Ein halbes Königreich für den Enkel
Na, bist du noch immer nicht schwanger?
Nein, Lydia Mathilde, noch immer nicht, seufzte Elsa und rollte mit den Augen, während sie die Gereiztheit in ihrer Stimme zurückhielt.
Ach, ihr beiden!, rief die Schwiegermutter enttäuscht aus. Ihr solltet nicht so lange warten. Unsere Sache drängt. Ich schicke dir gleich ein Video, sehr aufschlussreich.
Hm. Danke, murmelte Elsa ohne große Begeisterung und ahnte bereits die nächste Lektion über die richtige Haltung.
Die Schwiegermutter legte auf. Laut klapperte das Messer. Die Schwiegertochter schnitt Gurken, vielleicht doppelt so energisch wie sonst. Sie ließ ihren Ärger daran aus.
Sergejs Mutter grüßte in letzter Zeit kaum noch, kam gleich auf die berüchtigte Frage nach Kindern zu sprechen was Elsa unendlich wütend machte. Dabei war alles einmal anders gewesen…
Früher hatten Elsa und Lydia Mathilde ein gutes Verhältnis. Sie mischte sich kaum ein, rief ein- oder zweimal die Woche an, kam noch seltener zu Besuch. Manchmal bat sie um eine Mitfahrgelegenheit vom Einkauf oder eine Fahrt zum Garten der Großmutter, und dafür versorgte sie die Familie regelmäßig mit selbstgemachter Marmelade, Trauben oder Kirschen.
Doch eines Tages änderte sich alles. Wegen Ludmilla Pauline, Lydias Mutter.
Sogar ihre eigene Tochter nannte Ludmilla Pauline scherzhaft die Generälin im Rock. Eine ehemalige Lehrerin, streng bis ins Letzte, hielt sie die ganze Familie in eisernem Griff. Doch Elsa hatte Glück: Als sie und Sergej zusammengekommen waren, verließ Ludmilla ihre Wohnung kaum noch. Das Alter und die Gesundheit ließen es nicht mehr zu.
Einmal jedoch kam die Großmutter doch zu Besuch. Und dieser eine Besuch reichte Elsa vollkommen.
Was ist das für eine wüstes Zeug? So etwas gibt man höchstens den Hühnern!, empörte sich Ludmilla und blickte in den Topf mit kochendem Suppe. Geh zur Seite, ich zeige dir, wie man eine richtige Röstung macht.
In Elsas Familie wurde die Suppe traditionell ohne Röstung gekocht weniger Kalorien, mehr Gesundheit. Diese Tradition hatte Elsa übernommen. Doch es ging nicht nur darum. Sergej hatte ein wenig Übergewicht, wenn auch nicht viel. Elsa bestand nicht auf Diät, wollte ihn aber auch nicht noch mehr mästen.
Ludmilla Pauline, lassen Sie das. Die Suppe ist gut, widersprach Elsa. So schmeckt sie auch.
Ach, die Jugend Ihr versteht gar nichts mehr, mit euren ganzen Lieferdiensten könnt ihr nicht mehr kochen, brummte Ludmilla, setzte sich aber schließlich doch.
Vielleicht würde es dabei bleiben, doch dann rief Elsas Mutter an. Elsa ging ins Nebenzimmer, um ungestört zu sprechen, und als sie zurückkam brutzelte bereits die Röstung auf dem Herd. Elsa atmete wütend aus, presste die Lippen zusammen und warf Ludmilla einen schiefen Blick zu.
Wozu das? Wir mögen die Suppe lieber so.
Du hast nur noch keine richtige probiert. Wenn du sie einmal isst, wirst du sie nie wieder anders kochen, erklärte Ludmilla mit unerschütterlicher Überzeugung.
Elsa seufzte und diskutierte nicht weiter. Sie hätte die Suppe demonstrativ in die Toilette schütten können doch das wäre zu radikal gewesen. Ludmilla kam selten vorbei, für Sergej konnte sie es ertragen.
Doch Ludmilla mischte sich auch aus der Ferne ein.
Bei einem Familienfest verkündete sie plötzlich:
Ich habe beschlossen: Mein gesamtes Erbe geht an denjenigen, der mir zuerst einen Urenkel schenkt. Ich möchte die Familie weiterwachsen sehen, bevor ich mich auf den Weg mache.
Sergej lachte und erzählte Elsa davon. Sie lächelte nur. Als ob sie ihre Pläne für jemandes Laune ändern würden…
Denn Pläne hatten sie sehr wohl. Erst die Karriere, dann die eigene Wohnung, und erst dann Kinder. Die Schwiegermutter hatte ihre Einstellung früher sogar befürwortet und gesagt, sie hätten keine Eile.
Jetzt waren sie beim zweiten Schritt und tilgten eifrig ihre Hypothek. In einem Jahr, so Elsas Berechnung, wären sie fertig. Für sie war das ein ganzes Jahr, in dem viel passieren konnte. Für die Schwiegermutter war es plötzlich nur noch ein Jahr.
Elschen, mein Schatz, begann sie eines Tages mit honigsüßer Stimme. Ihr solltet euch beeilen Ihr wollt doch eh Kinder, und dann bekommt ihr auch noch das Erbe.
Elsa war sprachlos. Seit wann bestimmte jemand, wann sie Mutter werden sollte? Nicht einmal ihre eigene Mutter hätte sich das erlaubt.
Lydia Mathilde, Sie wissen, dass wir noch die Hypothek abbezahlen.
Ihr habt nur noch ein Jahr! Bis das Baby da ist, ist das längst erledigt.
Im Jahr 2020 dachten die Leute auch so, und dann kam alles anders Nein, wir wollen erst die Wohnung geregelt haben.
Ach, selbst wenn es mit der Hypothek nicht klappt ihr bekommt Ludmillas Wohnung! Und das Gartenhaus. Und ihre Schmuckschatulle dazu. So viel Gold ein wahrer Schatz.
Lydia Mathilde, wir werden uns nicht hetzen lassen. Wenn es passt gut. Wenn nicht dann ist es wohl nicht bestimmt.
Wie ihr wollt. Ich meine es nur gut. Sergej hat zwei Cousinen die könnten euch zuvorkommen
Seitdem wurden solche Gespräche zur Gewohnheit. Elsas Geduld schwand. Sie bat höflich, nicht mehr darüber zu sprechen doch nichts half.
Ignorier sie einfach, sagte Sergej einmal. Es ist doch nur Mama. Stimme ihr zu, dann beruhigt sie sich.
Ja, zuzustimmen war einfacher. Am Ende machten sie doch, was sie wollten. Doch Lydia verstand das Schweigen als Einverständnis und drängte noch stärker. Sie schickte Experten-Videos, zeigte Bilder von Enkeln ihrer Freundinnen, brachte Duftkerzen für die Romantik mit …
Zu Elsas Geburtstag brachte die Schwiegermutter einen Kinderwagen statt eines Geschenks. Schließlich würden sie ja ohnehin bald Nachwuchs bekommen, und man müsse vorbereitet sein. Der Wagen war hochwertig, doch Elsa gefiel nicht, dass jemand sie in ein Spiel zwang, bei dem ihr Körper und ihre Zukunft auf dem Spiel standen.
Bei jedem Treffen hieß es:
Nun, Viktoria und ihr Mann stehen kurz vor der Scheidung, und Katharina hat auch noch kein Glück. Also habt ihr noch alle Chancen!
Es klang, als kommentierte Lydia Mathilde ein sportliches Ereignis. Ein Spieler gab auf, die anderen hatten die Nase vorn. Elsa fühlte sich wie ein Pferd in einem absurden, verrückten Rennnen.
Sie biss die Zähne zusammen. Um des Familienfriedens willen. Fast hätte sie der Schwiegermutter vorgeschlagen, selbst zu gebären, wenn sie es so eilig hatte doch dann kam die rettende Nachricht.
Katharina ist schwanger, verkündete Lydia mit hängendem Kopf.
Elsa hätte fast Gott sei Dank gesagt, hielt sich aber zurück.
Es ist noch keine Garantie, also solltet ihr euch trotzdem beeilen , fügte die Schwiegermutter hinzu. Nur für alle Fälle.
Der Fall trat nicht ein. Katharina brachte glücklich ein Kind zur Welt, Elsa atmete auf doch dann …
Meine Familie ist nun groß , sagte Ludmilla zufrieden bei der nächsten Versammlung. Ich denke, es wird jemanden geben, der sich um mich kümmert. Wer das tut, dem vermache ich mein Erbe.
Alle Gesichter erstarrten. Katharinas Augen wurden groß, ihr Mann verschluckte sich am Kuchen. Lydia dagegen richtete sich auf, belebte sich.
Aber Sie sagten, wir würden alles bekommen, warf Katharina leise ein.
Wann habe ich das gesagt?, hob Ludmilla die Brauen. Denkt ihr, mit einem Kind habt ihr alles verdient? Hat jemand an mich gedacht? Ich kann kaum noch zum Laden gehen, meine Beine tun weh
Elsa konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. Da habt ihr euer halbes Königreich für den Enkel …
Danach begann eine neue Wallfahrt. Tanten, Onkel, die Schwiegermutter, sogar Katharina mit dem Baby alle pilgerten zu Ludmilla. Alle wollten gefallen, helfen, Liebe und Fürsorge zeigen.
Elsa und Sergej stiegen auch in dieses Rennen nicht ein. Sie lebten ihr Leben, in ihrer Wohnung, mit Arbeit und gemeinsamen Abenden. Und genau das war für sie der Sieg. Denn man kann sein Leben lang einem Wettlauf hinterherjagen und doch ohne die ersehnte Belohnung dastehen. Oder man baut sein Schicksal selbst, ohne auf andere zu schauen.





