Der Kater stolperte wie durch Zauberhand über ein Handy
Das Gerät roch nach Mensch und strahlte eine wunderliche Wärme aus. Er rollte sich auf dem Bildschirm ein, bettete die Pfoten darum, drückte sein Fell auf das Plastik und mit einem federleichten Pfotenschlag erwachte das Smartphone zum Leben, als sei es bloß darauf gewartet worden.
Hildegard hatte sich kaum an ihrem neuen Smartphone erfreuen können. Gleich von Anfang an war es eigenartig gewesen: Es wurde bei jedem Handgriff warm, fast als hätte es Fieber. Dann schaffte sie es noch, das Ding zu verlieren.
Schade Das Handy war ein Traum: riesiges Display, bombensicherer Akku doch genau der brachte sie dann zu Fall. Nun ließ sich das Gerät nicht mehr umtauschen verschwunden in den Nebeln des Tages, wie ein vom Wind fortgewehtes Herbstblatt.
Hildegard schimpfte in Gedanken: “Du Dusselinchen!”, griff nach ihrem alten Nokia-Knochen und wählte ihre eigene Nummer. Freizeichen, aber niemand hob ab.
Nach einer ordentlichen Dosis Baldriantropfen legte sie sich ins Bett, versuchte die Stationen ihres Tages nachzuzeichnen. Wenn sie dem Weg erneut folgte, vielleicht fände sie dann auch das verlorene Handy oder zumindest ihren verlorenen Faden. Plötzlich vibrierte etwas neben ihr. Ein Anruf, wie aus einer anderen Welt: Ihre eigene Nummer flimmerte über den Bildschirm.
“Hallo? Wer ist da?”
Da ein Knistern, leises Atmen… und plötzlich, ein sonderbares:
“Miau…”
Erschrocken legte Hildegard auf. Irgendwer macht sich einen Spaß, bestimmt!, schnaubte sie. Schade nur, dass sie keine Bildschirmsperre eingerichtet hatte jetzt konnte jeder mit ihrem Telefon spielen. Ihr Ärger wurde von einem neuen Klingeln durchbrochen.
Wieder das Atmen, das Rascheln und als Echo auf ihre Stimme: erneutes Miauen.
“Bitte rufen Sie mich nicht mehr an!” rief sie in den Hörer.
Doch die Anrufe hörten nicht auf. Schließlich beschloss sie, dass nichts mehr schlimmer kommen konnte, warf sich die Jacke über und trat hinaus in die in Nebel getauchte Straße. Die Töne kamen eindeutig von draußen, irgendwo zwischen Traum und Wirklichkeit. Sie machte sich daran, ihren täglichen Weg rückwärts zu gehen, das Telefon im Kopf, ihr Herz zwischen Hoffnung und Ärger.
Immer wieder wählte sie ihre Nummer, bis sie, plötzlich, einen vertrauten Klingelton hörte. Mit schnellen Schritten, halb wütend, halb hoffend, folgte sie dem Klang fest entschlossen, dem Störenfried die Meinung zu geigen.
Derweil lag der Kater, eingerollt wie ein Zimtkringel, auf dem warmen Gerät und staunte: Das Ding summte und brabbelte seltsame Sachen. Er beschnupperte es, der Apparat brummte weiter also antwortete er höflich, so, wie es sich für einen anständigen Kater gehört.
Das Handy wurde still. Zögernd stupste der Kater es erneut und plötzlich, Musik! Im Schreck hackte er noch kräftiger drauf, doch das Telefon bombardierte ihn weiter mit seiner Stimme. Im Tumult merkte der Kater kaum, dass er nicht mehr allein unter dem knorrigen Apfelbaum war.
Hildegards Zorn fiel von ihr ab, als sie den wahren Störer entdeckte. Unter dem Baum hockte ein rotgetigerter, vom Leben gezeichneter Kater, der wild mit der Tatze auf ihr Handy schlug, als wolle er es stillprügeln. Erblickte er jedoch Hildegard, katapultierte er sich an ihre Seite wie zu einer alten Freundin. Sein Schnurren war ein zärtlicher Orkan, seine Streicheleinheiten brannten wie kleine Sonnen durch die Nacht.
Der Kater schmiegte sich an ihre Wange ein pelziger Kuss. Sie spürte, wie kalt er war, kein Wunder, dass er es sich auf dem warmen Smartphone gemütlich gemacht hatte.
Mit dem Handy in der Tasche und dem Kater im Arm trat Hildegard langsam den Heimweg an und sinnierte über diese sonderbare Liebe auf den ersten Blick. Wie sehr hatte sich dieses rote Tier an sie geschmiegt! So viel Zärtlichkeit konnte sie nicht unter dem alten Baum zurücklassen.
Der Kater, vor Glück völlig aus dem Häuschen, schlängelte sich um ihren Hals, schnurrte an ihren Mund und ihr Kinn, während Hildegard lachend versuchte, seinen Liebesbeweisen zu entgehen wobei sie ehrlich gesagt kein bisschen böse darüber war. Wer hätte gedacht, dass ein Straßenkater so verschmust sein kann?
Die Erklärung war, wie im Traum, ganz einfach: Der Kater war noch davon berauscht, wie Hildegard sich vor einer Stunde Baldriantropfen gegönnt hatte, deren Duft noch immer um sie schwebte wie eine süße Wolke.
Und während die Straßenlaternen wie lauter kleine Monde leuchteten, glaubte Hildegard, in diesem surrealen Nachtspaziergang beinahe, sie und der Kater schwebten irgendwo zwischen den Welten, getragen vom Schnurren und dem Flackern des Handydisplays und zuhause warteten Tee und Geborgenheit auf beide.





