Sie wollte einfach nur sehen, für wen er sie verlassen hatte…
Parschinski kam direkt im Mantel in die Küche und setzte sich an den Tisch.
*Ich liebe eine andere Frau. Sie erwartet ein Kind von mir. Ich gehe zu ihr*, sagte er ohne Umschweife.
Vita drehte das Wasser ab und wandte sich zu ihrem Mann.
*Ist es das Mädchen, das auf dem Markt Äpfel verkauft? Antonia, oder?*, fragte sie gelassen.
*Du wusstest es?* Parschinski blickte sie überrascht an.
*Schatz, du kannst nicht lügen. Natürlich wusste ich es. Sag mir, liebst du sie oder gehst du nur wegen des Kindes?*
*Es tut mir leid.* Er senkte den Kopf.
*Und all die zehn Jahre, die wir zusammen verbracht haben, bedeuten dir nichts? Und ich?* schrien ihre Augen, doch Vita schwieg.
*Willst du sie heiraten?*, fragte sie.
*Nicht jetzt.*
*Dann lass uns an der Universität so tun, als wäre alles wie früher. Ich will kein Gerede und kein Getuschel.*
*Einverstanden. Soll ich jetzt gehen?* Er stand auf.
Vita drehte sich zum Spülbecken, drehte das Wasser auf und starrte darauf, bis Parschinski gegangen war.
Er hatte es schnell gemacht also nur das Nötigste mitgenommen. Oder würde er zurückkommen?
Vita schaltete das Wasser aus, setzte sich an den Tisch genau auf den Platz, den ihr Mann eben noch eingenommen hatte. Sie ließ den Kopf auf ihre verschränkten Arme sinken, aber sie weinte nicht.
***
Sie hatte auch damals nicht geweint, als ihre Freundin ihr vor einem Monat erzählte, sie hätte Parschinski mit einem Mädchen gesehen.
*Eine Studentin?*, hatte Vita gefragt. *In ihn verlieben sich oft Studentinnen. Was finden sie bloß an ihm?*
*Nein. Das Mädchen verkauft Obst auf dem Markt gegenüber der Uni. Sie heißt Antonia. Kommt vom Land, wohnt in einer WG in der Friedrichstraße. Dreiundzwanzig Jahre alt*, hatte die Freundin trocken berichtet, fast wie ein Nachrichtensprecher.
*Woher weißt du das alles?*, war Vita erstaunt.
*Die Stadt ist klein. In dem Haus wohnt eine Bekannte von mir. Du müsstest sie kennen Lisa Sauer. Sie hat mit uns studiert. Dein Parschinski ist oft dort.*
*Ich erinnere mich nicht. Also dahin geht er, statt zu seinen Nachhilfestunden.*
Erst wenn man es mit eigenen Augen sieht, glaubt man es. Am nächsten Tag beschloss Vita, ihrem Mann zu folgen. Sie wusste, wann seine letzte Vorlesung endete, zog sich an und wartete versteckt hinter einer Säule im Foyer.
Als er das Gebäude verließ, folgte sie ihm in einigem Abstand, ohne ihm direkt in den Rücken zu starren. Er hätte ihren Blick spüren und sich umdrehen können. Sie wollte sich ihre Würde bewahren er sollte nicht denken, sie würde sich zu so etwas herablassen. Sie wollte nur sehen, für wen er sie verlassen hatte.
Er blieb in der Nähe des Standes stehen, an dem das Mädchen Äpfel und anderes Obst verkaufte. Drei Leute standen in der Schlange. Das Mädchen in einer Weste über einem Sweatshirt und Jeans wog flink das Obst ab. Als es sich zu den Kisten bückte, fiel ihr schwerer Zopf über die Schulter, ein paar Strähnen lösten sich und fielen ihr ins Gesicht. Sie richtete sich auf und blies die Haare weg. Ein hübsches, aber einfaches Gesicht, mit Grübchen in den Wangen, wenn sie lächelte. Geduldig bediente sie die Kundschaft, warf Parschinski aber immer wieder verstohlene Blicke zu. *Betrügt sie die Leute? Sollte ich das Gesundheitsamt anrufen?*, dachte Vita gehässig.
Die letzte Kundin, eine alte Dame, suchte jedes Apfel sorgfältig aus, drehte es in der Hand, bevor sie es in die Tüte legte, die Antonia hielt.
*Das reicht*, sagte die Alte schließlich.
*Nehmen Sie noch Pflaumen mit. Sie sind süß und weich. Gut für Kompott oder Marmelade*, bot Antonia an.
Die Alte überlegte, drückte ein paar Pflaumen zwischen den Fingern, schüttelte dann den Kopf.
*Nein, danke. Was kostet es?*
In der Tüte waren etwa ein Kilo Äpfel, doch das Mädchen nannte einen lächerlich niedrigen Preis. Die Alte war sichtlich erleichtert, zahlte und ging schnell, bevor die Verkäuferin es sich anders überlegte.
*Sie hat Mitleid mit den Alten!*, staunte Vita. *Natürlich nicht aus purem Herzen. Obst verdirbt schnell, und das fehlende Gewicht kann sie als Verlust verbuchen. Oder spielt sie Parschinski etwas vor?*
Vita war täglich am Markt vorbeigegangen, hatte sogar nach Pflaumen geschaut. Aber das Mädchen war ihr nie aufgefallen. Parschinski jedoch hatte sie bemerkt.
Die Alte war gegangen, und Parschinski trat zu Antonia. Vita sah, wie das Mädchen ihn ansah. *Für sie ist er ein Gott! Kein Wunder fast promoviert.* Antonia strich ihm über die Schultern, als würde sie unsichtbaren Staub wegwischen. Diese fürsorgliche Geste traf Vita wie ein Schlag. Sie hatte gedacht, es sei nur eine Affäre doch es war Liebe.
Vita sah Parschinskis Gesicht nicht, aber sie wusste, dass er Antonia genauso zärtlich ansah. Sie wartete nicht, bis sie entdeckt wurde, und ging.
Erst zu Hause brach sie in Tränen aus…
***
Sie hatte ihn gleich in der Uni bemerkt. Still, ernst, ging nicht auf Partys, hatte kaum Freunde und ignorierte die Mädchen. Man hätte ihn gutaussehend nennen können, wären da nicht die finsteren Augen unter den buschigen Brauen gewesen. Etwas Geheimnisvolles umgab ihn. Er erinnerte Vita an einen deutschen Dichter.
Eines Tages setzte sie sich neben ihn in der Vorlesung.
*Hallo. Langweilig?*, fragte sie.
Er sah sie an und lächelte. Sein Gesicht verwandelte sich, die Brauen glätteten sich. *Er ist ja hübsch*, dachte Vita. Seitdem saßen sie oft zusammen, und er brachte sie nach Hause.
*Was findest du an ihm?*, fragte eine verärgerte Freundin.
*Das sag ich dir besser nicht, sonst nimmst du ihn mir noch weg*, antwortete Vita.
Ihre Beziehung entwickelte sich langsam. Doch bis zum Abschluss waren sie ein Paar und heirateten kurz danach. Seine Eltern waren bei der Hochzeit nicht dabei sie waren vor Jahren bei einem Unfall ums Leben gekommen. Das erklärte seine Verschlossenheit.
Doch im Bett war er zärtlich, und danach las er Gedichte von Rilke, Goethe, Heine. Er konnte vortragen. Vita lauschte mit stockendem Atem. Die Worte und seine Stimme berührten ihre Seele.
Vita wollte unbedingt ein Kind, doch sie konnte nur auf ein Wunder hoffen. Als Kind war sie im Winter auf einem zugefrorenen See eingebrochen. Die Ärzte hatten gesagt, sie würde wahrscheinlich keine Kinder bekommen können. Mit Parschinski war sie über zehn Jahre zusammen doch das Wunder blieb aus. Vita litt darunter, aber Parschinski tröstete sie: Sie könnten adoptieren, wenn sie bereit sei. Doch Vita wollte ihr eigenes Kind. Sie fürchtete, ein fremdes nicht lieben zu können.
Nach dem Studium blieb Parschinski als Dozent an der Uni, und Vita ebenfalls.
In letzter Zeit war ihre Beziehung ruhiger, fast freundschaftlich geworden. Sie waren fast nie getrennt zu Hause und bei der Arbeit. Sie kannten einander in- und auswendig. Für Vita war dieses Zusammensein wichtig. Doch Alexander wie sie ihn nannte sehnte sich nach Leidenschaft, nach einem Funken, der das Blut in Wallung brachte. Und wahrscheinlich auch nach einem Kind. So fand er sich ein einfaches Mädchen, das ihm ein gesundes Kind schenken würde.
Als Vita erfuhr, dass Parschinski Vater werden würde, durchfuhr sie ein Stich der Eifersucht. Nicht wegen des Betrugs wegen des Kindes. Er würde einen Sohn oder eine Tochter haben, während sie niemals ihr eigenes Kind an die Brust drücken könnte.
Nun gut wenn sie selbst kein Kind bekommen konnte, dann sollte eine andere es für sie tun. Gegen das Kind hatte Vita keine Argumente. Vielleicht brauchte er genau so eine einfach, unkompliziert. Was nützte ihm eine kluge, aber unfruchtbare Vita? Ob er Antonia auch Gedichte vorlas?
An der Uni verhielten sie sich wie immer. Nur gingen sie jetzt getrennt nach Hause. Mal er, mal sie fand einen Grund, länger zu bleiben oder früher zu gehen. Doch niemand stellte Fragen.
Parschinski zog zu Antonia in die WG. Vita hoffte, er würde zur Besinnung kommen, doch die Zeit verging, und er kehrte nicht zurück. Beim Verlassen der Uni mied sie den Markt.
Sie erfuhr von der Geburt seiner Tochter zwischen zwei Vorlesungen. Er kam auf sie zu, strahlend, und flüsterte es ihr zu. Sie brachte ein Glückwunsch über die Lippen. Parschinski durfte in die Klinik. Doch abends kam er zu ihr nach Hause, weinte und sagte, Antonia sei gestorben. Ein Schlaganfall. Vita tröstete ihn, so gut sie konnte.
*Das Wichtigste ist, dass das Kind lebt. Ein Mädchen. Was wirst du tun?*
*Ich nehme sie zu mir*, antwortete er dumpf.
*Und die Arbeit?*
*Meine Tante wird erstmal helfen. Ich reduziere auf Teilzeit.*
Doch im Frühjahr sagte die Tante, sie müsse zurück der Garten wartete, und das Mädchen war größer geworden. Parschinski engagierte eine Nanny, doch am nächsten Tag entließ er sie. Er kam nach Hause, das Kind schrie, und die Nanny saß am Handy.
Ein paar Tage später rief er Vita an. *Bitte komm zu mir. Ich schaffe es nicht.*
*Du hast mich verlassen, und jetzt bittest du um Hilfe? Ist das fair, Parschinski?*
*Es tut mir leid. Aber bitte komm.*
Groll hin oder her das Kind war unschuldig. Als Vita das Mädchen auf den Arm nahm, vergaß sie allen Ärger und liebte es sofort. Parschinski hatte sie Lina genannt. Antonia habe Popsängerinnen geliebt und oft deren Lieder gesummt. *Lina Parschinski. Klingt doch gut.*
Zuerst kam Vita nur vorbei, kochte für ein paar Tage, bügelte, ging mit Lina spazieren und passte auf sie auf, wenn Parschinski Vorlesungen hatte. Doch dann beschwerten sich die Mitbewohner die Hauptmieterin war tot, und in ihrem Zimmer lebte jetzt ein fremder Mann mit einem Kind. Er wurde aufgefordert, die Wohnung zu räumen.
*Pack deine Sachen. Ihr zieht zu mir*, sagte Vita ohne Zögern.
Zuerst schliefen sie in getrennten Zimmern. Als Lina das erste *Mama* sagte, wäre Vitas Herz fast geplatzt vor Glück.
Eines Abends kam Vita von der Arbeit nach Hause und hörte Linas Lachen. Parschinski lachte mit. Sie blieb in der Tür stehen. Das Mädchen wackelte auf ihn zu, er fing sie auf und hob sie hoch. Beide lachten. Vita hatte ihn noch nie so lachen gehört. Er sah so glücklich aus, dass ihr die Tränen kamen.
*Seit wann bist du da?*, fragte er und drehte sich um. *Schau!* Er setzte Lina ab und ging weg. Sie watschelte hinterher.
Parschinski konnte sich nicht beruhigen, redete die ganze Nacht von den ersten Schritten seiner Tochter. In dieser Nacht wurden sie wieder ein Paar. Er las ihr Gedichte vor wie früher, und Vitas Herz hüpfte vor Freude.
*Hast du ihr auch Gedichte vorgelesen?*, fragte sie vorsichtig.
Sie dachte, er würde sich verschließen.
*Einmal. Sie hat sie nicht verstanden*, sagte er nach einer Pause.
Lina wuchs und ging in den Kindergarten. Sie wurde Antonia immer ähnlicher.
Nach der Arbeit gingen Vita und Parschinski zum Markt. Eine andere Frau, älter, verkaufte jetzt Äpfel und Pflaumen. Sie hatte knallrotes Haar, eine schmutzige Schürze über einer dicken Jacke. Keine Kundschaft war da, und sie rauchte. Der Nagellack blätterte ab, unter den Nägeln war Dreck. Sie zwinkerte Parschinski zu.
*Lass uns gehen*, sagte er angewidert.
Abends, als Vita nach dem Essen abspülte, kam er zu ihr und umarmte sie.
*Danke. Wenn du nicht wärst… Ich liebe euch, ihr seid meine Mädchen.*
*Ohne dich und Antonia gäbe es Lina nicht…*
Vita hatte verziehen. Hätte sie stur bleiben wollen, hätte sie jetzt weder Lina noch Parschinski. Und das wäre eine ganz andere Geschichte gewesen. Ihr Leben wäre einsam und langweilig.
Vita tat Antonia leid. Es tat ihr leid, dass sie so jung gestorben war. Doch sie hatte Lina hinterlassen. Eines Tages, wenn Lina groß war, würden Vita und Parschinski ihr von ihrer leiblichen Mutter erzählen. Oder auch nicht. Denn Vita hatte sie aufgezogen, war ihre richtige Mutter geworden, und liebte sie wie ihr eigenes Kind.





