Julia lag auf dem Sofa und weinte bitterlich. Vor ein paar Monaten hatte ihr Mann gestanden, dass er eine andere Frau hatte. Und diese war schwanger.
Julia, verzeih mir, aber zwei Jahre das ist eine lange Zeit, und wir haben keine Kinder bekommen. Ich habe schon an mir selbst gezweifelt, stammelte Gernot, und dann na ja, meine sie ist schwanger
Deine Geliebte, flüsterte Julia.
Nenn es, wie du willst. In ein paar Monaten werden wir Eltern. Es tut mir leid.
Julia fragte nicht mehr, warum Gernot so lange gewartet hatte und ausgerechnet zwei Monate vor der Geburt und kurz vor Silvester die Entscheidung traf, sie zu verlassen. Kraftlos und erschöpft lag sie da, ohne sich seit dem Vorabend auszuziehen. In ihrem Kummer erinnerte sie sich unvermittelt an ein längst vergangenes Silvester aus ihrer Kindheit.
Damals war Julia in der fünften Klasse. Nach dem Unterricht waren sie mit ihren Freundinnen in einen Gebrauchtwarenladen in München gegangen. Für die Mädchen war das immer wie der Besuch einer Zauberhöhle. Kleidung oder Schuhe interessierten sie nicht besonders aber Souvenirs, Spielzeuge, kleine Schmuckstücke das waren Schätze.
An jenem Tag entdeckte Julia sofort eine wundervolle Schatulle. Himmelblau mit goldener Umrandung stand sie da. Sie konnte die Augen nicht von dem Kästchen abwenden.
Als der Verkäufer den Deckel öffnete und sich aus der Samtpolsterung Musik ergoss, während eine kleine Ballerina in strahlend weißem Tutu zu tanzen begann, hielt Julia vor Staunen den Atem an. Der Verkäufer zeigte auch das geheime, kleine Schubfach, in dem man Schmuck aufbewahren konnte.
Ihre Freundinnen Anneliese und Ingrid kamen sogleich herbeigeeilt.
Das ist ja traumhaft! rief Anneliese begeistert.
Was kostet die? platzte Ingrid heraus.
Der Verkäufer lächelte milde. Fünf Mark.
So viel werde ich nie zusammenbekommen”, dachte Julia. Denn damals reichte es in der Schule, wenn die Eltern ihren Kindern dreißig Pfennig mitgaben das genügte für ein ordentliches Mittagessen. Für einen Kinobesuch bekam sie manchmal fünfzig Pfennig.
Ach, hätte ihr Vater nicht gerade Dienstreise, hätte er ihr die Schatulle vielleicht gekauft. Ihre Mutter zu fragen, erschien ihr sinnlos.
Sie konnte die schrille Stimme ihrer Mutter richtig hören:
Was hast du dir da ausgesucht? Eine Ballerina für fünf Mark. Dafür kaufe ich lieber drei Kilo Fleisch oder einen Braten dann gibts Frikadellen für euch das ganze Wochenende!
Also blieb ihr nur zu warten, bis ihr Vater zurückkam. Julia ging täglich in den Laden, um die Ballerina zu bewundern. Der freundliche Verkäufer lächelte jedes Mal und ließ extra für sie die Musik spielen und die Tänzerin drehen.
In sechs Tagen kannte Julia jede Kleinigkeit an der Schatulle. Sie bemerkte die leicht abgeschlagene Ecke, ein winziges Fleckchen auf dem Kleidchen der Ballerina, sogar einen fehlenden Ballettschuh. Aber das machte ihr nichts aus. Gerade das verlieh dem Kästchen Leben.
Als ihr Vater endlich zurückkehrte, nahm sie ihn sofort mit in den Laden.
Tut mir leid, sagte der Verkäufer traurig. Gerade heute wurde sie gekauft, vor vielleicht zwei Stunden. Ihr wart leider zu spät.
Heiße Tränen schossen Julia in die Augen, und sie weinte ohne sich zu schämen.
Julia, Julia, was ist denn los? tröstete der Vater. Nicht weinen! Willst du einen Kuchen? Gerade jetzt, deinen Lieblings-Trüffelkuchen mit Schokopilzen obendrauf!
Julia nickte. Sie liebte diese kleinen Schokopilze sehr.
Aber das Weinen ließ nicht nach die Ballerina fehlte ihr zu sehr.
Am nächsten Schultag brachte Ingrid ausgerechnet! die ersehnte Schatulle mit.
Als Julia begriff, dass ausgerechnet ihre Freundin Besitzerin des Schatzes geworden war, schnürte sich ihr das Herz zu.
Ingrid ließ die Musik spielen; die zierliche Tänzerfigur erschien, und alle Klassenkameradinnen bewunderten staunend das kleine Kunstwerk.
Meine Oma hat mir die gekauft. Sie ist extra zu Silvester aus der Pfalz gekommen, und ich habe sie gleich in den Laden geschleppt. Eine Woche habe ich nur diese Schatulle bestaunt, sagte Ingrid stolz.
Ich auch entgegnete Anneliese traurig.
Julia hielt es nicht mehr aus und fing laut an zu weinen.
Peter, der Klassenclown, fragte:
Julia, warum heulst du denn so?
Ist doch egal! rief Julia und rannte aus dem Klassenzimmer, den Jungen wegschubsend.
Alle wussten, dass Peter in Julia verliebt war. Die Mädchen waren deswegen fast ein wenig neidisch drauf, aber sie selbst beachtete den Jungen kaum.
Julia lehnte draußen mit der Stirn an der eiskalten Fensterscheibe.
Da kam Peter zu ihr:
Julia, ich besorge dir auch so eine Schatulle. Hör auf zu weinen!
Ach Quatsch, die gibts doch nirgends mehr. Dummkopf! schnappte sie und lief davon.
Jetzt habe ich auch noch Peter beleidigt!, flossen die Tränen auf dem Schulhof umso heftiger.
Es war ein eisiger Winter, und Julia, kaum angezogen, verbrachte in Kälte eine halbe Stunde auf dem Hof und wurde prompt krank.
Peter kam noch an dem Tag, als Julia nicht zur Schule kam.
Julia, ich habe noch keine Ballerina gefunden, berichtete er, aber ich werde sie finden. Versprochen!
Du bist verrückt, Peter. Wo willst du sie denn finden? Sie ist doch aus dem Ausland, steht unten drauf: Made in Westdeutschland!
Westdeutschland? fragte Peter.
Ja, bestätigte Julia traurig.
Dann fahre ich eben dorthin, sagte der Junge fest.
Von diesem Tag an waren Julia und Peter eng befreundet. Erst kindlich, später, in der achten Klasse, wagte Peter sie zum ersten Mal zu küssen und von da an waren sie offiziell ein Paar.
Nach der zehnten Klasse wurde Peter zur Bundeswehr eingezogen und wie es das Schicksal wollte, nach Norddeutschland.
Peter schrieb regelmäßig Briefe, scherzte manchmal, dass er bisher noch keine Ballerina gefunden hätte.
Julia aber wartete nicht auf Peter. Ein halbes Jahr vor seiner Entlassung begegnete sie Gernot und verliebte sich in seine selbstgemachte Musik auf der Gitarre. Zwei Monate später heirateten sie.
Als Peter nach Hause kam und erfuhr, dass Julia verheiratet war, heuerte er auf einem norwegischen Schiff an und fuhr zur See. Er war kaum noch in der Stadt, sah Julia nie wieder.
***
Julia stand langsam vom Sofa auf und trank einen Kaffee. In diesen Tagen dachte sie immer öfter an Peter. Sie merkte, dass sie nicht so sehr um ihren davongegangenen Mann weinte, sondern mehr um das, was mit Peter nie geworden war. Wo mochte er jetzt sein? War er verheiratet?
Am Kalender war der 31. Dezember. Sie musste irgendwie durch Silvester kommen. Die Freundinnen feierten mit ihren Familien.
Es wäre seltsam, sich einfach wo einzuladen.
Julia ging zum Viktualienmarkt und zum Supermarkt. Sie kaufte ein paar Kleinigkeiten, um sich wenigstens ein wenig Festlichkeit zu gönnen.
Gerade als sie die Tüten in ihre Wohnung trug, kam ihr im Treppenhaus ein als Weihnachtsmann verkleideter Mann entgegen.
Beim Anblick liefen Julia sofort die Tränen über das Gesicht.
Warum weinst du, Kind? fragte der Mann mit absichtlich alt klingender Stimme. Heute wird gefeiert! Nicht geweint. Hier, das ist für dich. Er reichte ihr ein Paket und verschwand im Dunkel der Hausflure.
Julia hatte nicht einmal Zeit, sich zu bedanken. Die Schachtel war überraschend schwer.
In der Küche öffnete sie vorsichtig das Geschenk
und darin lag eine neue, himmelblaue Schatulle mit goldenem Muster.
Julia öffnete langsam den Deckel, drehte das Spielwerk und aus blauem Samt drehte sich ihre Ballerina diesmal mit beiden Ballettschuhen.
Im geheimen Fach lag ein Ehering.
Julia rannte zum Fenster. Im Hof stand der Weihnachtsmann.
Schnell schlüpfte sie in ihre Hausschuhe und lief hinaus. An der Haustür zögerte sie, doch in diesem Moment drehte sich der Weihnachtsmann um, sie rannten aufeinander zu.
An die warme Jacke geschmiegt, flüsterte Julia:
Dummkopf! Du hast sie wirklich gefunden.
Natürlich! lachte Peter. Hab sie schließlich in Deutschland gesucht ich hab’s dir ja versprochen.





