Paul, hör auf, die Krähen zu zählen!
Schon seit ein paar Tagen rührte Paul das Futter nicht mehr an, das ihm Magdalena jeden Morgen mitbrachte:
Mensch, Paulchen, das sind doch die gleichen Frikadellen wie immer, die Herr Fischer dir auch immer gekauft hat. Der kommt so schnell nicht wieder Du brauchst nicht zu warten, seufzte Magdalena und zuckte hilflos mit den Schultern.
Das Bild war wie immer ein bisschen schräg: An der langen, gelben Bushaltestelle drängten sich alle Pendler auf eine Seite. Die andere Hälfte der Haltestelle lag verlassen, wenn man mal von dem zotteligen, rostbraunen Hund absah, der sich königlich in voller Länge vor der Bank lang gemacht hatte
Paul war jetzt fast vier Jahre alt ein richtig erfahrener Straßenhund, der seine Welt, oder besser gesagt die vier Ecken der Haltestelle, wie seine vier Pfoten kannte. Den Tag verbrachte er grundsätzlich bei der Bushaltestelle am alten Wohnheim. Gleich dahinter lag das Werk, und dahinter wieder kamen erst Felder. Nichts, was ihn noch groß reizen konnte er hatte alles schon mehrfach gesehen.
Auf seinen Namen, Paul, hörte der Rüde auch nur, weil ihn ein paar Frauen aus dem Wohnheim so getauft hatten. Die hatten Mitleid mit seinem Schicksal und gaben ihm manchmal Reste von ihren Mahlzeiten. Die meisten anderen jedoch mieden Paul. Das lag nicht zuletzt an seinem speziellen Wesen.
Paul wedelte nicht freundlich mit dem Schwanz und bettelte keinen mit Dackelblick an. Mit seinen drei Jahren wirkte er eher wie ein grantiger alter Herr, ständig mürrisch und auf Krawall gebürstet. Sein schlechtes Gemüt war bekannt, und oft scheuchten die Menschen ihn eher weg.
Über die Krone der Schöpfung also über die Menschen hielt Paul nicht viel. Was sollte er auch Gutes erzählen? Die zwei Mädels aus dem Wohnheim gut, die zählte er nicht zum Rest. Aber sonst? Er begegnete Menschen und Krähen ansonsten gleichermaßen abgeneigt, und Spatzen, die laut plappernd in Pfützen planschten, konnten ihm gestohlen bleiben.
Die Zeiten, als er noch ein kleiner Welpe war, der geglaubt hatte, jeder Mensch wolle ihn streicheln, lagen lange hinter ihm und waren auch nicht wiedergekommen.
Meistens, fand Paul, machten Menschen und Krähen ähnlich unangenehme Geräusche. An der Haltestelle wurde gestritten, geschubst und Paul als Störfaktor weggescheucht. Warum sollte er die mögen? Da lohnte sich kein weiteres Nachdenken.
Mit den Krähen war das nochmal so eine Geschichte. Die dreisten Vögel stibitzten ihm regelmäßig die einzigen Happen, die die Frauen ihm zusteckten. Paul jagte sie weg, aber die ließen sich nicht einschüchtern und versuchten es immer wieder.
So vergeht der Tag: Streit mit den Krähen, zählen, wie viele der Schwarzfedern bald wohl auch Federn lassen, ein paar Menschen anbellen
So schlecht ließ es sich an der gelben Haltestelle gar nicht leben. Es war kein Palast, aber gegen Regen und Wind war man einigermaßen geschützt. An heißen Tagen gab es Schatten. Nur die vielen Menschen störten manchmal.
Na, hast dich ja richtig ausgebreitet mach mal Platz da!, brummelte ein Mann und ein Schuh piekte Paul aus seinen Tagträumen.
Paul öffnete müde ein Auge. Der Schuh wollte schon über seine Pfoten steigen, doch Paul, der Herr der Haltestelle, entschied: Das geht nicht!
Willst Stress? Warte nur!, dachte Paul, sprang auf und knurrte.
Der Schuh versuchte sich schnell zu retten, gerade als der Bus einfuhr.
Nichts ärgerte Paul mehr, als wenn diese Menschen gerade noch auf Krawall gebürstet taten, dann aber mit einem Satz in den Bus verschwanden. So viele seiner Gegner waren ihm schon so entwischt.
Immerhin: Der Schuh blieb zurück ganz ohne Besitzer. Einsam an der Haltestelle. Verdient!, dachte Paul zufrieden, kostete seinen kleinen Sieg aus, nagte ausgiebig von allen Seiten an seinem Preis und schleppte den Schuh mit stolz geschwellter Brust neben den Mülleimer.
Lisa, geh weg von dem verrückten Hund!, rief eine resolute Blondine und zog ihre Freundin ein Stück fort.
Der Hund spinnt doch, keiner kann den bändigen, pflichtete ihr ein Mann mit Zigarette bei.
Die Kippe landete haarscharf neben Paul. Sofort bellte er wieder der Mann trollte sich kopfschüttelnd an den anderen Rand der Haltestelle.
***
Am nächsten Tag begegnete Paul dem Besitzer des Schuhs wieder heute war er nicht allein, sondern brachte noch jemanden mit.
Da!, rief der Mann, zeigte wild auf Paul und hielt respektvoll Abstand. Da, dieser aggressive Köter! Machen Sie was!
Hm?, sein Begleiter zuckte die Schultern. Sie sind nicht der Erste, der das sagt. Aber es gibt bei uns in der Stadt gar keinen Hundedienst.
Der Schuhmann fuchtelte weiter herum und schimpfte wie ein Elster. Paul legte interessiert den Kopf schief und lauschte.
Schließlich wurde auch der zweite Mann lauter. Paul schaute sich das zufrieden an: Wie herrlich, wenn Menschen sich gegenseitig anbellen! Noch besser als ein Kampf zwischen Krähen um eine Nuss.
Dem Schuhmann war, als hätte Paul sogar gegrinst das musste wohl Einbildung gewesen sein.
Ich pass hier aufs Wohnheim auf, nicht auf die Haltestelle!, knurrte schließlich der Werkschutz und stapfte zurück zur Pforte. Dann blieb er noch einmal stehen: Werfen Sie ihm halt einen Knochen hin, dann schmeißt er Sie nicht mehr weg!
Der Tipp war ehrlich gemeint, aber der Schuhmann rümpfte nur: Ja super, soll ich ihm demnächst halb Kantinenessen mitbringen? Und zu Paul gewandt: Na komm schon, willst du nicht mal zeigen, was du kannst? So ein Biest!
Paul, der sich von Biest ernsthaft angesprochen fühlte, half dem Herrn Schuhmann auf seine Weise ins Abteil mit Schwung, als wär’s ein Formel-1-Start.
Paul bellte dem Bus nach; Herr Fischer so hieß der Schuhmann wirklich schimpfte noch hinter beschlagener Scheibe.
Der nächste Zusammenstoß ließ nicht lange auf sich warten. Herr Fischer war gerade frisch als stellvertretender Produktionsleiter eingestellt worden.
Alles war neu für ihn. Auch das Auto war kaputt auch das noch! Jeden Morgen begegnete er nun Pauls angriffslustigem Gebell an der Haltestelle. Und warum hatte der Hund gerade ihn auf dem Kieker?
Seitdem hatte es Paul offenbar ganz besonders auf Herrn Fischer abgesehen. Niemand anderen beachtete er mehr.
Mit angelegten Ohren lauerte Paul jeden Morgen Bis endlich wieder der bekannte Bus kam und Herr Fischer ausstieg!
Der hatte sich schließlich an den Tipp des Werkschutzes erinnert (er war das spöttische Tuscheln langsam leid): In der Kantine kaufte er eine Frikadelle speziell für Paul.
Hier, iss, sagte er und schob Paul das Futterpaket hin.
Paul wollte eigentlich wieder losschimpfen, aber der Duft der Frikadelle war zu verlockend. Schwupp war sie weg! Auf dem Asphalt blieb gerade noch ihr Duft.
Paul leckte sich die Schnauze und starrte Herrn Fischer erwartungsvoll an.
Du bist mir einer! Reicht dir das noch immer nicht? Von mir aus ich hab keine Frau und kochen kann ich eh nicht. Und für dich lauf ich bestimmt nicht jeden Morgen zur Kantine!, schimpfte Herr Fischer in sein Notizbuch.
***
Am folgenden Morgen staunte Herr Fischer nicht schlecht.
Na, Herr Fischer, mögen Sie der Paul etwa nicht mehr? Der bellt ja gar nicht mehr!, lachte Magdalena, seine Sekretärin mit den rosa Bäckchen.
Ja, Magda, Respekt hat er jetzt, prahlte Fischer, warf aber noch einen skeptischen Seitenblick auf Paul.
Von diesem Tag an gewöhnte sich der einsame rotbraune Hund an das tägliche Extra-Futter. Jeden Morgen kam jemand mit der Frikadelle zur Haltestelle.
Vielleicht, fragte sich Paul, sind Menschen doch nicht ganz so dumm wie Krähen? Die streiten schon den ganzen Morgen um einen glänzenden Plastikdeckel drüben am Feld
Es wurde kälter, der Winter kroch langsam heran. Eines Morgens war die gelbe Haltestelle weiß eingepudert. Die ersten Schneeflocken tanzten, und eisiger Wind peitschte über die Felder.
Wie immer legte Herr Fischer eine Frikadelle und ein paar andere Leckerbissen für Paul aus. Der Hund schnupperte zitternd kaum berührte seine Zunge das Futter, war es schon verschwunden! Verflixtes, schnelles Futter!
Herr Fischer beobachtete Pauls zitternden Rücken.
Der Bus, Herr Fischer!, rief Magdalene, aber er winkte nur ab.
Ach!, seufzte Fischer und trottete zum Werkstor zurück.
Nach ein paar Minuten glitt eine behandschuhte Hand über Pauls Rücken. Der Hund schaute auf. Na, hast gefroren? Jetzt bist du ja kein großer Krieger mehr. Leg dich auf den Karton, dann ist es ein bisschen wärmer. Hier noch eine Frikadelle
***
Am Samstag blieb Herr Fischer zu Hause. Sein Haus am Stadtrand lag unter einer dicken Schneeschicht begraben. Der kalte Wind wirbelte Flocken durch den Garten.
Er briet sich ein Spiegelei mit Wurst, frühstückte gemütlich, ging dann in die Garage, holte seine Schaufel. Während er die Zufahrt freilegte, schweifte er mit den Gedanken immer wieder ab.
Plötzlich hielt er inne, starrte auf das wilde Schneetreiben, warf die Schaufel in den Schnee und rannte einfach los
An der Haltestelle war niemand. Paul wusste, dass es Tage gab, an denen die Menschen ausblieben. Der Bus hielt trotzdem, aber nur ein paar Gestalten stiegen aus.
An solchen Tagen knurrte Pauls Magen noch lauter. Die Frauen aus dem Wohnheim waren heute auch nicht da
Paul rappelte sich auf. Er wusste: Bis zum Lebensmittelladen war es ein ganzes Stück, aber manchmal bekam er dort einen kleinen Happen ab.
Er wollte gerade aus seinem Unterschlupf kriechen, als der Bus hielt und Herr Fischer mit einem Beutel voller Würstchen vor ihm stand.
Wo willst du denn hin in all dem Schnee?, fragte er und schob ihm die Würstchen rüber. Paul schlang sie hinunter, als könnten sie auf einmal wegsein.
Frikadellen gabs heute keine, die Kantine ist zu, entschuldigte sich Herr Fischer. Aber hier eine Kiste und eine alte Decke hab ich dir noch mitgebracht.
Am Rand der Haltestelle stand eine große Pappkiste mit einer alten, weichen Decke.
Mehr ist mir nicht eingefallen. Komm, machs dir gemütlich
Und plötzlich war der Schnee kein Problem mehr, und auch der kalte Wind tat nicht mehr weh. Paul spürte etwas Warmes in sich. Etwas, das zuerst ganz fremd und dann richtig schön war.
So ein Geschenk hatte ihm noch nie jemand gemacht
***
Wieder einige Tage ging es so, Paul hatte keinen Appetit auf das Essen, das Magdalena mitbrachte.
Ach Paulchen, das ist doch die gleiche Frikadelle wie die von Herrn Fischer. Der ist halt krank du brauchst nicht zu warten. Magdalena seufzte.
Paul zuckte mit den Ohren, sprang jedes Mal auf, wenn der Bus kam oder jemand vom Werk rauslief. Aber sein Mensch kam nicht
Enttäuscht kuschelte er sich in seine Kiste auf die Decke. Die Krähen balgten sich um ein trockenes Stück Brot hinter der Haltestelle jede wollte es für sich ins Versteck tragen.
Paul beobachtete ihre Gier. Blöde Vögel! Auch er hatte seinen geheimen Ort das Loch hinter dem Mülleimer.
Er kroch hinaus, durchwühlte das Loch, zog den alten Schuh hervor. Natürlich erinnerte er sich. Früher hatte er ihn gehasst, aber jetzt
Was zerriss ihm eigentlich das Herz? Wo steckte nur Herr Fischer? Paul hatte inzwischen verstanden, dass die anderen von seinem Menschen sprachen Konnte er sich Freund nennen, wenn er ihn jetzt nicht mehr fand? War er noch ein richtiger Hund?
Paul knurrte die Krähen an, spürte etwas Neues in sich aufsteigen. Schluss jetzt! Er hatte genug! Hier würde er nicht bleiben.
Herr Fischer! Herr Fischer!
Paul spitzte die Ohren. Die Frau am Handy rief den Namen seines Menschen.
Schlechtes Netz Ich steige in den Bus, hab Ihre Unterlagen dabei, sagte Magdalena, stieg ein. Und ein rotbrauner Schwanz huschte als Schatten hinterher
***
Paul blickte mit einer Mischung aus Angst und Hoffnung auf Magdalena, während sie immer wieder den Namen in ihr Handy sprach.
Sie stieg aus, wickelte den Schal fester. Paul sprang hinterher, den Schuh stolz in den Zähnen.
Er hatte richtig gute Laune. Wer hätte gedacht, dass Schnee so schön unter Magdalenas Stiefeln quietschen konnte?
Sie klingelte. Bald ertönte die vertraute Stimme aus dem Haus. Paul bellte begeistert. Magdalena, überrascht von seinem Folgetempo, rutschte im Schnee aus, und die Unterlagen landeten plump daneben.
Herr Fischer, heben Sie mich vielleicht lieber mal auf, statt erst den Hund zu umarmen?, rief sie lachend.
Herr Fischers Augen waren feucht, als er Paul umarmte. Du bist also meinetwegen gekommen Und bringst mir sogar ein Mitbringsel, ja? Er lachte, hielt Paul und seinen Schuh fest im Arm.
Natürlich half er auch Magdalena hoch, reichte heißen Tee.
Eine Frage hab ich aber, Herr Fischer, meinte Magdalena lachend und beobachtete Paul, der freudig durch die Küche tapste, Warum hast du ihn eigentlich nicht viel früher zu dir geholt? Bei dem Haus, Platz genug
Herr Fischer seufzte: Ich hatte einfach Angst. War lange allein. So ein Hund, das ist Verantwortung, fast wie Familie Aber jetzt lass ich ihn nicht mehr gehen. Sobald ich wieder fit bin, bring ich ihm auch Frikadellen machen bei
Sie müssen also erobert werden mit Krafteinsatz!, lachte Magdalena und winkte ab. Gut, dass Paul von selbst gekommen ist.
Und Magdalena versteckte ihr Lächeln, indem sie an ihrem Tee nippte.




