War Lieselotte wieder da? Danach ist unser Kühlschrank immer leer – und das Geld gleich mit! Eine typisch deutsche Familiengeschichte voll dreister Forderungen, Schwiegermutter-Klüngelei und der ewigen Frage: Sollen wir unsere Verwandten dauerhaft durchfüttern?

War deine Schwester wieder bei uns? Danach ist der Kühlschrank immer wie leer gefegt!

Franz, war deine kleine Waltraud wieder da? fragte Brigitte ihren Mann, während sie in den halbleeren Kühlschrank spähte. Jedes Mal nach ihrem Besuch ist unser ganzes Essen verschwunden.

Ja, sie war kurz hier, antwortete Franz. Sie hat wieder gejammert, dass sie kein Geld haben. Ich konnte sie doch nicht mit leeren Händen gehen lassen, schließlich ist sie meine Schwester.

Hast du Waltraud vielleicht auch noch Geld zugesteckt?

Nur ein paar hundert Euro, gab Franz zerknirscht zu. Waltraud erzählte, Bernd hat wieder Ärger in der Firma, und sie können kaum ihre Warmmiete zahlen.

Wer hätte das ahnen können… Ich raff nicht, warum sie unbedingt mit zwanzig heiraten musste. Hätte deine Mutter sie damals nicht aufhalten können?

Du weißt doch, wie stur Waltraud ist. Wenn sie sich was in den Kopf setzt, dann ist sie nicht zu bremsen. Aber keine Sorge, irgendwann lernt sie sicher noch, auf eigenen Füßen zu stehen.

Brigitte seufzte so laut, dass sogar der Kühlschrank bibberte. Selbständigkeit ist ja schön und gut, aber bisher hat Waltraud nur auf Kosten der Verwandtschaft gelebt.

* * *

Bernd war auch kein großer Zampano immerhin gerade mit der Ausbildung fertig, aber geizig mit Geschenken für seine Frau. Waltraud wollte partout nicht arbeiten, überzeugt, dass Bernd sie durchfüttern müsste.

Waltrauds und Franz Mutter, Gertrud, hielt natürlich auch zu ihrer Tochter. Sie sah, dass es vorne und hinten an Geld mangelte, unterstützte Waltraud ständig und erwartete, dass Franz genauso mithalf.

Sie ist doch noch so jung, sie muss gut ausschauen, meinte Gertrud. Waltraud hat einfach noch nicht den Traumjob gefunden, und Bernd ist halt sparsam. Da ist es unsere Pflicht, sie zu unterstützen.

Und Franz gab, was er konnte. Aber Brigitte war das schnell zu bunt. Sie verstand partout nicht, warum ihr eigener Mann einen Teil seines Gehalts direkt in die offene Hand seiner Schwester stopfte, während sie selbst mit Franz in einer Mietwohnung hausten und jeden Cent doppelt umdrehten, nur damit ihnen irgendwann eine Eigentumswohnung winken mochte und dann hatte man noch so eine Schwester am Hals.

* * *

Eines Tages kam Brigitte nach Hause, und siehe da: Schwiegermutter Gertrud saß mit Waltraud auf der Couch, tuschelnd mit Franz. Als Brigitte den Raum betrat, war plötzlich Ruhe. Es lag etwas in der Luft.

Darf ich wenigstens wissen, was ihr gerade plant? fragte Brigitte scharf. Ich wette, es geht wieder ums liebe Geld.

Da täuscht du dich, lachte Gertrud mit der Souveränität einer altgedienten Familienministerin. Es geht um Familienangelegenheiten, die dich nichts angehen.

Brigitte hob eine Augenbraue, drehte sich auf dem Absatz um und verschwand in die Küche, um das Abendessen zu machen. Keine fünf Minuten später stand Waltraud grinsend da, öffnete in aller Selbstverständlichkeit den Kühlschrank und seufzte.

Warum ist hier eigentlich gähnende Leere? Musstest du nicht einkaufen, Brigitte?

Hab ich doch, antwortete Brigitte leicht angesäuert. Aber mein Gehalt kommt erst in zwei Tagen, also gibts eben mal nur das Nötigste. Wenn du Hunger hast, kann ich Suppe warm machen.

Nee, sowas ess ich nicht. Ich zahl ohnehin kein Geld für Essen, ich bestell lieber Pizza, lass mir Sushi bringen und geh mit Bernd ins Café.

Und wie passt das zu Wir sind so arm? Schmeißt Bernd dafür das Geld zum Fenster raus, oder braucht ihr einen weiteren Sponsor?

Dann frag ich Mama und Franz, die helfen immer. Familie ist doch dafür da!

Kurz darauf zogen Gertrud und Waltraud wieder ab. Brigitte nutzte die Chance, ihren Mann zu befragen.

Und, warum waren sie wirklich da?

Mama plant, das Wochenendhaus zu verkaufen, erklärte Franz. Sie möchte, dass ich einen Gefallen tue. Sie will Waltraud das ganze Geld schenken. Die ist jung, ein bisschen Starthilfe braucht man da.

Und das findest du richtig? Brigitte riss die Augen auf. Ich bin dagegen, dass alles an deine Schwester geht. Das wird sie nie lernen!

Brigitte, du hältst dich da bitte raus. Das Haus gehört Mama und sie entscheidet, was sie damit macht.

Franz verließ fluchtartig das Zimmer. Er war stolz auf seine Hingabe und Großzügigkeit also, wenns um Waltraud ging.

* * *

Das Wochenendhaus war ratzfatz verkauft. Brigitte ahnte schon, dass Waltraud das Geld garantiert nicht als Sicherheitsrücklage bunkern würde. Restaurants, Mode, neues Smartphone das schöne Leben war endlich in greifbarer Nähe.

Kaum war der Euro alle, jammerte Waltraud wieder bei Mama vor:

Mamaaa, ich hab kein Geld mehr! Jetzt brauch ich einen Führerschein und ein Auto! Euch gehört doch bestimmt noch irgendwas Wertvolles, das ihr für mich verkaufen könntet? Andere Eltern kaufen ihren Kindern Wohnungen, wir sind die Einzigen ohne was! Warum sind wir so arm?

Gertrud traute ihren Ohren kaum. Nicht einmal sie hatte gedacht, dass ihre Tochter so schnell alles durchbringt. Nach einem tiefen Seufzer sammelte sie sich:

Waltraud, wir sind abgebrannt. Ich dachte, du würdest das Geld wenigstens anlegen, aber so Such dir einen Job, du bist doch gelernte Buchhalterin.

Genau das mach ich nicht! Buchhalterin den ganzen Tag Zahlen eingeben? Ich bin erst zwanzig, Bernd und ihr könnt ruhig weiter für mich sorgen. Wozu hat man Familie?

Wir finden schon einen Weg Warte mal, überlegte Gertrud und fasste gleich neuen Mut, wir könnten Franz nochmal fragen! Die sparen für eine Eigentumswohnung, da ist sicher noch was zu holen.

Meinst du, die geben noch was? Diese Brigitte ist so knauserig, die zählt sogar die Brötchen ab. Wenigstens Franz ist großzügig.

Na dann, nichts wie hin! sagte Gertrud, bereit für den nächsten Bettel-Zug. Mich können sie nicht abwimmeln.

Eine Stunde später standen Mutter und Tochter wieder bei Franz und Brigitte im Flur. Den beiden Gastgebern war klar: Jetzt gibts mal wieder keine Überraschungstorte, sondern Forderungen.

Franz, das ist ein äußerst wichtiges Anliegen! polterte Gertrud los, kaum hatten sie die Schuhe abgestreift. Das liegt uns sehr am Herzen.

Brigitte rollte die Augen. Ihr war klar, was kommt.

Was ist denn schon wieder los?

Waltraud braucht jetzt ein Auto, aber ihr ganzes Geld ist schon für Schönes draufgegangen, gestand Gertrud mit zerknirschtem Lächeln. Könnt ihr uns nicht ein bisschen helfen?

Brigitte glaubte, sich verhört zu haben:

Ach du Schreck! Das ganze Geld ist weg? Ihr habt doch einen Haufen dafür bekommen! Waltraud, vielleicht solltest du mal über deinen Lebensstil nachdenken.

Du hast mir gar nichts zu sagen! wetterte Waltraud. Ich hab Ansprüche ich will keine graue Maus sein. Ich geh in gute Restaurants, lasse mich verwöhnen und lebe lieber jetzt als nie!

Schon mal an Arbeit gedacht? stichelte Brigitte. Soll helfen, wenn man nicht dauernd Verwandte anpumpen will.

Franz, sichtlich bemüht, einen Skandal zu verhindern, beschwichtigte:

Kommt, lasst uns erstmal reden. Ein Auto ist leider nicht drin, aber wir könnten ein bisschen was dazugeben.

Siehst du, ich wusste, dass du unser Guter bist! freute sich Gertrud sichtlich.

Willst du mich eigentlich auch mal fragen? mischte Brigitte sich erneut ein. Von mir gibts keinen Cent! Waltraud hat einen Mann, der soll sehen, wie er klarkommt. Diskussion beendet!

Franz blickte bekümmert zwischen Mutter und Ehefrau hin und her und murmelte:

Anna, das ist unser gemeinsames Geld, da kann ich auch drüber entscheiden. Es ist ja nur ein Darlehen, Mama zahlt sicher zurück.

Selbstverständlich, nickte Gertrud eifrig. Oder denkst du, ich bin eine Betrügerin?

Brigitte fühlte sich jetzt so richtig klasse als würde sie Gertrud tatsächlich misstrauen. Aber noch mehr Angst hatte sie, auf alle Ersparnisse zu verzichten.

Nein, tut mir leid, wir können euch wirklich nicht helfen. Wir sparen auf eine Wohnung das geht einfach vor.

Komm, Mama, wir gehen, fauchte Waltraud. Die denken nur an sich!

Empört stapfte Waltraud davon, Gertrud folgte, nicht ohne Franz noch zuzuflüstern:

Franz, wir sprechen uns noch mal. Meinst du nicht, dass dir langsam deine Frau auf der Nase herumtanzt?

Kaum war die Tür zu, bekam Brigitte die volle Breitseite von Franz ab.

Wie kannst du nur! Was soll Mama jetzt nur denken? Dass wir zu geizig sind, ja?

Ist das eine Notlage? rief Brigitte. Hat uns jemals jemand von den Verwandten unterstützt?

Ein paar Tage später vertrugen sich die beiden wieder. Brigitte ahnte jedoch nicht, dass Franz still und heimlich das mühsam zusammengesparte Wohnungsgeld schnappte und es seiner Mutter überreichte.

Gertrud strahlte, als sie das gefüllte Briefumschlag sah:

Ein Glück, dass ich dich richtig erzogen habe, Junge! Mach dir keine Sorgen, irgendwann hilft Waltraud dir bestimmt zurück. Sag Brigitte lieber nix davon! Ihr seid doch noch jung und könnt immer wieder sparen.

* * *

Einmal scrollte Brigitte gelangweilt durchs Handy und sah brandneue Fotos von Waltraud: da thronte sie am Steuer eines flotten Kleinwagens und freute sich wie ein Königspudel. Etwas stimmte nicht. Brigitte schnappte sich Franz:

Hast du gesehen, dass Waltraud doch ein Auto gekauft hat? Hat Bernd jetzt im Lotto gewonnen? Oder hast DU geholfen?

Ja, ich weiß von dem Auto, gab Franz kleinlaut zu. Wir haben halt alle was dazugegeben. Es war ein Gemeinschaftswerk.

Was heißt wir? Hast du etwa auch was gegeben? Und schweigst mir alles vor?

Franz schwieg, aber Brigitte wusste sofort Bescheid. In Windeseile durchsuchte sie die Kommode und tatsächlich, das gesamte Sparkonto war geplündert.

Sag mal, bist du von allen guten Geistern verlassen? schrillte sie los. Du hast alles, was wir für eine Wohnung gespart haben, deiner Schwester überwiesen? Echt jetzt?

Diesmal raste Franz aus der Haut:

Darum brauchst du dich nicht zu kümmern! Ich bin das Familienoberhaupt! Wir können jederzeit neu sparen, aber Waltraud braucht JETZT Hilfe. Und wenn du gegen meine Verwandten wetterst, überlege ich, ob ich so eine Frau überhaupt noch will!

Ach ja? Brigitte starrte ihn entgeistert an. Tja Franz, ehrlich gesagt, ich hab mich schon entschieden, dich nicht mehr zu wollen. Ich pack jetzt meine Sachen und, by the way, die Hälfte des Ersparten hole ich mir zurück!

Brigitte stopfte hektisch Klamotten in einen Koffer, und tief im Innersten hoffte sie, Franz würde sie aufhalten. Aber der saß gelassen vor der Sportschau, als wäre nichts gewesen.

Das wars? Ich geh jetzt wirklich, Franz.

Dann geh. Und bleib weg, wenn du dich nicht änderst, schnarrte er mit eiskalter Stimme.

Brigitte zog zu ihrer Mutter und reichte einen Monat später die Scheidung ein. Es ist halt schwierig, mit jemandem zusammenzuwohnen, der einem null Respekt zeigt. Übrigens, die Ersparnisse hat sie sich mithilfe einer angedrohten Klage vom Ex zurückgeholt. Und dann schmunzelte sie mit ihren Freundinnen: Manchmal muss man sich eben trennen, nur um seine Ruhe zu haben und wegen der Frechheit anderer!

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Homy
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