Ich fange an, meinen eigenen Mann zu nerven ?
Acht Jahre lang lief alles wunderbar zwischen Heike und ihrem Mann, doch im neunten Ehejahr begann alles, Heikes Mann zu nerven und am meisten sie selbst.
Er kam erst spät abends nach Hause, aß schweigend, murmelte Unverständliches vor sich hin, klappte das Notebook auf und zockte bis tief in die Nacht Ego-Shooter. Wenn er Heike ansah, dann als hätte er von Kopf bis Fuß schmerzhaften Zahnschmerz. Immer öfter teilte er nüchtern mit, dass er heute bei seiner Mutter übernachte.
Eines Tages konnte Heike nicht mehr und rief ihre Schwiegermutter an:
Frau Schneider, ist Sebastian gerade bei Ihnen?
Worauf Irene Schneider mit honigsüßer Stimme entgegnete:
Eine gute Ehefrau, liebe Heike, weiß immer, wo ihr Mann steckt.
Heike kaufte sich sogar das Buch Wie halte ich meinen Mann?, erklärte der Kassiererin aber hastig, das sei nur für ihre Freundin. Die junge Frau warf ihr einen mitleidigen Blick zu.
Nach kurzem Nachdenken wurde Heike klar, dass an solchen Ratgeberbüchern etwas faul ist. Wie viele Männer muss man wohl festhalten, um Expertise für ein ganzes Buch zu haben? Und woher tauchen fortlaufend neue Männer zum Festhalten auf, wenn die alten doch gehalten werden?
Hundertfünfzig Seiten kluger Ratschläge: Der Mann muss sich nach Haus und Geborgenheit sehnen, Dessous helfen immer, man sollte sich für seine Angelegenheiten interessieren Heike lernte sogar endlich Hefeteig, aber Sebastian blieb davon unbeeindruckt. Vielleicht hätte sie den Teig im Spitzen-Nachthemd kneten sollen. Oder so zu Schwiegermutter gehen, wo laut Legende ihr Mann nächtigte.
Der Versuch, sich für Sebastians Hobbys zu interessieren, schlug auch fehl: Heike schaffte ein Spiellevel beim ersten Versuch, das er seit einer Woche nicht meisterte. Mehr Nähe entstand dadurch nicht.
Heike ging eigentlich los, um sich Winterschuhe zu kaufen, kam aber mit einem dicken Welpen für denselben Betrag zurück. Sie schaute ihn an und spürte: Sie hatte immer schon von einem richtigen Hund geträumt, nicht einem kläffenden Handtaschenhund, sondern einem echten, vierbeinigen Kumpel.
Die Züchterin lächelte verschwörerisch und sagte:
Kennen Sie sich mit Hunden aus? Nein? Na, das ist ein Golden Retriever.
Als Heike einwandte, er sei doch recht wenig golden, erwiderte die Frau gönnerhaft:
Der wird noch goldig, total angesagte Rasse, reinrassig, beide Eltern Gewinner auf Ausstellungen! Und Papiere habe ich auch. Gebe ich quasi geschenkt ab.
Sie nannte den Preis.
Heike hatte nicht genug dabei, aber die freundliche Frau akzeptierte, was sie geben konnte.
Irgendwer sollte sich doch freuen, wenn man nach Hause kommt. Stiefel schauen dich nicht treuherzig an, wedeln mit dem Schwanz oder bringen dir pantoffelklauend die Hausschuhe.
An dem Abend, als Sebastian mal wieder heimkehrte, fragte er:
Was ist das denn?!
Golden Retriever, reinrassig und günstig. Hier sind die Papiere, erklärte Heike.
In den Papieren stand allerdings etwas von einem Altdänischen Vorstehhund, und die Telefonnummer der Züchterin gehörte zu einem Bauunternehmen. Dort reagierte man auf Nachfragen nach Retriever oder Vorstehhund mit unhöflichen Kommentaren.
Bist du blind?! Wo bitteschön siehst du hier Retriever oder Vorstehhund? Was hast du gezahlt? So viel?! Wie kann man nur so leichtgläubig sein!
Dem Welpen gefiel der wütende Ton weit weniger als Heike und er knurrte. Doch statt eines gefährlichen Geräuschs entstand eine riesige Pfütze.
Mein Gott! Mit wem bin ich eigentlich verheiratet! rief Sebastian zur Decke und widmete sich wieder seinem Computer, als würde er darin nicht Monster abschießen, sondern mit größtem Genuss Heike.
Morgens war der Welpe bestens angekommen; in der Nacht hatte er punktgenau Sebastians Sneakers vollgepinkelt und dessen Schuhe angefressen.
Da platzte der Knoten. Alles an Heike war schrecklich: ihr Aussehen, Kleidung, ihr Charakter, ihre Gedanken. Sogar, dass sie doppelt so viel verdiente wie ihr Mann nur um ihn zu demütigen. Und: Keine Kinder hatte sie auch.
Sebastian, du wolltest doch selbst keine Kinder, flüsterte Heike schwach.
Wie auch? Was sollen da für Kinder bei einer Idiotin rauskommen? Sicher dieselben Idioten! Guck dich doch an wer will schon so eine!
Der Hund hörte das eine Weile, dann watschelte er mutig auf Sebastian zu und schnappte halbherzig nach dessen Knöchel.
Heike dagegen konnte vor Kummer über die nicht existierenden Kinder nur schweigen und zuschauen, wie ihr Mann seine Sachen in den Koffer warf.
Dreißig Jahre. Das Leben vorbei. Aus und vorbei.
Weitermachen? Eigentlich sinnlos. Aber das versteht so ein Welpe nicht. Jetzt sitzt er da, kaut wie ein Hungerhaken verträumt auf Heikes Socke völlig unbeeindruckt von Heikes Weltschmerz. Er will nur essen, trinken, hören, wie toll er ist, und dass man ihm den Bauch krault.
Der Hund, den Heike Baldur nannte, wuchs rasant, blieb trotz bärigen Aussehens kein echter Beschützer. Er entwickelte statt einem Beißreflex einen ausdauernden Schleck-Reflex.
Abends spazierte Heike mit ihm stundenlang durchs Viertel. Im Dezember gruben Bauarbeiter riesige Löcher in den matschigen, verschneiten Gehwegen. In solch ein Loch fiel Baldur, jammerte jämmerlich, und Heike sprang in Panik hinterher immerhin brach sie sich nichts. Das Loch war tief, steil und glatt, es war fast Mitternacht, das Handy lag vergessen daheim.
Anfangs traute sich Heike kaum, um Hilfe zu rufen, aber nach ein paar erfolglosen Versuchen schrie sie dann doch: Hilfe!.
Schließlich erschienen zwei junge Männer in schwarzen Mänteln und Make-Up, im schwachen Licht wie wandelnde Edgar-Allan-Poe-Figuren. Sie veranstalteten kein Ritual, sondern riefen die Feuerwehr und warteten sogar, während sie oben lachten und herumalberten.
Zuerst retteten sie Baldur, der vor Freude alle abschleckte inklusive der Grufties. Dann zogen sie Heike aus dem Schlamm; sie war so durchgefroren, dass ihr alles egal war.
Der Feuerwehrhauptmann schimpfte dann fruchtig über den blöden Hund, die nicht minder blöde Heike, die untätigen Leute vom Amt und die unfähigen Bauarbeiter. Selbst die Regierung bekam ihr Fett weg. Baldur hörte diese Flüche zum ersten Mal, sprang weiter freudig um ihn rum und schaffte es, dem Mann im Glückstaumel mit dem Schädel die Nase zu brechen.
So sah es nachts um eins aus: Der dreckverkrustete, aber glückliche Baldur, die im Matsch erstarrte Heike, mit Dreck beschmierte Feuerwehrleute und Grufties und ein blutender Feuerwehrhauptmann.
Sie sollten das Ungeheuer wenigstens ein bisschen erziehen, meckerte der Blutarme.
Ich probiere es, aber er ist ein schwieriger Fall, entgegnete Heike erschöpft.
Genau wie ich! sagte einer der Grufties und musste selber lachen.
Ich wohne übrigens dort drüben im Haus, kommt doch rein, damit ihr euch waschen könnt, bot Heike klappernd mit den Zähnen an.
Los jetzt, grinsten die Feuerwehrleute ihren Chef an. Sonst siehst du bald aus wie Hannibal Lecter.
Vielleicht sollte ich selbst anfangen, Gruben zu graben. Bis die Stadt mal was tut, vergeht ein ganzes Leben, meinte später Heikes Freundin.
P.S. Heikes Kinder sind keine Wunderkinder. Sie sind einfach niedlich und klug, wie Kinder eben sind. Jonas und Friederike heißen sie. In der ersten Klasse mussten sie ihre Familie vorstellen:
Unser Papa rettet die Welt! Unsere Mama arbeitet am Computer! rief der vorwitzige Jonas.
Und die schüchterne Friederike ergänzte:
Und unser Hund kann fernsehen!
Das Leben lehrt uns: Egal, wie schwer eine Zeit auch ist, es gibt immer etwas oder jemanden, für den wir wichtig sind und oft öffnet gerade eine neue Liebe, wie zu einem Tier, unerwartet Türen zum Glück.





