Ersatzschlüssel für Mama
Gib mir doch bitte einen Schlüssel zu eurer Wohnung, verlangte Irmgard Brückner von ihrem Sohn Matthias. Man weiß nie, was passiert. Da sollte ich doch auch mal rein können, wenn etwas ist.
Mama, das wird Johanna aber nicht gefallen, murmelte Matthias zögerlich. Lass das lieber, ja?
Was hast du denn vor mir, deiner eigenen Mutter, für Geheimnisse?! empörte sich Irmgard. Und Johanna muss ja nicht alles wissen.
Ich saß damals auf dem Sofa und pfefferte nacheinander verschiedene Gegenstände gegen die Wand. Erst das Sofakissen. Dann ein Fotorahmen mit unserem Hochzeitsbild. Dann gleich noch ein Rahmen. Und noch einer. Ihr glaubt gar nicht, wie treffsicher ich werden kann, wenn ich richtig sauer bin. Und an jenem Tag war ich wütend. So richtig.
Es waren nur drei Tage, die ich gefehlt hatte. Dienstreise nach Frankfurt Verflixt noch mal! In nur drei Tagen hatte meine liebe, gutmeinende Schwiegermutter Irmgard unsere nein, unsere gemeinsame Wohnung in München in eine kleine Kopie ihrer eigenen verwandelt. Ganz subtil und mit der ihr eigenen Selbstverständlichkeit hatte sie frischen Wind reingebracht.
Die Wohnung ist übrigens unser Eigentum erst letztes Jahr mit einem Kredit gekauft, ich zahle immer noch einen Teil meiner Lohnabrechnung dafür ab. Ich hatte alles eingerichtet, Matthias hat immer nur gesagt: Du weißt das eh besser, Schatz.
Also habe ich es so gemacht, wie es für uns beide am besten passt. Und jetzt dieser Schock: Mein liebevoll gestaltetes Zuhause, mein Rückzugsort in ein buntes Sammelsurium verwandelt, wie ich es nie wollte.
Ich hab meine Mutter gebeten, ein wenig auf die Wohnung aufzupassen, murmelte Matthias mit schuldbewusstem Blick von der Tür.
Ein wenig? Ich stand auf und deutete wortreich um mich. Das nennst du ein wenig? Sie hat alle Möbel umgestellt! Meine Decke weggeschmissen!
Aber Hanni, die war doch schon alt
MEINE Decke, Matthias! fauchte ich beinahe. Unsere Wohnung, meine Schränke, in denen jetzt…
Ich riss ein Fach auf und zeigte ihm das Chaos.
Vollgestopft mit deinem alten Kram! Sogar deine Schulhefte hat sie hierher geschleppt! Schreibwaren alles!
Für einen Moment war ich wirklich versucht, ihm eines seiner eigenen Sportabzeichen an den Kopf zu werfen auch die hatte Mama Irmgard plötzlich im Wohnzimmer aufgereiht.
Und das da? Ich stieß den Finger in Richtung einer grässlichen Vase mit Perlmuttmustern, die jetzt auf meiner Kommode stand. Was soll das sein?
Ein Geschenk, Hanni. Ein wertvolles Andenken…
Dorthin kannst du das Andenken stecken, wo… Ich überlegte kurz, wie ich den Satz elegant zu Ende führen könnte.
Mit Irmgard hatte ich von Anfang an ein schwieriges Verhältnis. Schon vor der Hochzeit hielt sie mich für ein wie soll ich sagen vorübergehendes Missverständnis im Leben ihres geliebten Sohnes. Sie wusste stets alles besser und dieser Blick, bei dem sie sich auf wundersame Weise geistig erhob, als zählte ich zum Fußvolk. Nie fühlte ich mich von ihr akzeptiert.
Und das Beste: Matthias sah alles, kommentierte aber nur: Mama meints doch nur gut.
Oder: Sie sorgt sich halt um uns.
Ha! Eher markiert sie ihr Revier.
Und ich? Ich verteidige es wie eine Wölfin mein Revier, meine Sachen, weg mit fremden Händen, vor allem, wenn sie bekränzt sind mit goldenen Riesenringen und quietschbunten Fingernägeln.
Schon als Kind hatte ich bei meiner Mutter gelebt eine Frau, die ständig über mich bestimmte. Sie entschied, welche Schule ich besuchen, welche Freunde ich haben sollte, welche Kleider ich tragen musste. Ständig war sie in meinem Zimmer, ohne zu klopfen, warf alles weg, was nicht ihren Vorstellungen entsprach.
Damals schwor ich mir: Nie wieder! Nie soll mir jemand meine Dinge wegnehmen, mich bevormunden oder ohne meine Erlaubnis mein Zimmer betreten.
Woher hat sie den Schlüssel? fragte ich, plötzlich ganz leise.
Das war kein gutes Zeichen auch Matthias erkannte es. Er wich zurück in Richtung Tür.
Ich versteh ja, dass du, äh, nicht gerade gut drauf bist…
Nicht gut drauf Ich lachte bitter. Matthias, wenn du wüsstest, wie sehr ich dir gerade am liebsten die Augen auskratzen würde, würdest du das nicht so nennen.
Ich atmete tief durch.
Sag mir eines, Matthias, begann ich mit leiser Drohung. Auf wessen Seite stehst du jetzt eigentlich?
Er blinzelte verwirrt, wie ein Uhu im Sonnenlicht.
Wie meinst du das? Hanni, es gibt hier keine Seiten. Mama wollte einfach nur helfen. Du warst weg, jemand musste doch nach der Wohnung sehen
Es gibt hier sehr wohl Seiten, Herr Matthias Brückner, kam ich ihm näher. Auf der einen steht die Ehefrau und auf der anderen die Mutter, die meint, dass sie einfach in unser Zuhause marschieren kann, wann sie will. Mit wem stehst du?
Ach Hanni, dramatisier nicht, das ist doch ein Missverständnis. Alle habens doch nur gut gemeint.
Der Wohnungsschlüssel, bitte, hielt ich meine Hand hin.
Was?
Den Schlüssel zu unserer Wohnung. Den, den du deiner Mutter gegeben hast. Hol ihn. Jetzt.
Er wirkte richtig bedrückt.
Ach, weißt du Das ist doch peinlich Sie ist doch meine Mutter Ich brings gar nicht…
Peinlich ist, wenn man die Unterhose über dem Kopf trägt, sagte ich schnippisch. Entweder du gehst jetzt rüber und holst den Schlüssel oder
Oder was? Plötzlich richtete sich Matthias auf, als wollte er mir Paroli bieten.
Oder ich gehe selbst. Hole den Schlüssel und sage noch einiges mehr.
Okay, Hanni, lass uns jetzt mal ganz ruhig reden
Aber ich hatte schon Mantel und Tasche geschnappt. Je weiter ich die ruhigen Nachkriegsbauten in Schwanthalerhöhe entlangstapfte, desto wütender wurde ich.
Innerlich schimpfte ich: Diese Mütter, die nie loslassen können, bringen mich um den Verstand
Matthias und Irmgard eine Einheit, so unzertrennlich wie zwei Weißwürste an einem Faden.
Ihr hättet ihn früher sehen sollen! Jeden Abend ein Anruf bei Mama, Berichte: Was gabs heute zum Mittag? Zehn Mal am Tag rief sie zurück:
Hast du einen Schal an?
Die Winterjacke nicht vergessen!
Und das mit fünfunddreißig! Matthias, mein Ingenieur mit zwei Uni-Abschlüssen.
Ich liebte seinen Verstand, seine Zurückhaltung, sein analytisches Denken. In der Arbeit souverän aber bei Muttern wurde er zum kleinen Jungen. Und das machte mich wahnsinnig; ich wollte doch einen Mann geheiratet haben, keinen ewigen Jungen.
Das Telefon klingelte ständig, Matthias versuchte mich immer wieder zu erreichen. Ich hob nicht ab. Sollte er ruhig mal spüren, wie es ist, wenn aus deinem Zuhause plötzlich ein Schauplatz fremder Dramen wird.
Irmgard öffnete mir sofort, als ob sie mich erwartet hätte. Makelloses Hauskleid, Frisur streng aufgetürmt, und dieser Blick: Ach, Sie sinds nur.
Guten Tag, Johanna, sagte sie steif. Was führt Sie zu mir?
Sie wissen es wirklich nicht? Ich marschierte an ihr vorbei ins Vorzimmer. Schuhe zog ich absichtlich nicht aus sollen ruhig ein bisschen Sand auf ihren Perserteppichen liegen.
Matthias rief an. Er sagte, du wärst etwas verstimmt wegen der paar Umstellungen. Sag doch, was los ist.
Etwas verstimmt! Ich hätte sie dafür anschreien können. Dieses Herunterspielen immer als wäre ich eine Hysterikerin, die sich über jede Kleinigkeit aufregt.
Frau Brückner, ich sagte laut und deutlich den Namen, Sie waren in meiner Wohnung. Und haben da alles umgeräumt.
In der Wohnung meines Sohnes, verbesserte sie mich so, wie man mit besonders begriffsstutzigen Kindern spricht.
In UNSERER Wohnung, die wir zusammen gekauft haben. Und die ich so eingerichtet habe, wie es für uns beide passt.
Ach, Hanni, sind doch Kleinigkeiten. Ich hab halt ein bisschen geputzt. Die alte Decke war ohnehin durchgescheuert. Ich hab ein paar Sachen netter aufgestellt.
Und dabei all deine Kinderandenken reingebracht und einen Teil meiner Sachen rausgeworfen.
Ich hab gar nichts weggeworfen! rief sie empört. Ich hab deine Kleider einfach in einen anderen Schrank gepackt, weil Matthias keinen Platz mehr hatte. Alles diese…
Sie zog die Lippen zusammen.
Diese Tücher.
Das traf. Ich sammle nämlich Tücher und Schals. Antike, handgearbeitete, aus aller Welt. Die sind mir heilig. Und dann fällt sie darüber her wie meine Mutter früher, die mir schon einmal eine ganze Sammlung weggeschmissen hatte. Ich hab damals so geweint. Jetzt schon wieder.
Sie hatten kein Recht, meine Sachen anzufassen, in unsere Wohnung zu gehen, ohne zu fragen. Darum geht es.
Ich brauche keine Erlaubnis, um meinen Sohn zu besuchen, sagte sie kalt.
Ich brauche aber einen Schlüssel, hielt ich ihr die Hand hin. Den, den Sie haben.
Irmgard lächelte.
Ich habe gar keinen Schlüssel.
Matthias sagt, er hat Ihnen einen gegeben. Her damit.
Wenn, dann hab ich ihn wohl verlegt, meinte sie und schlenderte in die Küche. Magst du einen Tee?
Sie sind eine ganz ausgezeichnete Schauspielerin, ging ich hinterher. Aber bitte, kein Theater. Ich will nur den Schlüssel.
Ich sagte doch: verloren!
Glaube ich nicht.
Dein Problem. Vielleicht kommst du bei Tee etwas runter.
Wozu? Um zu besprechen, wie Sie ungefragt mein Zuhause übernehmen? Sie wollen doch jede Lebensentscheidung Ihres 35-jährigen Sohnes regeln.
Mit lautem Klappern stellte sie die Tassen ab, eine ging dabei fast zu Bruch.
Ich bin die Mutter, ich darf mich um meinen Sohn sorgen! Das ist mein Recht!
Sorgen ja, vereinnahmen nein.
Im nächsten Moment stürmte Matthias keuchend herein. Sein Blick wanderte zwischen Irmgard und mir wie bei einem Entscheidungsquiz.
Habt ihr gesprochen? fragte er zaghaft.
Wir bemühen uns, zischte ich. Deine Mutter behauptet, sie hätte die Schlüssel verloren.
Mama, stimmt das?
Ja, ich hab keinen! Irmgard schluchzte jetzt plötzlich theatralisch. Siehst du, mit wem du dich eingelassen hast? Ich wollte nur helfen und jetzt…
Um Himmels willen, dachte ich, jetzt beginnt das Krokodilstränen-Theater.
Mama, ist doch gut jetzt, Matthias eilte zu ihr. Ich stand mit ausgestreckter Hand daneben.
Das ist das Thema bei Irmgard: Privatsphäre ist für sie ein Fremdwort. Sie würde auch eine SMS aus Versehen lesen und nachher behaupten, sie hätte es nur gut gemeint. In ihren Augen sind Kinder ihr Eigentum, Schwiegertöchter notwendiges Übel.
Matthias, sag deiner Mutter bitte, wenn der Schlüssel nicht auftaucht, lass ich das Schloss austauschen, meinte ich ruhig.
Hanni, bitte nicht
Ich habe gesagt, was ich tun werde. Sag es ihr.
Mama, sie sagt
Ich höre das schon! Irmgard hörte auf zu heulen und funkelte mich an. Siehst du, wie grausam sie ist? Mit so einer willst du leben? Sie ist doch verrückt!
Hanni ist einfach aufgebracht, versuchte Matthias zu schlichten.
Nein, sie ist nicht ganz richtig!
Ich zuckte nur die Schultern.
Schlüssel, Frau Brückner. Letztes Mal.
Ich habe sie verloren.
Wir starrten uns an wie zwei Dobermänner vor dem Sprung. Da wurde mir klar: Das ist jetzt Krieg.
Die folgenden Tage glichen einem Sturm, den ich selbst losgetreten hatte. Das Telefon hörte nicht auf zu klingeln.
Wie kannst du nur so mit deiner Schwiegermutter reden, keifte eine Cousine von Matthias, die sich mir nie vorgestellt hatte.
Frau Brückner macht so viel für euch, seufzte eine entfernte Verwandte.
Weißt du, dass du die Familie zerstörst? kam von Irmgards Busenfreundin Elsbeth, eine Frau mit einer Haarpracht wie ein Faschingsperücke.
Ich hörte mir die Vorhaltungen an, nickte in die Muschel und begann bald die hartnäckigen Nummern einfach zu blockieren.
Mit Matthias sprach ich kaum noch. Wir schliefen längst in getrennten Zimmern, nach all den Jahren! Früher machte er mir morgens immer Kaffee, ich bügelte seine Hemden, wir küssten uns bei jeder Begrüßung. Doch jetzt? Eiszeit und Minenfeld statt Heimeligkeit.
Warum tust du das? fragte Matthias, als ich erneut einen Anruf von seiner Tante abwimmelte.
Warum lässt du deine Mutter denn in meine Wohnung einbrechen? konterte ich.
Unsere Wohnung!
Genau. Unsere Wohnung, also haben andere da nichts verloren!
Meine Mutter ist kein fremder Mensch!
Für mich schon, wenn sie mich nicht respektiert.
Täglich stritten wir heftiger, Matthias zog sich zurück, war immer häufiger bei Irmgard. Ich fand kaum noch Schlaf, erschrak bei jedem Geräusch auf dem Flur, hörte bei jedem Schritt auf der Treppe schon die Schlüssel im Schloss klimpern.
Das war die Zeit, in der ich begann, vieles in Frage zu stellen über mich, uns, und was eigentlich ein Zuhause bedeutet.




