Äpfel im Schnee…
Am Rand unseres kleinen Dorfs am Rande des tiefen Schwarzwalds, da, wo die Tannen den Himmel stützen und selbst am Tag Dämmerung herrscht, dort lebte Heinrich Albrecht. Ein Mann wie aus Granit.
Sein ganzes Leben arbeitete er im Forst, kannte jeden Baum, jedes Rehloch, jeden Dachsweg, jeden Hang. Seine Hände waren riesig wie Schaufeln, voller Schwielen, verharzt vom ewigen Arbeiten, und das Harz war so tief in die Haut gezogen, dass es ihm sein Leben lang blieb. Und sein Herz sein Herz schien aus eben dem gleichen alten Eichenholz geschnitzt fest, verlässlich, aber hart und unbeugsam.
Dreißig Jahre lang lebte er mit seiner Frau Gertrud in ruhiger, treuer Zweisamkeit. Ein schönes Paar, angesehen im Dorf. Oft kam ich abends an ihrem Haus vorbei: Auf der Veranda saßen sie, Heinrich klimperte leise auf seinem Akkordeon, und Gertrud sang zart dazu. Ihre Stimmen harmonierten so wunderbar, dass man manchmal stehen bleiben musste, nur um zuzuhören. Ihr Haus war ein Musterbeispiel kunstvoll geschnitzte Fensterläden, himmelblau wie Gertruds Augen, einen Garten voller Phlox, der Gemüsegarten akkurat, Unkraut war hier ein Fremdwort.
Ich erinnere mich an den Tag, als sie ihren Apfelgarten pflanzten. Heinrich grub die Löcher, wälzte schwere, schwarze Erde, und Gertrud hielt die dünnen Bäumchen fest, breitete die Wurzeln aus wie Kinderhaar und murmelte leise: Wachst, meine Lieben, wachst süß, zur Freude unserer Kinder. Heinrich sah sie dabei an, wischte sich den Schweiß von der Stirn und lächelte so hell, wie ich ihn nie wieder habe lächeln sehen. Der Garten gedieh prächtig, jedes Frühjahr eine weiße Wolke, und im Herbst roch man die Äpfel weit über die Felder, knackig und saftig.
Doch das Schicksal holte Gertrud viel zu früh fort. Sie verzehrte sich an einer Krankheit wie ein Zweig in der Hitze, verdorrte in drei Monaten und ging leise, im Schlaf, ihre Hand in der seinen. Heinrich wurde schwärzer vor Kummer, aber Tränen ließ er keine zu er war schließlich ein Mann, das gehörte sich nicht. Dafür knirschte er mit den Zähnen, bis die Kiefer schmerzten, und ergraute in einer Nacht zum Silberfuchs.
Geblieben war ihm seine späte Tochter, Lieselotte. Sie wurde zu seinem einzigen Licht das Einzige, was ihn in dieser Wildnis noch hielt. Heinrich hing an ihr wie am eigenen Leben, pustete Staub von ihr, auf seine Weise, unbeholfen, aber voller Liebe. Übervorsichtig, beinahe schon streng, schützte er sie vor allem sogar vor dem Frühlingswind. Die Angst, dass auch sie ihn verlassen könnte, dieses urtümliche Entsetzen, nagte an ihm. Es machte ihn unnachgiebig: Er ließ sie keinen Schritt allein tun.
Du bist meine Hoffnung, Liesel, sagte er dann, strich ihr mit seiner schweren Hand über das Haar. Du wirst hier die Herrin im Haus, ich verlasse mich auf dich. Wohin solltest du gehen? Uns gehts doch gut hier. Draußen in der Welt da betrogen sie dich, da tun sie dir weh. Dort sind Wölfe in Menschengestalt.
Liese wurde eine Schönheit: hellblonde Zöpfe, bis zur Hüfte, so dick wie ein Handgelenk, Augen wie das klarste Frühlingsblau, genau wie die ihres Vaters. Und ihre Stimme! Ging sie aus dem Dorf und begann sie zu singen, dann verstummten die Vögel, und die Männer auf den Wiesen hielten ihre Sensen still.
Die alten Frauen weinten still bei ihren Liedern und sagten, sie hätte Gertruds Talent geerbt, nur heller, klarer noch. Sie hatte dieses Geschenk von Gott. Lieselotte träumte davon, Sängerin zu werden, in die Stadt zu gehen, vielleicht nach München an die Musikhochschule. Sie las Noten, hörte alte Schallplatten bis sie sprangen.
Heinrich aber? Er dachte: Jeder bleibt, wo er hingehört. Das Leben in der Stadt fürchtete er wie den Wildbrand im Forst. Da schluckt dich doch keiner, meinte er, das ist wie ein Untier, frisst alles auf.
Kommt nicht in Frage! donnerte er manchmal abends, dass das Geschirr im Schrank klirrte. Du wirst Bäuerin, heiratest den Felix vom Nachbarhof, der baut ein Haus zwei Kinder, wie alle! Was willst du mit der Artisterei? Das ist doch nur Schande!
Eines verregneten Oktobertags brach die Staumauer. Die sonst so stille Liesel packte ihren alten Koffer, ging zur Tür. Da riss es Heinrich die Beine weg. Er schrie, tobte, fluchte.
Gehst du gibts für dich keinen Vater! Kein Zuhause! Meinen Hof betrittst du nie wieder!
Und als sie tatsächlich den nassen Weg entlangging, ohne sich umzusehen, nahm er die Axt und hieb sie in die Treppenstufe. Die Späne spritzten, als wäre Blut geflossen.
Ich hab keine Tochter mehr, röchelte er in die Leere. Sie ist tot.
Zwölf Jahre vergingen. Eine Ewigkeit für ein Dorf. Frühling folgte Winter, Kinder wurden erwachsen, zogen davon, heirateten, gründeten Familien. Nur Heinrichs Haus blieb wie ein Denkmal des Unglücks. Der Apfelgarten war verwildert, zugewuchert, die Äste ein wirres Flechten wie bittende Hände. Die Farbe der Fensterläden blätterte, die Treppe war schief, die Axt verrottete im Holz, zurück blieb eine rostige Wunde.
Dann, letzten November, kamen frühe, harte Fröste. Kein richtiger Schnee, der Boden schwarz, nur Eis, das unter den Stiefeln klirrte. Minus fünfundzwanzig zeigte das Thermometer.
Ich war abends auf dem Heimweg, sah: Aus Heinrichs Schornstein stieg kein Rauch. Abends, bei der Kälte das war kein gutes Zeichen.
Mein Herz schlug schneller. Ich ging zum Garten offen. Waldi, der alte Schäferhund, lag zitternd in seiner Hütte, bellte nicht, nur sein Schwanz zuckte schwach.
Im Haus war es kälter als draußen, ein frostiger, fast leichenhafter Geruch nach ungewaschenem Körper, alten Medikamenten, nach Verlassensein.
Heinrich lag auf der Pritsche, unter einer dicken Wolldecke, zitternd, die Matratze bebte mit ihm, die Zähne klapperten wie Morsecode.
Heinrich! Was hast du denn vor?!
Seine Augen, blutunterlaufen, verklebt, suchten er kannte mich kaum.
Gerti, flüsterte er, rief nach seiner Frau. Gerti, so kalt Wo ist Liesel? Warum singt sie nicht? Sag ihr, sie soll singen
Fieberwahn, begriff ich sofort. Lungenentzündung. Er brennt innerlich.
Ich blieb diese Nacht, schichtete Holz im Ofen, pustete Wärme ins Haus, machte ihm Spritzen. Er wälzte sich, rief im Schlaf nach seiner Tochter:
Liesel komm zurück lauf nicht in den Wald, da sind die Wölfe bitte verzeih, ich ich hab dich doch nur lieb.
Ich saß da, strickte einen Socken, hörte sein Fieberreden und weinte leise. Wie viel unerfüllte Liebe in solch einem harten Mann stecken kann, und wie weh sie ihn gemacht hat, als hätte er sich selbst eingesperrt in diese Liebe.
Bis zum Morgen war die Krise überstanden. Der Schweiß stand ihm auf der Stirn, das Fieber sank.
Er öffnete die Augen klar, aber traurig wie ein geprügelter Hund.
Martina, flüsterte er, ich hab auf sie gewartet. Jeden Morgen hab ich aus dem Fenster geschaut. Abends im Bett, immer gelauscht ob sich nicht das Gartentor regt.
Ich weiß, sagte ich, zog ihm die Decke zurecht. Sie hat geschrieben. Unsere Briefträgerin hats mir erzählt.
Geschrieben? Wo sind die Briefe? Ich hab den Kasten zugemacht Dachte, sie hat mich vergessen!
Martina hat sie aufgehoben. Sie konnte sie nicht wegwerfen.
Kaum wurde es hell, lief ich zur Post. Martina drückte mir, noch verschlafen, eine Schachtel Briefe in die Hand. Ich brachte sie Heinrich.
Wie er die las was für ein Anblick. Seine riesigen, groben Hände zitterten, Tränen tropften auf die Seiten und verwischten die Tinte. Die Fotos seiner Enkel küsste er, drückte sie an die Brust, strich die Gesichter mit rauen Fingern.
Ich hab Enkel, Martina zwei
In einem Brief fanden wir eine fast vollständige Telefonnummer, aber die letzten vier Ziffern fehlten. Nur die Anschrift irgendwo in München. Einen Brief dorthin? Das würde Wochen dauern.
Ich fahr hin! rief Heinrich, wollte schon aufstehen. Ich kriech zur Not!
Leg dich hin, Held, sagte ich streng. Du stehst keinen Meter auf. Es gibt schnellere Wege. Es ist das 21. Jahrhundert.
Ich ging zum Nachbarn Julian, der Computertechnik im Kreis repariert und übers Wochenende zu seiner Mutter gekommen war.
Ich erklärte ihm alles. Such sie im Internet, auf Facebook, irgendwo
Julian rückte die Brille zurecht, zog den wolligen Pullover über:
Martina, das ist nicht einfach aber versuchen können wirs. Wie heißt sie jetzt? Mit Nachnamen? Steiner? Aha
Wir fanden sie! Ein Foto, der Status: Ich vermisse mein Zuhause. Julian schrieb: Hallo Liesel, hier ist Julian aus dem Schwarzwald. Dein Vater ist schwer krank, er sucht dich. Bitte antworte!
Wir warteten. Stunden verstrichen. Dorf-Internet ist wie ein schlechter Witz: Modem blinkt, Verbindungen brechen ab, draußen heult der Wind.
Heinrich saß daneben, kreidebleich, die Hände um sein Herzpressend, trank Baldriantropfen wie Wasser.
Sie wird nicht schreiben sie wird nie verzeihen Ich hätte mir auch nicht verziehen. Ich hab sie damals verflucht
Doch plötzlich ping eine Nachricht.
Sie hat geantwortet! Sie schreibt die Nummer ihres Mannes.
Wir riefen an. Langer, kalter Freiton. Mein Herz schlug bis zum Hals.
Am Apparat ein Mann, unfreundlich: Hallo? Wer spricht?
Heinrich rang nach Worten.
Hier Heinrich Liesels Vater
Lange Stille. Man hörte das Atmen am anderen Ende.
Jetzt fällt es Ihnen ein? Zehn Jahre zu spät.
Gib ihr den Hörer! Die Stimme einer Frau, angespannt.
Ja?, kam Lieselottes Stimme, fremd, zurückhaltend.
Liesel mein Mädchen lebt!
Schweigen. Sekundenlang nur eine knisternde Leitung.
Wozu rufen Sie an? ihre Stimme zitterte, aber blieb hart. Was ist?
Ich sterbe, Liesel. Ich hab Schuld. An allem. Wollte nur deine Stimme hören. Verzeih, wenn du kannst.
Sie begann zu weinen. Nicht laut, sondern bitter.
Ich weiß nicht, Papa So viele Jahre hab ich gewartet. So viele Briefe geschrieben ins Nichts. Ich weiß nicht, ob ich kann
Ich verlange nicht, dass du es gleich kannst, hauchte er. Nur merk dir, ich hab dich so geliebt, wie ich eben konnte. Dumm war ich. Alt.
Nach einem Moment Entschlossenheit: Wir kommen. Ich kann dich nicht allein sterben lassen. Wir kommen. Warte auf uns.
Er legte den Hörer weg. In seinem Gesicht war keine Freude, nur Erleichterung und Angst.
Sie kommt. Weil sie es für richtig hält. Ob sie vergibt? Wer weiß das schon
Martina! Wo sollen sie hier wohnen? Im Saustall? Überall Spinnweben, kein Geschirr. Peinlich!
Beruhig dich. Ich schwang mich ins Kommando. Die Dorffrauen halfen, wir fegten, schrubbten. Heinrich schlich durch den Flur, murmelte: Sie wird es nicht wiedererkennen
Der Tag der Ankunft war frostig. Ein alter Volkswagen hielt vor. Liesel stieg aus Stadtfrau, stolz und schön, mit ihren Kindern, ihrem Mann.
Heinrich stand auf der Treppe, drehte nervös die Mütze in den Händen.
Liesel trat ans Gartentor, blieb stehen, sah ihn an, das Haus, das zerschlagene Treppenbrett. Ich sah: Sie kämpfte mit sich. In ihr brodelte der Groll, aber auch Mitleid für den verbogenen Alten.
Heinrich kam langsam, stockend.
Hallo, Liesel.
Sie stand, blickte ihm in die Augen.
Hallo, Papa, sagte sie leise.
Sie umarmte ihn dann, vorsichtig, als wäre er ein Fremder. Er wagte kaum zu atmen, zog sie dann an sich, vergrub das Gesicht in ihrem Schal, bebte stumm.
Sie ließ die Hände hängen, Tränen liefen über ihre Wangen keine Freude, sondern Trauer um all das Verlorene.
Sie gingen ins Haus. Die Kinder blieben scheu bei ihrem Vater, Franz übrigens der Schwiegersohn musterte Heinrich streng.
Am Tisch herrschte Spannung. Nur Löffelgeklapper.
Heinrich hielt es nicht mehr aus, erhob sich, zitternd, mit Schnapsglas.
Danke, dass ihr gekommen seid, murmelte er. Ich hab euch erwartet, aber doch nicht geglaubt… Ich hab alles verwünscht ohne euch.
Franz betrachtete ihn und Liesel. Sah die Frau, wie sie bibberte, seufzte, hob sein Glas.
Na gut, Heinrich Albrecht. Wer an Altem klebt Wir sind gekommen, weil Liesel nicht mehr zur Ruhe kam. Sie ist gut, zu gut vielleicht. Auf unsere Begegnung!
Da fragte plötzlich Jonas, der kleine Enkel, hell:
Opa, warum steckt deine Axt nicht mehr in der Treppe? Mama sagt, du hast damals gehauen…
Liesel wurde blass, rief: Jonas! Iss dein Brot!
Heinrich sah seinen Enkel lange an, das Lächeln war bitter:
Die Axt ist verrottet, mein Junge. Und meine Wut auch. Morgen zeig ich dir lieber den Wald. Den lebendigen.
Das Eis schmolz langsam. Drei Tage verbrachten sie so, tasteten sich vorsichtig aneinander heran. Heinrich wollte gefallen, aber hatte Angst, zu viel zu sagen.
Am dritten Abend kam Liesel zu mir in den Sanitätsraum, die Augen rot.
Martina, hast du was für das Herz? Es tut so weh.
Ich gab ihr Tee mit Minze.
Die alte Kränkung lässt dich nicht los?
Nein, gestand sie still. Ich sehe ihn, so alt, hilflos und dann wieder höre ich, wie er damals schrie: Ich verfluche dich! Ich wollte ihm alles sagen, was ich durchgemacht habe Hunger im WG, Tränen an Vronis Geburt, keine Glückwünsche
Und, hast du?
Konnte ich nicht. Ich sah seinen gebückten Rücken, seine zitternden Hände Er hat sich selbst am meisten bestraft. Zwölf Jahre hat er in einem Gefängnis gelebt, das er selbst gebaut hat. Warum ihn noch treten?
Das ist Reife, Liesel. Vergeben heißt nicht vergessen. Es heißt verstehen, dass nicht Bosheit dahintersteckte, sondern Dummheit und Angst. Geliebt hat er dich, auf seine Weise. Verbissen, aber geliebt.
Sie trank den Tee aus, blickte still vor sich.
Weißt du, heute hat er Vronis Filzstiefel an den Ofen gelegt, mit der Hand geprüft, ob sie nicht zu heiß sind. Genau wie damals bei mir. Da hat mich etwas losgelassen. Ein wenig. Wir leben jetzt für die Kinder, Martina. Vielleicht heilt die Wunde mit der Zeit.
Eine Woche später fuhren sie zurück, versprachen aber, im Sommer wiederzukommen. Und sie hielten Wort.
Im Sommer war Heinrich verwandelt. Nicht mehr der verängstigte Alte, sondern Hausvater. Der Garten gepflegt, und ein Wunder geschah: Die totgeglaubten Apfelbäume blühten wieder der ganze Hof stand in weißem Schaum.
Eines Abends sah ich sie: Sie saßen gemeinsam auf der Veranda, Heinrich und Liesel, Schulter an Schulter, schwiegen und sahen in den Sonnenuntergang. Vroni tanzte über den Hof und flocht Kränze.
Heinrich winkte mir. Sein Gesicht war ruhig, friedlich.
Liesel lächelte. Es war Melancholie in ihrem Lächeln, doch keine Bitterkeit mehr.
Komm rein, Martina! rief er. Es gibt Apfelmarmelade, die Liesel gekocht hat golden wie Bernstein!
Ich kam dazu. Wir tranken Tee auf der Veranda, es duftete nach Boskoop, nach Sommer und Frieden.
Man sagt, eine zerbrochene Tasse kann man wieder zusammenkleben. Die Risse bleiben ja. Doch man kann daraus trinken, vielleicht sogar mit mehr Genuss. Man behandelt sie behutsamer als eine neue.
Das Leben ist kurz, wie ein Wintertag. Man blinzelt, schon ist Dämmerung. Immer denken wir: Später verzeihe ich, später besuche ich, später rufe ich an. Doch später gibt es vielleicht nicht mehr. Das Haus kühlt aus, das Telefon bleibt stumm, und der Briefkasten bleibt leer.




