Neun rote Rosen… Die Schwiegermutter kommt spontan für ein paar Stunden vorbei, und der Schwiegers…

Neun rote Rosen

Die Schwiegermutter kam zu Besuch, eigentlich nur für ein paar Stunden, doch für Klaus dauerten sie gefühlt eine Ewigkeit. Nachdem er merkte, dass die Lage kaum auszuhalten war, verkündete er mit ernster Miene: Ich geh mal kurz in die Sauna. Er zog sich um und verschwand denkste!

Denn das Unglück lauerte schon um die Ecke: Die Sauna war wegen Renovierung geschlossen. Seine Stimmung rauschte in den Keller. Nach Hause konnte er jetzt schlecht zurück das wäre ja fast wie freiwillig zurück ins Kreuzverhör. Also trieb er sich ziellos in der Stadt herum. In die Geschäfte wollte er nicht, das ist schließlich kein Männerding. Also ließ er sich betrübt auf eine Parkbank plumpsen und starrte ins Leere.

Plötzlich stolperte sein Blick über ein Ehepaar, so um die sechzig. Gut gekleidet, bummelten sie gemächlich an ihm vorbei, Arm in Arm, in leises Gespräch vertieft. Klaus dachte: Interessant, worüber die wohl reden? Wir sind seit fünfzehn Jahren zusammen, da ist das Meiste längst durchgekaut. Meistens schweigen wir nur noch.

Das Paar blieb stehen, der Mann rückte ihr liebevoll das Tuch zurecht, sie lächelte kurz dann gingen sie langsam weiter. Klaus dachte: Gibts doch! Die haben es geschafft, das bisschen Liebe zu bewahren. Wir dagegen wir sehen uns schon gar nicht mehr richtig.

Seine Frau, die kleine, etwas ausgetrocknete Gisela, gehörte zur Kategorie ständig erschöpft. Sie hatte sich längst damit abgefunden, mit wenig zufrieden zu sein. Schichtarbeit in der Bäckerei, zwei Kinder, Sorgen rund um die Uhr. Kaum Zeit zum Durchschnaufen, sie ratterte unablässig durch die Wohnung: erst mit Putzlappen, dann mit dem Besen. Der Morgenmantel war schon etwas müde, das Haar meistens zerzaust. Lächeln? Hatte sie fast verlernt. Das Gesicht ernst, immer auf das nächste To-Do konzentriert. Friseurbesuche? Nur, wenn es wirklich gar nicht mehr anders ging, sonst würde sie sich ja schämen, das Haus zu verlassen.

Klaus seufzte. Wir haben uns mal so geliebt. Wo ist das nur hin?, ging es ihm durch den Kopf. Er versuchte, ein bisschen davon wiederzufinden, was sie mal verbunden hatte. Und tatsächlich: Ein leiser Anflug von Zärtlichkeit schlich sich durch sein Gemüt. Plötzlich wurde ihm das Herz ganz warm, und er verspürte den unwiderstehlichen Drang, etwas Nettes zu tun. Jetzt oder nie! Er stand auf, ließ sich treiben, wusste selbst nicht so recht, wohin eigentlich.

Schon vier Ecken weiter stand er plötzlich beinahe im Blumenladen. Blumen? Wofür denn?, dachte er. Die Gisela hält mich doch für bekloppt, wenn ich mit sowas ankomme. Außerdem wollte ich doch eigentlich Nico neue Turnschuhe kaufen für den Sportunterricht. Also zögerte er kurz, doch dieses warme Gefühl im Bauch setzte sich durch.

Da was solls! Er betrat den Laden, die Verkäuferin begrüßte ihn freundlich. Himmel, das letzte Mal hatte er hier vor fünfzehn Jahren Rosen gekauft. Irgendwie passte wohl so eine einzelne Rose Oder? Aber nein, eine einzelne Rose, das wäre ja lächerlich. Also sagte er tapfer: Neun Stück, bitte! Und erschrak fast über sich selbst. War er nun völlig irre geworden? Doch gesagt ist gesagt.

Mit dem Strauß in der Hand trat Klaus wieder auf die Straße. Am liebsten hätte er sich im Park versteckt so unangenehm war ihm das Gefühl, von allen beobachtet zu werden. Schnell zückte er sein Handy, um abzuchecken, ob seine Schwiegermutter inzwischen das Feld geräumt hatte.

Mit klopfendem Herzen stieg er die Treppe zur Wohnung hinauf. Wenn Gisela jetzt losbrüllt, schmeiß ich die Blumen auf der Stelle in die Biotonne, schwor er sich im Stillen. Gisela stand gerade mit einer Tüte Mehl am Küchentisch, die Hände noch sauber vom Ausräumen.

Klaus hielt inne. Gisela drehte sich um ganz ahnungslos. Er blieb stehen, atmete tief durch und hielt ihr die Blumen hin.

Gisela, die sind für dich. So aus dem Bauch heraus. Bist du böse?

Sie schaute erst ungläubig, als hätte er plötzlich einen Regenbogen ins Wohnzimmer gezaubert. Dann wiederholte er: Für dich, Gisela. Nur für dich.

Sie nahm die Rosen ganz vorsichtig entgegen, schnupperte daran und lächelte ein wenig. Und für einen Moment gab es keine Fabrik mehr, keine endlose Putzerei, keine fünfzehn gemeinsamen Jahre. Nur sie und diese neun roten Rosen.

Ganz leise hauchte sie ihm ein Danke zu.

Die Vase stand mitten auf dem Tisch, und die neun roten Rosen schienen den ganzen Raum zu erleuchten. Gisela strich gedankenverloren über die Blüten, dann zog sie sich vor den Spiegel zurück, zupfte ihr wildes Haar zurecht. Ihre Gesichtszüge wurden weicher, die Sorgen traten für einen Moment in den Hintergrund.

Klaus kam dazu, legte den Arm um ihre Taille, und beide standen einfach still und leise da.

Und Gisela hielt kurz inne nur für einen Augenblick.

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Homy
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Neun rote Rosen… Die Schwiegermutter kommt spontan für ein paar Stunden vorbei, und der Schwiegers…
Es ist mir peinlich, dich zum Festbankett mitzunehmen – Denis blickte nicht einmal vom Handy auf. – Dort werden Leute sein. Normale Leute. Nadja stand am Kühlschrank mit einer Packung Milch in der Hand. Zwölf Jahre Ehe, zwei Kinder. Und nun ist es peinlich. – Ich ziehe das schwarze Kleid an. – Das, das du mir selbst gekauft hast. – Es geht nicht ums Kleid, – er schaute endlich hoch. – Es geht um dich. Du hast dich gehen lassen. Haare, Gesicht… du bist einfach nicht mehr du. Vadim wird mit seiner Frau da sein. Sie ist Stylistin. Und du… na ja, du verstehst schon. – Also fahre ich eben nicht mit. – Sehr vernünftig. Ich sage, du hast Fieber. Niemand wird etwas sagen. Er ging duschen, Nadja blieb mitten in der Küche stehen. Im Nachbarzimmer schliefen die Kinder. Kirill ist zehn, Swetlana acht. Hypothek, Rechnungen, Elternabende. Sie war in diesem Haus aufgegangen, und ihr Mann begann, sich ihrer zu schämen. – Hat er sie noch alle? – Jelena, die Friseurin und Freundin, schaute Nadja an, als wäre das das Ende der Welt. – Sich seiner Frau auf dem Festbankett schämen? Wer denkt der, wer er ist? – Lagerleiter. Gerade befördert worden. – Und nun passt die Frau nicht mehr? – Jelena goss aggressiv Wasser in den Teekessel. – Hör mal. Weißt du noch, was du vor den Kindern gemacht hast? – Ich war Lehrerin. – Nicht vom Job. Du hast Schmuck gemacht. Aus Perlen. Ich hab immer noch das Collier mit dem blauen Stein. Die Leute fragen ständig, woher es ist. Nadja erinnerte sich. Sie bastelte damals am Abend, wenn Denis sie noch interessant fand. – Das ist lange her. – Dann kannst du es wieder, – sagte Jelena. – Wann ist das Fest? – Am Samstag. – Perfekt. Morgen kommst du zu mir. Ich mache Frisur und Make-up. Wir rufen Olga an – sie hat Kleider. Um Schmuck kümmerst du dich selbst. – Jelena, aber er hat doch gesagt… – Er kann mir gestohlen bleiben mit seinem „hat gesagt“. Du fährst hin. Und er wird blass vor Schreck. Das Kleid, das Olga brachte, war pflaumenfarben, bodenlang, mit freien Schultern. Eine Stunde Anprobe, abstecken, Stecknadeln. – Zu dieser Farbe braucht es etwas Besonderes, – Olga drehte Kreise. – Silber passt nicht. Gold auch nicht. Nadja öffnete ein altes Schmuckkästchen. Auf dem Boden, eingewickelt in Stoff, lag das Set – Collier und Ohrringe. Blauer Aventurin, handgearbeitet. Sie hatte es vor acht Jahren für einen besonderen Anlass gemacht, der nie kam. – Mein Gott, ein Meisterwerk, – Olga erstarrte. – Hast du das selbst gemacht? – Ja. Jelena zauberte eine sanfte Welle ins Haar, das Make-up war dezent, aber ausdrucksstark. Nadja zog das Kleid an, legte den Schmuck um. Die Steine fühlten sich schwer und kühl an. – Schau mal, – Olga schob sie zum Spiegel. Nadja sah nicht die Frau, die zwölf Jahre Böden putzte und Suppen kochte. Sie sah sich selbst. Die, die sie einmal war. Ein Restaurant an der Elbe. Der Saal voller Tische, Anzüge, Abendkleider, Musik. Nadja kam, wie geplant, spät. Die Gespräche verstummten. Denis am Tresen, lachend. Er sah sie – sein Gesicht gefror. Sie ging vorbei und setzte sich an den hinteren Tisch. Gerader Rücken, Hände ruhig auf den Knien. – Entschuldigung, ist hier frei? Ein Mann, Mitte Vierzig, grauer Anzug, kluge Augen. – Frei. – Oleg. Geschäftspartner von Vadim. Bäckereien. Und Sie, wenn ich fragen darf? – Nadja. Die Frau vom Lagerleiter. Er schaute sie an, dann den Schmuck. – Aventurin? Handarbeit, seh ich gleich. Meine Mutter sammelte Steine. Sowas sieht man selten. – Ich habe ihn selbst gemacht. – Ernsthaft? – Oleg beugte sich vor, betrachtete die Fassung. – Das ist wirklich Kunst. Verkaufen Sie? – Nein. Ich… bin Hausfrau. – Das wundert mich. Hände wie Ihre sollten nicht nur zuhause arbeiten. Den ganzen Abend blieb er bei ihr. Sie sprachen über Steine, Kreativität, das Vergessen im Alltag. Oleg lud zum Tanzen, brachte Sekt, lachte. Nadja sah Denis’ Blicke vom Tisch. Sein Gesicht wurde dunkler. Beim Gehen brachte Oleg sie zum Wagen. – Falls Sie wieder Schmuck machen wollen – melden Sie sich. – Er gab eine Visitenkarte. – Ich kenne Leute, die sowas suchen. Ehrlich. Sie nahm die Karte und nickte. Zuhause hielt Denis es keine fünf Minuten aus. – Was war das denn? Mit diesem Oleg? Jeder hat gesehen, wie meine Frau einem fremden Mann nachhängt! – Ich habe mich einfach unterhalten. – Unterhalten! Du hast dreimal mit ihm getanzt! Vadim hat gefragt, was das soll. Mir war das peinlich! – Dir ist immer alles peinlich, – Nadja zog die Schuhe aus und stellte sie ab. – Peinlich, mich mitzunehmen. Peinlich, wenn man mich anschaut. Ist dir irgendetwas überhaupt nicht peinlich? – Halt den Mund. Denkst du, du ziehst ein Kleid an und bist jemand? Du bist niemand. Hausfrau. Hängst mir auf der Tasche, gibst mein Geld aus und gibst jetzt die Prinzessin. Früher hätte sie geweint. Ins Schlafzimmer gegangen, an die Wand gekrochen. Aber irgendetwas war umgefallen. Oder an seinen Platz gerückt. – Schwache Männer haben Angst vor starken Frauen, – sagte sie leise, fast ruhig. – Du hast Komplexe, Denis. Du hast Angst, dass ich merke, wie klein du bist. – Raus mit dir. – Ich reiche die Scheidung ein. Er schwieg. Sah sie an – in den Augen zum ersten Mal keine Wut, sondern Unsicherheit. – Und was willst du mit zwei Kindern machen? Von deinen Perlen wirst du nicht leben. – Doch, das werde ich. Am nächsten Morgen nahm sie die Visitenkarte und rief an. Oleg drängte nicht. Sie trafen sich im Café, besprachen alles. Er erzählte ihr von einer Bekannten mit einer Galerie für Unikate. Dass Handarbeit gefragt ist, Menschen satt von Massenware. – Sie sind begabt, Nadja. Talent und Geschmack findet man selten zusammen. Sie arbeitete nachts. Aventurin, Jaspis, Karneol. Colliers, Armbänder, Ohrringe. Oleg nahm es mit, brachte es zur Galerie. In einer Woche war alles verkauft. Immer mehr Bestellungen. – Denis weiß davon? – Er redet überhaupt nicht mehr mit mir. – Und Scheidung? – Habe eine Anwältin. Läuft bald an. Oleg half. Ohne Aufheben. Gab Kontakte, half eine Wohnung zu finden. Als Nadja die Koffer packte, stand Denis in der Tür und lachte. – In einer Woche bist du zurück. Auf allen Vieren. Sie schloss den Koffer und ging ohne ein Wort. Halbes Jahr. Zweizimmerwohnung am Stadtrand, Kinder, Arbeit. Bestellungen liefen. Die Galerie schlug eine Ausstellung vor. Nadja eröffnete einen Social-Media-Account, postete Bilder. Immer mehr Follower. Oleg kam, brachte den Kindern Bücher, rief an. Drängte nie. War einfach da. – Mama, magst du ihn? – fragte Swetlana einmal. – Ja. – Wir auch. Er schreit nie. Nach einem Jahr machte Oleg ihr einen Antrag. Ohne Knie, ohne Rosen. Einfach beim Abendessen: – Ich möchte, dass ihr alle drei mit mir zusammen seid. Nadja war bereit. Zwei Jahre später. Denis lief durch die Einkaufsmeile. Nach der Entlassung arbeitet er als Lagerist – Vadim hatte von seinem Umgang mit Nadja gehört und ihn rausgeworfen. Ein Zimmer, Schulden, Einsamkeit. Er sah sie vor dem Juwelier. Nadja im hellen Mantel, Haare gestylt, um ihren Hals der Aventurin. Oleg hielt ihre Hand. Kirill und Swetlana lachten, erzählten etwas. Denis blieb am Schaufenster stehen. Sah zu, wie sie ins Auto stiegen. Wie Oleg Nadja die Tür aufhielt. Wie sie lächelte. Dann sah er sein Spiegelbild. Abgetragene Jacke, graues Gesicht, leere Augen. Er hatte seine Königin verloren. Und sie hatte gelernt, ohne ihn zu leben. Und das war seine größte Strafe – zu spät erkannt zu haben, was er besaß… Vielen Dank, liebe Leserinnen und Leser, für Ihre Kommentare und Likes!