Warum hat das Schicksal mir so eine Prüfung auferlegt? Mit jedem Jahr, das sie älter wurde, wusste …

Warum traf sie solch ein seltsames Schicksal

Mit jedem Jahr spürte Lieselotte deutlicher, dass sie niemals so leben wollte wie ihre Mutter Gertrud. Gertrud war noch keine alte Frau, doch das Leben mit ihrem ständig betrunkenen Mann Hermann hatte Spuren hinterlassen; sie wirkte müde und verbraucht, viel älter als sie war.

Lieselotte war siebzehn. Nach dem Abitur hatte sie auf ein Studium verzichtet, aus Angst, ihre Mutter allein zu lassen. Sie wäre schon längst geflohen, aber ihr war Gertrud zu schade. Wenn sie verschwinden würde, wer legte der Mutter dann einen kalten Umschlag auf die blauen Flecken, wer reichte ihr Wasser ans Bett?

Wieder einmal kam Hermann stockbetrunken nach Hause, ließ sich schwer am alten Küchentisch nieder. Gertrud stellte schweigend einen Teller Erbsensuppe vor ihn. Im nächsten Moment flog der Teller mit großer Wucht knapp an ihr vorbei auf den Boden.

Deine Suppe kann ich nicht mehr sehen!, keuchte Hermann, die Augen glasig und irr.

Lieselotte half ihrer Mutter schweigend, die Scherben aufzusammeln. Der Vater stand auf, stolperte hinaus und gab Gertrud einen festen Stoß mit dem Knie. Zu Lieselotte knurrte er nur: Morgen früh fahren wir angeln, dann hol ich ein paar Fische für die da, soll sie Suppe kochen.

Lieselotte hoffte, er hätte es vergessen bis zum Morgen, doch schon wurde sie aus dem Schlaf gerissen; Hermann stand neben ihr, rüttelte grob.

Steh auf! Morgens beißen die Fische, beeil dich!

Schlaftrunken zog sie sich an, als im Flur die Mutter erschien mit einem Eimer frischer Milch, gerade eben von der alten Kuh gemolken.

Hermann, hast du rausgeschaut? Es zieht ein Gewitter auf! Bist du verrückt, jetzt auf den Rhein loszuziehen?

Gertrud stellte das Milcheimer auf die Fliesen, versperrte den Weg zur Tür.

Ich lasse sie nicht gehen! Du bringst sie noch um!

Hermann zögerte keine Sekunde, stieß die Frau grob zur Seite, dass der Eimer kippte, und packte Lieselotte am Handgelenk, zerrte sie hinaus. Über dem Nachbarhaus wälzte sich eine pechschwarze Wolke hervor. Als sie im kleinen Boot auf dem Rhein saßen, peitschte bereits der Wind.

Sie hatte Angst. Hermann ruderte unbeirrt gegen die immer heftiger werdenden Wellen weiter, Richtung anderes Ufer, tieferes Wasser, besserer Fang. Das Ufer schien schon zum Greifen nah, da brach das Unwetter los, es prasselte Regen, der Wind brüllte über das Wasser. Lieselotte klammerte sich an den Bootsrand.

Mein Vater hat immer gesagt, bei Sturm beißen die Fische besser!, schrie Hermann gegen den Wind, machte die Angel startklar.

Er stand im Boot, doch ein Windstoß hieb eine Welle gegen den Rumpf. Hermann verlor den Halt, stürzte ins Wasser. Lieselotte sah ihn, wie Wellen ihn zudeckten, er ruderte verzweifelt in der Strömung. Sie griff nach dem Ruder, wollte helfen, fiel aber selbst ins kalte Wasser, das Boot kenterte. Etwas schlug sie mit voller Wucht am Kopf, alles wurde schwarz.

Als sie erwachte, roch es nach feuchtem Holz, moosig und alt. Sie lag in einem schmalen Bett, ein Zimmer voller Schatten, fernes Donnergrollen hallte in ihrem Kopf. Ein bärtiger Mann tauchte auf.

Sie atmete mühsam, konnte sich nicht bewegen.

Na, bist du wach?, brummte der Unbekannte und begann, den kleinen Kachelofen einzuheizen. Doch Lieselotte glitt wieder hinüber, in einen Traum, sah eine junge Frau ihre Mutter.

Das nächste Mal, als sie aufwachte, saß der bärtige Mann neben ihr, gab ihr einen Löffel mit bitterem, kräuternden Sud.

Trink, ist gut für dich, dann isst du was, murmelte er.

Zeit verging. Irgendwann konnte sie alleine aufstehen, ihre Knie wackelten. Sie schlich zum Fenster, draußen war schon Spätherbst. Sie trug eine viel zu große Pyjamahose, im Spiegel fiel ihr auf, dass jemand ihr Haar zu einem dicken Zopf geflochten hatte. Mit knurrendem Magen tastete sie sich in die Küche.

Na, endlich wach! Setz dich, nimm Brot!, forderte der Mann, rührte in einem Topf, würziger Eintopfduft lag in der Luft.

Unsicher nahm Lieselotte Platz, der Mann stellte ihr eine Suppenschale hin und aß neben ihr.

Wie bin ich hierhergekommen?, fragte sie leise.

Iss erst mal, dann reden wir, brummte er.

Sie gehorchte, leerte die Suppe.

Weißt du noch, wie du heißt?, fragte er.

Sie schüttelte den Kopf.

Er seufzte schwer. So lange pflege ich dich, rette dir das Leben, und du weißt nicht mal deinen Namen. Du bist meine Frau, sagt dir das was? Else bist du, Else.

Lieselotte erschrak. Das glaube ich nicht Ich erinnere mich an nichts!

Der Mann lachte unangenehm. Doch, doch, du bist Else. Komm, vielleicht fällt’s dir wieder ein, packte sie bei der Hand, zog sie ins Schlafzimmer. Sie wehrte sich, er schlug sie, warf sie aufs Bett.

Undankbares Ding, ich habe dich gesund gepflegt, jetzt wirst du dich erinnern

Lieselotte ließ alles geschehen, wie gelähmt, und weinte stumm Tränen in die muffigen Kissen. Draußen heulte eine Motorsäge auf. Nach einer Weile nutzte sie die Gelegenheit, warf sich einen alten Parka um, schlich sich durch den Hausflur, rannte Richtung Waldrand ans Ufer, wo das Wasser steil abfiel.

Dort sah sie ein Motorboot an einer Kette, doch hinter ihr knackten Äste. Der bärtige Kerl erreichte sie, riss sie hoch.

Willst du mich wohl verlassen?! Komm rein, wir machen dir ein Bad, du bist ja eiskalt. Erinnerst du dich wenigstens an meinen Namen? Ich bin Franz, Franz.

Wie im Nebel folgte Lieselotte ihm. Sie hatte keine Kraft, Widerworte zu geben schwach von langer Krankheit, zähmte sie sich selbst. Doch in Gedanken plante sie ihre Flucht.

Immerzu fragte sie sich: Herrgott, warum ist mir so ein Schicksal zugeteilt worden?

Franz stellte sie im Haus an, verlangte Sauberkeit, Wäsche, gutes Essen, half im Stall, am allerschlimmsten war, wenn er sie mit seinem schmierigen Grinsen ins Bett zog. Leiser Widerstand wurde mit Schlägen quittiert.

Die Zeit rann dahin. Wenn Franz zur Jagd oder auf den Markt nach Koblenz fuhr, um Wild und Fische zu verkaufen, ertrug Lieselotte Momente des Friedens. Einen Fernseher gab es nicht, sie wälzte verstaubte Bücher. Kaum kam Franz zurück, kroch wieder Angst ins Haus.

Einmal, als sie offiziell Holz sammeln sollte, fand sie das Boot wieder festgekettet. Den Schlüssel kannte sie; er hing an einem Nagel im Flur. An einem dösigen Nachmittag nach dem Essen schnappte sie sich den Schlüssel, schlüpfte in dicke Kleidung und huschte zum Ufer. Sie fummelte nervös am Schloss, stieß das Boot ab, als ein Schuss sich durch den Nebel bohrte. Hinter ihr stand Franz mit der Flinte, legte energisch nach.

Zurück ans Ufer, oder ich treffe besser!

Sie fügte sich, er packte sie, schlug sie bewusstlos.

Als sie wieder bei Sinnen war, donnerte er: Beim nächsten Versuch sperre ich dich in den Schuppen, an die Kette, dann mal sehen, wie es dir gefällt!

Die Woche darauf wurde Lieselotte immer klarer, dass sie an dieser Existenz zerbrechen würde. Sie wurde körperlich stärker, doch eines Morgens lief sie hinaus und musste sich übergeben. Franz musterte sie misstrauisch.

Du bist doch nicht etwa schwanger?

Ein paar Wochen später war es gewiss: Lieselotte erwartete ein Kind. Franz wurde milder, befahl weniger, schlug nicht mehr, drohte nur. Eines Tages brach er wieder zum Markt auf, wie immer mit dem Boot und dann mit dem Bus.

Es war kalt; Lieselotte schlenderte am Rheinufer, als ein anderes Motorboot anlegte. Ein Mann mit Angelzeug sprang ans Ufer, runzelte fragend die Stirn.

Liese? Bist du das etwa? stotterte er.

Sie irren sich. Ich heiße Else, sagte sie zögernd.

Er blinzelte. Rede keinen Quatsch, ich hab dich doch aufwachsen sehen, Nachbarskind! Deine Mutter Gertrud hat deinen Vater beerdigt, dann hast du dich im Rhein verloren alle dachten, du seist ertrunken! Gertrud ist am Ende. Ich bin Onkel Karl, erinnerst du dich gar nicht? Wie bist du hierhergekommen?

Ich lebe mit meinem Mann hier…, murmelte sie verwirrt.

Erstaunt blickte Karl sie an. Ich dachte, in dem alten Haus wohnt niemand mehr… Lieselotte griff ihn panisch am Arm.

Onkel Karl, bitte, nimm mich mit ans andere Ufer! Ich erzähle dir alles, ich hab Angst, Franz bringt mich noch um.

Na los, rein da. Schnell!, drängte er. Sie liefen zum Boot, als plötzlich wieder Schüsse fielen. Sie duckten sich hinter das Ufergras, flohen.

Im Haus von Karl angekommen, erwartete sie eine Frau mit blassem Gesicht, in deren Blick sie längst vergessene Erinnerungen aufblitzen sah.

Hallo…, stammelte sie.

Mein Kind!, rief Gertrud und schloss sie in die Arme. Karl, wie hast du sie gefunden? Wo war unser Mädchen denn?

Gertrud war überglücklich. Karl erklärte, wo Lieselotte gewesen war, und sie begann langsam, an ihre Kindheit zu denken Fragmente tauchten auf, die Mutter, der Vater, und dann auch das Kentern des Bootes. Schließlich erzählte sie, was mit Franz geschehen war.

Mama wenn er mich findet, dann bringt er uns beide um… Er ist kein Mensch. Eher ein wildes Tier!

Bald kam auch Nachbarin Brigitte vorbei, Karls Frau; sie hörten alles, unterstützten Gertrud, packten die wichtigsten Sachen. Geht schnell, zieht zu meiner Schwester ins Hunsrück-Dorf. Dort seid ihr sicher.

In Karls altem Opel fuhren Lieselotte und Gertrud davon, blickten noch einmal zurück auf das alte Zuhause. Franz kam abends, stand vor verschlossenen Türen.

Suchen Sie wen?, stellte sich Brigitte ihm entgegen.

Kennen Sie die Frau, die hier wohnt? Ist sie weggezogen?

Ich weiß von nichts, parierte Brigitte. Franz murrte, zog unverrichteter Dinge ab.

Einige Wochen später verkaufte Karl das alte Haus von Gertrud, brachte ihr das Geld in Euro und half, im Dorf einen kleinen Bungalow zu kaufen. Mit Brigittes Hilfe richteten sie alles ein, lichteten die Wände, strichen das Holz, brachten Ordnung in den Alltag.

Lieselotte erinnerte sich bald an fast alles, vergaß nach und nach ihrem Albtraum mit Franz, nur ihr kleiner Sohn Niklas war der stumme Zeuge. Doch sie liebte ihn mehr als alles andere, gemeinsam mit seiner Oma. Am Horizont wartete das Glück: Der junge Nachbar Gregor, der sie bald ehrfürchtig um ihre Hand bitten wollte…

So merkwürdig, so dunkel und doch voller Hoffnung als wäre alles ein sonderbarer Traum gewesen, den man nicht ganz versteht und aus dem man langsam erwacht.

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Homy
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