Elfriede atmete erschöpft, aber glücklich aus, als sie ihre Kinder ins Taxi setzte. Marlies war vier, Anton ein gutes Jahr alt. Sie hatten wundervolle Tage bei Oma und Opa verbracht: Kekse, Umarmungen, Märchen und das erlaubte ein bisschen mehr als zu Hause-Glück.
Auch Elfriede war von Herzen froh über den Besuch. Eltern, Schwestern, Nichten das alte Zuhause nahm sie wortlos und bedingungslos auf. Mamas Essen war unwiderstehlich. Der Weihnachtsbaum funkelte mit altmodischen, irgendwie rührenden Schmuckstücken. Papas Trinksprüche zogen sich, aber kamen immer von Herzen. Mamas Geschenke liebevoll ausgesucht, nützlich, voller Fürsorge.
Einen Moment lang fühlte sich Elfriede selbst wie ein Kind. Am liebsten hätte sie gesagt: Mama, Papa, danke, dass es euch gibt!
Zusammen mit den Kindern saß sie im Taxi. Die Fahrt war ruhig, die Kleinen wurden schnell müde und schliefen eng aneinandergeschmiegt auf dem Rücksitz ein satt, zufrieden und selig.
Auf dem Heimweg bat Elfriede den Fahrer beim kleinen Kiosk am Straßenrand zu halten.
Einen Augenblick, ich hole nur kurz Windeln und etwas Wasser, sagte sie.
Fünf Minuten später stieg sie wieder ein und ihr Herz rutschte in den Abgrund.
Die Kinder waren verschwunden.
Vorne plauderte der Fahrer munter mit einer unbekannten jungen Frau.
Was brachte Elfriede stockend heraus.
Die Frau auf dem Beifahrersitz drehte sich blitzschnell um:
Wer bist du? Was willst du hier?
Der Fahrer zuckte die Schultern:
Keine Ahnung! Dann zu Elfriede: Wer sind Sie? Was möchten Sie?
Spinnt ihr? Wo sind meine Kinder?!
Wie, du hast auch noch Kinder?! kreischte die andere und drosch wild mit ihrer Handtasche auf den Fahrer ein.
Sag mal, lassen Sie hier jeden einsteigen?! schrie Elfriede jetzt und fuchtelte mit den Armen Wo sind meine Kinder, verdammt nochmal?!
Drei, fünf Minuten tobte im Auto ein apokalyptisches Chaos: Schreie, Vorwürfe, Gestikulieren, empfundene Weltungerechtigkeit.
Plötzlich öffnete sich eine andere Tür. Ein Mann beugte sich herein und sagte ganz ruhig:
Entschuldigen Sie… Das ist gar nicht Ihr Wagen. Ich stehe mit Ihrem Taxi ein Stück weiter vorne.
Die Welt hielt den Atem an. Elfriede schloss wortlos und mit hitzigen Wangen die Tür, sprang heraus und rannte zum baugleichen, hellen Taxi, das ein paar Meter weiter parkte.
Sie riss die Tür auf.
Auf dem Rücksitz schliefen ihre Kinder friedlich weiter. Zwei kleine Engel ohne eine Regung.
Elfriede atmete aus, als wäre sie eben vom Abgrund zurückgekehrt, stieg ein, schloss die Tür und murmelte:
Fahren Sie bitte…
Plötzlich überkam sie ein Lachanfall, wild, nervös, befreiend. Auch der Fahrer brach in ein schallendes Gelächter aus, wischte sich die Augen und war sichtbar erleichtert, dass alles so abging ohne Drama, dafür mit einer Geschichte fürs Leben.
Elfriede sah auf ihre schlafenden Kinder und begriff eine schlichte Wahrheit: Im Alltag sind Eltern weich, erschöpft, lachend, manchmal zerstreut. Aber sobald Gefahr auch nur aufblitzt, erwacht in ihnen ein Löwe!
Ohne Zögern, ohne Nachdenken oder Angst gibt es nur noch eins: beschützen!
So ist die Liebe. Still, solange alles gut läuft, unerschütterlich, wenn es um Kinder geht.




