Am Silvesterabend gingen meine Mutter und ich ins “Kinderparadies” – und dort verliebte ich mich Hals über Kopf in ein rotes Strickkleid mit leuchtend blauen Bündchen, das ich unbedingt anprobieren musste… Wir wollten eigentlich nur schnell ein paar Kleinigkeiten besorgen, vielleicht eine Girlande oder Lametta, doch ich bat meine Mutter so lange, bis ich das Kleid anziehen durfte – es passte wie angegossen, als wäre es eigens für mich gemacht. In meinen Gedanken malte ich mir sofort aus, wie ich auf der Klassenfeier damit einem Jungen gefiel, den ich sehr mochte. Fast kamen mir die Tränen, weil ich das Kleid nicht mehr ausziehen wollte, und meine Mutter versprach: „Wenn ich mein Gehalt bekomme, kaufen wir es.“ Überglücklich fuhren wir heim, schmückten die Wohnung und den Baum – im Kühlschrank nur ein Rest Butter und Eis. Wir warteten sehnsüchtig auf das Gehalt, doch am 31. Dezember kam meine Mutter mit Tränen heim: Das Geld war ausgeblieben, kein festliches Essen. Aber traurig war ich trotzdem nicht – mit Mama, Kartoffeln und Möhren am Fernseher, mitten in den wenigen Silvesterfilmen im DDR-Fernsehen, fühlte sich der Abend trotzdem besonders an. Kurz nach Mitternacht klopfte unsere grummelige Nachbarin, die uns Kinder sonst ständig zurechtwies, an die Tür, sah unseren kargen Tisch, verschwand wortlos – und kam kurze Zeit später mit Taschen voller Leckereien, Champagner, Salaten, Wurst, Huhn, Bonbons und Mandarinen zurück. Mama weinte vor Dankbarkeit, und Berta, wie wir die Nachbarin nannten, wischte ihr die Tränen ab und verschwand wieder. Später im Hausflur blieb Berta so streng wie eh und je, aber als sie Jahre später verstarb, begriff das ganze Haus, dass sie trotz aller Schroffheit eigentlich allen geholfen hatte – besonders an diesem unvergesslichen Silvesterabend.

Tagebucheintrag, Silvester 1985

Gestern war ich mit Mama im Spielzeugparadies am Alexanderplatz. Wir wollten eigentlich nur ein paar Kleinigkeiten besorgen vielleicht ein bisschen Lametta oder eine neue Lichterkette für den Baum. Doch dann fiel mein Blick auf ein rotes, gestricktes Kleid mit einem leuchtend blauen Saum unten und an den Ärmeln. Ich konnte meinen Blick kaum abwenden, das Kleid schien mich regelrecht anzuziehen und ich wollte es unbedingt anprobieren.

Also bat ich Mama immer wieder, ob ich das Kleid nicht wenigstens anziehen dürfe. Als ich endlich reinschlüpfte, saß es wie angegossen fast so, als sei es extra für mich gemacht. In meinem Kopf begann sofort das Kopfkino: Ich stellte mir vor, wie ich in diesem Kleid auf der Klassenfeier auftauchen und wie Patrick, der Junge aus der Parallelklasse, mich vielleicht endlich bemerken würde.

Ich stand da wie festgewurzelt, wollte das Kleid gar nicht mehr ausziehen und kämpfte mit den Tränen. Mama sah meinen traurigen Blick, seufzte leise und sagte: Weißt du was, Annemarie? Ich bekomme doch nächste Woche meinen Lohn. Wir nehmen das Kleid mit. Es kostete 35 D-Mark, eigentlich zu viel für unser schmales Budget, aber Mama bestand darauf.

Ich war so glücklich, als wir nach Hause fuhren, dass ich am liebsten die ganze Welt umarmt hätte. Zuhause schmückten wir unser kleines Wohnzimmer mit selbstgebastelten Sternen und Glaskugeln, stellten den Baum auf und hingen die alte Strohsterne auf. Doch im Kühlschrank lag nur noch ein Rest Butter sonst war er fast leer.

Wir warteten sehnsüchtig darauf, dass Mama ihren Lohn bekam. Damals arbeiteten die Leute am 31. Dezember noch, wurden aber etwas eher nach Hause geschickt. Als Mama nach Hause kam, merkte ich sofort, dass etwas nicht in Ordnung war. Sie wirkte enttäuscht, fast gebrochen: Annemarie, sie haben das Gehalt nicht ausgezahlt. Es gibt eine Verzögerung.

Ihre Stimme zitterte, Tränen glänzten in ihren Augen und am schlimmsten war, dass sie sich furchtbar schämte, weil wir keinen richtigen Festschmaus hatten. Ich erinnere mich noch genau: Ich war darüber gar nicht traurig. Die festliche Stimmung lag trotzdem in der Luft. Ich kuschelte mich aufs Sofa und schaute begeistert die Silvesterfilme im Ersten und Zweiten, von denen es damals nur wenige gab, aber zu Silvester lief immer etwas Besonderes.

Mama kochte Kartoffeln, ließ viel Butter darin zergehen, rieb eine Möhre und bestreute sie mit Zucker. Mehr gab die Vorratskammer nicht her. Wir setzten uns an den Tisch, Mama begann zu weinen und plötzlich liefen auch mir die Tränen über das Gesicht nicht, weil es nichts Besonderes zu essen gab, sondern weil mir Mama so leidtat.

Nach dem Essen legten wir uns nebeneinander aufs Sofa, kuschelten uns unter die Wolldecke und schauten die Silvestergala im Fernsehen. Punkt Mitternacht hörten wir die Nachbarn auf dem Treppenhaus mit Sektgläsern anstoßen, laut lachend, singend wir gingen aber nicht raus.

Plötzlich klingelte es heftig an der Tür. Mama öffnete draußen stand Frau Weigel, unsere Nachbarin, die immer etwas zu meckern hatte. Mal beschwerte sie sich über zu lautes Getrampel auf dem Flur, mal über die schmutzigen Treppen. Die meisten Kinder im Haus fanden sie furchtbar streng und sahen sie als Bösewicht.

Frau Weigel, sichtlich schon dem Sekt zugeneigt, schob sich an Mama vorbei in unser Wohnzimmer, musterte unseren mageren Tisch mit Kartoffeln und verschwand wortlos wieder zurück in ihre Wohnung.

Etwa zwanzig Minuten später rumpelte es laut an der Tür. Diesmal wurde nicht geklingelt sondern energisch geklopft. Mama schickte mich ins Wohnzimmer und ging selbst zur Tür.

Da stürmte Frau Weigel herein schwer beladen mit Taschen: Salate, Wurst, ein Glas saure Gurken, halbes Brathähnchen, Pralinen, sogar ein paar Mandarinen und eine Flasche Sekt unter dem Arm. Sie raunzte Mama an, sie solle nicht herumstehen, sondern lieber helfen, die Sachen auszupacken.

Mama weinte erneut, diesmal aber vor Rührung. Frau Weigel schimpfte sie eine Gans, drückte ihr mit einem übergroßen Pulloverärmel die Tränen weg und verschwand so schnell, wie sie gekommen war.

Auch nach diesem Silvester blieb Frau Weigel die Respektsperson im Haus, die immer alles im Griff hatte und oft schimpfte. Nie wieder sprach sie dieses gemeinsame Silvester an.

Erst viele Jahre später, als Frau Weigel gestorben war, und das ganze Haus zu ihrer Beerdigung ging, wurde mir klar, dass eigentlich alle sie insgeheim mochten. Sie hat jedem irgendwann einmal geholfen, auch wenn sie nie viele Worte darüber verlor.

Was für eine Silvesternacht.

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Homy
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Am Silvesterabend gingen meine Mutter und ich ins “Kinderparadies” – und dort verliebte ich mich Hals über Kopf in ein rotes Strickkleid mit leuchtend blauen Bündchen, das ich unbedingt anprobieren musste… Wir wollten eigentlich nur schnell ein paar Kleinigkeiten besorgen, vielleicht eine Girlande oder Lametta, doch ich bat meine Mutter so lange, bis ich das Kleid anziehen durfte – es passte wie angegossen, als wäre es eigens für mich gemacht. In meinen Gedanken malte ich mir sofort aus, wie ich auf der Klassenfeier damit einem Jungen gefiel, den ich sehr mochte. Fast kamen mir die Tränen, weil ich das Kleid nicht mehr ausziehen wollte, und meine Mutter versprach: „Wenn ich mein Gehalt bekomme, kaufen wir es.“ Überglücklich fuhren wir heim, schmückten die Wohnung und den Baum – im Kühlschrank nur ein Rest Butter und Eis. Wir warteten sehnsüchtig auf das Gehalt, doch am 31. Dezember kam meine Mutter mit Tränen heim: Das Geld war ausgeblieben, kein festliches Essen. Aber traurig war ich trotzdem nicht – mit Mama, Kartoffeln und Möhren am Fernseher, mitten in den wenigen Silvesterfilmen im DDR-Fernsehen, fühlte sich der Abend trotzdem besonders an. Kurz nach Mitternacht klopfte unsere grummelige Nachbarin, die uns Kinder sonst ständig zurechtwies, an die Tür, sah unseren kargen Tisch, verschwand wortlos – und kam kurze Zeit später mit Taschen voller Leckereien, Champagner, Salaten, Wurst, Huhn, Bonbons und Mandarinen zurück. Mama weinte vor Dankbarkeit, und Berta, wie wir die Nachbarin nannten, wischte ihr die Tränen ab und verschwand wieder. Später im Hausflur blieb Berta so streng wie eh und je, aber als sie Jahre später verstarb, begriff das ganze Haus, dass sie trotz aller Schroffheit eigentlich allen geholfen hatte – besonders an diesem unvergesslichen Silvesterabend.
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