Als der Schlüssel im Schloss drehte, hätte sein Herz fast einen Handstand gemacht, und seine Seele raste ihr schon entgegen…
Wie oft willst du eigentlich noch patzen?! Und dann machst du auch noch so doofe Fehler! Was ist das denn?! – Anna-Elisabeth Eduardovna stieß mit ihrem perfekt lackierten Fingernagel energisch auf den Monatsbericht, als wollte sie die Maniküre gleich am Papier abfeilen.
Los, ab! Korrigiere das! Und überhaupt wenn du es nicht schaffst, dann kündige doch einfach! Eigentlich war die Chefin eine gepflegte, attraktive Frau, aber wenn sie ausflippte, hätte sie glatt als Dämon die Runde machen können.
Luise schwieg und schlüpfte aus dem Büro. Bis zum Feierabend war es gerade mal eine Stunde. Sie musste sich sputen. Die Prämie war ohnehin schon gestrichen.
Ihr Leben war im Moment eine einzige Pechsträhne mit Hindernissen wie beim Staffellauf, nur ohne Staffel. Letzte Woche hatte sie ihre Mutter angerufen, und wie so häufig, war Mama mal wieder mit dem falschen Fuß aufgestanden. Aus heiterem Himmel gab es einen Krach, sämtliche Vorwürfe der Menschheit kamen auf den Tisch, und dann wurde kurzerhand aufgelegt. Daran konnte sich Luise einfach nicht gewöhnen. Sie nahm das alles immer noch viel zu sehr mit, inzwischen fürchtete sie sich vor jedem Anruf.
Vor zwei Tagen hatte sie ihre Bankkarte verloren. Also sperren lassen, neue bestellen, das Übliche.
Und als ob das nicht genug wäre, ist ihre treue Katze Mimi ein zutrauliches, rot-getigertes Unikum gestern hinter einer Taube auf den Balkon gesprungen und aus dem dritten Stock gefallen. Luise sah noch, wie Mimi sich von der zerdrückten Blumenrabatte schüttelte und würdevoll davontrottete. Aber dann, als sie nach unten lief, blieb die Katze verschwunden. Fast einen Tag lang war von Mimi keine Spur zu sehen, sie reagierte auch nicht auf Rufen.
Mit Müh und Not tütete Luise den vermaledeiten Bericht ein und stapfte nach Hause. Auf den Supermarkt hatte sie so gar keine Lust.
Zu Hause ließ sie sich aufs Sofa fallen und legte eine ordentliche Weinsession ein diesmal aber ganz ohne Wein, nur mit Tränen. Doch selbst nach einer halben Stunde Heulerei wurde es ihr kein bisschen leichter ums Herz. Schwarze, schlangenartige Gedanken krochen aus ihren Winkeln hervor. Für wen leben? Für die Mutter zu viel, einen Freund gabs nicht. Und selbst die Katze hatte sie verlassen! Bei dem Gedanken wurde sie paradoxerweise irgendwie erleichtert.
Sollen sie sich ruhig mal selbst die Fingernägel abbrechen und an mir verzweifeln! Tja, jetzt ists aber zu spät, dachte sie, mit einer Prise bitterem Humor.
Und nun, wo nur noch ein winziger Schritt gefehlt hätte klingelte das Telefon. Unbekannte Nummer. Eigentlich wollte sie nicht rangehen, aber wer weiß, vielleicht war das der letzte menschliche Kontakt in ihrem Leben?
Hallo? Nichts am anderen Ende. Wer ruft an und schweigt da?, motzte Luise. Ihre Geduld hatte heute schon bessere Tage erlebt.
Guten Tag eine tiefe Männerstimme durchdrang endlich die Leitung. Bitte, legen Sie nicht auf.
Wer sind Sie? Was wollen Sie? Schließlich hatte Luise gerade anderes vor.
Ich wollte einfach mal wieder eine menschliche Stimme hören. Ich habe seit einer Woche mit niemandem gesprochen. Und ich dachte, wenn heute wieder keiner antwortet, wars das für mich… Er atmete hörbar schwer.
Wie bitte? Sie können nicht raus? Gehen Sie doch an die frische Luft, in den Park! Ist doch nicht schwer!, sagte Luise und zog sich im Schneidersitz aufs breite Fensterbrett.
Kann ich nicht. Ich wohne im fünften Stock. Vor einer Woche hat meine Frau mich verlassen seine Stimme sackte in sich zusammen.
Tja, wer wills ihr verdenken! Bist du denn überhaupt ein Kerl?, konterte Luise direkt.
Ich sitze im Rollstuhl. Seit weniger als einem Jahr. Fünf Stockwerke schaffe ich nicht, ohne Aufzug. Die Stimme gewann Sicherheit.
Du hast keine Beine?! erschrak Luise und vergaß für einen Moment jeglichen Takt. Doch schon wars passiert, Worte sind eben wie Kölner Karneval: ein bisschen zu ausgelassen.
Nein, Quatsch. Rückenmark verletzt. Laufen ist nicht., hörte man ein Hauch von Lächeln durch den Hörer gleiten.
Sie sprachen noch eine halbe Stunde, dann hatte Luise seinen Namen und die Adresse. Eine Stunde später stand sie mit zwei riesigen Einkaufstüten vor seiner Tür.
Öffnete ihr ein junger, sympathischer Typ eben im Rollstuhl.
Ich bin Luise! ihr fiel gerade auf, dass sie seinen Namen immer noch nicht kannte.
Bastian! Und wie er leuchtete, als hätte er ihr schon ewig gewartet.
Wie sich herausstellte, wohnten sie gar nicht so weit auseinander. Bald besuchte Luise ihn jeden Tag. Und in Rekordzeit verstand sie, dass ihre eigenen Probleme im Vergleich zu seinen eine Kleinigkeit waren winzige Krümel des Lebens, über die sie sich bisher aufgeregt hatte. Sie wurde fürsorglicher, bestimmter und sogar ein bisschen stur.
Und wie von Zauberhand tauchte Mimi auch wieder auf war einfach auf der Matte vor der Wohnungstür gesessen und wartete.
Im Büro nun ja, die Chefin war morgens wie gewohnt on fire, beschloss aber, diesmal auf Granit zu beißen:
Anna-Elisabeth Eduardovna, welches Recht haben Sie eigentlich, mich anzubrüllen und zu demütigen? Ich arbeite nicht unter diesen Nervenbedingungen weiter. Wenn Sie jetzt eine Migräne bei mir provozieren, gehe ich auf Krankenschein. Dann finden Sie erstmal Ersatz! Die Mädels aus dem Nebenzimmer kicherten, und die Chefin rauschte, eingeschnappt wie ein Schwan, davon.
Zwei Tage später ein Anruf von Muttern: Ja sag mal, Kind! Warum meldest du dich nicht? Ist dir egal, wie es deiner Mutter geht? So herzlos! Undankbares Wesen! Luise, hörst du mich überhaupt?! Die Frau schrie schon fast.
Hallo Mama. Ich diskutiere nicht mehr in dem Ton mit dir. gab Luise ruhig zurück.
Wie bitte?! Ich lege auf! tobte Mama.
Na dann mach doch, entgegnete die Tochter frostig.
Zwei Tage später der Rückruf kein sorry, das wäre zu viel verlangt. Aber wenigstens gings diesmal gesittet zu.
Nach einem Monat zog Luise zu Bastian. Ihre eigene Wohnung vermietete sie und investierte die Miete ganz deutsch in Bastians Gesundheit: Sie organisierte eine Masseurin und Schwimmbadbesuche am Wochenende.
Und siehe da erste Erfolge! Gefühl und sogar ein wenig Bewegung kamen zurück. Bastian konnte schon die Zehen wackeln!
Dann wurde Luises Mutter krank. Also nahm sie sich zwei Tage frei und fuhr hin.
Bastian wartete, eine Mischung aus treuem Hund und Lesezeichen lag auf dem Sofa und starrte stundenlang an die Decke.
Es war Februar, draußen tobte ein Schneesturm. Bastian kannte Luises Busfahrpläne, rechnete genau aus, wann sie spätestens kommen musste Doch Stunden verstrichen, das Handy abgeschaltet, nichts. Er parkte im Rollstuhl am Fenster doch sah nur eine endlose, weiße Mauer.
Eine, zwei, drei Stunden… Als dann endlich der Schlüssel im Schloss drehte, sprang sein Herz beinahe übers Parkett.
Basti, der Bus stand in einer Schneewehe, Streudienst kam und kam nicht, der Akku war gleich leer rief sie schon aus dem Flur Basti! Sie stürmte ins Wohnzimmer und blieb baff stehen.
Er stand. Zwei Schritte entfernt vom Rollstuhl. Und grinste wie ein Honigkuchenpferd.





