang auf die hingestreckte Hedwig, die mit zuckenden Lidern zwischen Ohnmacht und Realität pendelte. Dann zuckte Gertruds Mundwinkel, und sie hob fast unmerklich eine Schulter.

Na siehste, Heinrich, murmelte sie kopfschüttelnd, die Städter halten halt nix aus.

Heinrich klopfte sich demonstrativ den Dreck von den Hosenbeinen und warf einen Blick in Richtung Garten. Und ich wollt bloß die Kornflasche retten!

Ein lautes Schnauben entschlüpfte Gertrud. Dann beugte sie sich zu Hedwig hinunter, tippte ihr vorsichtig gegen die Wange und sagte mit singender Stimme: Komm, Nachbarin, bis zum Abendbrot bist du wieder auf den Beinen! Für den Schreck gibts nachher nen doppelten Korn. Aber euer Stadtleben das ist mir zu aufregend.

Hedwig blinzelte benommen und versuchte, ihre Würde aufzusammeln. Die Sonne blinzelte durch die Apfelbäume, und irgendwo drang ein leises Murren vom frischen Grab herüber als habe der Kater verstanden, dass die große Aufregung eigentlich seinetwegen war.

Gertrud half Hedwig auf, klopfte ihr beruhigend den Dreck von der Jacke und grinste. Weißt du, am Ende ist es wie beim Matjes: Alle regen sich erst auf, aber am nächsten Tag ist alles schon wieder vergessen.

Heinrich hob nur noch kurz drohend den Spaten. Gertrud, nächstes Mal leg wenigstens ne Glocke dazu!

Und während die drei gemeinsam, leicht schwankend, in Richtung Kaffeestube trotteten, war die Dorfwelt wieder fast so in Ordnung wie vorher denn wer einmal hinterm Garten war, weiß: Auf dem Land kommt jeder irgendwann bei Gertrud vorbei. Mit oder ohne Spaten.

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Homy
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