Wir hatten die Wohnung meiner Schwiegermutter renoviert, und sie hat uns direkt danach höflich gebeten, auszuziehen.
Tja, jetzt sieht das doch gleich ganz anders aus! Schau mal, Matthias, wie das Badezimmer mit diesen Fliesen glänzt. Hell, luftig, fast wie im Schloss! Du hast wirklich ein unbestechliches Gespür für Stil, Annegret, da kann man nichts sagen. Ich hätte selbst nie so einen Farbton gewählt, alles wieder beige wie immer gemacht, aber dieses Nordseeblau atmet förmlich Frische, sagte Hildegard, während sie mit der Hand über die glatte, noch kühle Keramik glitt und zufrieden die Augen zusammenkniff.
Annegret, die im Türrahmen stand und noch das Putztuch in der Hand hielt, lächelte erschöpft. Ihr Rücken summte nach drei Stunden Fugen schrubben, die Hände waren trocken und rau vom Bauschutt, aber die lobenden Worte der Schwiegermutter taten trotzdem gut. Sie dachte bei sich, dass es all die Mühen wert gewesen war.
Gefällt es Ihnen wirklich, Hildegard? fragte sie, hoffend, dass nun die endgültige Zustimmung fiel. Wir haben uns Sorgen gemacht, dass es zu kräftig wirkt.
Ach, Kindchen, das ist doch kein grelles Blau! Das ist Stil! Da kann man jetzt Gäste einladen ohne sich zu genieren. Weißt du noch, wie es hier aussah? Der Putz bröckelte, die Leitungen rauschten und überall schwarzer Schimmel. Ihr seid meine Retter, wirklich wahr. Jetzt lebt hier und freut euch, ihr habt euch ein richtiges Nest gebaut.
Matthias, Annegrets Ehemann, kam aus der Küche, die Hände an der Arbeitshose abgewischt. Sein Gesicht war mit Gips beschmiert, aber er strahlte stolz. Er umarmte seine Mutter, und dabei fiel Annegret auf, wie viel Gewicht er in den letzten sechs Monaten verloren hatte. Renovieren saugt die Energie und das Geld aus einem heraus, aber sie hatten es geschafft.
Eigentlich hatte diese Geschichte so alltäglich angefangen wie Tausende junge Familiengeschichten in Deutschland. Annegret und Matthias wohnten gemeinsam in einer Mietwohnung in Hannover, ein Großteil des Haushaltsgeldes ging für die Miete drauf. Sie träumten von einem Eigenheim, sparten jeden Euro, verzichteten auf Urlaub und neue Kleidung. Aber die Immobilienpreise stiegen schneller als ihr Erspartes. Da kam Hildegard, Matthias Mutter, mit einem königlichen Vorschlag.
Sie besaß eine Dreizimmerwohnung in einem alten Altbau in Bremen Jugendstil, hohe Decken, aber völlig heruntergewohnt. Sie lebte selbst in einer kleinen Einzimmerwohnung in Osnabrück, die sie von ihrer Tante geerbt hatte, während das größere Objekt jahrelang an ein paar Studenten vermietet war, die es noch schlimmer zugerichtet hatten.
Kinder, warum quält ihr euch so? hatte sie noch vor einem halben Jahr auf ihrer winzigen Küche verkündet und Tee ausgeschenkt, die Wohnung steht leer und gammelt vor sich hin. Studenten sind ausgezogen und neue Mieter kriege ich für so eine Bruchbude nicht rein. Ich hab kein Geld für die Renovierung, ihr wisst ja, wie das mit meiner Rente ist. Also schlagt vor: Ihr zieht dort ein, renoviert sie nach euren Vorstellungen, lebt dort, solange ihr wollt fünf, zehn Jahre, ganz egal. Ihr zahlt nur die Nebenkosten. Das Geld, das sonst für die Miete draufgeht, spart ihr. Und vielleicht überschreibe ich euch die Wohnung mit der Zeit.
Das klang wie ein Märchen. Annegret war zunächst skeptisch. Geld in eine fremde Wohnung stecken, auch wenn sie der Schwiegermutter gehörte? Aber Matthias war sofort Feuer und Flamme. Endlich die Chance, Herr des Hauses zu sein und ein richtiges Zuhause zu schaffen.
Anne, das ist doch Mama! versuchte er sie nachts zu überzeugen. Sie wird uns nie reinlegen. Wir können ja einen Vertrag machen, mündlich zumindest. Wir sind doch Familie! Und überleg mal: Innenstadtlage, hohe Decken, keine Miete mehr zahlen. Wir kriegen das schon hin!
Annegret gab nach. Sie wollte auch gerne ein Nest bauen, Tapeten, Vorhänge, Möbel aussuchen und nicht im ehemaligen Wohlfühlmuff Anderer leben.
Sie verkauften also Matthias alten VW Golf, warfen ihr ganzes Erspartes, das eigentlich für die Anzahlung auf ein Eigenheim gedacht war, dazu und stürzten sich kopfüber in den Renovierungswahnsinn.
Sie machten fast alles selbst, nur für Strom, Rohre und Trockenbau holten sie Fachleute. Abends und an den Wochenenden spachtelten, tapezierten, lackierten und hämmerten sie allein. Annegret lernte, Fugen zu verspachteln, Tapeten stoß an Stoß zu kleben, Laminat zu verlegen. Matthias wurden Fliesen und Möbelaufbau zur Leidenschaft.
Das Geld rann ihnen dabei geradezu durch die Finger. Alles wurde ausgetauscht: Morsche Dielen kamen raus, man brachte neuen Verguss und dämmte alles ordentlich, die Fenster wurden durch energiesparende, fünffach verglaste Fenster ersetzt, Türen aus Massivholz kamen rein, die Sanitäranlagen: deutsches Fabrikat, die Küche maßgefertigt mit top Einbaugeräten. Annegret sparte nicht sie machten schließlich alles für sich selbst, für viele Jahre.
Hildegard kam oft vorbei. Sie lobte, klatschte, gab auch mal Ratschläge, denen man höflich zuhörte und doch alles anders machte. Sie schien sich ehrlich für das Glück der Kinder zu freuen.
Nach sechs Monaten Albtraum, Staub und Kartonleben kam der große Tag. Der letzte Schliff: Badezimmerspiegel montieren und Vorhänge aufhängen. Die Wohnung war nicht wiederzuerkennen. Aus einer stickigen Höhle war ein lichtdurchflutetes, modernes Zuhause im skandinavischen Stil geworden.
Kommt, setzt euch, ordnete Hildegard an. Ich hab einen Apfelkuchen gebacken das ist euer Einzug! Obwohl ihr ja schon ein halbes Jahr wohnt. Jetzt seid ihr aber erst richtig angekommen.
Sie saßen in der neuen Küche am runden Eichenholztisch. Die Lampe tauchte ihre Gesichter in warmes Licht. Annegret spürte Erleichterung. Nun konnten sie an Kinder denken. Das Kinderbett würde wunderbar ins Schlafzimmer passen
Ihr habt wirklich goldene Hände, schwärmte die Schwiegermutter weiter, während sie Matthias ein großes Stück Kuchen auf den Teller schob. Talent und Ausdauer habt ihr! Ich denke manchmal, wie glücklich sich diejenigen schätzen können, die hier wohnen werden.
Annegret erstarrte mit der Gabel in der Luft. Diejenigen, die hier wohnen werden. Nicht ihr, sondern irgendwer.
Mama, wovon redest du? lachte Matthias, mit Kuchen im Mund. Wir wohnen doch hier. So wars abgemacht.
Hildegard stellte ihre Tasse ab, tupfte sich den Mund ab und seufzte schwer. Ihr Blick verlor plötzlich jede Wärme. Oder spielte sie das nur?
Ach, Matthias, Annegret Es ist so Ich wollte es euch nicht sagen, bevor alles fertig ist, damit ihr nicht die Motivation verliert.
Annegret spürte das Eis im Magen. Sie legte langsam die Gabel ab.
Was denn, Hildegard?
Es geht um meine kleine Sarah Deine Schwester, Matthias. Sie steckt in Schwierigkeiten, trennt sich gerade von ihrem Mann, der trinkt und jetzt sogar handgreiflich wurde. Wohin soll sie mit ihrer Tochter? Zu mir in die Einzimmerwohnung? Da platzen wir aus allen Nähten und ich brauche langsam auch meine Ruhe. Mein Blutdruck, ihr wisst schon.
Matthias hörte auf zu kauen.
Was? Sarah trennt sich? Vergangene Woche hat sie doch noch auf Facebook Urlaubsbilder mit ihrem Mann gepostet!
Ach, diese Netzwerke! fuchtelte die Mutter abwehrend mit der Hand. Alles nur Fassade. Eigentlich gibts nur Tränen bei ihr. Ich hab deshalb beschlossen: Sarah und ihre Tochter ziehen hier ein. Sie brauchens jetzt schön und fertig. Und ihr ihr seid jung, habt keine Kinder, kommt schon zurecht, nehmt euch einfach eine neue Wohnung oder sucht nach einer Eigentumswohnung.
Im Raum entstand eine dröhnende Stille. Der nagelneue Kühlschrank surrte leise bezahlt hatten sie 3.500 Euro! Annegret sah Hildegard an und konnte es nicht fassen. Es fühlte sich an wie ein schlechter Scherz.
Mama, bist du noch klar im Kopf? hauchte Matthias. Wir haben mehr als 50.000 Euro investiert, das Auto verkauft, monatelang alles gegeben. Jetzt sollen wir gehen? Wir hatten mindestens fünf Jahre vereinbart!
Matthias, schrei nicht so, Hildegard wechselte sofort auf Verteidigung, Vereinbarungen Worte, Worte! Die Lage hat sich geändert. Deine Schwester steht vor dem Nichts, deine Nichte kommt sonst auf die Straße. Und du denkst nur ans Geld? Das hätte ich von dir nie erwartet.
Es geht nicht um Gier, Annegret rang mit sich, blieb aber ruhig. Das sind unsere Ersparnisse, unser Schweiß. Wenn Sarah eine Wohnung braucht, sollen Sie ihr Ihre geben. Oder sie zahlt uns den Renovierungsaufwand zurück. Wir haben alle Quittungen.
Die Schwiegermutter schlug die Hände zusammen, wie um lästige Fliegen zu verscheuchen.
Was für ein Unsinn! Sie hat doch selbst kein Geld. Da willst du ihr ernsthaft noch was abknöpfen? Schämen solltest du dich! Ich dachte, wir sind eine Familie. Jetzt seh ich, dass du fremdes Blut bist.
Fremdes Blut hat hier renoviert, als es noch ein Drecksloch war, platzte es aus Annegret heraus. Da war ich dein Kindchen und hattest Gold in den Händen. Jetzt kann man uns einfach abservieren?
Niemand schmeißt euch auf die Straße, Hildegard sprach plötzlich eiskalt. Ich geb euch eine Woche Zeit. Sarah kommt nächstes Wochenende. Schafft eure Sachen raus.
Matthias sprang auf und sein Stuhl krachte.
Das ist Betrug, Mama. Du hast vor Monaten schon entschieden, dass Sarah einzieht, oder?
Die Mutter verzog den Mund, blickte fort.
Ich wollte die Wohnung ordentlich wissen. Wer hier einzieht, ist dann egal. Ist meine Wohnung, meine Regeln. Ihr könnt froh sein, dass ihr hier kostenlos gewohnt habt.
Kostenlos?! Matthias packte sich an den Kopf. Die Nebenkosten! Und dieser Umbau das war teurer als jede Miete!
Renovieren war freiwillig, niemand zwang euch, so einen Luxus einzubauen. Hättet PapierTapeten genommen! Schluss jetzt, mir schwirrt der Kopf.
Sie stand auf, presste die Hand auf ihr Herz und schlurfte zur Tür. Noch einmal drehte sie sich um:
Die Ersatzschlüssel legt ihr mir bitte auf die Kommode. Und macht sauber. Sarah und das Kind haben Allergien.
Die Tür fiel zu. Matthias und Annegret saßen in der Traummietküche, die zur Fata Morgana geworden war. Matthias ließ sich verstört wieder auf den Stuhl sinken, vergrub das Gesicht in den Händen.
Anne, es tut mir so leid Ich Idiot habs geglaubt.
Annegret schwieg, innerlich braute sich ein Sturm zusammen. Nach außen war sie vollkommen ruhig. Sie sah sich langsam in der Küche um. Eingebaute Spülmaschine, Induktionskochfeld, Dampfbackofen, exklusiver Wasserhahn, Designerleuchten
Matthias, hast du die Werkzeuge noch? Akkuschrauber, Bohrhammer, Schraubenschlüssel?
Klar, alles im Keller. Wieso?
Weil, Annegret grinste kalt, Hildegard sagt, die Wohnung gehört ihr. Die Wände, der Boden, die Zimmerdecke. Aber alles andere ist unser. Wir haben eine Woche Zeit. Das reicht.
Du willst Matthias hob den Kopf. Sein Blick klärte sich langsam.
Alles mitnehmen, was wir beschafft haben. Jede Lampe, jeden Wasserhahn. Wir haben die Belege. Uns gehört das Inventar.
Und wohin damit? Wir haben keine Wohnung.
Dann mieten wir eben einen Lagerraum. Oder stellen alles in eine Garage. Erstmal kommen wir bei meinen Eltern unter, solange bis wir was Neues haben. Aber ich lasse nichts da, was deiner armen Schwester Freude macht.
Die nächsten fünf Tage wurden zum AntiRenovieren. Ein Rückbau, gnadenlos, aber sorgfältig.
Nachdem Matthias mit seiner Schwester telefoniert hatte, war sein letzter Zweifel weg: Sie lachte nur, warum er sich für seine Nichte schämen würde, sie habe ein Recht auf Glück und warum sie überhaupt keine Klimaanlage eingebaut hätten, sie hätte doch geschrieben, die Sonne stünde im Sommer so lange in ihrem Zimmer? Von diesem Moment an war alles klar.
Sie bauten alles ab.
Sie fingen mit der Küche an, zerlegten die maßgefertigten Schränke, Schrauben für Schraube. Es war schwierig: Alles passte auf den Zentimeter, aber Matthias grinste: Wir sägen sie schon um, für die neue Wohnung.
Sie nahmen sämtliche Technik: Herd, Backofen, Dunstabzug, Spülmaschine. Selbst die Steckdosen, für die sie teures Geld bezahlt hatten, wurden ausgebaut und gegen billigste Baumarktware ausgetauscht.
Annegret demontierte Rollos, Vorhangstangen und packte Lampen ein. Überall hingen jetzt nackte Glühbirnen an Kabeln.
Im Bad schraubten sie den Waschtisch mitsamt Mischer los und stellten das alte rostige Becken zurück. Die teure Toilette wurde abgebaut, Matthias montierte die uralte Schüssel wieder auf.
Die DesignerInnentüren ließen sich zwar nicht ausbauen, aber sie klauten die Griffe und Einsteckschlösser.
Am Samstagmorgen hatte die Wohnung etwas von einer verlassenen Ausstellung: glatte Wände, edeler Laminatboden, makellose Badfliesen aber sie war leer, leblos, ausgehöhlt. Aus den Wänden ragten Drähte, Küchentrassen standen nackt da. Das Echo hallte durch die Räume.
Draußen hupte der Umzugswagen. Die Möbelpacker schleppten ihr komprimiertes Leben nach draußen. Der Fahrer grinste:
Ein Umzug ist schlimmer als ein Brand, oder?
Schlimmer, gab Annegret zurück. Das hier ist eine Evakuierung.
Gegen Mittag, kurz vor dem letzten Kistenschleppen, betrat Hildegard mit Sarah und deren Tochter ein siebenjähriges Mädchen mit Handy die Wohnung.
Seid ihr soweit? fragte Hildegard fröhlich an der Schwelle. Wir sind schon etwas früher
Wortlos blieb sie stehen. Das Lachen verschwand von ihrem Gesicht wie Wasser aus dem Waschbecken. Da, wo gestern noch der Spiegel hing und die Garderobe war, guckten jetzt nur noch zwei Schrauben aus der Wand.
Was Was ist das? hauchte sie.
Sarah rannte in ein Zimmer, dann kreischte sie:
Mama! Hier ist nichts mehr! Alles weg!
Wie weg? Hildegard hetzte in die Küche.
Sie sah die herausschauenden Leitungen und einen einzelnen Hocker (den sie vergessen hatten) und klammerte sich ans Türblatt, als würde sie umfallen.
Matthias! schrie sie. Was ist das? Die Küche?! Wo ist der Herd? Die Lampe mit den Kristallen?
Matthias stand mit der letzten Kiste im Flur. Sein Blick war ruhig und müde.
Wir haben unser Eigentum alles abgebaut wie du es wolltest.
Unser Eigentum? kreischte Sarah. Ihr habt uns bestohlen! Hier ist ja gar nichts mehr! Wie soll ich hier wohnen, ich kann ja nicht mal kochen!
Das ist jetzt nicht unser Problem, Annegret trat dazu. Die Wohnung ist frisch renoviert. Küche, Möbel und Geräte unser Eigentum. Wir haben überall Quittungen. Wenn ihr wollt, verklagt uns.
Klagen?! schnappte Hildegard. Ich rufe die Polizei! Das ist Vandalismus! Ihr habt alles zerstört!
Bitte ruf sie, antwortete Matthias gelassen. Die Papiere belegen alles. Nur Gäste waren wir und das Inventar ist uns.
Du bist für mich gestorben, keifte Hildegard. Deine Schwester in leeren Wänden sitzen zu lassen!
Das war deine Entscheidung, Mama. Du hast uns gegen die Bequemlichkeit für Sarah eingetauscht. Genieß die neuen Fliesen die sind wirklich schick, Annegret hat sich Mühe gegeben.
Bitte, rief Sarah, verzweifelt, lass wenigsten den Herd und den Kühlschrank! Wir bezahlen später in Raten!
Keine Ratenzahlung mehr, Sarah, antwortete Annegret eisig. Keine Geschäfte mit Familie ohne notariellen Vertrag und Vorkasse.
Matthias nahm Annegret an der Hand.
Komm, der Laster wartet.
Im Treppenhaus schrien hinter ihnen Stimmen: Schimpfwörter, Vorwürfe, heulende Sarah, die Tochter verständnislos, warum alle so brüllten.
Als sie im Umzugswagen saßen und losfuhren, brach Annegret in Tränen aus. Alles fiel plötzlich ab.
Nun komm, Liebes, nahm Matthias sie in den Arm, ihre Stirn an seiner staubigen Schulter vergraben.
Es ist schade, schluchzte sie, so viel Herzblut reingesteckt
Dafür sind wir klüger. Und frei. Das Geld holen wir wieder rein. Hauptsache, wir bleiben zusammen. Danke, dass du alles mitgenommen hast. Ich hätte Mitleid gehabt.
Ich konnte mir einfach vorstellen, wie Sarah auf meiner Küche mein Geschirr benutzt Das hielt ich nicht aus, schluchzte Annegret und musste dann glatt lächeln.
Einen Monat später hatten sie eine kleine, aber gemütliche Wohnung gemietet. Die Möbel und Geräte fanden gut Platz, die Küche passte nach ein paar Sägearbeiten fast perfekt. Matthias fand einen Nebenjob, Annegret wurde befördert. Das Leben bewegte sich nach vorne.
Hildegard rief noch ein paar Mal an erst mit Beschimpfungen, forderte Rückgabe des Gestohlenen. Matthias legte auf. Dann bettelte Sarah, ihr Leben sei ruiniert, im leeren Appartement könne sie nicht kochen, selbst schlafen sei schrecklich. Matthias blockierte sie.
Das letzte Mal rief die Mutter nach einem halben Jahr an, ihre Stimme klang klein und flehend.
Matthias, könntest du kommen? Der billige Wasserhahn tropft, wir überfluten die Nachbarn. Hilf doch deiner Mutter
Ruf einen Klempner, Mama. Deine Tochter ist jetzt da, sie kann helfen. Ich habe zu tun. Wir kaufen Tapeten für UNSERE Wohnung. Wir haben einen Kredit aufgenommen.
Kredit? Das ist doch Wahnsinn! Wieso? Hättet doch bei mir wohnen können, das heißt na ja
Nein, Mama. Eigentum ist sicherer. Leb wohl.
Er drückte auf Auflegen und sah Annegret an, die am Tapetenständer stand und probeweise Pfingstrosen-Muster an die Wand hielt.
Meinst du, das passt fürs Kinderzimmer? fragte sie, streichelte gedankenverloren ihren noch flachen Bauch.
Perfekt, lächelte Matthias. Genau richtig.
Er wusste genau: Jetzt war es ihr Zuhause. Und niemand würde sie je wieder daraus vertreiben.
Diese Geschichte zeigt, dass selbst die Nächsten oft nicht ehrlich handeln, doch am wichtigsten ist, nicht aufzugeben und die eigenen Grenzen zu setzen.




