Achtjährige Lina kam aus der Schule und spürte plötzlich ein überwältigendes Bedürfnis, ihre Mutter zu sehen, die im Nachbardorf lebte. Statt nach Hause zu gehen, wo sie mit ihrem Vater und ihrer Oma wohnte, drehte sie sich zur Bushaltestelle um, wartete auf den Bus und stieg ein.
Warum ist meine Mutter nur so? Sie wollte nicht bei Papa bleiben, dabei ist er doch gut zu mir. Zwar habe ich eine Zeitlang bei ihr gelebt, aber es gefiel mir nicht, wie sie mich allein ließ und diesen Typen namens Thomas mit nach Hause brachte. Beide waren betrunken. Auch wenn es mir bei Papa und Oma gut geht, vermisse ich sie manchmal.
Lina stieg aus dem Bus und ging zum Haus ihrer Mutter. Als sie die Straße entlangging, sah sie ihre Mutter, Inge, betrunken auf einer Bank vor dem Haus sitzen.
Oh, Schatz, wo kommst du denn her?, fragte Inge und umarmte sie schlurfend.
Mama, ich hab dich vermisst, gestand das Mädchen und erwiderte die Umarmung.
Sie wechselten ein paar Worte, dann fragte Inge:
Lina, hast du Geld dabei?
Nur für die Rückfahrt.
Wie, nur das? Wozu bist du dann überhaupt gekommen? Ich brauche Geld, verstehst du das nicht?
Mama, ich habe keins, antwortete die Tochter leise.
Dann geh halt zurück zu deinem Vater. Wir haben uns gesehen, das reicht. Ich finde schon selbst welches. Sie sprang auf und rannte einer fremden Frau hinterher.
Lina stand mitten auf der Straße und starrte ihrer Mutter hinterher, ein bitteres Gefühl der Enttäuschung in der Brust. Jetzt begriff sie endlich, dass ihre Mutter sie nicht brauchte dass nur ihr Vater Markus und ihre Oma Anna für sie da waren. Verzweifelt lief sie in die falsche Richtung, verwechselte ein kleines Wäldchen mit dem großen Wald und irrte immer tiefer hinein, bis sie erschrocken stehen blieb. Als sie realisierte, dass sie sich verlaufen hatte, brach sie in Tränen aus.
Markus und Inge hatten sich im Dorfgasthaus kennengelernt, wo sie mit Freundinnen aus dem Nachbardorf zum Tanzen gekommen war. Markus gefiel sie sofort, und nachdem er sie zum Tanz aufgefordert hatte, ließ er sie nicht mehr los. Inge hatte nichts dagegen.
Den ganzen Herbst über raste Markus mit seinem Motorrad zu ihr, und als der Winter kam, machte er ihr einen Heiratsantrag.
Inge, lass uns heiraten. Ich hab keine Lust mehr, immer zu dir zu fahren. Wir ziehen zu mir. Meine Mutter ist lieb, du wirst dich schnell mit ihr anfreunden.
Sie musste nicht lange überredet werden sie wollte ohnehin heiraten, deshalb war sie extra ins Nachbardorf gefahren, weil sie in ihrem eigenen keinen passenden Mann gefunden hatte.
Lass uns heiraten, ich habe nichts dagegen, antwortete sie einfach, und Markus war glücklich. Immerhin würde er eine hübsche Frau haben.
Nach der Hochzeit zogen sie zu seiner Mutter. Annas Schwiegertochter nahm Inge wie eine eigene Tochter auf, und nach einem Jahr kam Lina zur Welt, Annas geliebte Enkelin. Alles war gut bis Markus mit der Zeit merkte, dass Inge die Mutterschaft zur Last wurde.
Mach dir nichts draus, mein Sohn, das legt sich wieder, beruhigte ihn Anna. Das ist nur der Babyblues, alles wird sich einpendeln.
Doch als Lina drei wurde, änderte sich Inge schlagartig. Sie verbrachte ihre Zeit mit Freundinnen, kam betrunken nach Hause. Das eintönige Familienleben langweilte sie. Markus hoffte geduldig, sie würde zur Vernunft kommen doch es wurde nur schlimmer.
Ich gehe zu Nadines Geburtstag, verkündete sie eines Tages.
Klar, geh nur, stimmte Markus zu, denn er verstand, dass sie Abwechslung brauchte.
Doch sie kam nicht in der Nacht zurück, sondern erst am Morgen, als Markus und Anna bereits frühstückten.
Oh, was macht ihr denn schon? Sie lallte nur, ging ins Schlafzimmer und fiel unausgezogen ins Bett, wo sie bis zum Mittag schlief.
Markus ahnte nicht, dass Inge längst dem Alkohol verfallen war. In ihrem Dorf wussten viele, dass sie in die Fußstapfen ihrer eigenen Mutter trat. Doch niemand hatte es ihm gesagt er hatte ihr Dorf nach der Hochzeit nie wieder besucht.
Lina wuchs heran, ohne dass ihre Mutter sich um sie kümmerte. Selbst Markus begann zu zweifeln, ob er Inge noch liebte. Oft betrunken und ungepflegt, verließ sie das Haus einmal verschwand sie für eine Woche in ihr Heimatdorf.
Papa, wo ist Mama?, fragte Lina. Ich vermisse sie. Hol sie bitte.
An einem Wochenende fuhr Markus los. Inges gleichfalls trinkfreudige Mutter sagte nur: Sie ist bei Thomas, in dem Haus dort.
Als er eintrat, saß seine Frau betrunken auf Thomas Schoß und lachte laut.
Doch als sie Markus sah, fing sie an zu stammeln: Ach, Markus, das ist nicht, was du denkst Gut, dass du mich abholst, ich hab dich vermisst
Eine Woche lang blieb Inge nüchtern, als wäre sie verwandelt. Markus überlegte lange, ob er ihr vergeben sollte doch er tat es, um Linas willen. Was er nicht verstand: Der Alkohol war stärker. Schon nach zehn Tagen fing sie wieder an, und diesmal war es schlimmer. Sie fing sogar einen Streit im Hof an und schrie für alle hörbar:
Ihr geht mir alle auf die Nerven! Du und deine Mutter ihr kontrolliert mich ständig! Und Lina brauche ich auch nicht, sie ist alt genug. Ich habe keine Lust mehr, so zu tun, als wäre ich eine gute Mutter!
Betrunken redete sie noch mehr Unsinn. Für Markus war das das Ende. Er musste seine Tochter vor ihrer eigenen Mutter schützen. Inge fuhr zurück in ihr Dorf doch zwei Wochen später kam sie zurück, nahm Lina mit und verschwand, ohne ein Wort an Anna zu richten.
Am nächsten Tag holte Markus seine Tochter zurück. Als Inge wieder einen Wutanfall bekam und sich weigerte, Lina herauszugeben, ging er zum Jugendamt. Die Beamten fanden Inge betrunken in den Armen von Thomas, während Lina traurig aus dem Fenster starrte.
Sie wurde zu Markus zurückgebracht. Bald darauf reichte er die Scheidung ein und beantragte den Entzug von Inges Sorgerecht. Lina begann die erste Klasse.
Als Markus eines Tages nach Hause kam, rief er: Ich bin da, Mama! Ich habe Hunger Lina, schau, was ich dir mitgebracht habe!
Anna deckte den Tisch, Lina rannte strahlend auf ihren Vater zu, und er hob sie hoch und wirbelte sie durch die Luft. Anna beobachtete ihn angespannt, bis er ihr zulächelte und nickte. Erleichtert holte sie Leckeres aus dem Kühlschrank, während Markus lachte:
Mama, nicht alles auf einmal, wir platzen ja!
Doch sie konnte nicht stillsitzen. Ihr Sohn war erst dreiunddreißig, aber er trug nun die Verantwortung für seine Tochter allein. Als Lina ins Zimmer lief, fragte Anna leise:
Sohn, wie ist es gelaufen? Was sagte Inges Anwalt?
Was soll er schon sagen?, erwiderte Markus. Selbst er war schockiert. Inge kam betrunken, konnte kaum reden. Der Richter hatte keine Zweifel, wo Lina bleiben soll. Ihr wurde das Sorgerecht entzogen.
Sie hat es verdient Was könnte sie Lina schon geben? Eine Mutter, die nie nüchtern ist
Lina lebte glücklich mit ihrem Vater und ihrer Oma. Zwar dachte sie manchmal an ihre Mutter, aber selten. Anna wusste: Eine Mutter ist wichtig aber nicht eine wie Inge.
Agathe, sechsundzwanzig Jahre alt, liebte die Natur. Oft ging sie allein in den Wald, um Pilze und Beeren zu sammeln. Ein paar Mal hatte sie sich sogar verlaufen und im Wald übernachtet doch sie fürchtete sich nicht. Ihr Großvater Heinrich, ein ehemaliger Förster, hatte ihr beigebracht, wie man ein Lager baut und ein Feuer macht.
An einem Septembernachmittag wanderte sie wieder los, vertieft in ihre Gedanken, während sie Pilze suchte. Plötzlich merkte sie: Sie hatte sich verlaufen.
Gut, ich sollte eine Pause machen und ein Lager bauen. Vielleicht sucht mich schon jemand. Immerhin hatte sie ihrer Mutter gesagt, wohin sie ging.
Die Sonne neigte sich, und es wurde kühl. Zum Glück trug sie eine Jacke. Sie beschloss, ein Feuer zu entfachen.
Hoffentlich regnet es nicht, dachte sie als sie plötzlich Schritte hörte.
Vor ihr stand ein kleines Mädchen, offensichtlich verängstigt und frierend.
Wer bist du?, fragte Agathe.
Liiinaaa ich habe mich verlauuufen , schluchzte das Kind.
Hör auf zu weinen, das hilft nicht. Sag mir lieber, wo du wohnst. Agathe zog ihre warme Jacke aus und hüllte Lina ein.
Am Feuer erzählte Lina ihre Geschichte.
Papa und Oma suchen mich bestimmt Sie wissen nicht, dass ich zu Mama gefahren bin
Keine Sorge, ich habe mich auch verlaufen. Sag mir, in welchem Dorf deine Mama wohnt.
Agathe erkannte ungefähr, wo sie waren weit von ihrem eigenen Dorf entfernt.
Am nächsten Morgen machten sie sich auf den Weg. Plötzlich hörte Agathe Motorengeräusche.
Lina, hörst du das? Da vorne ist die Straße!
Endlich kamen sie heraus. Markus suchte seit Stunden nach seiner Tochter. Als er Lina sah, stürmte sie auf ihn zu.
Papa! Das ist Agathe! Sie hat mich gerettet!
Markus, wütend und erschöpft, fuhr Agathe an: Wer sind Sie? Was haben Sie mit meiner Tochter gemacht?
Papa, sei nicht gemein zu ihr!, rief Lina.
Erst beim Jugendamt beruhigte er sich. Als sie hinausgingen, entschuldigte er sich.
Ich bringe dich nach Hause. Aber erst kommt ihr beide mit Oma hat sicher Essen für uns.
Agathe lächelte. Sie wusste bereits von Markus Geschichte und spürte, dass diese Begegnung nicht zufällig war.
Ein halbes Jahr später heirateten Markus und Agathe. Niemand freute sich mehr als Lina.
Und so zeigte sich wieder: Eine gute Geschichte kommt nie ohne Liebe aus.
Manchmal muss man erst verloren gehen, um das Richtige zu finden.





