Frauenleben: Liebes Schicksal „Ach, Lieb, ich flehe dich bei Gott an – nimm meinen Andi zu dir!“, …

Frauenleben. Lieselotte

– Ach, Lieselotte, beim lieben Gott, ich flehe dich an, nimm doch meinen Andreas eine Weile zu dir, jammerte Dorothea. Mein Mutterherz spürt, dass etwas Unheil droht. Lieber die Trennung als der Tod meines Jungen.
Ich schaute Dorothea an und ließ meinen Blick zu dem schmächtigen Andreas schweifen, der auf der Bank am Ofen saß und wie ein kleiner Junge die dünnen Beine schlenkerte.
Früher lebten wir Schwestern gemeinsam in unserem Elternhaus, doch die Jahre verstrichen, die Ältere Dorothea heiratete Nikodemus und zog in ein entferntes Dorf zu ihm. Die Jüngere, ich Lieselotte blieb bei unserer kranken Mutter zurück, die bald darauf verstarb. Unser Vater war schon vor langer Zeit an Schwindsucht gestorben, noch lange bevor Dorothea verheiratet wurde. Unsere Mutter hat aus uns ordentliche Mädchen gemacht hilfsbereit, fleißig und immer zur Stelle, wenn Not am Mann war. Obwohl Dorothea älter war, so war es doch meistens ich, die das Sagen hatte. Die Schwester war sanft wie Ton man konnte aus ihr alles formen, was man wollte. Darauf ist Nikodemus auch reingefallen. Ihre Ehe war glücklich, und er war ein guter Ehemann.
Ich hingegen war das genaue Gegenteil: Leg mir bloß keinen Finger in den Mund! Im Nu beiß ich die ganze Hand ab. Stolz, streng und, das muss man zugeben, von auffälliger Schönheit. Die besten Burschen aus den umliegenden Dörfern kamen zu mir, hofften auf meine Gunst, doch alle mussten unverrichteter Dinge wieder abziehen.
Solange Muttern lebte, klagte sie immer:
Ach, mein Kind, du hast den Charakter von deiner Urgroßmutter geerbt. Hoffentlich übernimmt deine Lebensgeschichte nicht den gleichen Lauf. Am Ende bleibst du allein zurück wer braucht dich dann noch im Alter?
Ich habe ihrer Mahnung stets mit einem Lächeln gelauscht. Ich widersprach ihr nie ich hatte meinen eigenen Kopf.
Meine Urgroßmutter war keine gewöhnliche Frau. Obwohl sie nie verheiratet war und ein uneheliches Kind großzog, führte sie ein zufriedenes Leben. Sie verstand sich auf Heilkunst, behandelte mit Kräutern und Gebeten, aber niemals trieb sie schwarze Magie. Die Leute im Dorf hatten Respekt vor ihr, aber auch ein wenig Furcht sie war eben kein einfaches Gemüt.
Diesen Eigensinn und die Gabe des Heilens habe ich geerbt. Ich kannte jede Pflanze, kannte Sprüche und wen ich zur Hilfe bat, das war mein Geheimnis. Die Leute im Dorf erzählten sich das eine oder andere, aber ich kümmerte mich nicht drum. Stolz schritt ich durchs Dorf jeder kannte meinen Wert. Niemanden ließ ich im Stich, heilte oft Kinder und jedes Mal sah ich sowohl Angst als auch ehrliche Achtung in den Blicken.
Ich versteh dich nicht, Dorothea, sagte ich zu meiner Schwester, während mein Blick auf Andreas lag. Sieh ihn dir an der Junge ist gesund, und du denkst gleich an das Schlimmste!
Ach, ich hab einfach Angst, Lieselotte. Hast du denn nicht gehört, was momentan in unserem Sankt Michael passiert? seufzte Dorothea.
Nein, was denn? fragte ich.
Die Kinder sterben wie die Fliegen. Sie sind lange krank, und dann nimmt sie der liebe Gott hinweg.
Oder ist es wirklich der liebe Gott? hob ich die Augenbraue.
Ich weiß es nicht, meine Liebe. Aber es herrscht seit Jahren so eine Krankheit im Dorf, kein Hof blieb verschont. Überall starben Kinder die, die blieben, schwanden dahin; die Kraft verrinnt, bis sie dann ganz gehen.
Warum habt ihr euch denn nie an mich gewandt?
Das Dorf ist weit, und wir haben hier unsere eigene Kräuterfrau, sprach Dorothea.
Schon lange?
Sie war schon da, als ich zu Nikodemus zog.
Warum hast du nie von ihr erzählt?
Sie ist einfach eine alte Frau, behandelt ein bisschen das Vieh, bringt gesund, aber bei den Kindern schlägt nichts an. Weder Kräuter noch Beschwören hilft. Und du hast nie nach ihr gefragt erst jetzt ist es Thema. Also, nimmst du Andreas auf?
Aber klar doch, lächelte ich und wuschelte meinem Neffen durchs strohblonde Haar. So ein Schatz darf ruhig mal zu Besuch kommen!
Dorothea küsste ihren Sohn auf den Scheitel, bekreuzigte ihn und ging nach Hause.
Na komm, wandte ich mich an Andreas, ich zeig dir das Rotkehlchennest im Holzstapel! Mit strahlendem Grinsen griff Andreas nach meiner Hand.

***
Besuch ist da! rief Dorothea laut, als sie das Haus betrat.
Mama ist da! Andreas stürmte ihr in die Arme.
Es war bereits ein halbes Jahr vergangen, seit Dorothea den Jungen zu mir gebracht hatte. Der späte Herbst färbte den Himmel grau, und Dorothea schaute alle paar Wochen vorbei, brachte jedes Mal Tränen und Umarmungen mit.
Mein liebes Kind, schluchzte sie, wie ich dich vermisst habe! Papa fragt ständig, wann ich dich endlich zurückhole.
Ich kam aus der Küche, trocknete die Hände an der Schürze und umarmte meine Schwester herzlich.
Wie läufts bei euch? fragte Dorothea, behielt dabei ihren Sohn liebevoll im Blick.
Alles gut, Mama. Tante Lieselotte hat mir ein Kätzchen geschenkt! Soll ich es zeigen?
Andreas wartete keine Antwort ab und rannte hinaus.
Alles in Ordnung, Schwester, antwortete ich gelassen. Bist du deswegen da?
Nun ja, jetzt ist es an der Zeit. Bald nennt Andreas dich Mama statt mich! Nikodemus drängt, dass ich den Jungen endlich heimhole.
Willst du ihn also zurückholen? fragte ich und wollte wissen, wie es im Dorf stand.
Kein Unglück mehr, seit Andreas bei dir ist. Es ist alles gutgegangen. Niemand ist gestorben in dieser Zeit.
Da stürmte Andreas herein, das Kätzchen auf dem Arm.
Mama, ich hab ihn Max genannt. Er ist mein Freund!
Im Stall gibts genug Mäuse, er wird beschäftigt sein, meinte Dorothea. Wir nehmen ihn mit nach Hause.
Während Andreas seine Sachen packte, unterhielten wir uns über den Alltag, wieder fragte Dorothea, wann ich denn vorhätte, selbst eine Familie zu gründen.
Ach, lass das mal, Dorothea. Kommt Zeit, kommt Rat!
Solange ich meinen Goldschatz von Neffen habe, genügt mir das. Vergiss mich nicht, Andreas melde dich, wenn du zu Besuch kommen willst!
Es war nicht leicht für mich, den Kleinen gehen zu lassen, ich hatte mich an sein Lachen und seine Albernheiten gewöhnt.
Pass gut auf das Kätzchen auf, Dorothea. Das ist mein Geschenk für Andreas.
Glaubst du, ich würde ein Tier schlecht behandeln? empörte sie sich. Ich gebe immer Milch in den Napf.
Schon gut, Schwesterlein. In der Vorratskammer steht ein Korb, da kommt Max rein. Es ist ein weiter Weg, macht euch bei Zeiten auf.
Wir verabschiedeten uns. Ich bekreuzigte meinen Neffen und wünschte ihnen eine gute Reise. Der Winter stand vor der Tür und überzog das Land mit Schnee; das Leben im Dorf wurde langsamer. Doch für mich gab es immer Arbeit: Die einen brachten kranke Kinder, die anderen baten um Kräuter für die Alten. Die Tage verstrichen, die Sonne schien öfter und vertrieb nach und nach den Schnee. Die Bäche plätscherten, die Vögel sangen, und der Frühling kehrte ein.
Eines Tages bereitete ich das Beet im Garten vor, als plötzlich Max, das Kätzchen, vor mir stand.
Was machst du denn hier? fragte ich, überrascht. Ist mit Andreas was passiert?
Max miaute, rieb sich an meinen Beinen und ich zögerte nicht lange, packte, was ich brauchte, und bat die Nachbarin Frau Gerlach, nach meinen Hühnern zu sehen, falls ich über Nacht nicht zurück käme.
Werde wohl meine Schwester besuchen müssen, erklärte ich und machte mich auf den Weg.
Am Waldrand entlang, Vögel zwitscherten, Frühlingsduft wie schön es doch war! Aber mir war schwer ums Herz, ich beeilte mich. Bald tauchten die Dächer des Dorfes auf. Fast rannte ich, so groß wurde die Sorge. Ich stürmte ins Haus, atmete schwer.
Liesel, erschrak Dorothea und fiel mir um den Hals. Es ist schrecklich! schrie sie auf und zog mich ins Schlafzimmer.
Andreas lag auf dem Bett, bleich mit blauen Lippen, keuchend.
Zwischen Dorotheas Schluchzern verstand ich, dass der Junge gleich nach Weihnachten schwächer wurde, bald ganz das Bett hütete.
Warum kamst du nicht gleich? fuhr ich sie an.
Ich weiß doch selbst nicht, wimmerte sie. Jedes Mal, wenn ich los wollte, wurde Andreas schlechter, alles schien wie verhext. Ich dachte erst, er hätte sich verkühlt, nach dem Rodeln mit den anderen. Erst ging es mir auch schlecht, aber dann wurde es mit Hausmitteln besser. Doch als Andreas dahinwelkte, wollte ich dich rufen, aber der Winter war dieses Jahr so schlimm. Und dann ist unser Max verschwunden. Wenn Andreas mal wach war, fragte er nach ihm. Bitte, hilf! Wenn Andreas stirbt, halte ich es nicht aus!
Dorothea schlug die Hände vors Gesicht und wiegte sich hin und her.
Um Max musst du dich nicht sorgen er hat mich zu euch geholt. Ein klügeres Tier als du, Schwesterlein, brummte ich.
Wie? fragte sie mit großen Augen.
So war es. Aber sag hat Andreas etwas von Fremden bekommen? Irgendwas gegessen?
Ja sicher! Zu Weihnachten sind sie von Haus zu Haus zum Singen gegangen und wurden überall bewirtet. Er schwärmte besonders von Frau Pelagias Kuchen.
Ich musterte Andreas, mein Gesicht wurde ernst.
Geh du mal, Schwester, und hol diese Pelagia nochmal zu Andreas, lass sie etwas flüstern. Sag aber nicht, dass ich hier bin. Ich will sehen, was sie macht.
Dorothea widersprach nicht, zog sich an und verschwand. Ich hingegen bereitete zwei lange Nadeln vor und versteckte mich in der Küche.
Kurze Zeit später kamen Dorothea und Pelagia wieder.
Ach, Dorothea, ich würde ja so gern helfen, aber bei Kindern da hilft nichts mehr, plärrte die Kräuterfrau und verschwand mit Andreas ins Zimmer.
Kaum war sie wieder raus und wollte gehen, stand sie wie angewurzelt an der Tür. Sie drehte sich um, tat als wolle sie noch einmal zu Andreas, kehrte aber wieder zur Tür zurück, der Schweiß stand ihr auf der Stirn. Dorothea fragte, was los wäre, sie bat um Wasser. Als Dorothea in die Küche ging, flüsterte ich ihr zu, sie solle die Frau aus der Tür führen.
Wieder im Zimmer, wartete ich ab. Kaum trank Pelagia, fühlte sie sich besser und rauschte eilig davon.
Zurück im Zimmer setzte ich mich ans Bett.
Spinne! murmelte ich, während ich drei Kerzen ineinander flocht.
Was machst du da, Lieselotte? fragte Dorothea vorsichtig.
Eure Pelagia ist schuld! Sie raubt die Lebenskraft der Kinder, um ihr eigenes Leben zu verlängern!
Dorothea hielt erschrocken die Hand vor den Mund.
Geh jetzt raus, schau nach deinem Mann. Ich werde Andreas meine Kraft geben, ihn aus der Umklammerung der Spinne reißen!
Stumm verließ Dorothea das Zimmer.
Ich zündete die Kerzen an, sprach ein Gebet und legte mich schützend über Andreas, als wolle ich ihn mit meinen Flügeln bergen.
Wie viel Zeit verging, wusste ich nicht, bis Dorothea mich vorsichtig weckte, zum Bett führte und zudeckte. Draußen war es still; die Lampe vor dem Kruzifix tauchte das Zimmer in sanftes Licht. Ich schlief, fest und ruhig, wissend, dass Andreas gerettet war.
Am Morgen duftete es nach frischem Brot. Dorothea kam mir entgegen, nahm mich dankbar in den Arm.
Danke, Lieselotte, du hast meinen Sohn ins Leben zurückgeholt! Er ist hungrig und will essen!
Andreas schlief noch, aber das Rosa kehrte in seine Wangen zurück.
Ich bleibe noch ein paar Tage hier, sagte ich.
Ich überlegte, wie wir Pelagia das Handwerk legen könnten.

***
Ach, Großmutter, mir geht es so schlecht, seufzte ich, als ich in Pelagias Stube saß. Ich kann es nicht mehr ertragen, wie diese Hexe mir meinen Liebsten ausspannt!
Ich spielte die Hilfesuchende, in Wirklichkeit wollte ich herausfinden, wie sie den Kindern die Lebensenergie raubt.
Ich weiß nicht, mein Kind, wiegte Pelagia unschuldig den Kopf. Für dunkle Dinge bin ich nicht zuständig, ich helfe nur.
Dann hilf auch mir! Ich bezahle fürstlich.
Nun gut, meinte sie, aber sag niemandem etwas. Ich will nur ein bisschen Brot gebacken bekommen, verteile es an die Kinder im Dorf.
Warum das?
Das geht dich nichts an. Wir werden der Rivalin einen Toten mit anhängen.
Wie geht das?
Ich gebe dir Totengebäck, an jedem ein Schatten. Ich habe ein Abkommen. Ich füttere ihnen lebendige Seelen, sie schenken mir Lebensjahre.
Ich spielte mit und nahm das Brot mit nach Hause, brachte es Dorothea.
Schau, womit eure Kräuterfrau die Kinder der Dorf vergiftet!
Brot! rief Dorothea Das ist doch nichts Verbotenes!
Doch! Das ist Totenbrot, belegt mit dunklen Mächten!
Dorothea bekam große Augen.
Warum tut sie das?
Unschuldige Seele und sie braucht Lebensenergie. Jetzt müssen wir das Böse Brot loswerden.
Ich zerkleinerte alles und fütterte die Hühner. Am nächsten Tag berichtete Dorothea am Brunnen, dass Pelagia plötzlich tief gealtert und schwarz geworden sei, ganz ausgemergelt und verbittert.
Das Ungeziefer hat den Spieß umgedreht, lachte ich. Keine frische Kraft mehr zu fressen, da fielen die Geister über sie her.
Dorothea begann, sich zu bekreuzigen.
Ach, Lieselotte, du bist wie unsere Mutter: Du würdest sogar den Teufel bemitleiden!
Ich grinste nur. Komm, ich brings zu Ende. Danach nahm ich einen alten, rostigen Türschloss, setzte mich ins abgedunkelte Zimmer und murmelte:
Wer redet, vergeht.
Wer handelt, zerfällt.
Mit diesem Schloss verschließe ich deine Kraft für immer.
Leise sprach ich meinen Spruch. Gegen Abend trug ich das Schloss zum Haus der Hexe.
Frau Pelagia, sind Sie zuhause?
Keine Antwort. Ich trat ein. Der Boden knarrte.
Wen schleppt der Teufel diesmal an? rief sie aus dem Zimmer.
Kein Teufel. Nur ich, entgegnete ich.
Was willst du? Es geht mir schlecht.
Kein Wunder, sagte ich kühl. Teufel zu füttern zehrt.
Sie warf mir vernichtende Blicke zu.
Also du bist Schuld! Deinetwegen haben sie mich gequält!
Eine Seele?! lachte ich. Hattest du denn je eine? Spinne, Unheil bringende! Kinder hast du geopfert für ewiges Leben, wirst nun ewig leiden in der Hölle!
Da griff sie sich in die Haare, fauchte wütend.
Ich verfluche dich!
Glaubst du, allein du hast Macht? Sieh auf die Tür was hängt da?
Sie drehte sich um, sah das Schloss.
Sie begriff, ich hatte ihre Macht gebrochen.
Dachtest du, du kommst ungeschoren davon? Wage es, noch einmal das Böse zu tun, und du bist Staub! Deine Geister werden sich freuen!
Ohne sie weiter zu beachten, verließ ich das Haus, hörte noch ihr schmerzerfülltes Heulen hinter mir, aber ich sah nicht zurück.

***
Zwei Monate waren vergangen. Andreas genas rasch.
Pelagia starb, als sie den Dämonen keine Nahrung mehr gab. Sie starb unter großen Qualen, lautstark. Von da an war ich die einzige Kräuterfrau für etliche Dörfer und erfüllte meine Aufgabe gewissenhaft. Niemals band ich mich an dunkle Mächte. Ich heilte Mensch und Tier. Einen passenden Ehemann fand ich bisher nicht aber das betrübte mich kaum. Nicht jeder hält so einen Charakter aus!
Ach, Lieselotte, seufzte Dorothea oft, werd endlich mal sanfter, dann findest du auch einen Mann und hast Kinder!
Ohne Stolz und festen Willen kannst du mit dem Bösen nicht fertigwerden, Dorothea! lachte ich. Und wegen der Kinder das Leben hat andere Wege mit mir vor, aber mein Neffe ist mir genug.
Andreas lief oft zu mir, blieb sogar häufiger mehrere Tage zu Besuch. Und ich liebte ihn wie mein eigenes Kind.

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Homy
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Frauenleben: Liebes Schicksal „Ach, Lieb, ich flehe dich bei Gott an – nimm meinen Andi zu dir!“, …
Ohne Glück gäbe es kein Glücklichsein: „Wie konnte dich nur jemand nehmen, so dumm wie du bist! Wer will dich jetzt noch mit dem Kind am Rockzipfel? Und wie willst du es großziehen? Du kriegst von mir keine Hilfe, das weißt du! Habe ich dich großgezogen, soll ich jetzt auch noch deine Last tragen? Raus aus meinem Haus, nimm dein Zeug und lass dich nie wieder blicken!“ Maricica hörte die Anschuldigungen, den Blick gesenkt. Ihre letzte Hoffnung, dass die Tante sie bis zur Arbeitssuche bleiben lässt, zerplatzte. „Wenn Mama noch leben würde…“ Den Vater hatte sie nie gekannt, die Mutter war vor fünfzehn Jahren gestorben – überfahren von einem betrunkenen Fahrer am Zebrastreifen. Die Behörden wollten sie ins Heim geben, bis plötzlich ein entfernter Verwandter – ein Cousin dritten Grades ihrer Mutter – auftauchte. Er nahm sie bei sich auf; Haus und ein gutes Gehalt sorgten für die nötigen Unterlagen. Sie lebten am Rande einer Kleinstadt im Süden Deutschlands, wo die Sommer heiß und die Winter regnerisch sind. Nie war sie hungrig, immer ordentlich gekleidet, früh lernte sie, was Arbeit heißt – bei Haus mit Hof und Tieren gibt es immer was zu tun. Die Liebe der Mutter fehlte vielleicht, doch wen kümmert das? Sie lernte fleißig. Nach dem Abi begann sie ein Lehramtsstudium. Die Studentenjahre vergingen wie im Flug, nun stand sie mit dem Abschlusszeugnis wieder vor der Haustür. Doch dieses Mal war ihr Herz schwer. „Raus jetzt, und komm nie mehr zurück!“ „Tante Viorica, aber bitte …“ „Ich habe doch gesagt: Gehen!“ Das Mädchen packte den Koffer und trat hinaus in die Hitze. Wie war sie nur soweit gekommen? Erniedrigt, verstoßen, mit kleinem, kaum sichtbarem Babybauch – sie hatte zu ihrer Schwangerschaft gestanden und konnte nicht lügen. Sie brauchte ein Dach über dem Kopf. Sie lief mit gesenktem Kopf, tief in Gedanken, als eine Stimme sie stoppte: „Willst du etwas trinken, mein Kind?“ Eine stämmige Frau um die Fünfzig musterte sie neugierig. „Komm rein, wenn du friedlich bist.“ Sie reichte einen Krug mit eiskaltem Wasser. Maricica setzte sich auf die Gartenbank und trank gierig. „Darf ich ein wenig bleiben? Es ist brütend heiß …“ „Natürlich, mein Mädchen. Woher kommst du? Ich sehe, du hast Gepäck.“ „Gerade das Studium beendet, suche eine Stelle als Lehrerin. Aber ich habe noch keine Wohnung … Kennen Sie zufällig jemanden, der vermietet?“ Die Frau, sie hieß Rodica, betrachtete sie genauer: sauber, aber Augenringe. „Du kannst bei mir wohnen. Ich verlange nicht viel, aber Miete pünktlich! Wenn das passt, zeig ich dir das Zimmer.“ Froh über Gesellschaft und ein kleines Zubrot in dieser abgelegenen Ortschaft, führte sie Maricica in ein kleines Zimmer mit Blick in den Obstgarten. Bett, alter Schrank, Tisch – alles, was man braucht. In den nächsten Tagen richtete sich Maricica ein und begann zu arbeiten. Sie freundete sich mit Rodica an, half im Haushalt mit. Abends saßen sie oft bei Tee unter der Weinlaube und unterhielten sich über das Leben. Die Schwangerschaft verlief gut. Sie erzählte Rodica ihre Geschichte: von Jonas, dem Freund aus dem Studium, Sohn wohlhabender Lehrer, der sie beim ersten Verdacht sitzen ließ. Das Geld, das er ihr gab, hatte sie behalten – sie würde es brauchen. „Gut, dass du das Kind nicht wegmachen wolltest“, brummte Rodica. „Das Unschuldige wird dir noch Freude bringen.“ Im Februar setzten die Wehen ein. Rodica brachte sie zum Krankenhaus. Maricica gebar einen kräftigen Jungen – Elias. Im Zimmer hörte sie von einem Neugeborenen, dem Baby einer Frau, die unmittelbar nach der Geburt geflohen war. „Wer kann sie stillen? Sie ist schwach“, sagte die Schwester. Maricica nahm das Kind auf den Arm. Ein winziges Wesen, blass wie Schnee. „Ich nenne dich Malina“, flüsterte sie. Als Kapitän Dieter Georg, der Vater des Mädchens, erschien, änderte sich alles. Am Entlassungstag wartete ein Auto mit blauen und rosa Luftballons. Der Soldat half ihr einzusteigen, überreichte zwei Päckchen: eins blau, eins rosa. Der Ort sprach monatelang über die Hochzeit, die folgte. Der Kapitän, berührt von der Güte des Mädchens, machte ihr einen Antrag. Und Maricica, mit Elias im Arm und Malina als Adoptivkind, begann ein neues Leben. Wer hätte gedacht, dass ein glühender Sommertag und ein Krug Wasser das Schicksal aller wenden würden? So ist das Leben – es blättert Seiten auf, wie wir sie nie erwartet hätten.