Zusammen mit meinem Freund haben wir ein Zimmer bei einer älteren Dame in Berlin gemietet. Wir wohnen schon seit acht Monaten mit ihr zusammen.
Die Küche teilen wir uns im Kühlschrank standen auf ihrer Seite immer nur ein alter Topf Haferbrei, gekocht auf Wasser. Seife gab es nur zum Wäschewaschen, Öl war stets das Billigste vom Billigsten, das ganze Treppenhaus roch danach. Die Schuhe im Flur waren geflickt und ein bisschen schief gelatscht. Die Wohnung schrie Armut aus allen Fugen.
Unsere Vermieterin mischte sich nie in unsere Angelegenheiten ein. Sie war vom Morgengrauen bis zum Einbruch der Dunkelheit unterwegs sammelte Pfandflaschen und klebte Plakate. Sonntags veranstaltete sie sich ein Festmahl aus überreifen Früchten, die sie vom Markt geschenkt bekam.
Mir tat sie schrecklich leid. Wenn mal jemand zu Besuch kam, hätte ich am liebsten gleich mitgeheult vor Wut und Mitleid.
Hast du das Geld schon vorbereitet? fragte eines Tages eine etwa 45-jährige Frau, die die Wohnungstür mit ihrem eigenen Schlüssel aufsperrte.
Ja, meine Tochter, hier, nimm’s, antwortete unsere Vermieterin ruhig.
Das reicht nicht. Morgen bringe ich meine Tochter mit.
Wem gehören die Klamotten? Hast du Besuch? fragte die Fremde weiter.
Ich hab das Zimmer vermietet, ich muss ja irgendwie überleben, die ganze Rente kriegst du doch schon längst, rechtfertigte sich die Rentnerin verzweifelt.
Dann schau ich mir mal deine Untermieter an. Man sagt, das seien Betrüger. Und schwupps stand sie bei uns im Zimmer.
Na, wen haben wir denn da?
Dieses Kavallerie-Manöver auf unser teuer bezahltes Territorium traf mich voll ins Gesicht.
Könnten Sie bitte die Tür von außen zumachen!?, sagte ich so ruhig, wie ich konnte.
Und wer bist du überhaupt, dass du mir sagst, was ich zu tun habe? Das ist meine Wohnung! Ab sofort zahlst du gefälligst an mich. Hier ist meine Handynummer, da meine Kontonummer. Die Frau im Straßenstaub trat MIT ihren Schuhen ins Zimmer und warf zwei Zettel auf den Tisch. Keine Zahlungsverzögerungen, sonst fliegst du! Wann hast du das letzte Mal überwiesen?
Kind, lass sie bitte in Ruhe den Stromnachlass hab ich ihr grad bezahlt, weil sie mir sonst alles abgedreht hätten! Und ohne Licht wie soll ich da bitte leben? Man sah förmlich, wie die alte Dame den Tränen nahe war.
Ab jetzt bekommst du keine Miete mehr von ihnen! Das überweisen sie mir. Morgen kommt meine Tochter, das ist jetzt alles.
Die Frau stapfte davon. Unsere Vermieterin setzte sich im Flur auf einen Stuhl und weinte leise. Ich ging zu ihr, legte den Arm um ihre Schultern.
Ach, kommen Sie, weinen Sie nicht. Wir kriegen das schon hin!
Bitte bring mir was zu trinken, ein bisschen Tee.
Echten Tee hab ich bei ihr nie gesehen sie brühte sich immer ein paar getrocknete Blätter Johannisbeeren oder Himbeeren auf, die bei uns in kleinen Bündeln über dem Herd hingen.
Die alte Dame nahm ihren Becher und erzählte mir:
Ich habe meine Tochter allein großgezogen, mein Mann ist eines Tages weg und nie wiedergekommen. Mein ganzes Herz, die ganze Seele hab ich ihr gegeben. Und was ist draus geworden? Eine arrogante, zickige Frau, die heute noch jedem Rock hinterherschaut. Mit 35 hat sie dann endlich einen Mann gefunden und mir eine Enkelin geschenkt. Aber der Typ ist geizig wie eh und je! Da hab ich natürlich geholfen, wo ich konnte, hab meine Rente gegeben
Tja, und irgendwann wurde meine freiwillige Hilfe zur Pflicht. Sie nimmt mir alles Geld ab wenn ich mal nein sage, seh ich meine Enkelin nicht mehr. Da dachte ich: Dann vermiete ich halt ein Zimmer, dann hab ich wenigstens ein bisschen zu essen… Aber jetzt will sie mir das auch noch wegnehmen. Was hab ich da eigentlich großgezogen?
Sie weinte still und vergaß dabei fast ganz ihren Tee.
Jetzt will sie mich umquartieren das Haus verkaufen und für mich am Stadtrand so eine winzige Bude besorgen. Oder sie setzt mich gleich auf die Straße, das fängt sie schon an zu sagen. Wenn ich widerspreche, droht sie wieder mit der Enkelin. Ich würd sogar meine Eigentumswohnung hergeben, nur um mein Enkelkind zu sehen.
Als mein Freund von der Uni nach Hause kam er studiert im vierten Jahr Jura fragte ich ihn, was man da bloß machen kann? Wie kann man der alten Dame helfen?
Wir haben mit den Nachbarn gesprochen, die auch schon mitgekriegt hatten, wie die Tochter wegen Geld gebrüllt hat. Zusammen haben wir Zeugen für einen möglichen Prozess gesammelt. Dann haben wir mit meiner Hilfe einen Antrag beim Familiengericht gestellt, damit die Oma regelmäßig die Enkelin treffen darf.
Wir haben ihr noch geraten, Atteste von einem Psychologen zu besorgen wer weiß, was die Tochter da im Zweifelsfall alles behauptet!
Und wir haben tatsächlich gewonnen: Die Oma darf ihre Enkelin jetzt offiziell alle zwei Wochen für drei Stunden sehen. Die Rente bleibt bei ihr, Schluss mit dem Erpressen! Seitdem gönnt sich die Vermieterin regelmäßig ein Steak, und frisches Obst ist keine Ausnahme mehr, sondern Standard auf dem Tisch. Wir helfen auch ab und an beim Renovieren zumindest mal ne Wand streichen oder dreißig Jahre alte Tapeten abziehen geht immer.
Zum Dank will sie von uns kein Geld mehr für das Zimmer. Wir zahlen es ihr trotzdem weiterhin, notfalls zwingen wir sie höflich dazu.
Wie kann man nur so mit seiner eigenen Mutter umgehen? Ihrer ohnehin schon mageren Rente berauben, mutwillig ignorieren, was eine Frau, die dich geboren und großgezogen hat, überhaupt noch essen kann? Das ist schon eine ganz besondere Kategorie von Undankbarkeit.
Denkt dran: Liebt eure Eltern! Ohne sie wärt ihr nie hier auf der Welt gelandet!




