**Tagebucheintrag**
Wir haben sie nicht eingeladen, flüsterte meine Schwiegertochter, als sie mich in der Tür stehen sah.
Mama, wann kommt Oma Gisela?, fragte Mariechen und schmierte den letzten Haferbrei auf ihrem Teller herum.
Ich weiß nicht, Schatz. Vielleicht kommt sie diesmal gar nicht, antwortete Sabine und räumte das Geschirr nach dem Frühstück ab.
Andreas blickte von seiner Zeitung auf und warf ihr einen missbilligenden Blick zu.
Was heißt das, sie kommt nicht? Mutter war immer zu Maries Geburtstag da. Das ist doch schon Tradition.
Na dann soll sie doch in deinen Träumen bleiben, murmelte Sabine und stellte die Tassen mit einem Klirren ins Spülbecken.
Die siebenjährige Marie runzelte die Stirn und schaute abwechselnd zu Mama und Papa. Sie mochte es nicht, wenn sie so miteinander redeten. Besonders nicht, wenn es um Oma Gisela ging.
Ich will, dass Oma kommt! Sie bringt mir immer Geschenke mit, wir gehen in den Park, und sie erzählt mir Märchen von Prinzessinnen!
Marie, geh Zähne putzen, wir kommen sonst zu spät in den Kindergarten, unterbrach Sabine ihre Tochter.
Das Mädchen schmollte, rutschte aber gehorsam vom Stuhl und trottete ins Badezimmer.
Sabine, was soll das?, sagte Andreas leise, als er zu ihr trat. Das Kind freut sich doch auf Oma.
Bin ich etwa schuld?, fuhr Sabine ihn an. Deine Mutter hat selbst entschieden, dass sie nicht mehr kommt. Nach unserem letzten Streit.
Welchem Streit? Du hast ihr doch nur deine Meinung über ihre Erziehungsmethoden gesagt!
Die Wahrheit gesagt!, Sabines Stimme wurde schrill. Sie verwöhnt Marie bis zum Gehtnichtmehr! Jedes Mal nach ihrem Besuch ist das Kind eine Woche lang unleidig, will dies und das. Oma kauft mir das, Oma erlaubt mir das!
Andreas ballte die Fäuste, atmete tief ein und lockerte sie wieder.
Mutter liebt ihre Enkeltochter. Sie hat es nicht leicht, lebt allein seit Vaters Tod. Marie ist ihre einzige Freude.
Ach ja, Freude! Dass ich danach mit dieser Freude klarkommen muss, kümmert sie nicht!
Aus dem Bad klang glucksendes Wasser und ein Kinderlied. Marie putzte sich die Zähne und summte eine Melodie aus ihrem Lieblingscartoon.
Lass uns das nicht vor Marie besprechen, bat Andreas. Das Kind ist unschuldig.
Sabine trocknete sich die Hände ab, setzte sich und ließ den Kopf sinken.
Andi, ich bin doch kein Ungeheuer. Deiner Mutter tut es auch mir leid. Aber sie mischt sich ständig ein, kritisiert mich, macht Bemerkungen. Letztes Mal hat sie sogar gesagt, ich sei eine schlechte Mutter, weil ich Marie kein Eis vor dem Schlafengehen gebe!
Mutter meint es nur gut…
Ja, auf ihre Art!, unterbrach Sabine ihn. Und ich etwa nicht? Das ist meine Tochter, ich weiß, was sie braucht!
Marie kam mit nassem Kinn und strahlendem Lächeln aus dem Bad.
Mama, Papa, lasst uns Oma Gisela selbst einladen! Wir sagen ihr, dass wir sie ganz doll vermissen!
Sabine und Andreas wechselten einen Blick. In den Augen seiner Frau sah er Müdigkeit und etwas wie Resignation.
Marie, mach dich fertig, sagte Sabine sanft. Sonst kommen wir zu spät, und Frau Schneider schimpft wieder.
Der Tag verlief wie immer. Sabine brachte Marie in den Kindergarten, fuhr zur Arbeit in die Buchhaltung einer kleinen Baufirma, wo sie den Tag vor dem Computer verbrachte. Der Job machte wenig Spaß, aber das Gehalt kam pünktlich und das zählte.
In der Mittagspause fragte Kollegin Nadine:
Sabine, was ist los? Familiärer Stress?
Ja, die üblichen Reibereien mit der Schwiegermutter. Sie ist beleidigt und kommt nicht mehr. Und Marie vermisst sie.
Was ist denn passiert?
Sabine rührte in ihrer Suppe, die inzwischen kalt geworden war.
Nadine, vielleicht bin ich wirklich eine Rabenmutter. Aber sie sagt mir ständig, wie ich mein Kind erziehen soll! Kaum ist sie da, geht es los: Sabine, warum trägt Marie so eine dünne Jacke?, Sabine, ist es nicht zu früh zum Schlafengehen?, Sabine, ihr solltet mehr an die frische Luft gehen!
Das kommt doch nur aus Liebe zur Enkelin, bemerkte Nadine.
Ach, diese Liebe! Als Andreas klein war, ist sie mit ihm ständig zum Arzt gerannt, hat ihn vor allem beschützt. Er hat mir selbst erzählt, wie sie ihn in Watte gepackt hat, nicht mit anderen Kindern spielen ließ aus Angst, er könnte sich erkälten oder wehtun. Jetzt ist er… na ja, ziemlich unselbstständig.
Nadine grinste:
Und jetzt will sie das bei der Enkelin genauso machen?
Genau! Da lasse ich es lieber ganz bleiben!
Doch Sabine klang nicht überzeugt. Irgendwo tat ihr alles leid die Schwiegermutter, Marie, sogar ihr Mann.
Abends, als Marie im Bett lag, saßen sie in der Küche. Andreas blätterte in einer Zeitschrift, Sabine löste Kreuzworträtsel. Schweigen.
Hör mal, sagte Andreas schließlich. Sollen wir Mutter wirklich anrufen? Maries Geburtstag ist nächste Woche.
Sabine sah ihn prüfend an.
Willst du sie anrufen?
Ich weiß nicht. Du hast damals gesagt, wenn ihr unsere Erziehung nicht passt, soll sie besser wegbleiben. Mutter war beleidigt.
Andreas, ich habe sie nicht rausgeworfen! Ich habe nur gebeten, dass sie sich nicht einmischt. Und dann kam die große Szene, Vorwürfe, Türknallen!
Mutter war einfach verletzt…
Immer Mutter!, platze Sabine heraus. Du bist zweiunddreißig, hast eine eigene Familie! Wann wirst du endlich Ehemann und Vater statt Muttersöhnchen?
Andreas wurde blass, presste die Zähne zusammen.
Das war unnötig.
Aber wahr! Deine Mutter hat dein ganzes Leben bestimmt. Sogar deine Frau wollte sie aussuchen nur ich passe nicht in ihr Bild der perfekten Schwiegertochter!
Das stimmt nicht…
Doch! Weißt du noch, was sie bei unserer Hochzeit gesagt hat? Na ja, Andreas, mal sehen, wie Sabine mit dem Familienleben zurechtkommt. Als stünde ich auf Probe!
Andreas stand auf, lief in der Küche auf und ab.
Gut, vielleicht übertreibt Mutter manchmal. Aber sie meint es doch gut! Sie will helfen…
Sie will kontrollieren!, stand Sabine ebenfalls auf. Und das weißt du genau. Traust dich nur nicht, es zuzugeben.
Okay, seufzte Andreas. Dann rufen wir nicht an. Wenn du so dagegen bist…
Ich bin nicht dagegen!, rief Sabine unvermittelt. Ich will nur, dass sie endlich Grenzen respektiert! Dass sie als Oma kommt, nicht als Erziehungsberaterin!
Und wie schlagen wir das vor?
Sabine setzte sich wieder, stützte den Kopf in die Hände.
Keine Ahnung. Ehrlich gesagt, keine Ahnung.
Am nächsten Tag gab es Ärger im Kindergarten. Marie hatte sich mit Max aus der Vorschulgruppe geprügelt. Die Erzieherin wollte mit Sabine sprechen.
Frau Schneider, sagte diese streng, Marie ist in letzter Zeit sehr aggressiv. Sie schlägt, schreit, hört nicht. Was ist zu Hause los?
Sabine spürte, wie ihr Gesicht heiß wurde.
Nichts Besonderes… Normaler Familienalltag.
Kinder spüren die Stimmung. Marie fragt dauernd nach Oma Gisela, weint, sagt, sie vermisst sie. Heute hat sie Max angeschrien: Du bist böse wie Mama!
Sabine senkte den Blick. Marie hatte also mehr mitbekommen, als sie dachte.
Ich rede mit ihr, versprach sie.
Ein Kinderpsychologe könnte helfen…
Nein danke. Wir regeln das selbst.
Zu Hause setzte Sabine sich zu Marie, die schweigend mit Bauklötzen spielte.
Marie, lass uns reden.
Über was?
Über den Streit im Kindergarten.
Max hat gesagt, Oma kommt nie wieder, weil Mama sie weggeschickt hat!, schluchzte Marie. Aber er lügt!
Sabine zog sie an sich.
Niemand hat Oma weggeschickt. Erwachsene haben manchmal Meinungsverschiedenheiten…
Was ist das?
Wenn Menschen über etwas unterschiedlich denken. Aber das heißt nicht, dass wir Oma nicht mehr liebhaben.
Warum kommt sie dann nicht?
Sabine stockte. Wie erklärt man einem Kind etwas, das man selbst nicht versteht?
Marie sah sie mit tränennassen Augen an.
Mama, fahren wir zu Oma? Mit dem Bus, wie letztes Mal!
Schatz, das ist weit, und vielleicht will Oma uns nicht…
Dann rufen wir sie an! Jetzt!
Sabine blickte in Maries hoffnungsvolle Augen, und ihr Herz wurde schwer.
Gut, sagte sie leise. Wir rufen an.
Oma Gisela hob erst nach mehrmaligem Klingeln ab. Als ihre Stimme erklang, wurde Sabines Mund trocken.
Gisela? Hier ist Sabine.
Stille. Dann kurz:
Ja?
Marie hat bald Geburtstag. Sie wartet schon so auf Sie…
Ich gratuliere telefonisch.
Aber sie will, dass Sie kommen! Sie vermisst Sie…
Und du?, fragte die Schwiegermutter unerwartet.
Sabine war verwirrt.
Ich… ich auch… Gisela, können wir uns in Ruhe aussprechen? Ohne Vorwürfe.
Wieder Stille.
Gib Marie den Hörer.
Oma!, jubelte Marie. Oma, wann kommst du? Ich kann schon ein bisschen lesen!
Sabine hörte nur Maries Seite, aber am Gesicht ihrer Tochter sah sie die Enttäuschung.
Aber ich will, dass du zu meinem Geburtstag kommst! Alle fragen nach dir… Warum kannst du nicht?… Was sind Erwachsenenprobleme?
Marie reichte Sabine den Hörer.
Oma will mit dir reden.
Sabine, klang die Stimme müde. Das Kind soll nicht unter uns leiden.
Da stimme ich zu.
Dann sag mir: Was mache ich so schlimm, wenn ich komme? Warum magst du mich nicht?
Sabine schloss die Augen, lehnte die Stirn an die kühle Wand.
Gisela, ich mag Sie. Aber… ich habe das Gefühl, Sie vertrauen mir nicht als Mutter. Ständig Ratschläge, Kritik…
Ich will doch nur helfen! Ich habe Erfahrung, ich habe Andreas großgezogen…
Aber es ist mein Kind!, brach es aus Sabine heraus. Meine Tochter! Ich entscheide, wie sie erzogen wird!
Das darfst du. Aber ich darf meine Meinung sagen!
Sabine versuchte, ruhig zu bleiben.
Gisela, wenn Sie ständig etwas auszusetzen haben, fühle ich mich wie eine Versagerin. Dabei gebe ich mein Bestes. Ich liebe Marie über alles.
Lange Pause. Dann sagte die Schwiegermutter leise:
Ich will auch nur das Beste. Aber vielleicht denken wir anders darüber, was das ist.
Vielleicht.
Sabine, wenn ich komme und mich zurückhalte… Könntest du dann etwas geduldiger sein?
Sabine spürte, wie sich etwas in ihr löste.
Ja. Ich werde es versuchen.
Dann komme ich zu Maries Geburtstag. Aber nur für zwei Tage.
Danke, Gisela.
Ich sollte danken. Dass du mir meine Enkelin nicht weggenommen hast.
Als Sabine auflegte, stand Marie neben ihr und musterte sie ernst.
Mama, kommt Oma?
Ja, Schatz.
Und du bist nicht mehr böse auf sie?
Ich werde es versuchen.
Marie umarmte sie fest.
Und ich bin ganz lieb, damit ihr euch nicht streitet!
Am Abend, als Sabine Andreas vom Telefonat erzählte, spürte sie eine ungewohnte Ruhe.
Weißt du, sagte sie, vielleicht hatten wir beide unrecht. Ich war zu empfindlich, deine Mutter zu aufdringlich.
Mutter hatte schon immer Probleme mit Grenzen, gab Andreas zu.
Und ich damit, Kontrolle abzugeben.
Glaubst du, wir schaffen das?
Ich weiß es nicht. Aber wir sollten es versuchen. Für Marie.
Am Geburtstag kam Gisela mit einer riesigen Torte und einem kleinen Blumenstrauß für Sabine.
Wir haben sie nicht eingeladen, flüsterte Sabine, als sie die Schwiegermutter in der Tür stehen sah doch dann lächelte sie und sagte laut: Aber wir freuen uns sehr, dass Sie da sind.
Gisela reichte ihr die Blumen.
Sabine, fangen wir nochmal an. Ich versuche, nur Oma zu sein.
Und ich, eine geduldigere Schwiegertochter.
Marie stürmte aus ihrem Zimmer und hing sich an Oma.
Oma! Du bist da! Ich dachte, du hast mich nicht mehr lieb!
Ach, dummes Kind, schluchzte Gisela. Wie könnte ich dich nicht liebhaben?
Sabine sah zu und verstand: Die Liebe war geblieben. Sie mussten nur lernen, sie anders auszudrücken ohne Vorwürfe, ohne Bitterkeit.
Die Feier verlief friedlich. Gisela hielt sich mit Ratschlägen zurück, Sabine reagierte gelassener. Marie strahlte und das war genug.
Als Gisela ging, sagte sie:
Danke, dass du mir eine Chance gibst.
Ich sollte danken. Dass Sie Marie so liebhaben.
Unsere Marie, korrigierte Gisela lächelnd.
Und zum ersten Mal seit langem dachte Sabine: Vielleicht werden wir doch noch eine Familie.




