BRAUT ZU VERMIETEN
Die Hochzeit fällt aus! verkündete ich beim Abendessen meinen Eltern, als ob es das Selbstverständlichste der Welt wäre.
Meine Mutter verschluckte sich beinahe, so aus heiterem Himmel traf sie meine Nachricht.
Paulina! Bist du noch ganz bei Trost? Das Hochzeitskleid ist gekauft, die Ringe… Das Restaurant ist gebucht… Dein Tim wartet auf diesen Tag wie kein anderer… Paulina, bitte sag, dass das ein Scherz ist! Meine Mutter rang sichtlich mit den Nerven.
Nein, Mama, ich meine es ernst. Bald werde ich mit Floyd nach London gehen. Diesmal ist es wirklich etwas Festes, stellte ich klar.
Was denn für ein London? Da ist alles fremd, ganz anderes Leben, anderes Land. Du wirst dich verlieren, Kind! Glaub mir, dieser Floyd muss dir ja gehörig den Kopf verdreht haben! Wahrscheinlich ist er verheiratet und hat eine ganze Fußballmannschaft Kinder zu Hause! Er ist doch fast ein Rentner! Aber dein Tim liebt dich so sehr! Für uns ist er wie ein Sohn. Tu der Liebe kein Unrecht. Für alles im Leben musst du irgendwann gerade stehen, versuchte meine besorgte Mutter mich wachzurütteln.
Keine Sorge, Mama. Ich stehe zu allem. Mir macht das keine Angst, entgegnete ich unbeirrt.
Wenige Wochen später reiste ich tatsächlich zusammen mit Floyd nach England ab.
Schon als Kind hatte ich davon geträumt, wenigstens ein bisschen etwas über das Leben in anderen Ländern zu erfahren. Ich beherrschte Französisch nahezu perfekt, Englisch sowieso. Ich hatte sogar angefangen, Spanisch zu lernen man wusste ja nie, wohin das Schicksal einen werfen würde. Nach dem Studium arbeitete ich als Übersetzerin im Reisebüro. Dort lernte ich Floyd kennen ich sollte ihn bei verschiedenen Veranstaltungen begleiten. Floyd hatte mich sogleich ins Visier genommen.
Ich galt als kommunikativ und offen, nicht unattraktiv aber vor allem, ich war jung! Ich war dreiundzwanzig, Floyd hingegen bereits sechsundvierzig. Anfangs sah ich seine Annäherungsversuche mit einem amüsierten Lächeln. Niemals hätte ich erwartet, dass er mir gleich einen Heiratsantrag machen würde. Und das nach nur einer Woche! Ich hatte ihm nichts davon gesagt, dass in Deutschland schon bald die Hochzeit mit meinem geliebten Tim anstand.
Ich war verwirrt. Was sollte ich tun? Die Chance, einen Ausländer zu heiraten, bekommt nicht jede! Und das durfte ich nicht verpassen. Auch wenn ich Floyd nicht liebte, würde es doch ein spannendes neues Leben geben voller Freude, Aufregung und Abenteuer! Floyd würde mit einer jungen Ehefrau sicher zufrieden sein. Natürlich würde Tim leiden, aber die Zeit heilt alle Wunden. Er war jung. Früher oder später findet er sein Glück auch.
Mit diesen Gedanken machte ich mich auf den unbekannten Weg.
Per Telefon erzählte ich Tim alles. Er verstand wenig, akzeptierte es aber gefasst und wünschte mir das Beste, trotz gebrochenem Herzen. Danach verlor er sich so hörte ich in wochenlangen Saufgelagen.
Floyd und ich landeten also in London.
Ich konnte mein Glück kaum fassen! Die Welt lag mir zu Füßen. Würden sich meine Träume tatsächlich erfüllen? Ich wollte das Glück am liebsten festhalten wie einen Vogel, der jeden Moment entfliegen könnte.
Floyd brachte mich in ein riesiges Haus. Seine Familie erwartete uns schon zwei erwachsene Söhne, Felix und Elias. (Später sollte ich Elias heiraten und überglücklich werden.) Kurz darauf kam noch eine Frau dazu die Ex-Frau von Floyd, Leonie. Gepflegt und attraktiv, doch ihre Miene spiegelte Unmut wider.
Bist du verrückt geworden, Flo? (so nannte sie Floyd zu Hause) Wer ist dieses Mädchen? Wo hast du es nur ausgegraben? Und sie soll jetzt hier wohnen?, schimpfte sie sichtlich erregt.
Ja, sie wird hier bleiben. Ich möchte dich daran erinnern, dass das mein Haus ist. Paulina wird bald meine Frau. Lass sie in Ruhe, Leonie, erwiderte Floyd in fast bittendem Ton.
Das alles machte mich nervös. Die Familie war zwar getrennt, lebte aber immer noch unter einem Dach. Bald merkte ich, dass Leonie weiterhin das Sagen hatte. Doch in meinem Herzen war bereits kein Platz mehr für Floyd sondern für Elias. Das war kein Tim, der voller Tränen auf Knien um Vergebung bat. Das war echte, wortlose Liebe. Klar und ewig.
Floyds jüngerer Sohn, Elias, war vierundzwanzig, sah seiner Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten ähnlich ein schöner Kerl. Kaum hatte ich die Türschwelle übertreten, schoss etwas Unsichtbares zwischen uns. Wir fühlten uns zueinander hingezogen wie von einem Magneten.
Bald meinte Floyd, wir müssten mit der Hochzeit noch abwarten, nannte aber keinen Grund. Ich nahm es widerspruchslos hin eine Rückkehr nach Deutschland kam für mich eh nicht infrage.
Glücklicherweise bekam ich ein gemütliches Zimmer das Haus bot genug Platz. Die Beziehung zu Floyd blieb freundlich und harmlos. Leonie dagegen ignorierte mich nach Kräften.
Drei Monate vergingen. Ich lernte Elias näher kennen. Er erklärte mir dann schließlich, was in der Familie tatsächlich vorging.
Angeblich liebte Floyd seine Ex-Frau Leonie noch immer und sie ihn auch. Doch eines Tages hatte ein heftiger Streit zur Scheidung geführt. Eine Versöhnung blieb aus. Aber Floyd wollte Leonie eifersüchtig machen und suchte sich dafür eine vermeintliche Braut. In mir fand er die perfekte Kandidatin.
Sobald sich die beiden Ex-Partner versöhnen würden, wollte man mich mit ein paar Paketen aus London wieder zurück nach Deutschland schicken.
Als ich das von Elias hörte, musste ich erst bitter, dann herzlich lachen. Da habe ich es: Ich bin eine Braut zu vermieten! Damals bin ich vor dem eigenen Bräutigam geflüchtet. Und jetzt? Elias, was soll ich machen?
Paulina, ich will dich nicht verlieren! erklärte Elias geradeheraus.
Ich dich auch nicht. Endlich! Ich hatte schon Angst, du sagst es niemals!, seufzte ich erleichtert.
Wie hätte ich das können, solange du die Braut meines Vaters warst? Ich wusste nichts von dem Spiel meiner Eltern Felix hat es mir erzählt. Als ich das verstand, war ich überglücklich. Die Frau, die ich liebe, war plötzlich frei! Paulina, hättest du meinen Vater wirklich geheiratet?, hakte Elias noch nach.
Ach, Eli, (so nannte ich ihn mittlerweile zärtlich), seit ich dich gesehen habe, hatte sich mein Herz entschieden. Ich hätte deinem Vater einen Korb gegeben, antwortete ich und lächelte.
Wir umarmten uns. Ich nahm Floyd und Leonie nichts übel. Was tut man nicht alles aus Liebe? Wer sich auf den Weg macht, stolpert auch mal. Doch in dieser kleinen, schrägen Familienkomödie steckte etwas Gutes: Ich hatte Elias gefunden. So merkwürdig das Schicksal auch spielen mag irgendwo da draußen gibt es für jeden das große Glück.
Das Glück, wonach man immer sucht, liegt einem manchmal direkt zu Füßen. Elias und ich heirateten bald. Elias hatte Sorge, ich könnte mich noch einmal umentscheiden und nach Deutschland verschwinden. Also verschwendeten wir keine Zeit: Bald bekamen wir einen Sohn, später eine Tochter.
Elias überschüttete mich mit Liebe und Fürsorge. Unsere Familie war rundum glücklich, unsere Kinder waren Sonnenschein und Mittelpunkt unseres Lebens.
Übrigens: Floyd und Leonie waren inzwischen längst wieder ein Paar. Manche Verletzungen brauchen eben ihre Zeit. Künftig gingen sie zärtlicher und achtsamer miteinander um sie wussten jetzt, wie wertvoll Frieden ist. Und sie wurden die besten Großeltern, die sich unsere Kinder hätten wünschen können.
Eines Tages erreichte mich ein besorgter Brief von Mama. Sie bat mich, wieder einmal nach Hause zu kommen. Ich packte meine Sachen, ließ die Kinder bei Oma Leonie zurück für solch eine Reise waren sie noch zu klein.
Mich überkam eine innere Unruhe, als ich ankam. Mama empfing mich tränenüberströmt und rief schon von der Tür:
Ach, Paulina! Dein Tim er ist ums Leben gekommen! Und seine Frau gleich mit! Motorradunfall… Seine Tochter ist nun ein Waisenkind, erst drei Jahre. Ein Unglück, sag ich dir!
Weißt du, Paulina, er hat dich nie vergessen. Als du fort bist, hat er sich schnell eine andere gesucht, wollte sich ablenken. Irgendwo hat er so ein armes Geschöpf aufgelesen, sie bekam gleich ein Kind von ihm ein Mädchen, Paulina haben sie sie genannt. Ein kluges Kind, wem sie das wohl verdankt? Jetzt kommt sie ins Heim… Was soll’s? Und das Traurigste: Kurz vor seinem Tod kam Tim zu mir und sagte, er wolle der kleinen Paulina ein Geschenk machen, dass sie ihn nie vergesse! Aber dazu kam es nicht mehr… Mama wischte sich die Tränen am Schürzenzipfel ab.
Ich hörte ruhig zu. Nach kurzem Nachdenken sagte ich: Er hat es geschafft, Mama. Elias und ich nehmen seine kleine Paulina bei uns auf. Das ist das beste Geschenk, das Tim hätte machen können.
Elias wird mich dabei unterstützen, da bin ich sicher. Für alles im Leben muss man Verantwortung übernehmen, Mama. Du weißt das doch…
Und jetzt, mach mir bitte was zu essen, ich bin völlig ausgehungert von der Reise. Vielleicht ein schönes saures Äpfelchen… oder ein paar Salzgürkchen? Man sagt doch, werdende Mütter sollen für zwei essen! Ich zwinkerte Mama verschwörerisch zu…





