Als ich nach Hause kam, stand die Tür offen: Mein erster Gedanke – ein Einbrecher war hier und hoffte, Geld oder Schmuck zu finden. Mein Name ist Larissa Dietrich, ich bin zweiundsechzig und seit fünf Jahren allein. Im Sommer lebe ich im kleinen Häuschen außerhalb von München und genieße das Landleben, im Winter kehre ich in meine Zwei-Zimmer-Wohnung in der Stadt zurück. Doch nach einer Woche Abwesenheit entdecke ich, dass in meinem Haus ein Junge geschlafen hat – und damit beginnt für mich und kleinen Ivan eine ganz unerwartete Wendung des Lebens.

Als ich zurückkam, stand die Haustür offen. Mein erster Gedanke war jemand ist eingedrungen. Wahrscheinlich haben die gedacht, ich hätte hier irgendwo Bargeld oder Schmuck versteckt, schoss es mir durch den Kopf.

Mein Name ist Gudrun Schäfer und ich bin zweiundsechzig Jahre alt. Seit fünf Jahren lebe ich allein. Mein Mann ist verstorben und meine erwachsenen Kinder haben längst ihre eigenen Familien, sie wohnen in verschiedenen Städten. Solange es keinen Frost gibt, bleibe ich in meinem kleinen Haus am Stadtrand von Lüneburg, doch im Winter ziehe ich in meine Zweizimmerwohnung mitten in Hamburg zurück. Kaum wird es draußen wieder wärmer, packe ich meine Sachen und ziehe wieder raus in die Natur.

Ich liebe das Leben auf dem Land die frische Luft, die Ruhe, die Nähe zum eigenen Garten. Unweit vom Haus beginnt ein kleiner Wald; im Sommer sammle ich dort Pilze und Heidelbeeren.

Diesmal musste ich wegen einiger Angelegenheiten für eine Woche aus dem Ort fortfahren. Als ich zurückkam, bemerkte ich sofort die geöffnete Tür. Mein erster Reflex war Angst ist etwa jemand eingebrochen? Bestimmt hat sich jemand erhofft, hier wertvolle Euro oder Schmuck zu finden, dachte ich. Doch es gab keinerlei Spuren eines Einbruchs, im Haus war alles an seinem Platz. Nur auf dem Esstisch stand ein einzelner Teller. Das machte mich stutzig, denn ich lasse nie Geschirr stehen, wenn ich reise, zumal ich wusste, dass ich länger wegbleiben würde.

Mir wurde langsam klar, dass während meiner Abwesenheit jemand im Haus gelebt hatte. Dieser Gedanke machte mich unglaublich wütend. Als ich das Wohnzimmer betrat, sah ich einen kleinen Jungen, der friedlich auf meinem Sofa schlief. Jetzt ergab alles Sinn!

Der Junge schlug langsam die Augen auf, schaute mich verschlafen, aber ruhig an. Er zeigte keine Angst, stand einfach auf und sagte:

Entschuldigen Sie bitte, dass ich einfach hier eingedrungen bin.

Sofort merkte ich, dass der Junge wohlerzogen und zurückhaltend war. Irgendetwas in seinem Blick rührte mich.

Wie lange bist du schon in meinem Haus?, fragte ich schließlich.

Zwei Tage, antwortete er leise.

Hast du Hunger? Was hast du gegessen?

Ich hatte noch ein paar Brötchen aus der Stadt dabei. Möchten Sie vielleicht eines abhaben?

Er reichte mir eine Tüte mit übriggebliebenen, schon etwas trockenen Brötchen.

Wie heißt du?

Mein Name ist Friedhelm.

Und ich heiße Gudrun Schäfer! Warum bist du allein? Wo sind deine Eltern?

Meine Mutter lässt mich oft allein. Wenn sie nach Hause kommt, ist sie meistens schlecht gelaunt und schreit mich an. Sie sagt immer wieder, dass ich ihr Leben schwer mache dass sie ohne mich glücklicher wäre. Vor zwei Tagen hat sie mich wieder angeschrien da konnte ich nicht mehr und bin weggelaufen.

Vielleicht sucht sie dich ja jetzt schon?

Ganz sicher nicht. Es ist nicht das erste Mal, dass ich verschwinde. Manchmal bleibe ich wochenlang fort und sie merkt es gar nicht. Eigentlich ist sie froh, wenn ich weg bin. Und wenn ich zurückkomme, ist sie alles andere als glücklich.

Ich erfuhr, dass Friedhelm mit seiner Mutter lebte, die häufiger lieber bei angeblichen Freunden verkehrte, als sich um ihren Sohn zu kümmern. Vielfach war er auf sich allein gestellt, während sie irgendwo übernachtete.

Mir tat das Kind unendlich leid. Aber ich sah kaum Möglichkeiten, ihm zu helfen. Ich bin Rentnerin und keine Behörde würde mir so einfach die Rolle einer Pflegemutter anvertrauen und Friedhelm wollte auf gar keinen Fall in ein Heim. Ich gab ihm zu essen und bot ihm an, wenigstens noch eine Nacht bei mir zu bleiben. Hier war er jedenfalls sicherer als bei dieser Mutter.

In jener Nacht konnte ich kein Auge zutun. Ich dachte nur an das Schicksal dieses Jungen. Dann fiel mir jemand ein eine alte Freundin aus Hamburg, Hannelore Berger, die bei der Jugendfürsorge arbeitet. Am nächsten Morgen rief ich sie sofort an und bat um Rat.

Hannelore versprach, mir zu helfen, ich müsse mich aber etwas gedulden. Tatsächlich nach drei Wochen durfte ich Friedhelm offiziell adoptieren. Der Junge war so glücklich wie nie, voller Dankbarkeit. Seine Mutter verzichtete ohne großes Aufsehen auf ihre Rechte, sobald sie hörte, dass jemand die Verantwortung für ihren Sohn übernehmen wollte.

Nun leben wir zu zweit. Friedhelm erzählt jedem, ich sei seine Oma. Ich selbst bin glücklich, dass das Schicksal mir einen Enkelsohn geschenkt hat.

Friedhelm ist ein aufgeweckter, neugieriger Junge. Diesen Herbst kam er in die erste Klasse an der Grundschule. Es macht mich froh, die begeisterten Worte seiner Lehrerin zu hören: Friedhelm liest fließend und löst mit Freude Rechenaufgaben.

Wir haben beide wieder Hoffnung gewonnen und einander.

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Homy
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