Liebes Tagebuch,
es ist nun einige Monate her, seit ich den Kontakt zu Sonja endgültig abgebrochen habe. Es war kein leichter Schritt, aber im Nachhinein spüre ich, wie sehr ich ihn gebraucht habe. Manchmal frage ich mich, wie es überhaupt so weit kommen konnte und warum ich so lange durchgehalten habe.
Ich erinnere mich noch gut an ihre ewigen Klagen: Stell dir vor, dieser Trottel hat schon wieder das Brot vergessen! Ich hab ihm einen Zettel auf Deutsch geschrieben, an den Kühlschrank geklebt oder sogar in die Jackentasche gesteckt und was macht mein Uwe? Kommt heim, grinst, aber ohne Brot in der Hand! Sag mal, Mira, womit hab ich das verdient? Andere Ehemänner funktionieren, meiner nicht. Der ist ein lebendes Missgeschick.
Mit dieser Art Vorwürfe rief Sonja beinahe täglich bei mir an. Ihre Stimme in der Leitung klang immer gleichzeitig gereizt und verzweifelt. Ich stand meistens mitten in der Küche, Handy zwischen Schulter und Ohr geklemmt, versuchte, das Abendessen vorzubereiten, aber meine Energie schwand mit jeder weiteren Minute. Das Messer glitt träge über die Gurke keine Spur mehr von Schwung.
Wenn ich einmal versuchte, einen kleinen Einwurf zu bringen, etwa: Vielleicht war Uwe einfach nach seiner Spätschicht kaputt? Zwölf Stunden in der Gießerei ruiniert doch jeden…, schnappte Sonja nur: Kaputt! Und ich etwa nicht? Ich habe den ganzen Tag an den Monatsabschlüssen gesessen! Augenschmerzen, Rückenschmerzen, die Chefin eine Giftschlange, und die Prämie wurde wieder gestrichen. Und zu Hause? Keine Hilfe, kein Mitgefühl von niemandem! Du hast gut reden, dein Ben ist Gold wert, der bügelt dir sogar die Hemden. Aber ich wie verflucht!
Sie wiederholte sich seit Jahren. Manchmal war es der Ehemann, mal der pubertierende Sohn, dann die Ruhestörung der Nachbarn, der Regen, der aufs Gemüt schlug das Drama variierte, das Grundthema blieb: Sonja war die unglücklichste Frau Deutschlands und alle, mich eingeschlossen, schuldeten ihr Mitgefühl und Energie.
Irgendwann wurde mir das zu viel. Sonja, ich muss auflegen, sonst brennt das Abendessen an. Lass uns später weiterreden. Ihre Antwort? Gleich wieder Kindchenstimme: Ach so. Na klar, du hast deine Familie, dein perfektes Abendessen… Ich muss ja alleine mit meiner Migräne klarkommen. Wollte nur einmal mit der einzigen Freundin sprechen… Dann das Freizeichen. Schuldgefühle wie Blei in der Brust Sonja verstand es, mich stets zurückzulassen wie eine Verräterin.
Ben sah mich an, als ich später das Handy beiseitelegte. Schon wieder Sonja?, sagte er. Ich nickte gequält. Uwe hat kein Brot gekauft. Alles wieder schlimm. Ben schüttelte den Kopf: Merkst du eigentlich, wie diese ewigen Klagen dich auffressen? Danach bist du völlig fertig… Warum tust du dir das an?
Ich hatte keine gute Antwort. Wir waren seit der Schulzeit befreundet, wie hätte ich sie einfach so zurücklassen sollen? Doch Ben hatte recht: In all den Jahren hatte Sonja sich nie gemeldet, als ich Unterstützung gebraucht hätte. Unsere Verbindung basierte nur noch auf meinem Zuhören und ihrer Anklage gegen das Leben.
Am nächsten Samstag wollten Ben und ich aufs Landhaus fahren. Indian Summer am Bodensee: goldenes Licht, klare Luft, noch ein Hauch Spätsommer. Ich erfreute mich an der Vorstellung, auf der Veranda zu sitzen, eingekuschelt, mit einem Buch und einer Tasse Kräutertee. Doch freitagabends klingelte das Handy schon wieder.
Mira, du musst kommen! Bei mir in der Wohnung ist das Wasserrohr geplatzt! Alles steht unter Wasser! Uwe ist auf Dienstreise, die Helpline geht nicht ran, bald drehen die Nachbarn durch! Kannst du bitte Ben mitbringen? Der ist handwerklich superfit, bitte, bitte! Ich pack das alleine nicht!!
Ich sah auf die gepackten Taschen, auf Ben, auf die Angelrute. Trotzdem fuhren wir los. Drei Stunden Stau durch Stuttgart, nur um dann festzustellen, dass bei Sonja unter dem Waschbecken ein bisschen Wasser tropfte, sauber aufgefangen in einer Schüssel. Kein Geysir, kein Weltuntergang.
Ben schraubte fünf Minuten, dann war alles dicht. Sonja strahlte: Oh Ben, mein Held! Kommt, lasst uns Kuchen essen! Ich hab einen gekauft. Wirklich, Sonja, wir müssen los, die Autobahn…, murmelte ich. Ihre Lippen verzogen sich sofort verletzt: Ihr habt ja alles Haus, Auto, Männer, die was können. Ich sitz hier allein im Kalten…
Die Rückfahrt war still, die Stimmung im Eimer. Wir kamen nach Mitternacht an, ich hatte Kopfschmerzen, der Tee schmeckte nach nichts.
Die Zeit verging. Ein besonderes Ereignis: Ich bekam die Teamleitung in meiner Abteilung. Die Freude wollte ich sofort mit Sonja teilen. Sonja, ich habs geschafft! Ich bin jetzt Abteilungsleiterin! Neues Gehalt, eigenes Büro!, sprudelte ich.
Am anderen Ende Schweigen. Dann Herzlichen Glückwunsch, so, als hätte ich gerade den Goldhamster beerdigt. Du Glückliche. Manche haben halt ein Händchen fürs Leben, andere schuften sich kaputt und werden nur getreten. Meine Freude zerplatzte wie eine Seifenblase. Sogar meine Leistungen wurden zur Vorlage für neuen Neid.
Ich schlug ein Treffen in einem Café vor. Sie nur: Mir gehts echt mies. Mein Herz tut weh, das Leben ist ein Euro wert. Ihr seid jetzt die Gewinner, ihr passt besser zusammen. Ich fühlte mich schäbig, weil ich happy war.
An dem Abend nahm Ben mich mit zu einem feinen Italiener. Er versuchte, mich aufzumuntern. Vergiss sie, Mira. Manche Menschen sind Energievampire! Die leben von deinem Mitleid. Solange du leidest, bist du willkommen gehts dir gut, bist du Konkurrenz. Ich protestierte schwach, aber ich wusste längst, dass er recht hatte.
Die Wende kam im November: Ich bekam die Grippe meines Lebens. 40 Grad Fieber, alles tat weh, ich allein in der Wohnung, Ben auf Geschäftsreise. Ich lag im Dunkeln, unfähig, Wasser zu holen. Dann rief Sonja an: Hey Mira, bist du zu Hause? Ich presste hervor: Ich bin krank, total im Eimer… Sonja lachte: Ach was, ein bisschen Husten! Mira, ich brauch dringend 2.000 Euro. Uwe hat nen Unfall gebaut, der andere will sofort Bargeld, sonst gibts Ärger. Du hast das doch jetzt, kannst dus schnell übers Handy schicken? Ist echt dringend, du bist meine letzte Hoffnung!
Ich konnte nicht mehr: Nein. Wie, nein? Ich schick dir kein Geld. Nicht, weil ichs nicht habe. Weil du dich nicht gefragt hast, wie es mir geht. Ich liege hier allein krank, du forderst nur. Ich kann nicht mehr.
Sie schnappte nach Luft und fing sofort an, mich zu beschimpfen: Das hast du jetzt davon du bist so egoistisch geworden! Früher konnte man sich auf dich verlassen! Wenn dein Ben dich verlässt, dann denk an mich!
Ich legte auf. Dann blockierte ich sie überall.
Die Stille in der Wohnung war plötzlich wohltuend. Ich schlief ein, tief und fest, das erste Mal seit Ewigkeiten. Ben kam zurück, kochte Hühnersuppe, pflegte mich gesund. Nach ein paar Tagen war ich wieder auf den Beinen. Und spürte zum ersten Mal eine eigenartige Freiheit.
Das Leben änderte sich leise, aber grundlegend. Plötzlich stellte ich fest: Ich hatte wieder Zeit. Abende, die ich sonst für Sonjas Lamentieren geopfert hatte, gehörten jetzt mir. Ich meldete mich bei Pilates an, begann, Italienisch zu lernen, und Ben und ich gingen öfter ins Theater.
Die Energie, die vorher in Sonjas schwarze Gedanken verschwunden war, kehrte zu mir zurück. Ich fühlte mich gelassen. Die Kopfschmerzen, die ich für Wetterumschwünge verantwortlich gemacht hatte, blieben aus.
Im Frühling traf ich Sonja zufällig im Breuninger bei den Designerjacken. Ihr Blick blickte leer, ihre Schultern hingen herab. Mein neuer, roter Mantel, meine strahlenden Wangen fielen ihr sichtlich auf. Sie knurrte: Na, du hasts ja gut, siehst richtig erholt aus. Kein schlechtes Gewissen?
Ich spürte nur noch Ruhe. Nein, Sonja. Ich fühle mich gut. Ehrlich. Uwe ist arbeitslos, meine Mutter liegt im Krankenhaus, der Kredit drückt. Du hättest ja wenigstens mal nachfragen können… Bei all den Jahren… Man kann doch nicht einfach so Leute aus seinem Leben streichen.
Ich sah sie an und wusste: Sie hoffte, wieder Schuld in mir auszulösen. Aber das funktionierte nicht mehr.
Es tut mir leid, dass es dir schlecht geht. Aber ich kann dir nicht mehr helfen. Jeder hat sein eigenes Leben und wählt, was er daraus macht.
Aha. Arrogant bist du geworden, Geld verändert den Menschen!
Ich lächelte: Nein. Ich habe gelernt, mich selbst zu schätzen. Machs gut, Sonja.
Ich drehte mich um, ließ den Blick nicht mehr auf mir lasten. Abends erzählte ich Ben davon. Wie fühlst du dich? Nichts. Weder Wut noch Mitleid. Es war, als hätte ich eine Reisebegleiterin verabschiedet. Was für eine Erleichterung.
Ben zog mich in den Arm. Ich bin stolz auf dich. Endlich entscheidest du dich für dich.
Draußen glitzerte die Stadt, das Leben war schön. Ich wusste: Wer sich ständig aufopfert, nimmt sich selbst alles. Jetzt gehört mir meine Energie für Pläne, Freude und neue Menschen. Ich habe verstanden: Freundschaft ist ein Geben und Nehmen. Wenn einer immer nur nimmt, bleibt vom anderen nicht viel übrig. Dann muss man loslassen, auch wenn es weh tut.
Eine WhatsApp von einer Kollegin blinkte auf. Einladung zur Vernissage. Ich grinste. Jetzt umgeben mich Menschen, die Ideen, Freude und Neugier teilen, keine ständigen Leiden. Ein ganz neuer Abschnitt beginnt.
Manchmal muss man das abgestandene Wasser wegkippen, damit sich der Krug wieder füllen kann. Ich habe es getan und atme endlich frei.





