Wie, ich allein? lachte sie stets, Nein, wirklich nicht, ich habe doch eine große Familie!
Thematische Andenken
Annemarie wohnte seit einigen Jahren allein in einem kleinen Häuschen am Rande eines Dorfes bei Bamberg. Als man ihr wieder einmal vorwarf, sie würde einsam ihr Leben fristen, musste sie schmunzeln:
Wie, ich allein? Nein, kommt schon, ich habe eine große Familie!
Die alten Bäuerinnen aus dem Dorf lächelten verständnisvoll und nickten, nur um sich dann hinter Annemaries Rücken vielsagende Blicke zuzuwerfen. Sie drehten demonstrativ einen Finger an der Schläfe, so als wollten sie ihren Nachbarinnen zeigen, dass sie Annemarie für etwas wunderlich hielten. Familie, pah! Kein Mann, keine Kinder, wie ein Tier lebt sie!
Genau diese Tiere aber nannte Annemarie ihre Familie. Was sollten sie auch von ihr denken, wenn sie Haustiere nicht um ihres Nutzens willen hielt kein Rind oder Huhn, lediglich zum Zweck, einen Hund zur Bewachung und eine Katze gegen die Mäuse.
Aber Annemarie hatte fünf Katzen und vier Hunde. Und alle wohnten man höre und staune! mit im Haus, keineswegs draußen, wie es sich gehörte. Das wussten die Nachbarn zu berichten.
Untereinander tuschelten sie: Bei der ist Hopfen und Malz verloren, sie lacht dir nur ins Gesicht, wenn du sie darauf ansprichst.
Nein, nein, das Leben auf der Straße reicht ihnen, bei mir geht’s uns allen zusammen am wohlsten.
Vor fünf Jahren hatte Annemarie ihren Mann und ihren Sohn an einem einzigen Tag verloren. Sie waren gemeinsam von einem Angelausflug heimgefahren, als ein LKW auf der Landstraße bei Schweinfurt frontal in das Auto raste.
Nachdem sie einigermaßen wieder zu sich gekommen war, merkte Annemarie, dass sie nicht mehr in der Wohnung bleiben konnte, in der sie gemeinsam so glücklich gewesen waren. Nicht mehr in dieselben Geschäfte gehen, nicht durch dieselben Straßen laufen zu schmerzhaft die Erinnerungen, dazu noch die mitleidigen Blicke der Nachbarn.
Ein halbes Jahr später verkaufte sie ihre Wohnung in Nürnberg, packte ihre Sachen, nahm ihre Katze Gretel und zog in ein kleines Dorf, kaufte ein Häuschen am Dorfrand. Im Sommer kümmerte sie sich um ihren Gemüsegarten, im Winter arbeitete sie in einer Kantine im nahegelegenen Marktredwitz.
Alle ihre Tiere hatte sie im Laufe der Zeit von dort mitgebracht. Einiges Getier hatte sie am Bahnhof aufgesammelt, andere waren in der Kantine hungrig schnuppernd herumgestromert.
So stückelte sich eine neue, ziemlich ungewöhnliche Familie zusammen verbundene Seelen, einst allein und oftmals gezeichnet vom Leben. Doch Annemaries gutes Herz heilte die Wunden ihrer tierischen Mitbewohner, und sie dankten es ihr mit Zuneigung.
Von Liebe und Wärme war genug für alle da.
Auch das Futter reichte, manchmal mehr schlecht als recht. Annemarie wusste, dass sie nicht immer neue Tiere aufnehmen konnte, und versprach sich immer wieder: Dies war das letzte!
Im März aber, als nach warmen Tagen plötzlich der Winter mit Schnee und eisigem Wind zurückkehrte, eilte Annemarie auf den letzten Bus um sieben Uhr abends nach Hause. Zwei freie Tage standen bevor und sie hatte sich, wie stets, mit Einkaufstüten voller Lebensmittel für sich und ihr tierisches Rudel eingedeckt. Einiges hatte sie auch aus der Kantine mitgebracht, und ihre Arme waren schwer von den Taschen.
An das eigene Versprechen denkend, schaute Annemarie strikt geradeaus und dachte an ihre Vierbeiner, die sehnsüchtig zu Hause warteten und das allein wärmte ihr Herz ein wenig.
Aber wie das Leben spielt das Wichtigste sieht man nicht mit den Augen. Kurz vor dem Bus zwang sie ein Gefühl, stehen zu bleiben und sich umzudrehen.
Unter einer Bank am leeren, windigen Busbahnhof lag eine Hündin. Sie starrte Annemarie an, aber der Blick war leer, fast ausdruckslos. Schon war sie reichlich eingeschneit.
Während die Menschen vorbeihetzten, verzog sich niemand zu ihr. Dick eingepackt in Schals und Mützen ignorierten sie das Elend.
Annemarie brach es das Herz. Bus und Vorsätze waren vergessen. Sie stellte die Taschen ab, kniete sich zu der Hündin, streichelte vorsichtig das starre Fell. Ganz schwach öffnete das Tier die Augen.
Gott sei Dank, du lebst! hauchte Annemarie. Komm, Liebes, steh auf, komm zu mir…
Die Hündin wehrte sich nicht mehr; Annemarie zog sie unter der Bank hervor. Die arme Kreatur hatte wohl längst resigniert, bereit, diese kalte Welt zu verlassen.
Wie Annemarie mit zwei schweren Taschen und einer halb leblosen Hündin in der Armbeuge zur Empfangshalle kam, konnte sie später selbst nicht erklären.
In der hintersten Ecke im Wartebereich setzte sie sich hin, wärmte sanft die dünnen, eisigen Pfoten. Energisch rieb sie die Hündin, redete ihr zu:
Komm schon, wir müssen heim. Du wirst unsere fünfte Hündin, dann ist die Zahl schön rund
Eine Frikadelle hatte sie noch in der Tasche, die bot sie ihr an. Zunächst verweigerte das Tier, aber nach kurzem Aufwärmen regte sich neuer Lebensmut sie schnupperte, und nach kurzem Zögern nahm sie die Gabe doch an.
Eine Stunde später standen Annemarie und die Hündin an der Landstraße. Der Bus war bereits über alle Berge. Mit ihrem Gürtel bastelte sie eine Leine und ein Halsband. Die neugewonnene Gefährtin, die sie auf den Namen Fritzi taufte, lief freiwillig an ihrer Seite, nahe an den Beinen, als wolle sie nie wieder fort.
Zehn Minuten später Annemarie konnte es kaum glauben hielt tatsächlich ein Wagen, und sie durfte in den warmen Innenraum hüpfen.
Danke! Keine Sorge, ich setze sie mir auf den Schoß, sie macht nichts schmutzig, versprach Annemarie dem Fahrer.
Ach was, lassen Sie sie doch auf dem Sitz, meinte der Mann. Ist ja kein kleiner Hund…
Doch Fritzi kuschelte sich an Annemarie und fand tatsächlich auf ihrem Schoß Platz, obwohl sie zitterte wie Espenlaub.
So ist uns einfach wärmer, sagte Annemarie leise.
Der Fahrer schaute kurz zum Gürtel, der als Leine diente, stellte das Heizgebläse höher und fuhr schweigend weiter. Annemarie hielt die gerettete Hündin im Arm und sah gedankenverloren auf die Schneeflöckchen, die wie kleine Sterne durch die Scheinwerfer tanzten.
Er sah immer wieder auf das schöne, etwas müde, aber zufriedene Gesicht neben sich. Natürlich wusste er, dass sie den Hund aufgelesen und mit nach Hause brachte. Sie wirkte erschöpft, aber ruhig und glücklich.
Er fuhr sie bis nach Hause vor. Als er mit den Taschen half, musste er die vereiste Gartenpforte kräftig mit der Schulter aufstoßen quietschende, rostige Angeln gaben nach; das Tor fiel halb aus der Verankerung.
Nicht so schlimm, seufzte Annemarie, die hätte schon längst mal repariert werden sollen.
Lautes Gebell und Miauen drang aus dem Haus. Die Hausfrau eilte zur Tür und plötzlich strömte ihr ganzer Haushalt hinaus.
Was ist, habt ihr mich vermisst? Da bin ich ja wieder, wohin hätte ich denn gehen sollen! Schaut mal, wir haben Zuwachs bekommen.
Fritzi, die neue Hündin, lugte schüchtern hinter Annemaries Beinen hervor. Die Hunde reckten die Nasen zu den Taschen, die immer noch der Mann hielt.
Also wirklich, was stehen wir noch draußen? Kommen Sie ruhig herein, falls Ihnen unsere Großfamilie keine Angst macht. Wie wär’s mit Tee?
Der Mann brachte die Taschen hinein, schlug die Einladung aber dankend aus:
Es ist schon spät, ich fahre lieber. Füttern Sie Ihre Familie, sie haben auf Sie gewartet…
Am nächsten Tag, gegen Mittag, polterte es im Hof. Annemarie zog die Jacke über und trat hinaus da war der Fahrer von gestern!
Er montierte gerade neue Scharniere am Gartentor und hatte sein Werkzeug auf der Bank ausgebreitet.
Er lächelte Annemarie an: Servus! Das Tor ist gestern leider draufgegangen, ich dachte, ich komms gleich richten… Ich heiße übrigens Johannes. Und Sie?
Annemarie…
Die tierische Schar beschnupperte Johann voller Neugier. Er kraulte sie alle, kniete sich sogar hin.
Frieren Sie nicht, Annemarie, gehen Sie ins Warme. Ich bin gleich fertig und nehme dann einen Tee gerne an. Kuchen habe ich im Auto und ein paar Leckereien für Ihre tierische Familie.
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