Braut auf Zeit – Die Hochzeit fällt ins Wasser! – verkündete Polina beim Abendessen ihren Eltern und ließ sie sprachlos zurück. – Polina, bist du verrückt? Das Brautkleid ist gekauft, die Ringe, das Restaurant gebucht… Dein Dimi wartet sehnsüchtig auf die Hochzeit… Bitte sag, dass das nur ein Scherz ist! – flehte die Mutter. –Nein, Mama, ich meine es ernst. Floyd und ich werden bald nach London gehen. Es ist alles sehr ernst, – erwiderte Polina entschlossen. – Was für London? Dort ist alles fremd! Andere Leute, ein anderes Land. Du gehst unter! Dieser Floyd hat dir doch bloß den Kopf verdreht! Bestimmt ist er schon verheiratet und hat zig Kinder! Er ist doch fast so alt wie dein Vater! Dein Dimi liebt dich über alles und ist uns wie ein Sohn! Verrate diese Liebe nicht. Für alles im Leben muss man geradestehen, – versuchte die besorgte Mutter zu beschwichtigen. – Keine Sorge, ich übernehme die Verantwortung. Ich fürchte mich nicht, – Polina blieb standhaft. … Zwei Wochen später reisten Polina und Floyd nach England ab. Polina hatte immer davon geträumt, ein fremdes Land kennenzulernen. Sie sprach perfektes Englisch, sehr gutes Französisch und begann mit Spanisch – man weiß ja nie, wohin das Leben einen führt. Nach dem Studium arbeitete sie als Übersetzerin im Reisebüro, wo sie Floyd kennenlernte, den sie bei seinen Terminen begleiten sollte. Floyd zeigte sofort Interesse an ihr. Polina war offen, herzlich, attraktiv – und vor allem: jung! Sie war 23, Floyd 46. Anfangs nahm sie sein Werben nicht ernst – erst recht nicht, als er ihr schon nach einer Woche einen Heiratsantrag machte. Sie verschwieg Floyd allerdings, dass sie eigentlich gerade ihre eigene Hochzeit mit dem geliebten Dimi plante. Polina war hin- und hergerissen: Eine solche Chance bekommt nicht jede – Ausland, Abenteuer, neue Lebensfreude! Die Liebe zu Floyd zwar nicht, aber ein anderes Leben lockte. Sie war sicher, Dimi würde es irgendwann verwinden; er war ja jung und würde sein Glück finden. So schmiedete Polina im Stillen ihre Pläne für das große Abenteuer. Dem verschmähten Bräutigam berichtete Polina am Telefon von allem. Dimi, völlig überfordert, wünschte ihr trotzdem innerlich alles Gute – bevor er seine Wunden in einem langen, verzweifelten Rausch ertränkte. …Floyd und Polina landeten in London. Polina war überwältigt – ihre Träume wurden wahr! Floyd brachte sie in ein riesiges Haus, begrüßt von seiner Familie: den erwachsenen Söhnen Kay und Evan. (Bald würde Polina Evans Ehefrau werden und mit ihm das große Glück finden.) Etwas später erschien…Floyds Ex-Frau. Leonie, eine sehr gepflegte und attraktive Frau, war entsetzt: – Bist du verrückt, Flo? Wer ist dieses Mädchen? Woher hast du sie? Will sie hier bei uns wohnen? – fuhr sie Floyd an. – Ja, sie wohnt jetzt hier. Erinner dich: Das ist mein Haus. Polina wird meine Frau. Sei nett zu ihr, Leonie, – bat Floyd. Polina litt unter der seltsamen Familiensituation. Die Familie war eigentlich getrennt, lebte aber unter einem Dach, mit Leonie als unumstrittenem Oberhaupt. Doch in Polinas Herz war längst Evan – nicht Dimi mit seinen Problemen. Mit Evan verband sie eine tiefe, neue Liebe. Der jüngere Sohn Floyds, Evan, war 24, gutaussehend, seiner Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten. Auch er fühlte sich zu der geheimnisvollen Neuen hingezogen. Floyd teilte Polina mit, dass die Hochzeit noch warten müsse – warum, blieb offen. Polina akzeptierte, denn zurück in die Heimat wollte sie ohnehin nicht mehr. Sie bezog ein gemütliches Zimmer, der Kontakt zu Floyd blieb freundlich, die Ex-Frau Leonie ignorierte sie weitgehend. … Drei Monate vergingen. In dieser Zeit lernte Polina Evan besser kennen – und er offenbarte ihr schließlich das wahre Familiengeheimnis: Floyd liebt nach wie vor Leonie, und sie ihn. Aus einer riesigen Eifersuchtskrise heraus hatte Floyd Polina ins Haus geholt – als „Braut auf Zeit“, um Leonie eifersüchtig zu machen und so eine Versöhnung zu erzwingen. Sobald die Eltern sich wieder vertragen, würde Polina mit einem liebevollen Souvenir nach Hause geschickt… Polina brach in hysterisches Gelächter aus: – Ausgerechnet ich werde zur Braut auf Zeit! Erst laufe ich selbst vom Altar davon, und jetzt das! Was mache ich bloß? – Ich kann nicht mehr ohne dich, Pola! – erklärte Evan. – Ich auch nicht. Endlich hast du es zugegeben! Ich dachte schon, du traust dich nie, – atmete Polina auf. – Wie sollte ich, wenn du doch mit meinem Vater verlobt bist? Ich wusste ja nichts von den Spielchen der Eltern – Kay hat es mir erzählt. Als ich begriff, dass du wieder frei bist, war ich überglücklich! Und sag mal, hättest du meinen Vater tatsächlich geheiratet? – fragte Evan vorsichtig. – Ach Evan! Als ich dich zum ersten Mal sah, änderte sich alles. Nie im Leben hätte ich deinen Vater geheiratet! – antwortete Polina strahlend. Die beiden fielen sich überglücklich in die Arme. Polina verzieh Floyd und Leonie – Liebe verzeiht vieles, und jede Geschichte hat Licht und Schatten. Am schönsten: Polina hatte Evan gefunden, ihr Glück am anderen Ende der Welt! Oft läuft man dem Glück hinterher – dabei liegt es direkt zu unseren Füßen. Evan und Polina heirateten bald. Um sicherzugehen, dass Polina nicht wieder davonläuft, plante Evan rasch Nachwuchs: Erst kam ein Sohn, dann eine Tochter. Das Glück war vollkommen, das Familienglück im neuen Heim perfekt. Auch Floyd und Leonie fanden wieder zusammen und kümmerten sich mit Freude um ihre Enkel. …Eines Tages erreichte Polina ein besorgter Brief ihrer Mutter – sie solle dringend zu Besuch kommen. Polina reiste allein, ließ die Kleinen bei Oma Leonie. Die Mutter empfing sie unter Tränen: – Oh, Polina! Dein Dimi ist tot! Seine Frau auch. Motorradunfall. Die kleine Tochter ist jetzt ganz allein, sie heißt sogar Polina… Was soll nur werden? Dimi hat dich nie vergessen. Nach deiner Abreise hat er sich rasch neu verliebt, die Kleine kam zur Welt, aber das Glück währte nicht… Kaum hatte er mir von einem „Geschenk für deine Polina“ erzählt, nahm sein Schicksal auch schon ein böses Ende… Polina hörte still zu, dann sagte sie bestimmt: – Wir nehmen Dimis kleine Polina bei uns auf, Mama. Das ist sein „Geschenk“ an uns… Evan wird mir zustimmen, ich weiß es. Im Leben muss man Verantwortung übernehmen. Und jetzt gib mir bitte etwas zu essen – ich bin müde von der Reise und habe Appetit auf einen sauren Apfel oder eine Gewürzgurke. Schwangere Frauen müssen schließlich für zwei essen! – zwinkerte Polina verschwörerisch.

BRAUT ZU VERMIETEN

Die Hochzeit fällt aus! verkündete ich beim Abendessen meinen Eltern, als ob es das Selbstverständlichste der Welt wäre.
Meine Mutter verschluckte sich beinahe, so aus heiterem Himmel traf sie meine Nachricht.

Paulina! Bist du noch ganz bei Trost? Das Hochzeitskleid ist gekauft, die Ringe… Das Restaurant ist gebucht… Dein Tim wartet auf diesen Tag wie kein anderer… Paulina, bitte sag, dass das ein Scherz ist! Meine Mutter rang sichtlich mit den Nerven.

Nein, Mama, ich meine es ernst. Bald werde ich mit Floyd nach London gehen. Diesmal ist es wirklich etwas Festes, stellte ich klar.

Was denn für ein London? Da ist alles fremd, ganz anderes Leben, anderes Land. Du wirst dich verlieren, Kind! Glaub mir, dieser Floyd muss dir ja gehörig den Kopf verdreht haben! Wahrscheinlich ist er verheiratet und hat eine ganze Fußballmannschaft Kinder zu Hause! Er ist doch fast ein Rentner! Aber dein Tim liebt dich so sehr! Für uns ist er wie ein Sohn. Tu der Liebe kein Unrecht. Für alles im Leben musst du irgendwann gerade stehen, versuchte meine besorgte Mutter mich wachzurütteln.

Keine Sorge, Mama. Ich stehe zu allem. Mir macht das keine Angst, entgegnete ich unbeirrt.

Wenige Wochen später reiste ich tatsächlich zusammen mit Floyd nach England ab.

Schon als Kind hatte ich davon geträumt, wenigstens ein bisschen etwas über das Leben in anderen Ländern zu erfahren. Ich beherrschte Französisch nahezu perfekt, Englisch sowieso. Ich hatte sogar angefangen, Spanisch zu lernen man wusste ja nie, wohin das Schicksal einen werfen würde. Nach dem Studium arbeitete ich als Übersetzerin im Reisebüro. Dort lernte ich Floyd kennen ich sollte ihn bei verschiedenen Veranstaltungen begleiten. Floyd hatte mich sogleich ins Visier genommen.

Ich galt als kommunikativ und offen, nicht unattraktiv aber vor allem, ich war jung! Ich war dreiundzwanzig, Floyd hingegen bereits sechsundvierzig. Anfangs sah ich seine Annäherungsversuche mit einem amüsierten Lächeln. Niemals hätte ich erwartet, dass er mir gleich einen Heiratsantrag machen würde. Und das nach nur einer Woche! Ich hatte ihm nichts davon gesagt, dass in Deutschland schon bald die Hochzeit mit meinem geliebten Tim anstand.

Ich war verwirrt. Was sollte ich tun? Die Chance, einen Ausländer zu heiraten, bekommt nicht jede! Und das durfte ich nicht verpassen. Auch wenn ich Floyd nicht liebte, würde es doch ein spannendes neues Leben geben voller Freude, Aufregung und Abenteuer! Floyd würde mit einer jungen Ehefrau sicher zufrieden sein. Natürlich würde Tim leiden, aber die Zeit heilt alle Wunden. Er war jung. Früher oder später findet er sein Glück auch.

Mit diesen Gedanken machte ich mich auf den unbekannten Weg.

Per Telefon erzählte ich Tim alles. Er verstand wenig, akzeptierte es aber gefasst und wünschte mir das Beste, trotz gebrochenem Herzen. Danach verlor er sich so hörte ich in wochenlangen Saufgelagen.

Floyd und ich landeten also in London.

Ich konnte mein Glück kaum fassen! Die Welt lag mir zu Füßen. Würden sich meine Träume tatsächlich erfüllen? Ich wollte das Glück am liebsten festhalten wie einen Vogel, der jeden Moment entfliegen könnte.

Floyd brachte mich in ein riesiges Haus. Seine Familie erwartete uns schon zwei erwachsene Söhne, Felix und Elias. (Später sollte ich Elias heiraten und überglücklich werden.) Kurz darauf kam noch eine Frau dazu die Ex-Frau von Floyd, Leonie. Gepflegt und attraktiv, doch ihre Miene spiegelte Unmut wider.

Bist du verrückt geworden, Flo? (so nannte sie Floyd zu Hause) Wer ist dieses Mädchen? Wo hast du es nur ausgegraben? Und sie soll jetzt hier wohnen?, schimpfte sie sichtlich erregt.

Ja, sie wird hier bleiben. Ich möchte dich daran erinnern, dass das mein Haus ist. Paulina wird bald meine Frau. Lass sie in Ruhe, Leonie, erwiderte Floyd in fast bittendem Ton.

Das alles machte mich nervös. Die Familie war zwar getrennt, lebte aber immer noch unter einem Dach. Bald merkte ich, dass Leonie weiterhin das Sagen hatte. Doch in meinem Herzen war bereits kein Platz mehr für Floyd sondern für Elias. Das war kein Tim, der voller Tränen auf Knien um Vergebung bat. Das war echte, wortlose Liebe. Klar und ewig.

Floyds jüngerer Sohn, Elias, war vierundzwanzig, sah seiner Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten ähnlich ein schöner Kerl. Kaum hatte ich die Türschwelle übertreten, schoss etwas Unsichtbares zwischen uns. Wir fühlten uns zueinander hingezogen wie von einem Magneten.

Bald meinte Floyd, wir müssten mit der Hochzeit noch abwarten, nannte aber keinen Grund. Ich nahm es widerspruchslos hin eine Rückkehr nach Deutschland kam für mich eh nicht infrage.

Glücklicherweise bekam ich ein gemütliches Zimmer das Haus bot genug Platz. Die Beziehung zu Floyd blieb freundlich und harmlos. Leonie dagegen ignorierte mich nach Kräften.

Drei Monate vergingen. Ich lernte Elias näher kennen. Er erklärte mir dann schließlich, was in der Familie tatsächlich vorging.

Angeblich liebte Floyd seine Ex-Frau Leonie noch immer und sie ihn auch. Doch eines Tages hatte ein heftiger Streit zur Scheidung geführt. Eine Versöhnung blieb aus. Aber Floyd wollte Leonie eifersüchtig machen und suchte sich dafür eine vermeintliche Braut. In mir fand er die perfekte Kandidatin.

Sobald sich die beiden Ex-Partner versöhnen würden, wollte man mich mit ein paar Paketen aus London wieder zurück nach Deutschland schicken.

Als ich das von Elias hörte, musste ich erst bitter, dann herzlich lachen. Da habe ich es: Ich bin eine Braut zu vermieten! Damals bin ich vor dem eigenen Bräutigam geflüchtet. Und jetzt? Elias, was soll ich machen?

Paulina, ich will dich nicht verlieren! erklärte Elias geradeheraus.

Ich dich auch nicht. Endlich! Ich hatte schon Angst, du sagst es niemals!, seufzte ich erleichtert.

Wie hätte ich das können, solange du die Braut meines Vaters warst? Ich wusste nichts von dem Spiel meiner Eltern Felix hat es mir erzählt. Als ich das verstand, war ich überglücklich. Die Frau, die ich liebe, war plötzlich frei! Paulina, hättest du meinen Vater wirklich geheiratet?, hakte Elias noch nach.

Ach, Eli, (so nannte ich ihn mittlerweile zärtlich), seit ich dich gesehen habe, hatte sich mein Herz entschieden. Ich hätte deinem Vater einen Korb gegeben, antwortete ich und lächelte.

Wir umarmten uns. Ich nahm Floyd und Leonie nichts übel. Was tut man nicht alles aus Liebe? Wer sich auf den Weg macht, stolpert auch mal. Doch in dieser kleinen, schrägen Familienkomödie steckte etwas Gutes: Ich hatte Elias gefunden. So merkwürdig das Schicksal auch spielen mag irgendwo da draußen gibt es für jeden das große Glück.

Das Glück, wonach man immer sucht, liegt einem manchmal direkt zu Füßen. Elias und ich heirateten bald. Elias hatte Sorge, ich könnte mich noch einmal umentscheiden und nach Deutschland verschwinden. Also verschwendeten wir keine Zeit: Bald bekamen wir einen Sohn, später eine Tochter.

Elias überschüttete mich mit Liebe und Fürsorge. Unsere Familie war rundum glücklich, unsere Kinder waren Sonnenschein und Mittelpunkt unseres Lebens.

Übrigens: Floyd und Leonie waren inzwischen längst wieder ein Paar. Manche Verletzungen brauchen eben ihre Zeit. Künftig gingen sie zärtlicher und achtsamer miteinander um sie wussten jetzt, wie wertvoll Frieden ist. Und sie wurden die besten Großeltern, die sich unsere Kinder hätten wünschen können.

Eines Tages erreichte mich ein besorgter Brief von Mama. Sie bat mich, wieder einmal nach Hause zu kommen. Ich packte meine Sachen, ließ die Kinder bei Oma Leonie zurück für solch eine Reise waren sie noch zu klein.

Mich überkam eine innere Unruhe, als ich ankam. Mama empfing mich tränenüberströmt und rief schon von der Tür:

Ach, Paulina! Dein Tim er ist ums Leben gekommen! Und seine Frau gleich mit! Motorradunfall… Seine Tochter ist nun ein Waisenkind, erst drei Jahre. Ein Unglück, sag ich dir!

Weißt du, Paulina, er hat dich nie vergessen. Als du fort bist, hat er sich schnell eine andere gesucht, wollte sich ablenken. Irgendwo hat er so ein armes Geschöpf aufgelesen, sie bekam gleich ein Kind von ihm ein Mädchen, Paulina haben sie sie genannt. Ein kluges Kind, wem sie das wohl verdankt? Jetzt kommt sie ins Heim… Was soll’s? Und das Traurigste: Kurz vor seinem Tod kam Tim zu mir und sagte, er wolle der kleinen Paulina ein Geschenk machen, dass sie ihn nie vergesse! Aber dazu kam es nicht mehr… Mama wischte sich die Tränen am Schürzenzipfel ab.

Ich hörte ruhig zu. Nach kurzem Nachdenken sagte ich: Er hat es geschafft, Mama. Elias und ich nehmen seine kleine Paulina bei uns auf. Das ist das beste Geschenk, das Tim hätte machen können.

Elias wird mich dabei unterstützen, da bin ich sicher. Für alles im Leben muss man Verantwortung übernehmen, Mama. Du weißt das doch…

Und jetzt, mach mir bitte was zu essen, ich bin völlig ausgehungert von der Reise. Vielleicht ein schönes saures Äpfelchen… oder ein paar Salzgürkchen? Man sagt doch, werdende Mütter sollen für zwei essen! Ich zwinkerte Mama verschwörerisch zu…

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Homy
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Braut auf Zeit – Die Hochzeit fällt ins Wasser! – verkündete Polina beim Abendessen ihren Eltern und ließ sie sprachlos zurück. – Polina, bist du verrückt? Das Brautkleid ist gekauft, die Ringe, das Restaurant gebucht… Dein Dimi wartet sehnsüchtig auf die Hochzeit… Bitte sag, dass das nur ein Scherz ist! – flehte die Mutter. –Nein, Mama, ich meine es ernst. Floyd und ich werden bald nach London gehen. Es ist alles sehr ernst, – erwiderte Polina entschlossen. – Was für London? Dort ist alles fremd! Andere Leute, ein anderes Land. Du gehst unter! Dieser Floyd hat dir doch bloß den Kopf verdreht! Bestimmt ist er schon verheiratet und hat zig Kinder! Er ist doch fast so alt wie dein Vater! Dein Dimi liebt dich über alles und ist uns wie ein Sohn! Verrate diese Liebe nicht. Für alles im Leben muss man geradestehen, – versuchte die besorgte Mutter zu beschwichtigen. – Keine Sorge, ich übernehme die Verantwortung. Ich fürchte mich nicht, – Polina blieb standhaft. … Zwei Wochen später reisten Polina und Floyd nach England ab. Polina hatte immer davon geträumt, ein fremdes Land kennenzulernen. Sie sprach perfektes Englisch, sehr gutes Französisch und begann mit Spanisch – man weiß ja nie, wohin das Leben einen führt. Nach dem Studium arbeitete sie als Übersetzerin im Reisebüro, wo sie Floyd kennenlernte, den sie bei seinen Terminen begleiten sollte. Floyd zeigte sofort Interesse an ihr. Polina war offen, herzlich, attraktiv – und vor allem: jung! Sie war 23, Floyd 46. Anfangs nahm sie sein Werben nicht ernst – erst recht nicht, als er ihr schon nach einer Woche einen Heiratsantrag machte. Sie verschwieg Floyd allerdings, dass sie eigentlich gerade ihre eigene Hochzeit mit dem geliebten Dimi plante. Polina war hin- und hergerissen: Eine solche Chance bekommt nicht jede – Ausland, Abenteuer, neue Lebensfreude! Die Liebe zu Floyd zwar nicht, aber ein anderes Leben lockte. Sie war sicher, Dimi würde es irgendwann verwinden; er war ja jung und würde sein Glück finden. So schmiedete Polina im Stillen ihre Pläne für das große Abenteuer. Dem verschmähten Bräutigam berichtete Polina am Telefon von allem. Dimi, völlig überfordert, wünschte ihr trotzdem innerlich alles Gute – bevor er seine Wunden in einem langen, verzweifelten Rausch ertränkte. …Floyd und Polina landeten in London. Polina war überwältigt – ihre Träume wurden wahr! Floyd brachte sie in ein riesiges Haus, begrüßt von seiner Familie: den erwachsenen Söhnen Kay und Evan. (Bald würde Polina Evans Ehefrau werden und mit ihm das große Glück finden.) Etwas später erschien…Floyds Ex-Frau. Leonie, eine sehr gepflegte und attraktive Frau, war entsetzt: – Bist du verrückt, Flo? Wer ist dieses Mädchen? Woher hast du sie? Will sie hier bei uns wohnen? – fuhr sie Floyd an. – Ja, sie wohnt jetzt hier. Erinner dich: Das ist mein Haus. Polina wird meine Frau. Sei nett zu ihr, Leonie, – bat Floyd. Polina litt unter der seltsamen Familiensituation. Die Familie war eigentlich getrennt, lebte aber unter einem Dach, mit Leonie als unumstrittenem Oberhaupt. Doch in Polinas Herz war längst Evan – nicht Dimi mit seinen Problemen. Mit Evan verband sie eine tiefe, neue Liebe. Der jüngere Sohn Floyds, Evan, war 24, gutaussehend, seiner Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten. Auch er fühlte sich zu der geheimnisvollen Neuen hingezogen. Floyd teilte Polina mit, dass die Hochzeit noch warten müsse – warum, blieb offen. Polina akzeptierte, denn zurück in die Heimat wollte sie ohnehin nicht mehr. Sie bezog ein gemütliches Zimmer, der Kontakt zu Floyd blieb freundlich, die Ex-Frau Leonie ignorierte sie weitgehend. … Drei Monate vergingen. In dieser Zeit lernte Polina Evan besser kennen – und er offenbarte ihr schließlich das wahre Familiengeheimnis: Floyd liebt nach wie vor Leonie, und sie ihn. Aus einer riesigen Eifersuchtskrise heraus hatte Floyd Polina ins Haus geholt – als „Braut auf Zeit“, um Leonie eifersüchtig zu machen und so eine Versöhnung zu erzwingen. Sobald die Eltern sich wieder vertragen, würde Polina mit einem liebevollen Souvenir nach Hause geschickt… Polina brach in hysterisches Gelächter aus: – Ausgerechnet ich werde zur Braut auf Zeit! Erst laufe ich selbst vom Altar davon, und jetzt das! Was mache ich bloß? – Ich kann nicht mehr ohne dich, Pola! – erklärte Evan. – Ich auch nicht. Endlich hast du es zugegeben! Ich dachte schon, du traust dich nie, – atmete Polina auf. – Wie sollte ich, wenn du doch mit meinem Vater verlobt bist? Ich wusste ja nichts von den Spielchen der Eltern – Kay hat es mir erzählt. Als ich begriff, dass du wieder frei bist, war ich überglücklich! Und sag mal, hättest du meinen Vater tatsächlich geheiratet? – fragte Evan vorsichtig. – Ach Evan! Als ich dich zum ersten Mal sah, änderte sich alles. Nie im Leben hätte ich deinen Vater geheiratet! – antwortete Polina strahlend. Die beiden fielen sich überglücklich in die Arme. Polina verzieh Floyd und Leonie – Liebe verzeiht vieles, und jede Geschichte hat Licht und Schatten. Am schönsten: Polina hatte Evan gefunden, ihr Glück am anderen Ende der Welt! Oft läuft man dem Glück hinterher – dabei liegt es direkt zu unseren Füßen. Evan und Polina heirateten bald. Um sicherzugehen, dass Polina nicht wieder davonläuft, plante Evan rasch Nachwuchs: Erst kam ein Sohn, dann eine Tochter. Das Glück war vollkommen, das Familienglück im neuen Heim perfekt. Auch Floyd und Leonie fanden wieder zusammen und kümmerten sich mit Freude um ihre Enkel. …Eines Tages erreichte Polina ein besorgter Brief ihrer Mutter – sie solle dringend zu Besuch kommen. Polina reiste allein, ließ die Kleinen bei Oma Leonie. Die Mutter empfing sie unter Tränen: – Oh, Polina! Dein Dimi ist tot! Seine Frau auch. Motorradunfall. Die kleine Tochter ist jetzt ganz allein, sie heißt sogar Polina… Was soll nur werden? Dimi hat dich nie vergessen. Nach deiner Abreise hat er sich rasch neu verliebt, die Kleine kam zur Welt, aber das Glück währte nicht… Kaum hatte er mir von einem „Geschenk für deine Polina“ erzählt, nahm sein Schicksal auch schon ein böses Ende… Polina hörte still zu, dann sagte sie bestimmt: – Wir nehmen Dimis kleine Polina bei uns auf, Mama. Das ist sein „Geschenk“ an uns… Evan wird mir zustimmen, ich weiß es. Im Leben muss man Verantwortung übernehmen. Und jetzt gib mir bitte etwas zu essen – ich bin müde von der Reise und habe Appetit auf einen sauren Apfel oder eine Gewürzgurke. Schwangere Frauen müssen schließlich für zwei essen! – zwinkerte Polina verschwörerisch.
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