Als meine kleine Annalena sechs Jahre alt war, verlor ich meine Frau. Danach war irgendwie alles im Eimer. Beim Begräbnis habe ich meiner Frau feierlich versprochen, auf unsere Tochter aufzupassen und sie für uns beide bis an mein Lebensende zu lieben. Meine Annalena entwickelte sich zu einer pfiffigen jungen Frau. Sie lernte fleißig, half mir zu Hause und kochte wie ihre Mutter zum Reinlegen lecker, ehrlich.
Mit der Zeit fing Annalena an, in Heidelberg zu studieren. Ihre Noten sandten eher Rauchsignale als Hochglanzzeugnisse, aber was solls? Sie hat nebenbei gearbeitet und trotzdem weiterhin daheim geholfen. Und dann kam dieser Florian ins Spiel. Meine Tochter stellte ihn mir vor netter Kerl, dachte ich zuerst. Umso glücklicher war ich, als die beiden meinten, sie würden nach der Hochzeit bei mir wohnen bleiben. Und genau da begann das Drama.
Nach dem Ja-Wort zeigte der Herr Schwiegersohn sein wahres Gesicht: pampig, beleidigend, laut als würde er für einen Oscar als unfreundlichster Mensch vorsprechen.
Deshalb, als Annalena dann einen glänzenden Vorschlag brachte wir verkaufen unser Zweizimmerhäuschen und holen uns zusammen eine schicke Wohnung in Berlin habe ich einen klaren Deal gemacht: Die Wohnung wird auf meinen Namen eingetragen, basta! Florian fackelte nicht lange und brüllte gleich los, ich würde ihm nicht vertrauen. Aber ich hab nichts zu verbergen. Hab ihnen klipp und klar gesagt: Ich brauche nur die Sicherheit, dass ich im Alter nicht unter der Berliner Brücke lande. Wenn ich mal nicht mehr bin, gehört die Wohnung euch dann macht damit, was ihr wollt.
Da haben die zwei alles gepackt, mir noch ein buntes Potpourri an Schimpfwörtern da gelassen, und sind zwei Tage später abgezottelt in die große Stadt.
Ab da Funkstille. Annalena hat mich glatt aus ihrem Gedächtnis gestrichen zumindest kams mir so vor. Tief im Inneren hoffte ich aber, dass die Kröte irgendwann geschluckt ist. Einige Monate nach dem Krach stand mein sechzigster Geburtstag an. Ich war fest davon überzeugt, Annalena plant eine Überraschung. Also: Haus auf Hochglanz gebracht, alles gekocht, was sie mag, feines Hemd rausgekramt und den Tisch gedeckt wie für den Bundespräsidenten. Dann saß ich da. Den ganzen Tag. Schrubbte ständig die Brille, um durchs Fenster zu spähen, ob das Gartentor sich regt erwartete jeden Moment Annalena.
Bis zum Abend gewartet. Abends dann alles stehen gelassen, Hemd ausgezogen, ins Bett gekrochen, stumm ins Dunkel gestarrt. Dabei das Bild meiner Frau bequatscht und irgendwann ins Kissen geheult, bis ich eingeschlafen bin.
War meine Tochter wirklich so sauer, dass sie nicht mal zum Hörer gegriffen hat, um wenigstens Herzlichen Glückwunsch zu säuseln? Oder ist ihr was zugestoßen? Ach, meine Annalena kann doch ihren alten Vater nicht einfach so verstauben lassen…




