Entschuldige, Mama, komm bitte gerade nicht zu uns, ja? sagt meine Tochter leise, fast nebenbei, während sie sich in der Diele ihre Turnschuhe zubindet. Danke dir für alles, ehrlich, aber momentan momentan ist es besser, du bleibst zu Hause und ruhst dich etwas aus.
Ich stehe schon bereit, meine Tasche in der einen Hand, den Mantel übergeworfen, wie immer, um wie gewöhnlich zu meiner Enkelin nach Eimsbüttel zu fahren, während meine Tochter zum Pilates geht. Alles lief immer reibungslos ich kam vorbei, passte ein paar Stunden auf, fuhr dann zurück in meine kleine Einzimmerwohnung in Altona. Aber heute ist irgendetwas anders. Nach ihren Worten bleibe ich wie angewurzelt stehen.
Was war los? Hatte ich etwas falsch gemacht? Das Baby nicht richtig in den Schlaf gewiegt? Den blauen statt des roten Stramplers angezogen? Falsch gefüttert? Oder einfach zu wenig gelächelt?
Aber nein, es war banaler und viel schmerzhafter.
Es ging um die Schwiegereltern. Wohlhabend, angesehen, in Hamburg bestens vernetzt, haben sie plötzlich beschlossen, fast täglich vorbeizuschauen. Mit ernster Miene bringen sie teure Geschenkkörbe mit Nürnberger Lebkuchen und sitzen dann am großen Holztisch aus dem hauseigenen Möbelhaus, den sie zur Hochzeit überreicht haben. Auch die Wohnung gleich neben der Außenalster stammt von ihnen.
Die Kissen, der hochwertige Earl Grey alles von ihnen. Und nun breiten sie sich überall aus, bringen sogar einen besonderen Darjeeling mit und nehmen das Enkelkind einfach in Beschlag. Und ich ich werde nicht mehr gebraucht.
Ich, die jahrzehntelang bei der Deutschen Bahn gearbeitet hat, eine einfache Frau, ganz ohne Titel und Schmuck, ohne Pelzjacke im Winter oder Designerkleidung.
Schau dich doch mal an, Mama, sagt meine Tochter. Du hast zugelegt. Dein Haar ist ganz grau geworden. Du wirkst nachlässig. Diese Pullover von C&A grauenvoll! Und du riechst immer noch irgendwie nach Bahnhof. Weißt du?
Ich sage nichts. Was hätte ich denn sagen sollen?
Als sie weg war, stellte ich mich vor den Spiegel im Flur. Ja, im Glas sah ich eine Frau mit müden Augen, kleinen Linien um den Mund, in einem ausgebeulten Wollpullover, die Wangen rund und rot vor Scham. Eine Welle von Selbstverachtung trifft mich wie ein überraschender Platzregen an einem Frühlingsnachmittag. Ich gehe raus, brauche frische Luft, und spüre, wie mir die Kehle zuschnürt, während die Tränen unaufhaltsam laufen. Bittere, verräterische Tränen.
Zurück in mein kleines Apartment am Stadtrand. Ich setze mich aufs Sofa, nehme mein altes Nokia, auf dem noch Fotos gespeichert sind. Da ist meine Tochter als kleines Mädchen. Mit Schultüte am ersten Tag, das Abi-Zeugnis, die Hochzeit, und jetzt meine Enkelin strahlend im Gitterbettchen.
Mein ganzes Leben in diesen Bildern. Alles, wofür ich gearbeitet, worauf ich mein Herz gesetzt habe. Und jetzt heißt es komm nicht vorbei. Dann ist das eben so. Meine Zeit ist wohl vorbei, meine Rolle gespielt. Jetzt gilt es, nicht im Weg zu stehen. Keine Last zu sein. Ihr Leben nicht mit meiner gewöhnlichen Erscheinung zu stören. Wenn sie mich brauchen werden sie mich schon anrufen. Vielleicht.
Es vergeht ein wenig Zeit. Dann, eines Abends, das Telefon klingelt.
Mama die Stimme klingt müde und brüchig. Kannst du vorbeikommen? Die Tagesmutter ist ganz plötzlich abgesprungen, die Schwiegereltern na ja, zeigten ihre wahre Seite. Und Markus ist mit seinen Kumpels unterwegs, ich bin hier ganz allein.
Ich halte ein, atme ruhig durch und antworte:
Es tut mir leid, meine Liebe. Im Moment kann ich nicht kommen. Ich muss mich erst mal um mich selbst kümmern. Vorzeigbar werden, so wie du meintest. Wenn es soweit ist vielleicht komme ich dann vorbei.
Ich lege auf und lächle zum ersten Mal seit langem. Traurig, aber voller Stolz.





