Knöpfchen? Ach was, ich hab sie Tanne genannt. Sie ist hier heute Morgen herumgewuselt. Man hat ihr sofort angemerkt, dass sie verloren gegangen ist. Dann hat sie sich bei meinen Füßen zusammengerollt und aufgewärmt. Da hab ich sie ins Auto gesetzt, damit sie nicht draußen erfriert, die Arme, lächelte der Mann…
Anna, musst du eigentlich immer so ein Pech haben? Wie oft hab ich dir schon gesagt, dieser Viktor passt einfach nicht zu dir! schimpfte Annas Mutter.
Ich stand da, den Blick gesenkt. Obwohl ich erst vor kurzem siebenunddreißig geworden war, fühlte ich mich wie ein kleines Schulmädchen mit einer schlechten Note im Zeugnis.
Und bitter war mir zumute. Bitter und traurig wegen meiner gescheiterten Ehe, wegen mir selbst und meiner kleinen Tochter. Jetzt, kurz vor Weihnachten, standen wir ohne “Vater der Familie” da.
Ich gehe, sagte Viktor ganz beiläufig an dem Abend, als wäre es das Normalste auf der Welt. Ich begriff erst gar nicht, was er meinte.
Wohin gehst du? fragte ich fast mechanisch, während ich ihm einen Teller dampfenden Eintopf hinstellte.
Anna, du bist wirklich manchmal weltfremd. Verstehst du denn gar nichts Ernstes? Wie hab ich es bloß all die Jahre mit dir ausgehalten? verdrehte Viktor theatralisch die Augen.
Ich konnte gar nichts entgegnen, da legte er gleich nach:
Ich halte das einfach nicht mehr aus! Und dann auch noch dein Hund, dieser ewige Kläffer. Die Kleine ist ständig krank. Keine Romantik, Anna. Schau dich an, wie siehst du eigentlich aus? damit endete sein wütender Monolog.
Ich versuchte mein verängstigtes Spiegelbild in der Vitrine zu erkennen, das misslang jedoch, denn Tränen liefen einfach von selbst über mein Gesicht. So blieb ich allein in der Küche stehen.
Viktor konnte Tränen nicht ertragen. Er warf noch einen traurigen Blick auf den Eintopf, stand auf und ging seine Sachen packen…
Die kleine Hündin Knöpfchen spürte, dass etwas nicht stimmte. Sie lief um meine Beine und wimmerte, versuchte mich zu trösten.
Wenigstens kann ich endlich mal ruhen, ohne dieses ewige Gejaule! rief Viktor aus dem Türrahmen, mit der Reisetasche über der Schulter.
Viktor, und was ist mit Eva? flüsterte ich, in Gedanken daran, wie sehr sich unsere Tochter darüber aufregen würde. Sie schlief gerade friedlich in ihrem Zimmer.
Du bist doch die Mutter, lass dir was einfallen! entgegnete er nur und verließ unter Knöpfchens Jaulen die Wohnung.
Die ganze Nacht blieb ich mit Knöpfchen auf dem Küchenboden sitzen. Sie leckte mir sanft über die Hände, fast so, als wollte sie Hoffnung schenken. Sie wusste, dass irgendetwas Schreckliches geschehen war.
Ein paar Tage lang wusste ich nicht, wie ich es meiner Mutter erzählen sollte. Sie rief regelmäßig an, fragte, wie es uns ging. Ich antwortete nur kurz angebunden und schaltete dann das Handy aus.
Und, hast du schon was Passendes gefunden? Wenn dieser Viktor dich sitzen lässt, wovon willst du leben? fragte meine Mutter, als sie zu Besuch kam.
Da konnte ich nicht mehr und brach in Tränen aus. Ich erklärte ihr, dass ich seit Wochen Absagen schrieb, keinen Job bekam und dass Viktor schon vor Tagen gegangen ist.
Sie stöhnte auf. Offenbar hatte sie mit so etwas nicht gerechnet.
Klar, das mit ihm war mir ja gleich klar. Fünf Jahre zusammen, die Kleine bekommen aber heiraten? Nein, das zog er nie in Erwägung, schimpfte sie.
Natürlich tat ihr ihre Tochter und Enkelin leid.
Und wie gehts nun weiter? fragte sie schließlich.
Ich zuckte mit den Schultern:
Ich probiers als Erzieherin im Kindergarten, bei Eva. Wenigstens das, antwortete ich resigniert.
Lange kannst du von dem Gehalt nicht leben Und den Hund musst du auch noch füttern, resümierte sie. Tiere waren nie ihr Ding. Besonders Knöpfchen, die ich mal von der Straße aufgelesen hatte, duldete sie nur widerwillig im Haus.
Sie wollte noch irgendetwas hinzufügen, verstummte dann aber, als sie meine Tränen bemerkte.
Nun hör schon auf zu weinen. Ich helf euch. Notfalls passe ich auf Eva auf, versuchte sie mich zu beruhigen.
So verging noch eine Woche.
Inzwischen hatte ich tatsächlich einen neuen Job gefunden. Nun ging ich morgens gemeinsam mit Eva in den Kindergarten. Sie freute sich.
Mama, können wir Knöpfchen nicht auch als Helferin mitnehmen? Oma schimpft sonst nur, weil sie mit ihr Gassi gehen muss. Und Knöpfchen könnte doch beim Tellerwaschen helfen, während du arbeitest, und uns beim Mittagsschlaf bewachen! scherzte Eva.
Ich musste lachen, nahm sie in den Arm. Doch sobald sie fragte:
Mama, kommt Papa denn bis Weihnachten zurück? Denkst du, er schafft es?
Stieg wieder Traurigkeit in mir auf. Ich konnte ihr nicht die Wahrheit sagen. Also erzählte ich etwas von einer wichtigen Dienstreise. Ich rief Viktor an, versuchte ein Treffen auszumachen, aber er vertröstete mich:
Anna, ich will jetzt auch mal mein eigenes Leben leben. Sag Eva, ich wäre ein Geheimagent und hätte einen Spezialauftrag. Es dauert noch, bis ich wiederkomme, sagte er am Telefon und fragte beiläufig, ob ich irgendwo seinen Krawatte gesehen hätte.
Ich hab ja sonst nichts Passendes zu Silvester, murmelte er dann noch und legte auf.
Ich saß lange nachdenklich da. Ich wusste wirklich nicht, wie ich diesen Jahreswechsel überstehen sollte. Was ich Eva überhaupt noch sagen sollte?
Dann kam alles anders, als ich dachte. Oma führte Eva gerade zur Kinderärztin. Sie war zwar immer noch etwas erkältet, fühlte sich aber schon besser. Plötzlich stand Viktor vor ihnen, wie aus dem Nichts.
Papa! Bist du wieder da? rief Eva und rannte auf ihn zu.
Er zuckte zusammen, rang sich ein Lächeln ab und erklärte ihr leise, dass er und ich nicht mehr zusammen wohnen würden. Dann verschwand er wieder.
Vielleicht schau ich nochmal vorbei, wenns geht, sagte er beim Gehen.
Eva stand da, versteinert, und hauchte:
Du brauchst nicht mehr zu kommen.
Abends bekam sie wieder Fieber. Zwei Tage später kam der Kinderarzt ins Haus.
Eva wollte mit niemandem mehr sprechen, schien auch kein Interesse mehr daran zu haben, gesund zu werden.
Das ist wohl der Stress, meinte der Arzt, nachdem er unsere Geschichte erfahren hatte.
Ich gab mir die Schuld:
Ich hätte Eva gleich aufklären müssen, sie ist doch klug, sie hätte es verstanden, sagte ich zu meiner Mutter. Sie schüttelte nur stumm den Kopf.
Zwei Tage darauf folgte der nächste Schock. Oma ging in Eile mit Knöpfchen spazieren ohne Leine. Die Hündin zeigte plötzlich ihren eigenen Kopf.
Als sie Oma wegen irgendetwas anmaulte, machte Knöpfchen kehrt, rannte los und verschwand in der nächsten Seitenstraße.
Ach, willst du dich nicht benehmen? Dann bleib halt draußen. Mal sehen, wie du frierst na, dann kommst du schon zurück, murmelte Oma, bevor sie schnurstracks ins Haus ging, um Eva ihr Medikament zu geben.
Doch Eva stellte die Nahrungsaufnahme komplett ein, als sie von Knöpfchens Verschwinden erfuhr. Meine Beteuerungen, die Hündin zu finden, halfen nicht.
Wenn Knöpfchen zurück ist, esse ich wieder, sagte sie nur und drehte sich zur Wand.
Siehste, Anna, dein Erziehungsstil Du hast sie verzogen! Ich habs dir gesagt! begann meine Mutter.
Du hättest lieber auf Knöpfchen achten sollen, statt mir Vorwürfe zu machen, fuhr ich sie an, sonst immer die Ruhige.
Ich tu doch alles für euch, empörte sie sich und verließ unsere Wohnung.
Wieder war ich allein. Ich streifte in dieser Nacht lange um das Haus.
Eva schlief endlich erschöpft ein. Ich hoffte trotzdem verzweifelt, Knöpfchen tauchte irgendwo wieder auf. Doch vergeblich. Fröstelnd kroch ich zurück in die Wohnung und schlief unruhig ein…
Am nächsten Morgen wachte Eva früh auf:
Mama, ich hab was Schönes geträumt! Von einer Tanne! Wir haben sie geschmückt, und da haben wir auch Knöpfchen gefunden! rief sie freudig.
Ich lächelte traurig. Auf dem Tisch stand unser kleines künstliches Bäumchen, mehr war nicht drin. Es war kurz vor Silvester, wir hatten uns irgendwie vorbereitet.
Aber Eva wollte unbedingt eine richtige, große Tanne.
Dann findet sich auch Knöpfchen wieder, genau wie im Traum! weinte sie.
Ich seufzte, denn für eine echte Tanne reichte mein Geld hinten und vorne nicht. Ich rief meine Mutter an, doch die lehnte ab, uns zu besuchen:
Dir ist dieser Hund wohl wichtiger als deine eigene Mutter, denk mal drüber nach, meinte sie gekränkt.
Mir wurde klar, auf Oma konnte ich vorerst nicht zählen. Wenigstens standen die Feiertage bevor.
Eva fühlte sich schlecht, hatte keine Kraft zum Aufstehen. Am Silvesterabend, als alles vorbereitet war, weinte sie verzweifelt:
Es gibt keine Tanne und Knöpfchen kommt auch nicht zurück so wie Papa…
Ich strich ihr übers Haar, kämpfte gegen die eigenen Tränen, bat die Nachbarin, eine liebe alte Dame, kurz zu Eva zu schauen, und rannte hinaus…
Die klirrende Kälte biss mir ins Gesicht, Schneeflocken tanzten wirbelnd um mich. Alle Menschen um mich herum schienen glücklich und voller Vorfreude, aber ich nahm kaum jemanden wahr. Ich suchte verzweifelt nach Knöpfchen.
Wo steckst du bloß, kleine Maus? flüsterte ich immer wieder, lief die Straßen kreuz und quer ab.
Schließlich gelangte ich an einen kleinen Tannenmarkt. Ein stämmiger Mann in dickem Mantel stand fröstelnd neben den letzten Bäumen. Ich blieb stehen.
Noch Bedarf an einer Tanne? Sind fast alle weg. Ich mache Ihnen einen guten Preis, rief der Verkäufer eifrig.
Wahrscheinlich wartet zu Hause seine Familie… Frau deckt den Tisch, Kinder schauen aus dem Fenster…, schoss es mir durch den Kopf.
In dem Moment kam ein junges Pärchen vorbei und kaufte eine Tanne.
Und Sie, wollen Sie die Letzte? Ich helfe Ihnen auch beim Transport, bot der Mann an.
Verzweifelt sah ich ihm in die Augen. Ich hatte kein Geld dabei und selbst zu Hause hätte es nicht gereicht.
Es war mir peinlich. Da fielen mir ein paar Tannenzweige ins Auge, die im Anhänger verstreut lagen.
Könnte ich, äh, vielleicht ein paar Zweige bekommen… falls Sie die nicht mehr brauchen? fragte ich schüchtern.
Der Mann wechselte den Blick zwischen mir und dem Geäst, atmete tief durch:
Nehmen Sie ruhig, ich helf Ihnen beim Tragen sagte er und packte einen großen Bund zusammen.
Dankbar nahm ich die Zweige. Gleichzeitig entschuldigte ich mich:
Wissen Sie, meine Tochter liegt krank zuhause… Sie träumt von einer Tanne, unser Hund ist verschwunden, und alles ist dieses Jahr so ganz und gar nicht feierlich…
Der Mann hörte mir zu, ohne mich zu unterbrechen. Er war selbst von seiner Frau verlassen worden, konnte den Schmerz über den Betrug kaum verarbeiten. Auch er spürte, wie schwer diese Feiertage diesmal wogen.
Da kam ein anderer Herr herbei:
Was kostet denn die noch? fragte er und zeigte auf den letzten Baum.
Die ist vergeben. Probieren Sies mal beim Kollegen drüben, entgegnete der Verkäufer.
Überrascht blickte ich ihn an.
Ich bringe Ihnen die Tanne nach Hause, wenn Sie möchten, meinte er plötzlich und lächelte.
Ich merkte, dass er gar nicht so barsch war, wie er zuerst gewirkt hatte.
Aber ich habe wirklich kein Geld, sagte ich doch…
Ich habs nicht vergessen, nickte er leise.
Was danach geschah, ist eines jener kleinen Weihnachtswunder, die nur in der stillsten Zeit des Jahres passieren können.
Der Mann öffnete den Wagen. Auf dem Beifahrersitz lag, eingerollt in einem Wollpulli, unsere vermisste Knöpfchen. Sie blinzelte verschlafen.
Aber… wie kommt Knöpfchen zu Ihnen? stammelte ich und schluckte die Tränen hinunter.
Knöpfchen? Ich hab sie Tanne genannt. Den ganzen Morgen lief sie hier umher, eindeutig herrenlos. Dann hat sie sich an meinen Füßen aufgewärmt und ich nahm sie mit ins Auto, damit sie nicht friert, die Kleine, lächelte er.
Sein Name war Paul. Er liebte Tiere und verstand sich erstaunlich gut mit Kindern.
Bald war es in unserer Wohnung so richtig warm und herzlich wie schon lange nicht mehr. Vielleicht war es der Zauber dieses Festes, der uns zusammenführte. Vielleicht war es Bestimmung…
Keiner weiß das genau. Nur so viel steht fest: Unsere neue Familie ist glücklich. Und manchmal nennen wir Knöpfchen nun tatsächlich Tanne…





