Die Fee
Schon in der sechsten Klasse war klar: Lena Baumann wird einmal eine fantastische Ärztin. Damals fiel der Nachbarsjunge Paul von der Schaukel blutige Knie und eine klaffende Platzwunde am Kopf. Der Anblick war nichts für schwache Nerven, aber die zwölfjährige Lena blieb erstaunlich ruhig.
Jana, hol bitte Wasser, ein Verbandpäckchen und Desinfektionsmittel!, ordnete sie an, und ihre Freundin aus der Nachbarwohnung rannte sofort nach Hause, um alles zu holen.
Als Pauls völlig aufgelöste Mutter, Frau Richter, auf wundersame Weise von dem Unfall Wind bekam und angelaufen kam, hatte Lena bereits routiniert die Wunden gesäubert, desinfiziert und verbunden. Frau Richter konnte es gar nicht fassen, als sie erfuhr, wem Paul seine schnelle Erstversorgung verdankte.
Du wirst mal eine großartige Ärztin, Lena! Nicht irgendeine eine von den richtig Guten!, rief sie aus und drückte die junge Helferin an sich. Von manchen Ärzten bekommt man ja kaum richtige Hilfe und du hast hier alles gemanagt!
Auf Klassenfahrten war Lena Baumann unbezahlbar. Niemand verletzte sich gerne, doch wenn, war es mit Lena an der Seite nur halb so schlimm.
Jahre vergingen. Es folgten Medizinstudium an der Charité in Berlin, Famulaturen, das PJ, Weiterbildungskurse. Immer wieder bewies Lena ihr Talent.
Eines Tages führte sie sogar als Oberärztin die Abteilung für Funktionsdiagnostik. Ihre Kolleg:innen schätzten sie sehr sie war beliebt, respektiert und für ihre Geduld bekannt. Nur einer störte das harmonische Bild: Chefarzt Dr. Wolfgang Seidel, ein grimmiger, älterer Herr mit spitzer Zunge. Energie zog er offenbar einzig aus Konflikten. Lena bemühte sich, seine Spitzen zu ignorieren wie viel Kraft das kostete, ahnte niemand.
Einziger Trost für Lena: Sie begegneten sich selten meist bei der wöchentlichen Arztbesprechung, in der neu aufgenommene Patient:innen diskutiert wurden. Doch selbst diese Sitzungen waren nervenaufreibend.
Oft geriet Dr. Seidel mit Lena aneinander, ließ keine Gelegenheit aus, bissige Bemerkungen zu machen. Er wusste nur zu genau, dass Lena seine Provokationen zu ignorieren versuchte was ihn offenbar umso mehr anstachelte.
Ein unmöglicher Mensch!, klagte sie beim Abendessen zu Hause. Ich bemühe mich wirklich um Gelassenheit, aber manchmal scheint er mich absichtlich herauszufordern.
Ihr Mann Martin schmunzelte: Du hast immer die besseren Argumente, Lena. Du bist die Diplomatin unserer Familie.
Ihr dreizehnjähriger Sohn Jonas grinste: Werd doch gleich Diplomatin! Die verdienen auch mehr, oder?
Lena lachte. Doch sie wusste: Auch Menschen wie sie haben Grenzen. Irgendwann musste der Dampf raus.
Am nächsten Tag, bei der Kommissionssitzung, schien alles wie üblich zu laufen, bis Lena ihren Bericht über eine neue Patientin gab eine etwa sechzigjährige Frau, Frau Schulze, die mit sorgenvollen Augen auf dem Sofa vor ihnen saß, die Hände krampfhaft gefaltet.
Plötzlich fragte Frau Schulze, mit bebender Stimme: Bitte sagen Sie mir doch ehrlich ist es sehr schlimm? Kann ich wieder gesund werden? Mein Waisenenkel braucht mich so
Noch bevor Lena eine beruhigende Antwort geben konnte, polterte Chefarzt Seidel los: Mit Ihrem Befund? Da siehts düster aus! Wie kann man eine Krankheit so weit verschleppen?
Die Patientin wurde blass und schlug die Hände vors Gesicht. Doch Seidel setzte noch einen drauf: Immer erstmal abwarten, selbst behandeln und dann, wenns wirklich nicht mehr weitergeht, zum Arzt kommen! Wir sind doch keine Zauberer!
Die Frau schluchzte, stand auf und verließ hastig den Raum. Lena blieb sprachlos zurück, schimpfte später mit sich selbst, dass sie nicht sofort eingegriffen hatte. So etwas hatte niemand verdient! Zwar wusste die Stationsleiterin, Dr. Maria König, dass Seidel medizinisch recht hatte, aber der Ton war schlicht unmenschlich.
Jetzt war Schluss für Lena. Sie musste dem Chefarzt endlich die Meinung sagen!
Herr Dr. Seidel, bei allem Respekt so gehen Sie zu weit! sagte sie fassungslos.
Er zuckte die Schultern. Wir sind ja keine Wunderheiler. Das müssten die Leute doch endlich mal verstehen! Zu Beginn der Krankheit ist fast alles besser behandelbar. Sie wissen das so gut wie ich.
Lena verzog angewidert das Gesicht. Der Chef war sichtlich zufrieden für ihn war die Provokation gelungen. Nicht mit Lena!
Ja, Sie haben recht Krankheiten behandelt man umso besser, je früher man sie erkennt. Aber! Wissen Sie eigentlich, wie viel Mühe es mich gekostet hat, diese Frau zur Behandlung zu bewegen? Sie hat Vertrauen gefasst, Hoffnung geschöpft und Sie zertrümmern das in einem Satz? Das ist grausam!
Seidel wollte noch etwas erwidern, doch Lena hörte schon gar nicht mehr richtig hin. Sie brauchte frische Luft. Die Stationsleiterin war bereits gegangen. Allein mit Seidel spürte Lena, wie schwer ihr das Atmen fiel als würde ihr die Luft abgedrückt werden.
Fast hätte sie geweint, doch das gönnte sie ihm nicht. Sie trat ans Fenster. Kurz darauf knallte die Tür Seidel verließ den Raum.
Lena setzte sich an den Schreibtisch und vertiefte sich in die Akten.
Da hörte sie plötzlich eine leise Stimme: Frau Dr. Baumann Ohne aufzuschauen wusste sie: Das war nicht der ruppige Ton von Seidel, sondern fast schüchtern.
Er hielt einen Tropfen Baldrian in der Hand, sein Gesicht sah verloren aus. Seltsam Lena verspürte keineswegs Triumph über ihren Sieg. Sie empfand Mitleid mit dem alten Mann, von dem die Kolleg:innen sagten, er sei so einsam. Vielleicht rührte seine Bitterkeit ja genau daher?
Hier, bitte nehmen Sie das, Frau Dr. Baumann, stammelte er. Und entschuldigen Sie mich bitte. Wahrscheinlich haben Sie recht
Herr Dr. Seidel, auch Sie lagen ja nicht falsch, erwiderte sie moderater. Aber wir sollen Menschen heilen und ihnen wenigstens ein Quäntchen Hoffnung lassen. Manchmal wirkt Hoffnung Wunder. Das wissen Sie doch auch.
Ja ja, antwortete der Chefarzt zerstreut.
Das hätte wohl niemand erwartet. Doch Lena nutzte den Moment: Bitte merken Sie sich eines, Herr Dr. Seidel: Ich dulde in Gegenwart von Patient:innen weder laute Töne noch Zweifel an meiner Kompetenz egal ob Reinigungskraft oder Bundesgesundheitsminister.
Verstanden, Frau Dr. Baumann, nickte er kleinlaut.
Gut, wenn das so bleibt, dachte Lena. Der Tag lag noch vor ihr, voller Aufgaben.
Eine Stunde später ging sie ans Krankenbett von Frau Schulze. Auf dem Tisch stand ein Strauß Tulpen. Die Patientin lächelte.
Stellen Sie sich vor: Ihr Chefarzt war vorhin da hat sich entschuldigt und Blumen gebracht. Und dann sagte er: Wir tun alles, damit Sie wieder auf die Beine kommen.
Sehr schön, erwiderte Lena sanft und drückte die Hand der älteren Dame. Natürlich tun wir alles für Ihre Gesundung! Sie bekommen sicher noch einen Verehrer, so flott wie Sie wirken.
Die Patientin lachte.
Ein Monat später ging es Frau Schulze deutlich besser. Am Tag der Entlassung überreichte Seidel ihr eine teure Schachtel Pralinen.
Für Ihre Enkelin, sagte er verlegen und übergab außerdem einen Rosenstrauß.
Danke!, strahlte die Frau. So hübsche Blumen hab ich ewig nicht mehr bekommen. Und Ihnen, Frau Dr. Baumann, tausend Dank ebenfalls.
Man würde fast sagen: Kommen Sie gerne wieder vorbei, meinte Seidel. Aber bleiben Sie gesund! Besuchen Sie uns einfach mal. Wir würden uns freuen!
Alle, die dies mitbekamen, waren verdutzt. Wer hätte gedacht, dass Dr. Seidel so freundlich sein konnte?
Zwischen Lena und dem ehemaligen Sorgenkind Seidel entstanden wenn nicht Freundschaft so doch freundliche, kollegiale Beziehungen. Immer öfter tranken sie zusammen Kaffee nach der Sitzung, manchmal auch in der kleinen Bäckerei gleich gegenüber der Klinik.
Im Leben findet man ja kaum Glück, sinnierte Seidel einmal. Vielleicht bin ich deshalb manchmal so schwierig. Das Leben ist fast rum und ich habs verpasst.
Wie das? Sie sind Chefarzt, das ist doch keine Kleinigkeit!, wunderte sich Lena.
Er nickte. Mag sein. Aber trotzdem Glück eben. Früher hatte ichs auch mal. Ist versickert.
Lena seufzte innerlich. Arm, dieser Mann, dachte sie, eigentlich mochte sie ihn.
Der Wandel blieb nicht unbemerkt. Doch Gerüchte über eine etwaige Affäre wagte kein:e Mitarbeiter:in Lena war bekannt für ihre Integrität und auch Seidel ein denkbar schlechter Weiberheld.
Was hast du mit ihm gemacht?, fragte einmal Stationsschwester Almut beim wöchentlichen Kaffeekränzchen der Damen. So freundlich habe ich ihn nie erlebt. Er lächelt sogar manchmal, wenn auch nur selten!
Die Frauenrunde war ein festes Ritual. Es wurde gebacken, gekocht, Einmachgläser geöffnet. Heute tranken sie Tee mit Zwetschgenmarmelade von Schwester Olga.
Ach Mädels, da ist kein Zauber dabei, winkte Lena ab.
Wirklich?, wollte Garderobenfrau Tante Hannelore wissen.
Doch ein bisschen Selbstsicherheit und Würde schaden nie. Die braucht jeder, egal ob Ärztin oder Reinigungskraft.
Na, du kannst das vielleicht sagen!, warf die junge Putzkraft Jana ein. Wenn ich Seidel sehe, krieg ich Angst.
Das muss nicht sein, schmunzelte Lena. Jede:r hat das Recht auf Würde.
Stimmt, mischte sich Psychiaterin Gisela ein. Gerade mit solchen Energiesaugern die meiden Menschen, die Selbstvertrauen ausstrahlen.
Köchinnen Vera nickte: Ich glaube ja, Seidel ist im Grunde ein ganz einsamer Mann.
Alle stimmten zu. Nur Lena wusste, wie recht sie hatte.
Vielleicht hab ich was verpasst? keuchte plötzlich die Hauswirtschafterin Katharina in die Küche.
Nein, komm rein, wir sind gerade bei Seidel, lächelte Gisela.
Na also! Und ihr wisst schon, was es Neues gibt? rief Katharina.
Was denn?, machten die anderen große Ohren.
Na Seidel heiratet!
Nein!
Das gibts doch nicht!
Eher gefriert die Hölle zu!
Die Frauen lachten los.
Lena, du hast doch was damit zu tun oder?, zwinkerte Schwester Olga.
Ich? Keine Ahnung! Klar, wir haben uns über vieles unterhalten, aber Herzensangelegenheiten waren nie Thema.
Psychologin Tamara seufzte: Seidel würde das nie zugeben solche Menschen halten ihre Gefühle immer bedeckt.
Lena dachte insgeheim: Und ob.
Weiß man denn, wen er heiratet?, fragte Jana neugierig.
Hab nur gehört, es sei eine Patientin, meinte Katharina und nahm sich Kuchen.
Sogar das!, rief Köchin Vera.
Lena lächelte. Sie ahnte, wer die Zukünftige sein würde.
Eigentlich würde die Nachricht einen anderen Drink verdienen!, meinte sie. Tee ist schön, aber ein guter deutscher Wein dazu was meint ihr?
Alle waren begeistert, und man prostete auf das Wohl des zukünftigen Bräutigams. Vielleicht wurde Seidel dank seines neuen Status sogar noch freundlicher?
Am Folgetag saß Lena beim Kaffee da kam Seidel vorbei, strahlend wie ein polierter Euro. Lena tat überrascht, als er verkündete: Ich heirate, Frau Dr. Baumann!
Ach ja? Und wer ist die Glückliche?, spielte Lena das Spiel mit.
Frau Schulze wissen Sie noch, die Dame wegen der ich damals so ausfallend wurde. Ich habe sie besucht, unter dem Vorwand einer Nachsorgeaktion und, nun ja, wir haben uns verliebt.
Sie Intrigant!, lachte Lena. Eine ausgezeichnete Wahl!
Ich hoffe es und ich lade Sie samt Familie zur Hochzeit ein. Ohne Sie hätte ich all das nie gewagt. Sie sollten wirklich Diplomatin werden, Frau Dr. Baumann!
Ach, so ein Quatsch. Aber schön wärs, wenn das Glück so funktioniert, erwiderte Lena leise.
Die Hochzeit war ein Fest. Der Anzug stand dem Bräutigam erstaunlich gut, und Frau Schulze wirkte kaum wiederzuerkennen modisch geschnittenes Haar, dunkle Tönung, mindestens zehn Jahre jünger. Immer wieder bedankte sie sich bei Lena.
So hatte Lena, ohne Zauberstab einfach nur menschlich ein wenig Glück gezaubert.




