Je weiter weg, desto näher das Herz … – Weißt du was, mein lieber Enkel? Wenn ich euch wirklich so sehr im Weg stehe, bleibt mir nur eine Wahl. Zu meinen Töchtern fahre ich nicht mehr, und ich werde auch nicht ständig bei Freunden oder Bekannten unterkommen. Einen neuen Opa brauche ich übrigens auch nicht. Was ihr euch das immer ausdenkt! Mich noch im Alter verheiraten! – Oma, genau das sag ich dir doch die ganze Zeit! Und Mama sieht das genauso: Zieh doch ins Seniorenheim. Alles ganz einfach – überschreib das Haus auf mich, du bekommst da ein schönes Zimmer, Mama regelt das. Du bist nicht allein, hast andere zum Reden, Nachbarinnen direkt nebenan und wir stören uns nicht gegenseitig. – Ich gehe nicht weg aus meinem Haus. Das sage ich dir, Sascha. Wenn ich dir wirklich zur Last falle, dann ist da die Tür – sieben Wege führen hinaus. Du bist jung, hast doch Köpfchen. Such dir eine Wohnung und leb dein Leben, wie du willst. Wolltest nicht studieren? Dann geh halt arbeiten! Dein Liebesleben kannst du ausleben, jeden Tag eine neue Freundin anschleppen, wenn’s sein muss. Ich bin alt, in einem Monat werde ich 65, ich brauch meine Ruhe und Stille. Es reicht. Ich habe jetzt ein paar Jahre herumgeirrt, es wird Zeit, nach Hause zurückzukehren. Das ist nichts, mein lieber Enkel, wenn ihr mich aus meinem eigenen Haus jagt und auf meine Rente zusammen mit deinen Freundinnen lebt. Meine Rente ist kein Gummiband, das sich endlos strecken lässt. Du hast eine Woche Zeit. Findest du keine Wohnung, geh zu Freunden oder Bekannten. Oder zu der, wie heißt sie gleich, ich vergesse das immer – jedenfalls soll sie heute nicht mehr in meinem Haus sein. Erst wollen sie mir einen alten Bräutigam andrehen, und dann schicken sie mich ins Altenheim! Der entrüstete Enkel wollte noch etwas sagen, aber Lidia Pawlowna hörte ihm schon nicht mehr zu, ging wortlos in ihr Zimmer und schloss die Tür hinter sich. Ihr Kopf tat höllisch weh. Eigentlich müsste ich eine Tablette nehmen, aber ich will so ungern in die Küche, um Wasser zu holen, nur um Sascha nicht zu begegnen. Beim Blick durch ihr kleines Zimmer entdeckte Lida eine Flasche Mineralwasser mit dem letzten Rest am Boden. Na bitte, reicht für einen Schluck. *** Lida war selbst überrascht von ihrer Entschlossenheit. Es hatte sich so viel aufgestaut, endlich konnte sie alles herauslassen. Zwei lange Jahre hatte sie geschwiegen, alles geduldet, rannten auf einen Anruf hin zu der einen Tochter, dann zur anderen, und genauso schnell schickten sie sie zurück: „Sag Mama, wir wollen dich nicht zu sehr beanspruchen …“ Jetzt aber schmiss der 20-jährige Enkel, ein echter Faulenzer, in Omas Häuschen das Regiment. Heute die große Liebe namens Daria, morgen Masha – Oma nervt, hustet hinter der Wand und stört beim Kuscheln. – Oma, fahr doch mal wieder zu deiner Schwester, damit wir mal alleine sind, Daria, Masha, Swetlana, Irina (zutreffendes bitte unterstreichen – die Freundinnen wechseln oft). Und Lidia Pawlowna reiste mal zur Cousine, zur Patin, zur alten Kollegin. Anfangs war sie überall willkommen, aber als das zweimal pro Woche passierte, war die Freude dahin – Lida merkte, die Leute fühlten sich von ihrer Anwesenheit belastet. *** Und gerade, als sie selbst nicht mehr wusste, wohin sie noch fahren sollte – bekam die ältere Tochter ein Baby. Großstadtleben, Wohnungskredit, älteres Schulkind – da war Omas Hilfe dringend nötig. Lidia Petrowna zog zur Tochter. Erst waren alle glücklich: warme Abendessen, saubere Wohnung, gepflegte Enkel. Doch nach ein paar Monaten fing der Schwiegersohn an zu meckern. Er war nur zehn Jahre jünger als die Schwiegermutter: – Lidia Petrowna, kaufen Sie nicht mehr so billige Würstchen, die sind ungesund. Warum gibt’s eigentlich Würstchen, wenn Sie doch eh den ganzen Tag daheim sind? Könnten Sie nicht was Richtiges kochen – Frikadellen zum Beispiel? Und so weiter – mal zu wenig Sparsamkeit, mal zu wenig Fleisch, dann wieder der Kommentar: „Wenn Sie schon mit den Kindern zu Hause sind, könnten Sie die Große beim Lernen unterstützen – wozu brauchen wir bei einer lebenden Oma noch Nachhilfelehrer?“ Nicht mal telefonieren sollte sie! Auch die älteste Enkelin hatte ihren eigenen Kopf. Die Oma zieht sich unmöglich an, macht ihr vor Gleichaltrigen nur Schande und zwingt sie zum Lernen. Überhaupt, Oma, warum bist du hier? Fahr zurück in dein Dorf, zu Hause kannst du machen, was du willst! Lida schwieg, bemühte sich um jeden. Für den Schwiegersohn kaufte sie Fleisch von ihrer kleinen Rente, steckte der Enkelin Taschengeld zu – als Kompensation „für die Schande“ –, und selbst dem Enkel Sascha, Taugenichts, der weder studieren noch arbeiten wollte, überwies sie den Rest der Rente, damit keine weiteren Schulden für Strom und Wasser entstanden. Klagen bei der Tochter – zwecklos! Die hängt am Mann, wagt kein böses Wort. Manchmal, wenn der Schwiegersohn nicht da war: „Mama, halt durch, ist für mein Wohl.“ Mehr nicht. Sobald die jüngere Enkelin in die Krippe kam, war Oma überflüssig. Schwiegersohn sagte es deutlich: „Lidia Petrowna, danke, wir brauchen Sie nicht mehr. Sie können heimfahren.“ Glücklich fuhr Lida nach Hause. Endlich wieder die Herrin im Haus. Doch im Haus: Sascha – der Enkel –, fest eingenistet, samt Freundin. Das Häuschen eine Katastrophe; Stromschulden, Wasserrechnungen unbeantwortet. Sie nahm einen Kredit auf und bezahlte alles. Kaum war alles wieder hergestellt, war Sascha nicht zufrieden. Das Haus ist zu klein, keine Privatsphäre, wenn Oma hustet … Dann der Anruf der jüngeren Tochter: Jetzt hilf uns aber bitte, wenn das Baby kommt. Was sollte sie tun? Sie fuhr hin. Drei Monate lebte sie dort, irgendwann war sie wieder überflüssig. Sie wartete nicht, bis sie hinausgebeten wurde, sondern fuhr von selbst heim. Und wieder war Sascha unzufrieden. Lidia Petrowna hätte es vielleicht weiter ertragen, wenn da nicht jener Vorfall nach ihrer Heimkehr gewesen wäre. Wieder einmal putzte sie das ganze Haus, diesmal hatte sie alle Rechnungen pünktlich selbst bezahlt. Aber wieder störte Oma den Enkel. *** – Sascha, ich fahre heute zu meiner Patin, die hat Geburtstag – komme erst spät wieder. Macht die Tür zu, ich nehme den Hintereingang, will euch nicht wecken. – Warum bleibst du nicht gleich über Nacht? Dann schleppst du nachts nicht rum und störst uns nicht. Bleib doch noch ein, zwei Tage bei ihr – dann können wir mal entspannen. – Wie, entspannen? Ich bin doch erst seit einer Woche wieder da! – Eine Woche ist auch schon lang genug. Bleib halt weg, ok? – Nein, ich komme nach Hause! Der Geburtstag war im vollen Gange: Erst Café, dann zu Hause weitergefeiert. Von Sorgen wollte keiner reden. Lida wollte schon heim, als ihre Freundin einen Anruf bekam. Sie ging kurz raus und sagte dann: „Das war deine Tochter, Nastja.“ – Nastja? Was ist passiert? Warum ruft sie mich nicht an? Ist alles in Ordnung? – Lida nahm das Handy, wollte schon wählen, aber Katja hielt sie zurück. – Ruf nicht an, alles ist gut. Sie will nur, dass du hier übernachtest. – Übernachten? Warum das? Ich hab Sascha gesagt, ich komm heim! – Sascha hat seiner Mutter gesagt, dass sie gerne mal zu zweit wären und du störst. Daher hat Nastja mich gebeten, dich bei mir schlafen zu lassen. Bleib echt heute mal, erzähl mir, was los ist. – Ach, es ist alles in Ordnung. – Weißt du, wenn alles gut wäre, würden die Kinder doch nicht bei Freunden anrufen und Mütter bitten, ihre eigene Mutter zu beherbergen … Sie hat mich letztens auch gefragt, ob ich nicht einen Opa mit Wohnung weiß. Sascha müsste mal heiraten, aber du stehst im Weg. Wär vielleicht besser, du würdest dir einen Opa suchen, wenn du nicht ins Seniorenheim willst … Lida erzählte alles – wie sie mit ihrer ältesten Tochter lebte und auch nicht recht war, dass sie der Jüngeren zur Last fiel, dass sie dem Enkel Sascha im Weg ist. Zwei Jahre lebt sie so, hat ein eigenes Haus, und doch ist sie darin überflüssig. – Weißt du, Katja, nicht mal im eigenen Haus bin ich Herrin. Sascha ist nach dem Abi zu Nastja gezogen. Ihr Mann – der Stiefvater – wollte ihn nicht dort haben. Also kam er zurück. Militär? Gescheitert. Studium? Wollte er nicht. Solange er in der Schule war, hat Nastja uns noch Geld geschickt, aber ab 18 war Schluss … Also sitzt er auf meinem Hals. Lida blieb trotzdem nicht bei Katja, fuhr heim. Kaum zu Hause, machte sie Sascha eine klare Ansage. Sascha beschwerte sich bei seiner Mutter, dass die „alte Frau“ den Verstand verliere und ihn rausschmeiße. Nastja rief an, wollte ihre Mutter zurechtweisen. Aber Lida sagte ihr dasselbe wie dem Enkel. Sascha zog aus, kündigte an, dass er nie wieder helfen werde, kein Fuß mehr in dieses Haus setze. Lida blieb allein – aber zum ersten Mal war ihr das Alleinsein eine Freude. Endlich aufatmen! Das ganze Leben hat sie sich nach anderen gerichtet. Töchter konnten mit dem Gedanken, dass sie nicht heiratete, nicht umgehen. Nach dem Tod des Mannes musste sie alles allein schultern. Sie wollte nur das Beste, am Ende zog sie sich Abhängige heran. Es ist kein Zustand, wenn man im Alter aus dem eigenen Haus gejagt wird – was ist das für ein Leben, wenn man im eigenen Zuhause als überflüssig gilt? Sascha hat es schließlich eingesehen, kam und bat sie um Verzeihung. Lida hatte längst vergeben. Aber zurück ins Haus lud sie ihn nicht ein. Als Gast ist er immer willkommen, aber wohnen werden sie nicht mehr zusammen. Er ist jung, hat anderes im Kopf, und sie braucht nun Ruhe. Die Töchter laden sie jetzt wieder ein, Hilfe wird gebraucht. Doch Lida lehnt ab. „Bringt die Kinder zu mir, gerne passe ich auf. Hier ist die Luft besser und ich in meinem Haus mein eigener Herr.“ Lida sagt: Je älter man wird, desto mehr lernt man das Eigene zu schätzen. Und ich glaube, sie hat recht.

Je weiter weg, desto vertrauter…

Weißt du was, mein lieber Enkel! Wenn ich euch so sehr störe, gibt es nur eine Lösung. Zu meinen Töchtern ziehe ich nicht mehr, und von Freunden zu Freunden ziehe ich auch nicht. Einen Opa muss ich mir sowieso nicht mehr suchen. Guck mal an, was ihr euch wieder ausgedacht habt! Mich im hohen Alter noch verheiraten!

Oma, genau das sag ich dir doch schon lange! Und Mama auch! Geh doch ins Seniorenheim. Das ist doch kein Thema, du überschreibst das Haus auf mich, dafür bekommst du dort dein Zimmer, Mama regelt das schon. Du bist dort nicht alleine, hast Nachbarinnen zum Reden und störst mich nicht.

Ich gehe nirgendwo hin, ich bleibe in meinem Haus. Ich sags dir mal so, Lukas. Wenn ich dir im Weg bin, da ist die Tür, sieben Wege führen nach draußen. Du bist jung, hast einen klaren Kopf. Such dir eine Wohnung und lebe, wie du willst. Willst du nicht studieren dann geh arbeiten. Ja, bring meinetwegen jeden Tag eine andere Freundin mit. Ich bin eine alte Frau, nächsten Monat werde ich 65, ich brauche Ruhe und Frieden.

Es reicht, ich war ein paar Jahre unterwegs, jetzt will ich heim. Es ist doch nicht richtig, mein Junge, dass ihr mich aus meinem eigenen Haus scheucht und auf meine Rente mit euren Freundinnen lebt. Auf meiner Rente wächst kein Geld wie auf den Bäumen. Also, eine Woche hast du noch. Findest du keine Wohnung dann geh zu deinen Freunden oder zu deiner Freundin, wie heißt sie noch, ihren Namen vergesse ich immer, aber heute soll sie nicht in meinem Haus sein. Schaut euch das an, mal suchen sie mir noch einen Mann, mal wollen sie mich ins Heim stecken!

Der empörte Enkel versuchte, noch etwas zu erwidern, aber Lidia Paulsen hörte ihm schon nicht mehr zu, ging wortlos in ihr Zimmer und schloss die Tür. Ihr Kopf schmerzt schrecklich. Eigentlich müsste sie eine Tablette nehmen, aber sie müsste dazu in die Küche und will Lukas nicht begegnen.

Sie blickt durch ihr kleines Zimmer und entdeckt eine Plastikflasche mit Resten von Mineralwasser. Na wunderbar, das reicht genau für einen Schluck.

***

Lidia hätte nicht gedacht, dass sie so entschlossen reagieren würde. Aber der Ärger hatte sich aufgestaut, jetzt musste alles raus.

Zwei lange Jahre hat sie geschwiegen, alles ertragen, ist beim ersten Anruf mal zu der einen Tochter, mal zur anderen gefahren und kaum gabs einen kleinen Hinweis wie Bist du nicht langsam zu lange da, Mama?, ist sie wieder heimgefahren.

Und jetzt kommandiert der 20-jährige Enkel in Lidia Paulsens kleinem Häuschen herum. Mal ist es die große Liebe Clarissa, dann eine andere, und die Oma stört ständig, schnarcht durch die Wand, hustet, ruiniert die romantische Stimmung.

Oma, du könntest ja mal wen besuchen, dann wären Daria, Maja, Svenja, Iris (Name bitte einsetzen, wechselt regelmäßig) mal endlich alleine.

Und so ging Lidia mal zur Cousine, mal zur Nachbarin, mal zu einer früheren Kollegin und blieb extra lange, um die jungen Leute nicht zu stören.

Anfangs waren die Besuche willkommen, aber als sie immer häufiger wurden, schwand die Freude, und Lidia merkte, dass ihre Anwesenheit zur Belastung wurde.

***

Gerade als sie niemanden mehr so richtig besuchen konnte, bekam die ältere Tochter ein Baby. Das hektische Leben in Berlin, der Kredit fürs Reihenhaus, das ältere Kind in der Schule keiner wollte, dass sie ewig in Elternzeit blieb. Ludmillas Hilfe als Oma war mehr als willkommen.

So zog Lidia Paulsen zu ihrer Tochter.

Anfangs lief alles bestens: heißes Abendessen, saubere Wohnung, gepflegte Enkelkinder. Doch nach ein paar Monaten begann der Schwiegersohn zu nörgeln der war nur zehn Jahre jünger als Lidia.

Frau Paulsen! Keine von diesen Würstchen mehr kaufen, von denen wird man ja krank. Außerdem, warum überhaupt Würstchen, du bist doch den ganzen Tag zu Hause, kannst du dann nicht mal was Anständiges kochen? Frikadellen oder Schnitzel zum Beispiel…

Frau Paulsen! Frikadellen sind ja toll, aber sie geben viel zu viel Geld für den Haushalt und Lebensmittel aus! Sie müssen sparsamer werden!

Frau Paulsen! Bin ich etwa ein Wiederkäuer, dass ich nur Gras und Gemüse kauen soll? Sparsamkeit gut und schön, aber Fleisch muss schon sein.

Und so zog es sich durch alle Lebensbereiche. Sie meinen, Frau Paulsen, dass Sie doch schon mit den Kindern zu Hause sitzen, warum unterstützen Sie nicht die älteste Enkelin mit den Hausaufgaben, wozu braucht es da eine Nachhilfe?

Auch wurde Lidia für ihr Telefonieren getadelt, als ob sie nichts Besseres zu tun hätte, als stundenlang zu quatschen.

Auch die älteste Enkelin ein dickköpfiges Mädchen! Obwohl sie erst in der vierten Klasse ist, hält sie sich für etwas Besonderes! Die Oma zieht sich nicht modisch an, blamiert sie vor den Freundinnen, zwingt sie zum Lernen!

Und überhaupt, warum bist du, Oma, zu uns gekommen? Hast doch dein Haus in der Eifel, fahr da hin und führ dort das Kommando!

Lidia schwieg, biss die Zähne zusammen, wollte es jedem recht machen. Sie kaufte dem Schwiegersohn Fleisch von ihrer knappen Rente, gab der Enkelin für die Blamage Taschengeld und überwies dem Enkel Lukas, dem Tunichtgut der weder studierte noch arbeitete die Reste der Rente für die Stromrechnung.

Sich bei der Tochter zu beschweren, war zwecklos. Sie schätzt ihren Mann sehr, sagt nicht ein Wort gegen ihn! Umsonst hatte sie so einen Mann der Familie abspenstig gemacht und noch zwei Kinder im hohen Alter bekommen?

Wenn der Mann mal nicht da war, sagte sie zu Lidia ganz kurz, dass sie bitte durchhalten solle, es sei doch zu ihrem Besten und damit war das Thema erledigt.

Als dann die kleine Enkelin in die Kita kam, war Omas Hilfe schlagartig überflüssig. Der Schwiegersohn sagte es ganz klar: Frau Paulsen, danke, aber wir brauchen Sie jetzt nicht mehr, Sie können wieder heim.

Lidia fuhr freudig zurück. Endlich wieder Herrin im eigenen Haus. Schlafen, wann sie wollte, aufstehen, wann sie wollte. Doch so kam es nicht: Im Haus war Enkel Lukas, der Sohn der Tochter, kräftig eingenistet.

Nicht allein: Seine Freundin war auch da. Im Haus herrschte Chaos, der Strom fast abgestellt, die Wasserschulden hoch.

Es blieb ihr nichts anderes übrig, Lidia nahm einen Konsumkredit auf, beglich die Schulden, brachte Ordnung ins Haus. Endlich konnte sie aufatmen. Doch der Enkel ist unzufrieden. Das Häuschen klein, zwei Zimmer, Küche. Keine Privatssphäre, wenn Oma nebenan hustet.

Dann flatterte die nächste Rettung rein: Die jüngere Tochter bekommt ein Kind, Mutter soll bitte kommen und helfen.

Was blieb ihr anderes übrig. Lidia packte und fuhr. Drei Monate später spürte sie wieder, dass sie stört. Sie wartete nicht, bis sie gebeten wurde zu gehen reiste selbst ab. Und erneut war der Enkel nicht erfreut.

Wahrscheinlich hätte Lidia das alles weiter ertragen, wäre da nicht ein Vorfall gewesen, kurz nach ihrer Rückkehr.

Wieder mal putzte sie das Haus, keine neuen Schulden sie zahlte inzwischen alles pünktlich. Und wieder wurde sie für den Enkel zur Last.

***

Lukas, ich fahre heute zu Elvira, sie hat Geburtstag, komme spät zurück. Ihr schließt ab, ich gehe hinten rein, will euch nicht wecken.

Warum bleibst du nicht gleich über Nacht? Dann klapperst du nachts nicht rum. Bleib halt ein paar Tage bei ihr, dann hätten wir hier mal unsere Ruhe.

Wie, in einer Woche kann man schon müde werden von mir? Ich bin doch erst seit sieben Tagen zurück.

Ja, eine Woche ist auch eine Zeit. Bleibst du nicht zum Übernachten?

Nein, ich komme nach Hause.

Die Feier läuft auf Hochtouren. Erst sitzen sie im Café, dann fahren die engsten Gäste zur Gastgeberin. Sie erzählen von früher, Probleme werden ausgeklammert. Lidia will gerade gehen, da klingelt Elviras Telefon. Sie geht raus, spricht kurz, kommt zurück und sagt zu Lidia, dass ihre Tochter, Anna, angerufen hat.

Anna? Was ist passiert? Warum hat sie mich nicht angerufen? Geht es allen gut? Lidia greift nach ihrem Handy, will direkt anrufen, aber Elvira hält sie auf.

Ruf nicht an, Lidia. Alles in Ordnung. Sie wollte nur, dass ich dich zum Übernachten hierbehalte.

Übernachten? Warum das? Ich habe doch Lukas gesagt, dass ich heimkomme!

Lukas hat mit seiner Mutter telefoniert, meinte, sie wollen heute mal allein sein, du störst sie daheim. Deshalb hat Anna mich gebeten, dich heute hier zu behalten. Lass die Jungen mal zur Ruhe kommen und erzähl du mir lieber, was bei euch so los ist.

Es ist nichts, alles gut.

Weißt du, Lidia, wenn alles in Ordnung wäre, würden die Kinder nicht bei anderen anrufen, um die eigene Mutter unterzubringen. Zuletzt fragte Anna letzte Woche, ob ich nicht einen älteren Herrn mit Wohnung kenne Lukas müsse doch endlich heiraten, aber du wärest ein Hindernis daheim. Wäre da ein Opa, könntest du zu ihm ziehen, wenn du schon nicht ins Seniorenheim willst.

Jetzt erzählte Lidia alles. Wie sie bei der älteren Tochter lebte, es doch nie allen recht machen konnte und bei der Jüngeren genauso wenig. Nichts hat sie verschwiegen auch nicht, wie sehr sie ihrem Enkel Lukas beim Erwachsensein im Weg war. Seit zwei Jahren lebt sie so, ihr eigenes Haus und trotzdem fühlt sie sich fremd darin.

Weißt du, Elvira, ich bin in meinem eigenen Haus keine Herrin mehr. Nach dem Abi zog Lukas zu Anna nach München; der Mann mochte ihn nicht, so kam er wieder zurück. Zur Bundeswehr kam er nicht, zum Studium ging er auch nicht. Zu Schulzeiten half Anna finanziell mit 18 hörte das Taschengeld schlagartig auf. Seitdem hängt er mir auf der Tasche.

Lidia blieb nicht über Nacht bei Elvira, sondern fuhr nach Hause. Zu Hause sagte sie dann ihrem Enkel klipp und klar, was Sache ist.

Lukas beschwerte sich bei seiner Mutter, die daraufhin Lidia zur Rede stellte. Doch Lidia antwortete ihr das Gleiche wie dem Enkel.

Lukas zog dann aus, verabschiedete sich mit den Worten, er werde ihr nicht helfen, seinen Fuß setzt er nie wieder in dieses Haus.

Lidia ist jetzt allein, aber sie genießt ihr Alleinsein endlich kann sie in Ruhe atmen. Ihr ganzes Leben lang hat sie sich nach anderen gerichtet. Solange die Töchter klein waren, war sie eine schlechte Mutter wegen der Mädchen. Nach dem Tod des Ehemanns schleppte sie alles allein. Sie wollte das Beste, am Ende zog sie nur Anspruchsdenker groß.

Es ist doch nicht richtig, wenn man im Alter aus dem eigenen Haus vertrieben wird. Was ist das für ein Leben, wenn du zu Hause überflüssig bist?

Lukas kam zur Besinnung und entschuldigte sich bei der Großmutter.

Aber Lidia hat längst vergeben. Doch zum Zusammenleben lädt sie ihn nicht mehr ein. Als Gast kann er kommen, so oft er will, Lukas, aber gemeinsam wohnen wir nicht mehr. Du bist jung, hast die Liebe im Kopf, ich will endlich meine Ruhe.

Die Töchter laden sie auch ein, brauchen Hilfe mit den Kindern. Doch Lidia will nicht mehr umziehen.

Bringt sie lieber zu mir, dann nehme ich mich der Enkel gerne an. Hier ist die Luft sauber und ich bin zu Hause. Hier bin ich Herrin, niemand macht mir Vorschriften.

Lidia sagt: Je weiter die Distanz, desto enger das Herz. Und ich glaube, sie hat recht.

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Homy
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Je weiter weg, desto näher das Herz … – Weißt du was, mein lieber Enkel? Wenn ich euch wirklich so sehr im Weg stehe, bleibt mir nur eine Wahl. Zu meinen Töchtern fahre ich nicht mehr, und ich werde auch nicht ständig bei Freunden oder Bekannten unterkommen. Einen neuen Opa brauche ich übrigens auch nicht. Was ihr euch das immer ausdenkt! Mich noch im Alter verheiraten! – Oma, genau das sag ich dir doch die ganze Zeit! Und Mama sieht das genauso: Zieh doch ins Seniorenheim. Alles ganz einfach – überschreib das Haus auf mich, du bekommst da ein schönes Zimmer, Mama regelt das. Du bist nicht allein, hast andere zum Reden, Nachbarinnen direkt nebenan und wir stören uns nicht gegenseitig. – Ich gehe nicht weg aus meinem Haus. Das sage ich dir, Sascha. Wenn ich dir wirklich zur Last falle, dann ist da die Tür – sieben Wege führen hinaus. Du bist jung, hast doch Köpfchen. Such dir eine Wohnung und leb dein Leben, wie du willst. Wolltest nicht studieren? Dann geh halt arbeiten! Dein Liebesleben kannst du ausleben, jeden Tag eine neue Freundin anschleppen, wenn’s sein muss. Ich bin alt, in einem Monat werde ich 65, ich brauch meine Ruhe und Stille. Es reicht. Ich habe jetzt ein paar Jahre herumgeirrt, es wird Zeit, nach Hause zurückzukehren. Das ist nichts, mein lieber Enkel, wenn ihr mich aus meinem eigenen Haus jagt und auf meine Rente zusammen mit deinen Freundinnen lebt. Meine Rente ist kein Gummiband, das sich endlos strecken lässt. Du hast eine Woche Zeit. Findest du keine Wohnung, geh zu Freunden oder Bekannten. Oder zu der, wie heißt sie gleich, ich vergesse das immer – jedenfalls soll sie heute nicht mehr in meinem Haus sein. Erst wollen sie mir einen alten Bräutigam andrehen, und dann schicken sie mich ins Altenheim! Der entrüstete Enkel wollte noch etwas sagen, aber Lidia Pawlowna hörte ihm schon nicht mehr zu, ging wortlos in ihr Zimmer und schloss die Tür hinter sich. Ihr Kopf tat höllisch weh. Eigentlich müsste ich eine Tablette nehmen, aber ich will so ungern in die Küche, um Wasser zu holen, nur um Sascha nicht zu begegnen. Beim Blick durch ihr kleines Zimmer entdeckte Lida eine Flasche Mineralwasser mit dem letzten Rest am Boden. Na bitte, reicht für einen Schluck. *** Lida war selbst überrascht von ihrer Entschlossenheit. Es hatte sich so viel aufgestaut, endlich konnte sie alles herauslassen. Zwei lange Jahre hatte sie geschwiegen, alles geduldet, rannten auf einen Anruf hin zu der einen Tochter, dann zur anderen, und genauso schnell schickten sie sie zurück: „Sag Mama, wir wollen dich nicht zu sehr beanspruchen …“ Jetzt aber schmiss der 20-jährige Enkel, ein echter Faulenzer, in Omas Häuschen das Regiment. Heute die große Liebe namens Daria, morgen Masha – Oma nervt, hustet hinter der Wand und stört beim Kuscheln. – Oma, fahr doch mal wieder zu deiner Schwester, damit wir mal alleine sind, Daria, Masha, Swetlana, Irina (zutreffendes bitte unterstreichen – die Freundinnen wechseln oft). Und Lidia Pawlowna reiste mal zur Cousine, zur Patin, zur alten Kollegin. Anfangs war sie überall willkommen, aber als das zweimal pro Woche passierte, war die Freude dahin – Lida merkte, die Leute fühlten sich von ihrer Anwesenheit belastet. *** Und gerade, als sie selbst nicht mehr wusste, wohin sie noch fahren sollte – bekam die ältere Tochter ein Baby. Großstadtleben, Wohnungskredit, älteres Schulkind – da war Omas Hilfe dringend nötig. Lidia Petrowna zog zur Tochter. Erst waren alle glücklich: warme Abendessen, saubere Wohnung, gepflegte Enkel. Doch nach ein paar Monaten fing der Schwiegersohn an zu meckern. Er war nur zehn Jahre jünger als die Schwiegermutter: – Lidia Petrowna, kaufen Sie nicht mehr so billige Würstchen, die sind ungesund. Warum gibt’s eigentlich Würstchen, wenn Sie doch eh den ganzen Tag daheim sind? Könnten Sie nicht was Richtiges kochen – Frikadellen zum Beispiel? Und so weiter – mal zu wenig Sparsamkeit, mal zu wenig Fleisch, dann wieder der Kommentar: „Wenn Sie schon mit den Kindern zu Hause sind, könnten Sie die Große beim Lernen unterstützen – wozu brauchen wir bei einer lebenden Oma noch Nachhilfelehrer?“ Nicht mal telefonieren sollte sie! Auch die älteste Enkelin hatte ihren eigenen Kopf. Die Oma zieht sich unmöglich an, macht ihr vor Gleichaltrigen nur Schande und zwingt sie zum Lernen. Überhaupt, Oma, warum bist du hier? Fahr zurück in dein Dorf, zu Hause kannst du machen, was du willst! Lida schwieg, bemühte sich um jeden. Für den Schwiegersohn kaufte sie Fleisch von ihrer kleinen Rente, steckte der Enkelin Taschengeld zu – als Kompensation „für die Schande“ –, und selbst dem Enkel Sascha, Taugenichts, der weder studieren noch arbeiten wollte, überwies sie den Rest der Rente, damit keine weiteren Schulden für Strom und Wasser entstanden. Klagen bei der Tochter – zwecklos! Die hängt am Mann, wagt kein böses Wort. Manchmal, wenn der Schwiegersohn nicht da war: „Mama, halt durch, ist für mein Wohl.“ Mehr nicht. Sobald die jüngere Enkelin in die Krippe kam, war Oma überflüssig. Schwiegersohn sagte es deutlich: „Lidia Petrowna, danke, wir brauchen Sie nicht mehr. Sie können heimfahren.“ Glücklich fuhr Lida nach Hause. Endlich wieder die Herrin im Haus. Doch im Haus: Sascha – der Enkel –, fest eingenistet, samt Freundin. Das Häuschen eine Katastrophe; Stromschulden, Wasserrechnungen unbeantwortet. Sie nahm einen Kredit auf und bezahlte alles. Kaum war alles wieder hergestellt, war Sascha nicht zufrieden. Das Haus ist zu klein, keine Privatsphäre, wenn Oma hustet … Dann der Anruf der jüngeren Tochter: Jetzt hilf uns aber bitte, wenn das Baby kommt. Was sollte sie tun? Sie fuhr hin. Drei Monate lebte sie dort, irgendwann war sie wieder überflüssig. Sie wartete nicht, bis sie hinausgebeten wurde, sondern fuhr von selbst heim. Und wieder war Sascha unzufrieden. Lidia Petrowna hätte es vielleicht weiter ertragen, wenn da nicht jener Vorfall nach ihrer Heimkehr gewesen wäre. Wieder einmal putzte sie das ganze Haus, diesmal hatte sie alle Rechnungen pünktlich selbst bezahlt. Aber wieder störte Oma den Enkel. *** – Sascha, ich fahre heute zu meiner Patin, die hat Geburtstag – komme erst spät wieder. Macht die Tür zu, ich nehme den Hintereingang, will euch nicht wecken. – Warum bleibst du nicht gleich über Nacht? Dann schleppst du nachts nicht rum und störst uns nicht. Bleib doch noch ein, zwei Tage bei ihr – dann können wir mal entspannen. – Wie, entspannen? Ich bin doch erst seit einer Woche wieder da! – Eine Woche ist auch schon lang genug. Bleib halt weg, ok? – Nein, ich komme nach Hause! Der Geburtstag war im vollen Gange: Erst Café, dann zu Hause weitergefeiert. Von Sorgen wollte keiner reden. Lida wollte schon heim, als ihre Freundin einen Anruf bekam. Sie ging kurz raus und sagte dann: „Das war deine Tochter, Nastja.“ – Nastja? Was ist passiert? Warum ruft sie mich nicht an? Ist alles in Ordnung? – Lida nahm das Handy, wollte schon wählen, aber Katja hielt sie zurück. – Ruf nicht an, alles ist gut. Sie will nur, dass du hier übernachtest. – Übernachten? Warum das? Ich hab Sascha gesagt, ich komm heim! – Sascha hat seiner Mutter gesagt, dass sie gerne mal zu zweit wären und du störst. Daher hat Nastja mich gebeten, dich bei mir schlafen zu lassen. Bleib echt heute mal, erzähl mir, was los ist. – Ach, es ist alles in Ordnung. – Weißt du, wenn alles gut wäre, würden die Kinder doch nicht bei Freunden anrufen und Mütter bitten, ihre eigene Mutter zu beherbergen … Sie hat mich letztens auch gefragt, ob ich nicht einen Opa mit Wohnung weiß. Sascha müsste mal heiraten, aber du stehst im Weg. Wär vielleicht besser, du würdest dir einen Opa suchen, wenn du nicht ins Seniorenheim willst … Lida erzählte alles – wie sie mit ihrer ältesten Tochter lebte und auch nicht recht war, dass sie der Jüngeren zur Last fiel, dass sie dem Enkel Sascha im Weg ist. Zwei Jahre lebt sie so, hat ein eigenes Haus, und doch ist sie darin überflüssig. – Weißt du, Katja, nicht mal im eigenen Haus bin ich Herrin. Sascha ist nach dem Abi zu Nastja gezogen. Ihr Mann – der Stiefvater – wollte ihn nicht dort haben. Also kam er zurück. Militär? Gescheitert. Studium? Wollte er nicht. Solange er in der Schule war, hat Nastja uns noch Geld geschickt, aber ab 18 war Schluss … Also sitzt er auf meinem Hals. Lida blieb trotzdem nicht bei Katja, fuhr heim. Kaum zu Hause, machte sie Sascha eine klare Ansage. Sascha beschwerte sich bei seiner Mutter, dass die „alte Frau“ den Verstand verliere und ihn rausschmeiße. Nastja rief an, wollte ihre Mutter zurechtweisen. Aber Lida sagte ihr dasselbe wie dem Enkel. Sascha zog aus, kündigte an, dass er nie wieder helfen werde, kein Fuß mehr in dieses Haus setze. Lida blieb allein – aber zum ersten Mal war ihr das Alleinsein eine Freude. Endlich aufatmen! Das ganze Leben hat sie sich nach anderen gerichtet. Töchter konnten mit dem Gedanken, dass sie nicht heiratete, nicht umgehen. Nach dem Tod des Mannes musste sie alles allein schultern. Sie wollte nur das Beste, am Ende zog sie sich Abhängige heran. Es ist kein Zustand, wenn man im Alter aus dem eigenen Haus gejagt wird – was ist das für ein Leben, wenn man im eigenen Zuhause als überflüssig gilt? Sascha hat es schließlich eingesehen, kam und bat sie um Verzeihung. Lida hatte längst vergeben. Aber zurück ins Haus lud sie ihn nicht ein. Als Gast ist er immer willkommen, aber wohnen werden sie nicht mehr zusammen. Er ist jung, hat anderes im Kopf, und sie braucht nun Ruhe. Die Töchter laden sie jetzt wieder ein, Hilfe wird gebraucht. Doch Lida lehnt ab. „Bringt die Kinder zu mir, gerne passe ich auf. Hier ist die Luft besser und ich in meinem Haus mein eigener Herr.“ Lida sagt: Je älter man wird, desto mehr lernt man das Eigene zu schätzen. Und ich glaube, sie hat recht.
„Sie haben nicht bezahlt – Ärger an der Kasse: Wenn Missverständnisse beim Bezahlen in deutschen Supermärkten zu peinlichen Situationen führen“