Mein Name ist Johann, ich bin 61 Jahre alt und lebe derzeit nicht in Deutschland. Seit drei Jahren b…

Mein Name ist Heinrich und ich bin 61 Jahre alt. Seit drei Jahren lebe ich nicht mehr in Deutschland. Damals, als meine Frau Klara gestorben ist, bin ich im alten Haus geblieben jenem, in dem wir unsere Kinder großgezogen haben. Doch plötzlich schien alles um mich herum zu groß, zu leer. Meine Kinder wohnen in anderen Städten, haben ihre eigenen Familien. Sie rufen sonntags an, kommen zu Weihnachten und die restliche Zeit bin ich allein mit der Stille.

38 Jahre lang war ich Grundschullehrer. Ich hatte mir eingeredet, dass der Ruhestand eine wohlverdiente Pause bringen würde, aber in Wahrheit war ich regelrecht verloren. In den ersten Monaten verbrachte ich die Tage vor dem Fernseher, aß schlecht und hörte auf, auf mich zu achten.

Als meine Tochter Frieda eines Tages zu Besuch kam, konnte sie die Tränen kaum zurückhalten.
Papa, du siehst aus wie ein Schatten deiner selbst.
Sie hatte Recht.

Vor einem halben Jahr wusste ich, dass ich so nicht mehr weitermachen konnte. Also begann ich, jeden Morgen im Park spazieren zu gehen. Es gibt dort eine Bank unter einer alten Eiche, direkt gegenüber von einem kleinen Teich, in dem Enten schwimmen. Jeden Tag setze ich mich auf genau diese Bank. Es ist ruhig, aber nicht einsam das Leben ist da.

Vor etwa zwei Monaten fiel mir eine Frau auf. Sie hat kurze weiße Haare, trägt immer große Brillen und einen bunten Pullover egal, wie das Wetter ist. Wir saßen auf gegenüberliegenden Bänken. Ein Nicken, mehr nicht.

Bis sie eines Tages einfach neben mich auf meine Bank setzte.
Ist das Ihre Bank? fragte sie lächelnd.
Nicht wirklich, aber ich sitze meistens hier.
Dann setzen Sie sich doch zu mir. Es gibt genug Platz für zwei.

So fing alles an.

Ich erzählte ihr von Klara und wie sie die Enten liebte. Wie sie immer sagte, Enten seien frei, aber blieben trotzdem, weil sich jemand um sie kümmert.

Sie sah mich an mit jenem Blick, den nur Menschen haben, die selbst einen Verlust erlebt haben.
Fünf Jahre bei mir, sagte sie leise. Mein Mann. Krebs.

Seitdem sind wir Begleiter auf dieser Parkbank. Mal reden wir, mal schweigen wir gemeinsam. Einmal brachte sie mir Kaffee im Thermoskanne mit. Ein anderes Mal brachte ich Brot für die Enten, und sie lachte wie ein Kind, während wir die Tiere fütterten.

Sie heißt Gertrud.

An einem Tag schenkte sie mir einen selbstgestrickten Pullover. Natürlich blau. Meine Lieblingsfarbe das hatte ich ihr nie gesagt.
Ich beobachte Sie jeden Tag, lächelt sie. Man lernt, genau hinzusehen.

Wir sprachen über das Leben, über Verluste, über die Gegenwart. Darüber, dass Liebe nie einfach ersetzt werden kann, das Herz aber größer ist, als man denkt.

Gestern habe ich zum ersten Mal seit drei Jahren jemanden zu mir nach Hause eingeladen. Ich kochte nach einem Rezept von Klara. Es war nicht perfekt, aber ehrlich.

Wir führten lange Gespräche, lachten viel, erzählten einander Geschichten.
Bevor sie ging, nahm sie mich in den Arm eine von diesen Umarmungen, die einen daran erinnern, dass man lebt.

Heute ging ich wieder in den Park. Sie wartete bereits. Mit zwei Büchern.
Eines für Sie, sagte sie. Lassen Sie uns gemeinsam lesen.

Dieses Mal setzte ich mich etwas näher zu ihr.

Und zum ersten Mal seit drei Jahren spürte ich wieder Hoffnung.

Ich weiß nicht, was Gertrud und ich füreinander sind. Und ich habe keine Eile, es herauszufinden.

Aber ich weiß, dass ich keine Angst mehr vor dem nächsten Tag habe.

Mein Name ist Heinrich.

Und eine Fremde im Park hat mir gezeigt, dass es sich lohnt, weiterzuleben.

Glauben Sie an eine zweite Chance im Leben?
Ist Ihnen schon einmal ein Fremder unerwartet wichtig geworden?
Was vermissen Sie am meisten, wenn Sie niemanden haben, mit dem Sie das Leben teilen?

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Homy
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